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Denkwege

Lesemomente und -erkundungen festgehalten

Dies Denken, genährt aus dem Heute, arbeitet mit "Denkbruchstücken", die es der Vergangenheit entreißen und um sich versammeln kann. Dem Perlentaucher gleich, der sich auf den Grund des Meeres begibt, nicht um den Meeresboden auszuschachten und ans Tageslicht zu fördern, sondern um in der Tiefe das Reiche und Seltsame, Perlen und Korallen, herauszubrechen und als Fragmente an die Oberfläche des Tages zu retten, taucht es in die Tiefen der Vergangenheit, aber nicht um sie so, wie sie war, zu beleben und zur Erneuerung abgelebter Zeiten beizutragen. Was dies Denken leistet, ist die Überzeugung, daß zwar das Lebendige dem Ruin der Zeit verfällt, daß aber der Verwesungsprozeß gleichzeitig ein Kristallisationsprozeß ist; daß in der "Meereshut" - dem selbst nicht-historischen Element, dem alles geschichtlich Gewordene verfallen soll - neue kristallisierte Formen und Gestalten entstehen, die, gegen die Elemente gefeit, überdauern und nur auf den Perlentaucher warten, der sie an den Tag bringt: als "Denkbruchstücke", als Fragmente oder auch als immer währende Urphänomene.

Hannah Arendt



Perlentauchen - damit vergleicht Hannah Arendt in einem Essay Walter Benjamins quasi textarchäologische Verfahrensweise in seinem, mit dem "Passagenwerk" unternommenen Versuch zur erinnernden Bewahrung der Erscheinungswelt einer ganzen Epoche in einer Zeit höchster Gefahr. Wobei es um nicht weniger als die Rettung des Subjekts und seiner Traditionsbestände geht. Rettung ist in diesem Kontext sowohl eine konkrete, soziale Befreiung des Individuums als auch emanzipatorischer Akt der Aneignung jener verstreuten Spuren der Geschichte, die in der bisherigen Überlieferung ignoriert, unterdrückt oder gar eliminiert wurden.
Perlentauchen - das soll mit derselben Intention auf dieser Seite - im Rahmen unserer Möglichkeiten - versucht werden. In einer Zeit der ebenso sinnfreien wie -losen Beliebigkeit, in der gesellschaftlicher Diskurs allenfalls als exzessive Nabelschau in Erscheinung tritt, gilt es, Traditionsbestände zu sichten und in verstreuten Spuren unserer Geschichte den roten Faden individueller Emanzipation und Entwicklung zu finden. In diesem Sinne werden hier in loser Reihenfolge geeignete Lesefundstücke dargestellt, dokumentiert und ggf. bewertet, um auf Aspekte zu verweisen, die heute ansonsten eher ignoriert werden.

Die Texte