Das Peter-Robert-König-Phänomen

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Das Peter-Robert-König-Phänomen

Qui cum loqui non posset, tacere non potuit.
[Zwar konnte er nicht reden, zu schweigen aber verstand er auch nicht.]

Epicharm, zitiert von Gellius in Noctes Atticae 1.15,15

"ich denke niemals. ich schreibe."
Peter-Robert König in einer Email vom 19.12.2002

Ich will mich in diesem Text einerseits erneut und diesmal abschließend mit dem Buch "Satan - Jünger, Jäger und Justiz" von Andreas Huettl und Peter-Robert König beschäftigen, andererseits will ich einige grundsätzliche Anmerkungen zu Peter-Robert Königs Oeuvre, wenn man das so nennen mag, niederschreiben, insbesondere zu seiner Art und Weise, Quellen zu validieren, zu bewerten und schlußfolgernd in einen Kontext zu stellen.

Daß ich Huettls Text, seinen Anteil an dem Buch und etliche seiner Äußerungen im zweiten Teil des Buches, in Königs Part, als durchaus verdienstvoll ansehen, habe ich hinlänglich oft betont. Man könnte Königs Ausführungen auch als verdienstvoll ansehen, allerdings unter einem ganz anderen Blickwinkel als die des Herrn Huettl, denn wenn man etwas genauer hinschaut, wird an zahlreichen Stellen deutlich, wie journalistische Recherche, die sich in Peter-Robert Königs Fall gerne auch "wissenschaftlich" gibt, nicht funktionieren sollte. Das betrifft einerseits die Art und Weise der Zitation von Quellen und insbesondere deren mangelhafte bis nicht vorhandene Referenzierung, anderseits in Hinsicht auf die Rezeption dieses Buches die Art und Weise der Bewertung dieser Quellen und die mangelhafte bis nicht vorhandene Gesamtsicht im Rahmen des historischen Kontexts, also der fast durchweg fehlende oder – besonders wenn es um politische Aspekte geht – der über weite Strecken schlicht falsche historische Bezug. König betont einerseits, daß er kein Historiker sei und das auch nicht als seine Aufgabe sehe, andererseits beruft er sich auf die Tradition der narrativen Geschichtsschreibung, eine sehr schöne, aber von den akademischen historischen Fakultäten gern unterschätzte Tradition, der wir nichtsdestotrotz die Bewahrung ansonsten vergessener und damit verlorener Geschichte, insbesondere aus den sogenannten "unteren" Schichten, verdanken. Um dieser Tradition gerecht zu werden, genügt es aber keineswegs, Anekdoten, Schwänke und Schnurren in einer Endlosschleife aneinander zu reihen, wie Peter-Robert König das tut, sondern Geschichte sollte als erzählte Geschichten in einen historischen Bezug gestellt werden und über das erzählende, also narrative Element das füllen, was die akademische Geschichtsschreibung aus verschiedenen Gründen als Lücken in der Historie hinterlassen hat.

Grundsätzlich sei angemerkt, daß es sich im zweiten Teil des Buches weder um ein Gespräch noch um ein Interview handelt, auch wenn das in der Selbstdarstellung durch die Autoren und in der Beschreibung des Verlages so behauptet wird. Es handelt sich vielmehr um ein heute gerne so genanntes "E-Mail-Interview", was natürlich von der Begrifflichkeit her Unsinn ist, denn der Begriff "Interview" impliziert, daß sich da zwei Personen zeitgleich gegenübersitzen. Der Begriff "Gespräch" impliziert zwingend das gesprochene Wort. Ein sogenanntes "E-Mail-Interview" ist nichts anderes als das, was man früher eine Korrespondenz nannte – ein Briefwechsel, via Email eben. Der Punkt ist, daß es sich um geschriebene Worte handelt und daß quasi mildernde Umstände wegen der in der Natur eines Gesprächs liegenden Ungenauigkeiten, Unschärfen, Konnotierungen und zu schnellen bzw. ungenügend durchdachten Schlußfolgerungen im Fall von Königs Text in diesem Buch nicht gelten. Er hatte genug Zeit, seine Äußerungen zu durchdenken, zumal er einige einfach en bloc aus anderen, älteren Texten kopiert hat, zum Beispiel die Schilderung seiner Italienreise auf den Seiten 180 bis 182, die sich in Königs Buch "Der O.T.O. Phänomen Remix" auf den Seiten 500 bis 502 wiederfindet und einer Fußnote zufolge im Juli 1998 in der Zeitschrift "Gnostika" erschien – genug Zeit also, um zu ventilieren, ob eine Äußerung wie "Italienische Schauspielerinnen, oder was Italiener dafür halten, solange sie freizügige Kleider tragen, intonierten Crowley-Gedichte." wirklich angemessen ist.
Hinweis: Nicht anders ausgewiesene Seitenangaben beziehen sich stets auf Andreas Huettl, Peter-R. König: "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", Kreuzfeuer Verlag 2006.

Nun zum Text – und ein Teil des Fazits gleich am Anfang: Mit den zutreffenden Erkenntnissen in Sachen okkultes Narrenschiff rennt Peter-Robert König offene Türen ein, und zwar nicht nur bei mir, sondern bei jedem, der des verstehenden Denkens mächtig ist. Allerdings muß man dazu nicht über 20 Jahre den notorischen Eckensteher auf dem okkulten Jahrmarkt geben, dazu reichen - wenn man sich Zeit läßt - ein, zwei Jahre beobachtender Teilnahme. Das Grundproblem an Königs Sicht auf Thelema und den Okkultismus scheint mir zu sein, daß er von derselben Grundannahme wie die Weltanschauungsbeauftragten ausgeht, nämlich daß das Glauben und Dafürhalten derjenigen, über die er schreibt, kein schützenswertes Gut ist und nach Belieben pathologisiert werden darf, und das tut er an etlichen Stellen in seinen Aussagen. Die Weltanschauungsbeauftragten kriminalisieren darüberhinaus dort, wo sie es für opportun halten. Beispielhaft sei König mit dieser Aussage zitiert, die sich mit dieser und ähnlicher Intention, z.B. auf Seite 293, in Huettls Buch mehrfach finden läßt:

"Die psychische Konstitution der meisten Okkultisten lässt die Verbrechen, die man ihnen in den Medien vorwirft, gar nicht zu. Die sind viel zu ängstlich, fürchten sich vor der Realität, leben in anderen Sphären, in Büchern und Träumen. Im Internet. Im Katzentempel neben dem Bett. Wenn man zehn Jahre lang vierundzwanzig Stunden pro Tag die Kabbala studiert, dann in jeder Tomate einen inkarnierten ägyptischen Gott sieht und ohne Drogen oder Knoten im Yoga-Sitz keinen Orgasmus mehr erleben kann, der ja auch unbedingt ein Gebet ist oder ein Wunsch, den nörgelnden Chef im Büro zu hypnotisieren: Da ist man wahrlich nicht fähig, organisiert Babies zu züchten, zu missbrauchen und zu ermorden."
[Andreas Huettl, Peter-R. König: "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", Kreuzfeuer Verlag 2006, Seite 336]

Was für eine Haltung steht eigentlich hinter einem solchen Blick auf die Mitmenschen, was für Menschenbild manifestiert sich in solchen Aussagen? Welches Menschenbild entblößt sich in der Tatsache, daß König es sich nicht verkneifen kann, auf Huettls Nachfrage in bezug auf Vorwürfe, König distanziere sich zu wenig von den Okkultorden, erst ein kleines Lamento wegen der angeblichen "König-bashing Seiten in den yahoo-Foren der Okkultisten" anzustimmen und dann seine "Studien" am Okkultisten an und für sich mit der Erforschung von Meerschweinchen zu vergleichen? ["Ist der Verhaltensforscher, der Meerschweinchen beobachtet, nun für oder gegen Meerschweinchen?" Andreas Huettl, Peter-R. König: "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", Kreuzfeuer Verlag 2006, Seite 148]

Jeder hat das unhintergehbare Recht das zu glauben, wonach ihm gerade der Kopf oder auch der Bauch steht, und er hat das Recht, diesen Glauben, und wenn er noch so dämlich ist, auf die ihm genehme Art und Weise zu praktizieren, solange mit beidem geltendes Recht geachtet wird und Dritte weder signifikant beeinträchtigt oder gar geschädigt noch zu irgendetwas genötigt oder gezwungen werden – und das konnte ja ausdrücklich nicht konstatiert werden. Peter-Robert König hat keinen einzigen Schadensfall außer den der wiederholten Verletzung des guten Geschmacks benennen können. Aber selbst wenn einer meint, auf einen Keks onanieren zu müssen, dann soll er das im Namen von wem auch immer tun, solange er keinen Dritten nötigt, den Keks gegen seinen Willen zu essen. Und in der Tat wird PRK dann mit Wendungen wie "keine nennenswerte Anzahl" und "eher selten" verdammt vage, wenn es konkrete Benennung spermagnostischer Praxis geht (Seite 331 oben) – und das, obwohl er jedes Okkulteckchen kennt, in dem ein thelemisch-okkultes Räucherstäbchen glimmt und jeden Okkultisten dazu, der nämliches Eckchen in Beschlag genommen hat.

In einem Interview für den Magickal Observer [1] sagte Andreas Huettl zu seinem Anliegen für sein Buch, er wollte sich "darin mit der Frage befassen, ob es tatsächlich denkbar ist oder gar Beweise dafür vorliegen, dass 'satanistische Sekten' massenhaft Kindesmissbrauch, Mord und Kannibalismus begehen." Fein – aber König stellt das, was er als die Thelemiten ausmacht, weitestgehend als Soziopathen dar - ich verweise auf das Zitat - und seit wann gelten Soziopathen als harmlos? Seit wann ist das bloße Zutrauen oder eben Nichtzutrauen, eine Art gefühlte kriminelle Energie sozusagen, eine irgendwie in beweisführender oder meinetwegen auch justiziabler Hinsicht relevante Kategorie? Es ist reines Meinen und Dafürhalten und als solches nicht einmal argumentativ von Interesse, geschweige denn, daß es irgendeinen Nachweis führen könnte. Ich kann Verächtlichmachung und Diffamierung beim besten Willen nicht als Sachbeitrag zur Klärung der von Huettl als Anliegen formulierten Frage sehen. Königs Darstellung und seine Schlußfolgerung beweisen gar nichts außer der theoretischen Existenz spermagnostischer Praktiken in einem marginalen Randsegment des Okkultismus. Theoretisch deshalb, weil König die Existenz aus reinem Hörensagen und einer handvoll Niederschriften unklarer und von König nicht referenzierter Herkunft deriviert, er selbst hat es weder gesehen noch erlebt, wie er in Huettls Buch selbst eingesteht.

Wie wäre es denn damit: Die Thelemiten und Okkultisten begehen deshalb genauso viele oder wenige Schwerverbrechen wie der Rest der Gesellschaft, und zwar deshalb, weil sie es nicht wollen und weil es ihren ethischen Grundsätzen nicht entspricht - genauso, wie das beim allergrößten Teil der Menschen der Fall ist, in deren Gesellschaft die Thelemiten und Okkultisten leben. Auf diesen Gedanken scheint König im Laufe seiner nun über zwanzig Jahre dauernden Recherche noch nie gekommen zu sein, jedenfalls hat er ihn in dem gemeinsam mit Huettl verfaßten Buch nicht geäußert – und das wäre in Anbetracht von Huettls Intention für das Buch ein wirklich guter Platz gewesen, diesen Gedanken der Welt in einem gut passenden Zusammenhang zur Kenntnis zu bringen, so er ihn entgegen meiner Mutmaßung doch schon einmal gehabt haben sollte.

Huettl führt in dem oben angeführten Interview zur Ausgangslage zu Beginn seiner Arbeit an dem Buch weiter aus: "Die Darstellung in der diesbezüglichen Literatur ist zusammengefasst folgende: Satanssekten existieren angeblich generationenübergreifend und mit landesweiten bzw. gar internationalen Netzwerken, die von mafiöser Struktur und absoluten Verschwiegenheitspflichten geprägt sind. Dies ermöglicht es ihnen, über Jahre und Jahrzehnte hinweg unbehelligt von Polizei und Justiz Schwerverbrechen zu begehen." Natürlich gibt es mittlerweile ein ganzes Sortiment wahrhaft horribler Darstellungen angeblicher Okkultverbrechen, das gute Aussichten hat, daß ihm von Literaturwissenschaftlern späterer Generationen ein eigenes Genre, zum Beispiel die Okkulthorrorinfotainmentfiktion, zugedacht wird. Der richtige Weg zur Erwiderung der Massenmordphantasien einiger Sektenbeobachter wäre zu zeigen, daß die Textdeutungen von Knaut, Grandt, Fromm, um nur die lautesten zu nennen, keine auch nur annähernd hinreichenden Beweisführungen und schon gar nicht auch nur annähernd sachgerechte Textanalysen sind, sondern beliebiges und freischwebendes Ausdeuten und Dafürhalten zur Generierung eines veritablen Feindbildes. Dem ist aber nicht mit einer anderen Variante reinen Meinens und Dafürhaltens zu begegnen, die lediglich versucht, Crowleys Epigonen und Anhänger zu pathologisieren. König stellt die total Verblödung gegen das totale Verbrechen – das ist alles. Für den nicht in die Szene oder ins Geschehen involvierten Leser, für den "Laien" quasi, steht am Ende nur das eine Meinen gegen das andere, das Resultat der Bewertung und die gewünschten und damit potentiellen Konsequenzen für die Okkultisten sind dieselben – der Ausschluß aus der Gesellschaft durch Verbringung in eine so oder so geschlossene Einrichtung. Der richtige Weg wäre der Nachweis, daß Crowleys Schriften textanalytisch und interpretatorisch keine Verbrechen intendieren, geschweige denn explizit formulieren. Das ist natürlich aufwendiger und inhaltlich sehr viel schwieriger, als eine handvoll Okkultfuzzis mit ein paar Zetteln als Vollidioten hinzustellen und kurzerhand pauschal auf den Rest der Okkultgemeinde zu schließen. Aber es geht, es geht sogar sehr gut – Marco Pasi hat es bewiesen [2]. Doch dazu später mehr.

Natürlich schreibt König nichts Explizites von Wegsperren der Szeneprotagonisten und fordert auch keine Verbote irgendwelcher Okkultgruppierungen, aber das tun die "Sektenjäger" in bezug auf Thelema auch nicht. Wie auch, denn trotz intensivster Suche ist nicht ein einziger Hinweis zu finden, der eine solche Forderung irgendwie rechtfertigen würde. Doch König arbeitet diesen Leuten auf zweierlei Weise zu. Einerseits berufen die sich immer wieder nicht zuletzt auf Königs krude Crowley-Exegese und seine Erfindung von der Spermagnosis als angeblich zentrales Element und quasi Alleinstellungsmerkmal von Thelema, um im limbischen System ihrer Leser zu wühlen und Assoziationen zu angeblichen, sexuellen Perversitäten zu generieren, die implizit sexuelle und andere schwere Straftaten in dramatisch übersteigertem Maß als potentiell möglich erscheinen lassen. Andererseits bugsiert König durch die Diffamierung und Pathologisierung Menschen als vermeintliche Soziopathen in eine Nische im sozialen Abseits, aus der sie dann bequem von den "Sektenjägern" abgeholt werden können. Das tun die bei Bedarf auch, sie drücken den Betreffenden dann nur noch Stempel a la "Acid-Satanist" oder "psychotischer Satanist" oder schlicht rechtsradikal auf. So ist nur logisch und konsequent, daß beispielsweise Fromm sich in seinem "Satanismus in Deutschland" mehrfach auf den "Insider P.R. König" beruft.

Im Grunde genommen macht König das nach, was ihm die bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten vorführen. Zwar denke ich nicht, daß König das aus denselben Gründen wie diese tut, nämlich in ideologisierender Absicht zur Generierung eines veritablen Feindbildes. Aber das ist in Hinsicht auf das identische Ergebnis dasselbe und folgrichtig sind diese sogenannten Weltanschauungsbeauftragten seine besten Kunden. Und nebenbei bemerkt - ich kann zwischem dem Gitter vor einem Zuchthausfenster und dem vor einem Irrenhausfenster keinen Unterschied erkennen, jedenfalls keinen für das Resultat signifikanten. König gibt ein wirklich eindrucksvolles Beispiel dafür ab, daß gut gemeint noch lange nicht gut getan ist. Der Punkt ist, daß König Esoterik und Okkultismus - das ist jedenfalls mein Eindruck - fast ausschließlich als strukturelles Phänomen wahrnimmt. Es wäre aber Königs Aufgabe, wenn er seine selbstgewählte Mission wirklich ernst nähme, sich auch und gerade den spirituellen Aspekten zu widmen, und zwar nicht als Ziel von Hohn und Verächtlichmachung, sondern als ernstzunehmendes Phänomen und gutes, weil nicht zuletzt verfassungsmäßiges Recht derjenigen, die diese Aspekte für ihr Leben als wichtig erachten. Dazu müßte er aber seine "Studienobjekte" nicht als "Meerschweinchen", sondern als Menschen wahr- und und vor allem ernstnehmen - und das tut er nicht, wie die obigen Zitate zeigen.

Insgesamt wirkt König auf mich in seinen Ausführungen über weite Strecken wie ein passionierter Briefmarkensammler, der allerdings noch nie eine Weltkarte gesehen hat. Offensichtlich weiß König ganz gut über die organisatorische Historie und die strukturelle Verfaßtheit des OTO bescheid, was nach zwanzigjähriger Beschäftigung mit derselben irgendwie auch selbstverständlich sein sollte. Zwar schreibt er auf Seite 185, daß Thelema sich zum OTO verhalte, wie das Christentum zur Kirche (wobei passender wäre, den Vergleich auf die Dorfkirche von Schöpsroda zu beschränken) und er wiederholt das Motiv auf Seite 270. Aber ansonsten folgt der ganze Text dieser Einsicht nirgends, er versteht nicht (oder unterschlägt), daß Logenfunktionäre oder Ordenskader genauso wenig die Thelemiten repräsentieren, wie Honecker und seine Gefolgsleute die Sozialisten waren. Der Vergleich paßt auch deshalb ganz gut, weil die Politik von Honecker und Konsorten so die dogmatisierte und ideologisierte Manifestation des Marxismus darstellte, wie die Politik diverser Ordensfunktionäre die dogmatisierte und ideologisierte Variation von Thelema repräsentieren. Ich könnte das sehr viel konkreter ausführen, aber das würde den Rahmen dieses Textes sprengen und das Problem ist an dieser Stelle hinreichend beschrieben: König meint und zitiert in dekontextualisierten Textfragmenten diesen oder jenen Hochgradkader und schreibt die Thelemiten, König meint das, was er für Spermagnosis hält, und schreibt die Thelemiten.

Doch auch mit häufiger Wiederholung seiner phänomenalen Erkenntnisse redet König die beiden problematischsten Punkte nicht weg. Da ist zunächst die Frage, was er da eigentlich an Quellen haben will. So, wie sich das in dem hier besprochenen Buch, aber auch in Königs "Der O.T.O. Phänomen Remix" darstellt, hat er alle Aussagen und Papiere, die er als Beleg wertet, zu einem gewissen Teil von diversen Szeneprotagonisten selbst aus erster Hand, den weitaus größeren Teil jedoch von irgendwelchen Lieferanten aus zweiter oder dritter Hand. Die versichern König natürlich die Echtheit derselben und König versichert diese dem Leser - und der soll sie ihm abnehmen, mithin glauben, wirklich prüfen kann der Leser das aber nicht. König hat, wie er im Buch selbst angibt, spermagnostische Praktiken als Augenzeuge nie erlebt und er hat auch nie ein Produkt spermagnostischer Herkunft oder Verwendung - einen Lichtkuchen oder ähnliches - gesehen, dessen spermagnostischer Gehalt auch nur einigermaßen zweifelsfrei feststand. Also bleiben in bezug auf spermagnostische Praktiken nur Aussagen, Niederschriften über mehrere Ecken und Gekritzel, aus dem König "sexualmagische Anweisungen" mit direktem Bezug auf vermeintlich oder tatsächliche spermagnostische Praktiken herauslesen will, wie das putzige Bildchen auf Seite 248, dessen Untertitelung den Eindruck erweckt, Wolther sei immer noch Großmeister der Fraternitas Saturni. Mich erinnert das Gekrakel eher an Omnipotenzphantasien pubertierender Jungsatanisten, aber sei's drum - verblüffend bleibt der Umstand, daß König den Okkultisten definitiv und buchstäblich nichts von ihren Absichten, Anliegen und Werten abnimmt, was dann schlußendlich in die Pathologisierung mündet, aber an ausgerechnet diesen einen Punkt, den König da als praktizierte Spermagnosis belegt sehen will, glaubt er mit nachgerade obsessiver Inbrunst.

Die Backanweisungen für die "cakes of light" beispielsweise sind hinlänglich bekannt, und das sicherlich deshalb, weil König sie so enthusiastisch ventilierte. Genau deshalb habe ich sie nie ernst genommen, genauso wenig, wie ich Königs Eisenbahngeschichte auf Seite 232f. ernstnehme, wobei ich nicht bestreite, daß ein solches Papier vor ziemlich langer Zeit in irgendeiner Loge verfaßt wurde und daß irgendwer dem König den Eisenbahnschwank tatsächlich erzählte. Meine Skepsis resultiert aus meinen Erfahrungen mit "Großmagiern" jeder Couleur, die von den außergewöhnlichsten magischen Experimenten und nachfolgenden Erfahrungen inklusive der tollsten sexualmagischen Praktiken und Rituale an den geweihtesten Orten, die der Papst sich denken kann, zu berichten wußten, was in den allermeisten Fällen bei näherer Befragung alles zu Illusionen, Halluzinationen oder bloßer Prahlerei zerbröselte. Es steckte schlicht nichts dahinter. So gesehen bin ich bei solchen Berichten und Papieren grundsätzlich sehr skeptisch. Mehr noch, ich habe mehr als einmal die verblüffte Nachfrage seitens diverser, an den höheren Mysterien interessierter Jungmagier gehört, daß es "sowas" bei Thelema aber geben müsse, wo der König das doch schreibe. Was zumindest als Hypothese nahelegt, daß Forschung a la König ihre Ergebnisse auch selbst generiert. Das liest sich im Original dann so:

PRK: Ich kenne da einen netten, jungen Mann, der sich selbst eine Tonbüste töpferte und sie in einem Wald salbte. Derselbe junge Mann masturbierte auch in einem Zug, der um 04:18 abfuhr auf die Sitze (418 ist eine thelemitisch wichtige Zahl, denn kabbalistisch gesehen korrespondiert die Zahl 418 mit dem Zahlenwert des Begriffes Thelema). Und dann kratzte er im Warburg Institute London, wo die Originalgemälde von Crowleys Tarot lagern, ein Stückchen blaue Farbe von einem dieser Ölgemälde ab, fügte es in die Vagina seiner Freundin ein, die nach vollführtem Verkehr über ein Stück jungfräuliches Pergament kauerte, auf dem ein magisches Sigill gezeichnet war und alles darauf tropfen ließ. Niemand von den Beteiligten war oder ist in einem Orden. Aber alles wurde mir detailliert berichtet.
Huettl: Nach diesem Einblick in die angeblich größten Geheimnisse, die doch niemals ein Außenstehender erfahren dürfe, wären wir erneut bei der Arkansdiziplin, die von den Okkultgruppen angeblich mit solch großer Perfektion geübt werden soll. [...]
[Andreas Huettl, Peter-R. König: "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", Kreuzfeuer Verlag 2006, Seite 232f]

Es ist wirklich deprimierend - um solch grenzdebiles Geschwätz unter die Leute zu bringen, müssen unschuldige Bäume sterben. Es ist, wie gesagt, ziemlich sicher, daß irgendwann irgendjemand dem König diesen Quatsch erzählte und genauso sicher ist, daß derjenige sich nun diebisch freut, damit in einem Buch verewigt zu sein. König nimmt solch groben Unfug nicht nur an der hier zitierten Stelle für bare Münze und Huettl reagiert, als hätte es Crowleys detaillierte Darstellungen magischer Praktiken oder Grosches Veröffentlichung von Crowleys magischen Ritualen nie gegeben. Dessen nicht genug – keiner der beiden ist in der Lage, sich die eigentlich doch naheliegende Frage zu stellen, ob es wirklich wahrscheinlich ist, daß Kabbalisten Begriffe in griechischer Sprache deuten, was keine Frage von Spezialwissen, sondern eine des gesunden Menschenverstandes gewesen wäre. Das ist natürlich nicht naheliegend und von einem, der seit über zwanzig Jahren in dem Metier als Sachverständiger hausieren geht, sollte man erwarten können, daß er die Korrespondenzen mittlerweile wenigstens soweit kennt, daß ihm nicht solch ein Unsinn unterläuft. Die kabbalistische Korrespondenz zur 418 ist unter anderem der Begriff "Abrahadabra", das Wort des Neuen Aeons, wie Crowley es im Liber 777 aus den Wortbestandteilen herleitet [3]. Was König meinte, bleibt unklar, die Gematria des Begriffes "Thelema", und zwar die griechische, ergibt allerdings 93. Deshalb auch der Gruß 93/93, Herr König, die zweite 93 steht für die griechische Gematria des Begriffes "Agape", die auch 93 ergibt. Es ist nicht, wie Sie vermutlich bis dato annahmen, die Mindestanzahl zu verzehrender Lichtkuchen zum Zwecke der vollständigen Erleuchtung gemeint.

Daß der Begriff "Spermagnosis" schon vor König zur Anwendung kam, muß er niemandem erzählen, schließlich kann man im Netz einen Bericht von Epiphanius von Salamis über die Praktiken der Gnostiker nachlesen. Bemerkenswert ist der Kontext, dem er entstammt – die Häretikerverfolgung. Epiphanius von Salamis, geboren um 315, war ab 367 Bischof von Konstantia (Salamis) auf Zypern. Epiphanius sah Origenes [4] bzw. seine Schriften als Urheber aller Häresie [5] an und bekämpfte sie erbittert, als Epiphanius' Hauptwerk gilt sein Panárion (als "Adversus haereses" oder einfach "Haereses" bekannt, untertitelt als "Hausapotheke gegen die Schlangenbisse der Häresie"). Epiphanius gilt als Hauptprotagonist des Ersten Origenistischen Streits [6] – das Einsetzen der Häretikerverfolgung zeichnete sich ab, die Inquisition warf ihren ersten Schatten über die Christenheit und man kann in Epiphanius getrost den Urtypus des heutigen Weltanschauungsbeauftragten sehen, auch wenn man sich ihrer in 1.600 Jahren garantiert nicht wegen ihrer außerordentlichen Bildung und Sprachfertigkeiten erinnern wird, wie das heute mit Epiphanius der Fall ist.

Ist es Zufall, daß der wohl älteste Bericht über das, was man heute als spermagnostische Praxis bezeichnet, ausgerechnet aus dem historischen Vorfeld der Inquisition stammt? Ist es Zufall, daß die Tradition des Rückgriffs auf sexuelle Praktiken, auf die Darstellung sexueller "Perversionen", als vermeintlich argumentatives Muster sich über 1.600 Jahre hinweg bis zu Peter-Robert Königs Darstellung spermagnostischer Praxis als zentrales Element und de facto Alleinstellungsmerkmal von Thelema erhalten hat? Ich lasse die Fragen unbeantwortet im Raum stehen, denn ich habe keine Antwort darauf, hoffe aber, daß sie dem Leser – und Herrm König – Denkanstoß sind.

"Üppige Speisen tragen sie auf, essen Fleisch und trinken Wein, auch wenn sie arm sind. Wenn so miteinander getafelt und sozusagen die Adern mit ihrem Überschuß an Kraft angefüllt haben, gehen sie zur Anreizung über. Und der Mann verlässt den Platz an der Seite seiner Frau und spricht zu seinem eigenen Weibe: Stehe auf und vollziehe die Agape mit dem Bruder. Die Unseligen aber vereinigen sich miteinander, und wie ich mich in Wahrheit schäme, ihre schimpflichen Handlungen zu erzählen, weil, um mit den Worten des heiligen Apostels zu sprechen [7], das, was bei ihnen geschieht, auch zu sagen schändlich ist, so werde ich mich dennoch nicht scheuen, damit ich in jeder Hinsicht bei den Lesern der von ihnen verübten Unzüchtigkeiten einen Schauder errege. Nachdem sie sich nämlich vereinigt haben, erheben sie, nicht genug an dem Laster der Hurerei, noch ihre eigene Schande gen Himmel: Weib und Mann nehmen das, was aus dem Manne geflossen ist, in ihre eigenen Hände, treten hin, richten sich nach dem Himmel zu auf mit dem Schmutz an den Händen und beten als sogenannte Stratiotiker und Gnostiker, indem sie dem Vater, der Allnatur, das was sie an den Händen haben, selbst darbringen mit den Worten: "Wir bringen dir diese Gabe dar, den Leib Christus". Und dann essen sie es, kommunizieren ihre eigene Schande und sagen: "Das ist der Leib des Christus, und das ist das Passah, um dessentwillen unsere Leiber leiden und gezwungen werden, das Leiden des Christus zu bekennen."
Epiphanius von Salamis

Na da brat mir einer einen Storch! Da schreibt doch der Bischof Epiphanius, die ollen Gnostiker haben "Agape" bei ihren Schweinigeleien gesagt! Na wenn das mal kein schlagender Beweis ist - mit der messerscharfen Logik Königscher Induktion geschlossen heißt das, daß jeder (zumindest jeder Okkultist), der Agape sagt, ein Spermagnostiker ist. Schlimmer noch, der Thelemitengruß 93/93, bei dem, wie eben erläutert, die eine 93 für Thelema und die andere für Agape steht, heißt ohne jeden Zweifel – wenn man diesen schwarzokkultmagischgeheimbündlerischen Code entschlüsselt, weil also Thelema für Wille und Agape nur dem Anschein nach für Liebe, in Wirklichkeit aber für spermagnostischen Schweinkram steht – nichts anderes als "Ich will Spermagnosis mit dir machen." Die Antwort 93/93 heißt dann "Ich will auch Spermagnosis mit dir machen." und die gelegentlich im Gruß anzutreffende dritte 93 heißt somit und erwiesenermaßen schlüssig "Los, laß uns Spermagnosis machen." Hömma, Herr Chefredakteur, wenn du nochmal 93 zu mir sachst, dann schreibe ich das dem Peter-Robert und der beweist dann unwiderlegbar schlüssig anhand dieses absolut echten Originaldokuments, daß du ein Igittpfuiäbbäspermagnostiker bist! Jawollja!
Vorsorgliche Anmerkung für die merkbefreiten unter den Lesern: Dieser Absatz war Ironie.

Doch nun zurück zu den Quellen und zur Art und Weise, wie König diese bewertet. Eine kleine Passage in Marco Pasis Buch über Crowleys Verhältnis zur Politik, ist in dieser Hinsicht bemerkenswert und erheiternd. Dort findet sich König am Ende der Danksagung und in einigen Fußnoten wieder, weil er nun einmal auf zahlreichen Dokumenten hockt und der Autor sah sich zu gleich in der ersten Fußnote zu folgender Anmerkung veranlaßt:

"Für diejenigen, die diesen Bereich vertiefen wollen, ist die Monographie von Peter R. König nützlich (doch Vorsicht ist geboten): Das OTO-Phänomen, München: ARW, 1994 [...]"
[Marco Pasi: Aleister Crowley und die Versuchung der Politik, Ares Verlag 2006, Seite 28, Hervorhebung von mir]

Es ist sicher nicht notwendig zu betonen, daß dies ein unter Kollegen nicht gerade üblicher Hinweis ist, ich tue es trotzdem. Ich bin der Überzeugung, daß Königs Darstellungen öfter mal von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt und seine Schlußfolgerungen von ebenso zweifelhafter Seriosität sind. In seinen Ausführungen Huettls Buch fand ich einige Stellen, die beispielhaft geeignet sind, dieses Vorsichtsgebot zu konkretisieren und zu beschreiben. Im ersten Beispiel geht es um ein Projekt, an dem ich zeitweise selbst beteiligt war. Zuerst das Zitat von Peter-Robert Königs Behauptung:

Das Peter-Robert-König-Phänomen Das Peter-Robert-König-Phänomen "Vielleicht rundet es das Bild von Jantschik ab, wenn Sie sich vor Augen halten, dass er wirklich jedem alles erzählt hat, um nach getaner Plauderei nachzureichen 'aber letzte Geheimnisse werde ich der profanen Welt niemals offenbaren'. 1999 stimmte er in genau diesem Tenor einer szenebekannten 'Schwester Ritter' zu, die sich eifrig allen möglichen ehemaligen Meistern und Großmeistern der Saturnorden anbiederte und auch Jantschik in ihre Fraternitas Templi Saturni einbeziehen wollte. 'Herr König weiß von diesem Projekt nichts; [...] Alle Interna und Korrespondenzen bleiben geheim. Von mir erfährt niemand etwas', lautete Jantschiks Versicherung. Er konnte einfach nie nein sagen." [Andreas Huettl, Peter-R. König: "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", Kreuzfeuer Verlag 2006, Seite174, Auslassungen von König, Hervorhebung von mir]

Zur Verdeutlichung: König behauptet, daß Jantschik wirklich jedem alles erzählt hat und zitiert, ohne eine Quelle anzugeben, Jantschik mit einer Aussage, die er angeblich in Bezug auf evtl. Kenntnisse Königs über die Fraternitas Templi Saturni (FTS) getätigt haben soll. Wie es der Zufall will bin ich im Besitz beider Dokumente - sowohl des Briefes, aus dem König zitiert, als auch des Dokuments, auf das sich Jantschiks Brief bezieht. Ich stelle sie hier zur Einsichtnahme zur Verfügung.

Die Lektüre der Dokumente macht folgendes klar:

  1. Es ging in dem Briefwechsel keineswegs um die FTS, sondern um die Publikation "SaturnArbeiter".

  2. Es wird weiterhin klar, daß die angesprochene Schwester sich mitnichten anbiederte, sondern sich recht deutlich zu Jantschiks Berufung und Qualifikation äußert. Was immer man von Jantschik halten mag - er war Großmeister und nach den Gepflogenheiten des Saturnkults (und anderer Logenstrukturen) war die Ansprache der Schwester nicht anbiedernd, sondern auf eine Weise direkt, die mancher der Alten (und auch jüngere Meister) als eher unverschämt empfände.

Tatsache ist:
  1. Die Briefe wurden Ende Dezember 1999 geschrieben, zu diesem Zeitpunkt wurde an die FTS noch nicht einmal gedacht. Das dürfte erst im Sommer 2003 konkretere Gestalt angenommen haben, das Großlogenpatent wurde Ostern 2004 ausgestellt.

  2. Die Aussage "ihre FTS" ist schlicht falsch.

Was ist hier passiert? Es gibt drei Möglichkeiten:
  1. Jantschik hat König den Briefes der Schwester, auf den sich seiner, von König zitierte, bezieht, weder gezeigt noch ausgehändigt. König kennt ihn nicht. Dann ist erstens Königs Aussage, Jantschik habe wirklich jedem alles erzählt, schlicht falsch. Das bedeutet zweitens, daß König den Rest seiner o.a. Aussagen frei erfunden hat, was die für einen "Rechercheur" seines, nun ja, Formats wirklich peinliche Verwechslung des "SaturnArbeiter" mit der FTS erklärt. En passant hat er seine spekulativen Erwägungen genutzt, um die genannte Schwester zu diskreditieren. Ich denke, daß die Publikation freier Erfindung nebst angehängter Diskreditierung Dritter eher selten unabsichtlich geschieht. Wie ein solches Verhalten landläufig benannt wird, sollte jedem Leser bekannt sein.

  2. König hat sich von einer gewissen Person (oder einer anderen ähnlicher Verfaßtheit) einen veritablen Bären aufbinden lassen. Der Brief von Jantschik, an den König auch über diesen Weg gekommen sein kann, mag sich beispielsweise in der 100-Euro-Kiste Esokrempel befunden haben, von der König auf Seite 169 spricht. Die hinlänglich bekannte Person hat trotz aller Umtriebigkeit und auf doch recht putzige Weise zustande gekommener Bischofsweihen nie auch nur im Ansatz verstanden, womit sie sich da befaßte - diesem Unverständnis könnte einerseits die Verwechslung des "SaturnArbeiter" mit der FTS geschuldet sein, andererseits könnte König die szenebekannten Aversionen der seinerzeit ausführlich erörterten Person ggü. der genannten Schwester für bare Münze genommen haben, was die Diskreditierung erklären würde. Träfe diese Variante zu, wäre es, freundlich formuliert, extrem bedenklich, wenn König damit seine Aussage, Jantschik habe wirklich jedem alles erzählt, hätte belegen wollen.

  3. Königs Aussage, Jantschik habe wirklich jedem alles erzählt, trifft zu und Jantschik hat König Einsicht in den vollständigen Briefwechsel gewährt oder ihm diesen gar überlassen. Wie in diesem Fall der Rest von Königs Ausführungen in dem zitierten Abschnitt zu bewerten, muß ich sicher nicht näher erörtern.

Ich kann und mag mich an dieser Stelle nicht auf eine der drei Möglichkeiten festlegen, ich halte Variante 1 und 2 für die schlüssigsten. Aber egal, welche der drei Möglichkeiten zutrifft - alle drei bieten Anlaß genug, Königs Äußerungen mit allerhöchster Vorsicht zu zitieren und sie in keinem Fall unkommentiert zu übernehmen. Natürlich haben solche Schnurren, wie König sie hier dargeboten hat, immer auch ihre lustigen - in diesem Fall sogar hochkomischen - Aspekte. Der Herr Peter-Robert König kann sich offensichtlich nicht vorstellen, daß eine derart despektierliche, ja nachgerade impertinente Unterminierung seines höchstlöblichen Aufklärungswerkes von einem, im Selbstverlag von drei Leuten publizierten, Blättchen unternommen wird, da muß schon mindestens eine Loge im Spiel sein und es sollten dabei Begriffe wie "Fraternitas" und "Saturni" fallen, hier gab es sogar noch ein "Templi" als Zugabe. Tja, so geht das aus, wenn Leute auf ihre eigene Eitelkeit hereinfallen.

"was mein standpunkt ist? ich bin konsumorientiert, orientiere mein intellektuelles niveau an soap operas und bin ansonsten ziemlich amoralisch gutaussehend."
Peter-Robert König, zitiert von einem W.F. in Manfred Ach: Under Cover, ARW München 1995, S. 117

Auf Seite 183 ist in Huettls Buch eine "anonym verbreitete Liste einer angeblich geplanten Großloge" abgebildet, die angeblich nicht nur in Thelemitenkreisen, sondern auch unter den Sektenexperten kursieren soll. Auf dieser Liste sind unter der Überschrift "Loge Gotos" allerhand Personen nebst ihnen zugedachten Funktionen bzw. Eigenschaften aufgereiht, so zum Beispiel LaVey als Satanist, Giovanni als Satanist F.S., Grant und Metzger als Crowlianer (O-Ton) und O.T.O., Hemberger als Satanist F.S. O.T.O., Steiner als Satanist, Tegtmeier als Crowlianer Satanist F.S., Eschner als Satanist Crowlianer und schließlich "R.P. König" (O-Ton) mit dem Zusatz "K**derp**no". Schon auf Seite 147 kommentiert König das folgendermaßen: "Überhaupt kommt mir das Element des Spaßes ... sogar noch bei Konnotationen wie 'König – K**derp**no' sehr entgegen. Es ist sehr aufschlußreich, was für einen Golem die Thelemiten aus mir machen." König unterstellt umstandslos die Urheberschaft dieses Zettels - wem sonst - den Thelemiten - in toto natürlich. Wer allerdings kurz innehält, erkennt wegen der Auflistung der prominentesten Haßfiguren auf den ersten Blick, daß das Teil, wenn es denn echt ist, von einem Thelemiten- und Okkulthasser erstellt wurde und nicht von einem Thelemiten oder Okkultisten. Kein einziger Thelemit würde Crowley und König gemeinsam auflisten, 95% der Thelemiten würden niemals Crowley und Eschner auf eine gemeinsame Liste setzen und alle Eschner-Fans würden nur Crowley und Eschner auflisten und alle anderen weglassen. Daß die, um König zu erwischen, sich selbst schlecht darstellen, also sozusagen über Bande spielen, hat König als Möglichkeit wegen seiner Feststellung eines allgemeinen Schwachsinns in der Okkultszene selbst ausgeschlossen, wobei wir nicht übersehen wollen, daß Außenstehende König gelegentlich für einen Thelemiten oder gar die graue Eminenz des Okkultismus halten. Was aber nur eines beweist: Dümmer geht es immer. Wir sollten hier auch zur Kenntnis nehmen, daß jeder halbwegs bewanderte Computerbesitzer ein "Dokument" wie diese ominöse Liste in zehn Minuten am Computer zusammentippt. Die Zurschaustellung dieses "Dokuments", untertitelt als "anonym verbreitete Liste einer angeblich geplanten Großloge", und Königs Geschwurbel dazu sind beredtes Beispiel für die beabsichtigten oder tatsächlich aus Unwissenheit resultierenden Interpretationen, die sich de facto im Seitentakt durch Königs Text in Huettls Buch ziehen.

Der in diesem Buch absolute Höhepunkte unfreiwilliger Komik a la Peter-Robert König ist die Präsentation eines angeblichen Meisterpatents der Fraternitas Saturni, das König besitzen will. Das Ding ist auf Seite 164 des besprochenen Buches abgedruckt und provoziert bei jedem, der einen Hauch Ahnung von den Zusammenhängen hat und überdies weiß, wie Google funktioniert, wieherndes Gelächter und heftiges Schenkelklopfen. Da finden sich nämlich zwei Namen - der von Immanuel, der die Sukzession nach Grosche für sich reklamiert, und der von einem Meister Hermes, der in Immanuels Vollmacht handeln will. Immanuel ist eine - das ist natürlich meine ganz persönliche Meinung - eher tragische Figur im Saturnkult. Es gab am 12. und 13.02.1983 in der Fraternitas Saturni anläßlich eines Logenkonzils eine Großmeisterwahl, auf der er offensichtlich von einigen Meistern zum Großmeister der Fraternitas Saturni auf Lebenszeit berufen wurde. Andere Meister, insbesondere Giovanni, folgten dem nicht und erklärten Immanuels Wahl schon am 27.02.1983 für null und nichtig. Da der Streit nicht geschlichtet werden konnte, zog sich Immanuel aus der Fraternitas Saturni zurück, privatisierte ein wenig, gründet dann im Jahr 1993 die CS, aus der er sich 1995 als Großmeister zurückzog, aber weiter mit ihr verbandelt blieb und dessen ungeachtet etliche weitere Logen und Orden gründete, deren Lebensdauer oft kürzer als die Dauer der Namenfindung war, von denen aber eine, die Großloge "Gregor A. Gregorius", immerhin den fast geschlossenen Übertritt in die Fraternitas Saturni zustande brachte. Immanuel hat den unrühmlichen Abgang aus der Fraternitas Saturni nie verwunden und was das Ganze tragisch macht ist der Umstand, daß sich in ihm ein erstaunliches, esoterisches Fachwissen mit tiefer Spiritualität und Gläubigkeit verbindet, wobei die Grenzen zu bemerkenswerten, so möchte ich sie mal nennen, Gemütszuständen fließend sind, was ihn im Ergebnis immer wieder auf die denk- und fragwürdigsten Einflüsterungen diverser Okkultkarrieristen und -opportunisten hören ließ. Einer von denen ist dieser Meister Hermes, zu ihm gibt es darüberhinaus nur soviel zu sagen, daß er so komisch wie Immanuel tragisch ist. Hermes wird nun damit als Fußnote in der Okkultgeschichte überleben, daß er König einen veritablen Karnevalstitel verliehen hat, mit dem "Meister" Perka nun angibt wie Bolle mit seinem neuen Melkeimer. Kurz - die beiden haben weder das ideelle noch das irgendwie manifeste Recht, irgendwem Meisterpatente der Fraternitas Saturni auszustellen, das ist ungefähr vom selben Wert, als würde Rudolf Scharping Minister ernennen.

Meisterweihe leicht gemacht - wir basteln uns ein schickes Logenpatent

Das Peter-Robert-König-Phänomen Zu 1: Der Einstieg ist recht gut gelungen, allerdings hätte dem Namen etwas mehr Phantasie nicht geschadet. Man stelle sich vor, der Heinz Schneider wäre Meister geworden, dann hieße der nach dem hier gewählten Prinzip jetzt Meister Heischnei. Doof, oder? Gelungen hingegen ist die Unterbringung der Begriffe "alt", "angenommen", "schottisch" und "Ritus", damit kann der Meister Perka nämlich nun ganz gepflegt ein paar Freimaurern auf den Wecker fallen, wenn ihm danach der Sinn steht. Ernst nehmen werden sie ihn zwar nicht, aber zum Rumnerven reicht es allemal.

Zu 2: Das sieht auf den ersten Blick wie eine runde Sache aus. "Meister Perka darf alles" hätte es zwar auch getan, hätte aber ein wenig prosaisch geklungen. Auf den zweiten Blick fällt auf, daß der Perka doch nicht alles darf, er kann nämlich nur Gradus-Solis-Meister ernennen, was nun Perfomanceprobleme für die Umsetzung von Perkas Plänen nach sich ziehen wird: "Originell fand ich dabei eigentlich nur die Idee, wonach der Saturngroßmeister mit mir eine Lesung aus meinem Buch 'Der O.T.O.-Phänomen REMIX' veranstalten sollte. Wir hätten dann Patente am Fließband unterschrieben und wie Konfetti unters Publikum gebracht." (Seite 169) So richtig effizient, nämlich mit dem Resultat einer exponentiellen Logenvermehrung, wäre die Linzenz zur Ernennung von Gradus-Pentalphae-Meister gewesen.

Zu 3: Ganz schlecht, mit dem Gradus Solis nimmt dem Perka keiner die Vollmachten unter Punkt 2 ab. Da hat er an der falschen Stelle gespart, der Perka. So, wie der Verkäufer des Papiers bekannt ist, wäre für lumpige 20 Euro mehr drin gewesen, ein schöner 29° Groß-Inspekteur zum Beispiel. Andererseits ist die Proklamation der Bestätigung und Anerkennung durch die Fraternitas Saturni von ergreifender Schlichtheit und Eleganz – kurz und bündig, zackzack. Ebenso der im "wird" implizite Verweis auf die Zukunft als Potential für den Zweifelsfall – welch geradzu anmutiger Schachzug nach dem Motto "So oder so – ich bin allhier."

Zu 4 und 5: So ist es recht, wenn man schon auf den Putz haut, dann soll es auch richtig krachen. Der eine der beiden Alten kann sich eh nicht mehr wehren, der andere auch nicht wirklich. Ein glatte Sechs gibt es allerdings für den Verleiher, was somit auch für Punkt 5 gilt, und damit letzlich für das ganze, nun ja, Patent. Mit dieser Unterschrift hat sich der Perka allenfalls den Heiterkeitserfolg gesichert, was andererseits ja auch etwas ist. Wo Perka allerdings die Unterschrift eines Großmeisters auf dem Zettel sehen will (König auf Seite 169: "Dazu [...] ein Patent, [...] unterschrieben von einem ehemaligen Saturngroßmeister..."), bleibt mir schleierhaft, oder habe ich da in Sachen Hermes etwas verpaßt?

Fehlt noch das Siegel. Aber da der kann frischgebackene und vor allem kluge Meister, wobei letzteres in unserem Beispiel wohl nicht zutrifft, auf eine schöne Tradition häuslichen Bastelns zurückgreifen. Immerhin haben sich dem Vernehmen nach seinerzeit Päpste auf diese oder ähnliche Art und Weise den Besitz ganzer Landstriche selbst beurkundet und was so ein oller Papst kann, das schafft ein von Tempelritter Hermes patentierter Meister schon lange, nicht wahr? Na gut, ist irgendwie verkehrt herum und ein wenig schief geraten, hat aber den außerordentlichen Vorteil, daß man den peinlichen Fehlgriff von Punkt 4 bzw. 5 ganz ordentlich tarnen kann.
Das Peter-Robert-König-Phänomen

Eine zweite, prophylaktische Anmerkung für die merkbefreiten unter den Lesern: Auch dieser Absatz war Ironie – mit durchaus ernst gemeinten Einschüben.

Das Schreiben ist das Papier nicht wert, auf das es gedruckt ist, wobei ich nur am Rande erwähne, daß der dort angeblich vergebene Gradus Solis eine schriftliche und von mindesten zwei Meistern abgenommene Erarbeitung voraussetzt, der irgendwann eine erste Arbeit bei der Erlangung des Gradus Mercurii vorausgegangen sein muß. Das alles weiß König hoffentlich, möglicherweise aber auch nicht, denn er schreibt auf Seite 143, daß er zu dem Titel per Blankoformular gekommen ist. Er schafft es aber nicht darauf hinzuweisen, daß das Papier vollkommen wertlos ist, sondern stellt es als legitim dar und flunkert im selben Atemzug weiter, mit einem solchen Blanko könne man blitzschnell Hochgradmeister generieren. Wer sich aber das Formular genau ansieht, stellt sofort fest, daß der Grad nicht blanko, sondern auf den Gradus Solis (12°) festgelegt ist, die Hochgrade beginnen aber erst mit dem Magister Selectus Sapientiae (21°). Er hat nicht einmal gemerkt, daß sein Grad und der angeblich verleihbare identisch sind, denn er schreibt auf derselben Seite des Buches: "In alle Grade unterhalb meines eigenen Grades." Nö, da steht in alle Grade einschließlich seines eigenen und genau das macht einen guten Teil der geradezu grandiosen Blödsinnigkeit des Zettels aus. Daß auf Königs "Meisterpatent" das Siegel fehlt, mit dem Immanuel fröhlich Papiere im Namen seiner virtuell-mentalen "Fraternitas Saturni" stempelt, ist typisch für Immanuel und seine innere Zerissenhet. Konsequenterweise hätte es auf das Papier gehört, möglicherweise hat er den König quasi nur ein bißchen, aber doch irgendwie hinreichend für seine mentale Fraternitas patentiert, was nichts anderes bedeutet, als daß er sich aus seiner Sicht ein Hintertürchen zur etwaigen Delegitimation eingebaut hat. Im Grunde und ziemlich wahrscheinlich gehört König nach Immanuels Verständnis damit zu seiner ganz eigenen Loge "Tetragrammaton". Ich glaube nicht, daß König sich dessen bewußt ist. Daß König einen ausgerechnet von Hermes unterschriebenen Zettel ohne Siegel [8] für ein legitimes Meisterpatent der Fraternitas Saturni hält, beleuchtet ein wenig sein tatsächliches Hintergrundwissen über Interna des Saturnkultes jenseits bloßer Tratscherei. Wenn er aber um die Wertlosigkeit des Papiers weiß, beleuchtet das nicht nur ein wenig, sondern ziemlich grell die vermeintliche Seriosität seiner Darstellungen.

Auf Seite den Seiten 254 und 255 präsentiert König die Verkaufszahlen des Phänomen-Verlages, um die angeblich marginalen Verkaufszahlen für Crowleys Werke an und für sich zu belegen. Was König unterschlägt - und ich unterstelle, daß er das bewußt tut -, ist die Tatsache, daß der seinerzeitige Phänomen-Verlag ein Kleinstverlag war und zum Zeitpunkt seiner Recherche einer seltsamen Miniaturgruppe gehörte, die damals mit dem zumindest szenebekannten Resultat ihr Schicksal in die Hände eines obskuren Leihbischofs gelegt hatte und sich ob ihrer Bemühungen zur Erweckung einer "Church of Thelema mit Sakrament, Manifest und Katechismus" (Selbstaussage) in der Szene den Spitznamen "Thelema-Taliban" einhandelte, was dann in etwa auch das Bemerkenswerteste an ihr war. [9]
Aber gut – König jedenfalls präsentiert dem geneigten Leser die phänomenalen Verkaufszahlen für die Jahre von 1995 bis 2003 mit beispielsweise 1939 Stück für das Liber L. vel Legis, mit 1279 für Magick und mit 799 für ein Liber 77, womit er wohl das Liber 777 meint. Sagt das irgendetwas über den Verkauf von Crowleyana aus? Nein, das tut es nicht. Es wäre wenigsten ein Hinweis seitens des Herrn König angezeigt gewesen, daß diese Phänomen-Liste in keiner Weise repräsentativ ist. Kersken-Canbaz ist nunmal vor AGMüller Urania, der das Recht am Thoth-Tarot und dem dazu gehörenden Buch Thoth hält, der größte Anbieter von Crowley-Literatur, aber das kommt mit keinem Wort zur Sprache. Sagt das irgendetwas über die Verbreitung von Crowleyana aus? Nein, noch viel weniger, denn genausowenig erwähnt König, daß das Liber L. vel Legis sowohl auf der Webseite des OTO als auch auf vielen anderen Webseiten frei zugänglich und kostenlos zur Verfügung steht. Stattdessen weist Huettl drauf hin, daß die Broschüre der Hamburger Innenbehörde "Brennpunkt Esoterik - Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus" zum kostenlosen Download zur Verfügung steht, wobei ich deren Bezeichnung als "Aufklärungs- und Informationsschrift" durch Huettl doch etwas gewagt finde. Das Home CCXX-Liber Legis [10] der Communtiy My Event Horizon beispielsweise verzeichnet seit seiner Eröffnung März 2006 bis zum Zeitpunkt meiner Nachfrage (19.12.2007) 74.375 echte Zugriffe, dazu kommen noch die für die Netzseite liber-al-vel-legis.de als Stammseite für das Home, und das, obwohl beide Netzseiten vom Betreiber nur wenig beworben wurden.

Von all dem abgesehen war ich zumindest über die Verkaufszahlen des Buches, das der Phänomen-Verlag als Liber L. vel Legis verkaufte, erstaunt, und zwar über deren Höhe. Ich hätte in Anbetracht des, nun ja, unternehmerischen Potenzials des Verlages und unter Berücksichtigung der Qualität der Übersetzung des Buches mit deutlich weniger gerechnet, denn die von Frau Peyn und Herrn Löffler erstellte Übersetzung des Liber L. vel Legis ist dermaßen schlecht, daß sie über den enormen Trashfaktor fast schon wieder gut ist - als Groteske. Frau Peyn hat versucht, das Buch wörtlich, ich meine wörtlich wörtlich, zu übersetzen und das Ergebnis ist zwar ein echter Brüller, deshalb habe ich es mir auch gekauft, hat aber mit einer Übersetzung nichts zu tun, es ist schlicht nicht mehr lesbar. Dieses Bild zeigt ein kleinen Auszug daraus.

En passant ist Königs Statistik als Bestätigung – wenn auch nicht in dem Maße wie erhofft - meiner damaligen Vermutung beim Erwerb der Schwarte interessant, daß meine Ausgabe des phänomenal peynlichen Liber L. vel Legis tatsächlich irgendwann Sammlerwert haben wird. Ich werde versuchen, sie von meinem Myspacefreund Lon Milo signieren zu lassen. *g*

Angesichts des von König permanent wiederholten Vorsatzes, nach journalistischen und gar wissenschaftlichen Kriterien arbeiten zu wollen, angesichts der Tatsache, daß er den bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten zuarbeitet, halte ich solche Fehlaussagen, die manipulative Verwendung wertloser Statistiken zum Zweck der Generalisierung und Pauschalisierung und die teilweise wüsten Spekulationen für fatal. An anderen Stellen fängt König einfach an zu schwurbeln, wenn ihm nichts anderes einfällt, was ich für ebenso fatal halte. Eine in die Hinsicht bemerkenswerte Stelle findet sich auf Seite 326, dort mußte König in angeblicher Ermangelung konkreter Dokumente passen, als ihn Huettl zu "einem undatierten Brief von vielleicht 2000" und den Zusammenhängen in bezug auf eine Anzeige in einem Okkultblatt befragte. Kann vorkommen, wobei König, wenn er die strukturellen Zusammenhänge wirklich so überblickte, wie er stets vorgibt, auch ohne Kenntnis der Dokumente wegen der prägnanten Namensreihung, die es in dieser Konstellation nur einmal für kurze Zeit gab, sofort hätte den Kontext erkennen müssen, zumal er selbst Mitglied in diesem Verein war, der das Blättchen publizierte. Und was tut König? Er schwurbelt stattdessen ein wenig über Arkandisziplin, wo es in Huettls Frage um eine Annonce als Stein des Anstoßes, also eine doch sehr öffentliche Sache, geht. Was im Kopf der Leser hängenbleiben dürfte, ist die Wendung "Arkandisziplin", die von den Weltanschauungsbeauftragten mit der angeblichen Verschleierung von Mord und Totschlag konnotiert wurde.

Was tut Peter-Robert König eigentlich, wenn er die Spermagnosis als angeblich zentrales und, wenn man seiner Darstellung folgt, fast alleiniges Element von Thelema konstituiert, und zwar für die Thelemiten in toto, was er nur hin und wieder beiläufig in einer handvoll Nebensätzen relativiert? Zunächst konstruiert er über die Spanne seines Textes in dem Buch einen ebenso banalen wie effizienten, weil in der Flut von Anekdoten und Schnurren leicht zu übersehenden Zirkelschluß [11]: Er definiert sein selbst gewähltes Arbeitsfeld quasi axiomatisch [12] als das, was er als das wirkliche Thelema bezeichnet und was per Definition spermagnostische Praxis beinhalten muß. Er schlußfolgert aus den unter dieser Axiomatik ausgewerteten Quellen, daß Thelema sich über spermagnostische Praxis definiert. Auffällig ist, daß König ausschließlich über eine handvoll Hochgradmitglieder aus einer handvoll Orden schreibt oder sie zitiert - und ohne Unterlaß auf den Thelemiten als solchen und überhaupt schließt, womit er praktisch 2 oder 3 Prozent auf den gesamten Rest der Thelemiten pauschalisiert. Die Spermagnosis ist nur ein Aspekt der Gnostik und die Gnostik wiederum ist nur eine von ungefähr 20 Strömungen, die Crowley in Thelema einbrachte. Das heißt, sie macht in Theorie und Praxis nur einen Bruchteil dessen aus, was Thelema ist. Auffällig ist, daß Reuß, Kellner, Metzger, Jantschik, Heikaus, kurz – so ziemlich alle "spermagnostischen Kronzeugen" Königs, nicht nur in der Mehrheit tot sind, sondern ausschließlich in den sehr eng gezogenen Grenzen ihrer jeweiligen Orden und Logen eine Rolle spielen und für größten Teil der Thelemiten der nachfolgenden Generationen - wenn überhaupt bekannt - völlig irrelevant sind. Tatsache ist, daß im deutschsprachigen Raum - und um den geht es in Huettls Buch - Orden und Logen der "spermagnostischen Kronzeugen" Königs nicht im Ansatz die Bedeutung haben, die König ihnen zumißt. Eben weil heute die nicht an Gradsystem und Arkandisziplin, weil die nur lose oder gar nicht an Gruppen gebunden Thelemiten nicht nur zahlenmäßig, sondern auch vom ideellen Output her überwiegen (was ich mangels Wissen in Bezug auf den angelsächsischen an dieser Stelle auf den deutschen Sprachraum beschränke), lohnt es weder in Hinsicht auf ihre personelle und materielle Ausstattung und schon gar nicht in Hinsicht auf ihren ideellen Output den Aufwand, den König in die Beschäftigung in diese Gruppen investiert. (Für die Fraternitas Saturni trifft das allein wegen Tegtmeiers Output nicht zu.)
Daß König es trotzdem tut und sein bis dato fast komplettes Erwachsenenleben damit verplempert hat, ist natürlich seine Sache. Jedem Sternchen sein Laternchen, würde der Thelemit in Anlehnung an Vers I/3 des Liber L. vel Legis sagen. Das aber als de facto definitives oder gar finales Investigationsresultat und quasi der Weisheit letzten Schluß zu nehmen, halte ich für ganz und gar unzulässig. Wer sich von der möglichen Spannbreite in Sachen thelemische Weltsicht einen Eindruck verschaffen will, der möge das Thelema-Heft des Magickal Observer lesen [13].

An dieser Stelle möchte ich die Erörterung mit Hilfe einer Hypothese fortsetzen - wir setzen der Einfachheit halber spermagnostische Praxis als Faktum voraus und nehmen als gegeben an, daß es Menschen gibt, die solche Praktiken wie die "cakes of light" benutzten, um was auch immer zu bewirken. Wir haben jetzt also eine handvoll Dokumente und Einlassungen inkl. der von Jantschik, die solches en detail und mit Namensnennung beschreiben. Huettls Intention war – wie oben schon erwähnt - der Nachweis, daß es regelmäßiges oder gar systematisches, kriminelles Handeln aus einem vordergründig und motivierend kausalen, esoterischen und/oder okkulten Grund nicht gibt, sein Part ist der juristische und somit rein exoterische Aspekt. Königs Aufgabe war als Sachverständiger für diesen Bereich die quasi Beweisführung von der esoterisch-okkulten Seite her. So weit - so gut. Die Intention ist klar, die Aufgaben sind definiert - und wir haben die Dokumente und Einlassungen, die das, was im Buch als Spermagnostik als spezielle Form sexualmagischer Praxis gilt, belegen sollen und von denen wir als gegeben annehmen, daß sie es tun.

Und nun? Belegen oder beweisen diese Dokumente und Einlassungen an und für sich und so genommen, wie sie vor uns liegen, in irgendeiner Weise, daß es kein regelmäßiges oder systematisches kriminelles Handeln aus kausal okkultem Grund nicht gibt? Nein, das tun sie nicht, sie beweisen nur, daß es diese Form sexualmagischer Praxis gibt - und nichts sonst. In dieser Konstellation ist nichts gegen die Möglichkeit systematischen, kriminellen Handeln belegt oder bewiesen. Wie funktioniert also Königs Methode, die Unwahrscheinlichkeit systematischen, kriminellen Handelns als schlüssig erscheinen zu lassen und sozusagen per "Indizienbeweis" in die Nähe eines tatsächlichen Beweises zu rücken? König erklärt kurzerhand – wie beispielsweise eingangs zitiert - den Okkultisten an und für sich für krank und zum psychopathischen Freak - er pathologisiert. Deshalb noch einmal meine Fragen - seit wann gelten Soziopathen als harmlos? Seit wann ist das bloße Zutrauen oder eben Nichtzutrauen, eine Art gefühlte kriminelle Energie sozusagen, eine irgendwie in beweisführender oder meinetwegen auch justiziabler Hinsicht relevante Kategorie?

Wieso behauptet König solch perfiden Dreck wie den eingangs zitierten? Ich kenne allerhand Thelemiten, aber keinen einzigen, auf den diese Beschreibung auch nur ansatzweise passen würde. Der eine oder die andere hat zwar einen Altar, einige wenige sogar einen kleinen Tempel, der ist aber nicht Katzen gewidmet und befindet sich nicht einmal in Sichtweise des Bettes. Einige haben zwar die Kabbala studiert, und das auch mal länger als zehn Jahre, aber nie 24 Stunden am Tag, Thelemiten kennen und praktizieren – wie alle anderen Menschen auch - von Anpassung bis zum rabiat durchgezogenen Alpha-Spiel sehr viel effizientere Methoden als Hypnose, um das Nörgeln eines Chefs abzustellen. Es reicht keineswegs aus, hier oder da festzustellen, daß nicht alle Thelemiten auf Kekse onanieren und daß nicht alle Okkultisten Freaks, Psychopathen oder Soziopathen sind. Das reicht so wenig aus, wie es absolut und bis hart an die Infamie unzureichend wäre festzustellen, daß nicht alle Katholiken Kinderschänder sind, daß nicht alle Christen bigotte Irre sind, die Tag für Tag ihre Kinder und Frauen züchtigen, daß nicht alle Moslems Sprengstoffgürteil als Accessoir präferieren. Die Beschäftigung mit esoterisch-okkultem Wissen ist genauso viel oder wenig obskur, wie es die Beschäftigung mit Bibellektüre, Katechismus, Koran, Hadits und Kirchendogmen egal welcher Religion ist. Die Ablehnung einer angeblich christlichen Moral, die weder primär noch originär eine solche ist, bedeutet nicht die Ablehnung westlicher und demokratischer Werte per se, auch ohne die Anerkennung christlicher Werte ordnen sich Esoteriker und Okkultisten in Konsens und Kontext unserer Gesellschaft ein, und zwar nicht zuletzt aus wohlverstandenem Eigeninteresse.
Die Praktizierung sexualmagischer Techniken ist genauso viel oder wenig obskur wie das Verbot des Geschlechtsverkehrs inklusive aller bekannten, physischen Varianten zur Selbstbefriedigung, das die größte und wahrscheinlich älteste Sekte der Welt ihrer Priesterschaft und ihren Amtsträgern, sofern sie keine Laien sind, auferlegt - sie ist schlicht Privatsache und von keinerlei öffentlichen Interesse, solange geltendes Recht geachtet wird und Dritte weder signifikant beeinträchtigt oder gar geschädigt noch zu irgend etwas genötigt oder gezwungen werden. Esoterik und Okkultismus bilden einen Querschnitt durch die Gesellschaft ab, wie auch alle anderen Religionen und Glaubensbekenntnisse das tun. Deshalb finden sich da, wie überall sonst auch, Kriminelle. Aber sie sind in ihrer individuellen Verantwortung als Menschen kriminell geworden und als nichts sonst. Sie bedürfen keiner Sonderbewertung, sondern ausschließlich der, die das Recht dafür parat hat. Ebenso psychisch instabile oder psychotische Menschen, sie sind krank und bedürfen medizinischer und keinesfalls weltanschaulicher oder okkultforschender Begutachtung und Behandlung. Wobei mir klar ist, daß der Teil psychisch instabiler Menschen in der esoterisch-okkulten Szene höher als im Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung ist. Aber das trifft ebenso auf alle anderen Bekenntnisse mit intensiveren Glaubensmustern und damit spirituellen Erfahrungen zu, als sie z.B. die Evangelische Landeskirche Berlin/Brandenburg zu bieten hat.

Zwar geht Huettl, außer in seinem Haupttext, gerade auf den Seiten 302ff. und 309ff auf diese Punkte ein. Es geht nur leider unter in dem Berg von "Fakten", den König so hoch stapelt, daß definitiv kein Leser, der mit dem Sujet nicht tiefer vertraut ist, noch drüber hinweg sehen, also Zusammenhänge und Kontexte erkennen kann. Es rutscht weg unter die nachfolgenden Erörterungen in Sachen Messen, Opferungen und Rituale, bis auf Seite 336 das obige Zitat folgt, das bis dahin systematisch aufgebaut wurde und dessen Motiv, wenn ich nicht irre, später noch einmal wiederholt wird. Dabei entwickelt König eine Vorgehensweise, die man als geradezu typisch bezeichnen kann: Einige Fakten mit Gerüchten und nicht belegten Aussagen, also reinem Hörensagen, vermischt, Dramatisierung des Ganzen und Dekorierung mit reichlich Sex bzw. dem, was König darunter versteht, gerne auch mit einem Finalattribut a la "totalitär" gewürzt und am Ende Bagatellisierung in einer beiläufigen Anmerkung a la "nur wenige", "selten berichtet", "nicht schlimm", "keine Folgen", was freilich und vermutlich bei keinem Leser wirklich ankommen wird. Beispielhaft seien die Seiten 186ff. "Crowley, immer in Geldnöten..." dafür erwähnt. Das bekäme Bild nicht besser hin, das ist Yellow Press in Reinkultur. Er bringt es fertig, eine ganze Seite (321) das megalomanische Schwadronieren zweier Knallchargen zu zitieren, natürlich ohne Quellenbeleg. Warum zitiert er nicht Crowleys Schrift "Über die Pflicht"? [14] Warum nicht Crowleys Meinung zu den sexualmagischen Experimenten, die Jack Parsons und Ron Hubbard in der Wüste von Nevada abhielten?

"Apparently Parsons or Hubbard or somebody is producing a Moonchild. I get fairly frantic when I contemplate the idiocy of these louts."
Crowley am 19.04.1946 an Karl Germer

Warum zitiert er nicht John L. Crow [15][16][17], wie der den "members of the Eschner-group" die Leviten las und ihnen ein paar Takte in Sachen sozialer Urteilsbildung und Verantwortung flüsterte, als die in seinem damaligen Forum Thelema.nu anläßlich des 100jährigen Liber-L-Jubiläums Werbung für die Thelema Society machen wollten - und nach dieser Standpauke wie die begossen Pudel wieder abtrabten, um sich in ihrem seinerzeitigen Forum über den ach so bösen OTO auszuheulen, daß ich dachte, sie würden König channeln.

"Thelemites CAN and SHOULD judge. How else can they determine what is right and what is not; what is within their will and what is not. The choice is clear; either you stand above the masses or you are one of them. A KING stands above the crowd and is not afraid of judging or being judged. If any be a King, then the judging will see nothing but honor, integrity, virtue and right action. If this is not the character of the person being judged then they will be seen for the beggar they are. A King can choose to go as they will; a beggar cannot hide their weakness."
John L. Crow im früher unter der Domain thelema.nu befindlichen Thelemaforum

Das Peter-Robert-König-Phänomen Das grundsätzliche Problem an Königs Darstellung ist, daß er folgendermaßen vorgeht: Er hat, wie oben erläutert, ein Axiom formuliert, das von der Spermagnosis als zentrales Element von Thelema. Wir nehmen immer noch als gegeben an, daß es eine Reihe Dokumente und Aussagen gibt, welche die Existenz eines solchen Phänomens belegen. König selektiert das verfügbare Material und ordnet es so an, daß daß die Spermagnosis als zentraler Inhalt von Thelema erscheint. Daneben und drumherum drapiert er Dokumente, die Obskuritäten und Schrulligkeiten der verschiedensten Art präsentieren, aber als Rahmen um die spermagnostischen Dokumente eine Tapete des Irrsinns als Gesamtkontext ergeben. Alle anderen Dokumente, wie die eben angeführten Beispiele, werden entweder schlicht ignoriert oder sie werden so unter den Dokumenten das Wahnsinns plaziert, daß allenfalls ein Eckchen hervorschaut. Ich denke, das hat in Königs Darstellung taktische Gründe, denn der reine und nackte Wahnsinn wirkt - permanent zelebriert - auf Dauer unglaubwürdig. Weil das nicht reicht, um im konkreten Fall ungefähr 300 Buchseiten zu füllen, werden Leerstellen mit Klatsch und Tratsch, mit Schwänken und Banalitäten so zugepflastert, so daß keiner wirklich sagen kann, was echt oder - von wem auch immer - erfunden ist und ob irgendetwas tatsächliche Aussagekraft hat. Wo noch Platz ist, klebt König reines Meinen und Dafühalten hin und deklariert das als Nicht-Interpretationen Crowleyscher Einlassungen (Seite 313). Am Ende steht der Leser, köcheltief in den Verbalsekreten aus Königs Mentalejakulationen watend, in einem vollständig mit Textfragmenten und hin und wieder mit Bildern tapezierte Kubus und während König – der selbsternannte Großmeister des Codes - auf die Versatzstücke deutet und sie mit Wendungen wie "nur wenige", "selten berichtet", "nicht schlimm", "keine Folgen" kommentiert, wähnt sich der Leser in einem Panoptikum des kompletten Wahnsinns und sucht verzweifelt nach dem Ausgang.

"Der Dumme führt sich auf, als wäre er Herr über das Ding. Der Idiot, als wäre er Herr über den Code. Dem Dummen kann es passieren, daß er vom Hundertsten ins Tausendste gerät und [...] in eine endlose Suche hineinschlittert. Der Idiot laßt sich nicht so leicht aus der Fassung bringen; er urteilt, ohne selbst beurteilt zu werden; die Erfahrung kann ihm nichts anhaben, selbst wenn sie ihn zu widerlegen scheint, denn diese Widerlegungen sind ja auch zu interpretieren. Und wer soll dies tun? Wer, wenn nicht er? Die Idiotie ist ein höchstinstanzliches Gericht; in ihr findet die verunsicherte Dummheit ihre Daseinsbedingung, nämlich die sichere Ruhe."
André Glucksmann: Die Macht der Dummheit, Ullstein Sachbuch 1988, Seite 265

Was König also tut: Er verifiziert nicht etwa eine Hypothese anhand aller zur Verfügung stehenden Dokumente und Aussagen und findet sie am Ende bestätigt oder nicht, wie das, wenn man einen wissenschaftlichen Anspruch behauptet, sein sollte, sondern er wertet einen Bruchteil der zur Verfügung stehende Dokumente und Aussagen so aus, daß er glaubt, sein Axiom in jedem Fall bestätigt zu haben, was natürlich schon deshalb Unsinn ist, weil Axiome nicht bewiesen werden können und sollen. Tatsächlich generiert König ein Dogma, nur haben Dogmen aber keinerlei Beweiskraft. Königs permanent zum Vortrag gebrachter Verweis auf noch auszuwertendes Material ist deshalb obsolet, weil die Qualität des Materials seit zwanzig Jahren dieselbe ist und der größere Teil an Dokumenten und Aussagen unter den Tisch fällt, weil er eben nichts enthält, was sich als spermagnostisch oder potentiell irrsinnig interpretieren läßt. Hier schließt sich der Kreis zu der Frage am Anfang dieses Abschnitts, wie die Königsche Beweisführung funktioniert.

Daß Peter-Robert König ein echtes Problem hat, Dokumente und seinerzeitige Ereignisse im Licht des jeweiligen historischen Kontext zu bewerten, habe ich schon erwähnt. So kommt es immer wieder vor, daß er beliebig Äußerungen von Szeneprotagonisten herausgreift und sie völlig dekontextualisiert als Zeugnis vermeintlich autoritärer, autokratischer, faschistischer oder gar totalitärer Gesinnung präsentiert. In "Satan - Jünger, Jäger und Justiz" hält sich König bis auf drei, vier Passagen weitgehend zurück, auf seiner Netzseite hat er, wie es scheint als Reaktion auf Pasis Buch, eine ganze Seite auf diese Weise zusammengestellt. [18] Auffällig ist hier einerseits neben der Tatsache, daß er mit zweierlei Maß mißt und beispielsweise mit der Theosophie oder mit Steiner sehr viel gnädiger ist, die Diskrepanz zwischen seinem Anspruch und seinen immer wieder selbst getätigten Äußerungen zumindest fragwürdigen Zuschnitts. Um einen historischen Bezug herzustellen, wäre ein Verweis auf die in der damaligen Zeit übliche Geisteshaltung erforderlich gewesen, was nichts entschuldigen kann und soll, aber einiges zu erklären vermag. Ich habe im Kasten als Beispiel einige Zitate aus einem Schulbuch von 1912 zusammengestellt.

Das Peter-Robert-König-Phänomen Das Peter-Robert-König-Phänomen "Das heutige britische Volk ist, abgesehen von Kelten in Wales, Nordwestschottland und Irland, deutscher Abkunft. [...] Das Seeleben hat Kraft und Selbständigkeit, Energie, Wagemut und zähe Ausdauer erzeugt. [...] Zu der leidenschaftlichen Hingabe an Bewegungsspiele gesellt sich die Reiselust [...]. In der Politik neigt das englische Volk, dem der Vorteil seines Vaterlandes über alles geht, zu Selbstsucht und rücksichtsloser Handlungsweise.
Der Italiener ist heißblütig und rachsüchtig, sparsam und bescheiden, gewerbetüchtig und zum Handel geschickt. [...] Weil das Volk wanderfroh ist, ziehen zahlreicher Italiener in die Nachbarländer als Steinmetzen, Erdarbeiter und Händler mit Gipsfiguren.
Die Russen zeichnen sich aus durch Sinnigkeit, Gemütstiefe und Nationalstolz, vereinen mit Höflichkeit und Unterwürfigkeit große Verschmitztheit, leben überaus genügsam, ermangeln aber der rechten Tatkraft und neigen zu Trägheit und Trunksucht. Der Geist der Russen ist unselbständig, [...] Bildungs- und Forschungstrieb fehlt.
Die Bewohner der Halbinsel [Anm. Kupfer: Gemeint ist die Pyrenäen-Halbinsel.] sind römisch-katholisch. Bei aller Glut des Temperaments sind sie steif-vornehm, stolz, aber bedürfnislos und großenteils ohne Lust zur Arbeit, daher von niederer Bildung und meist geringem Wohlstand. Groß ist ihre Leidenschaft für den Stierkampf."

Ernst von Seydlitz: Geographie, Ausgabe G in 5 Heften nebst Vorstufe und Ergänzungsheft für höhere Lehranstalten, bearbeitet von Prof. Dr. A. Rohrmann, Ferdinand Hirt Königliche Universitäts- und Verlagsbuchhandlung, Breslau 1912

Wie weit sind denn folgende Aussagen von der im Kasten zitierten Engstirnigkeit entfernt:

"Die Zigeunerin, die Karten legt ist keine Okkultistin, keine Magierin. Ihr Zigeunerzelt ist kein magischer Kreis [...]."
"Natürlich muss ein Ethnologe ein paar Stammesrituale mitmachen, um seine Erlebnisse nachher in seinen Berichten spiegeln zu können: Wie werde ich Häuptling der Rothäute?"
"Erstaunlicherweise versuchten viele Anwesende, Crowley als Poeten ernst zu nehmen. Italienische Schauspielerinnen, oder was Italiener dafür halten, solange sie freizügige Kleider tragen, intonierten Crowley-Gedichte."

[alle Zitate aus Andreas Huettl, Peter-R. König: "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", Kreuzfeuer Verlag 2006, Seite 125, 165f, 180]

Richtig, keinen Millimeter, König muß sich auch an dieser Stelle die Frage gefallen lassen, ob er eigentlich weiß, was er da schreibt. Dieser Rückgriff auf banale Klischees, die Konstruktion von Wertungen aus dem Fundus seiner Aversionen und Ressentiments, zieht sich durch seinen ganzen Text in "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", aber auch im Remix, sobald er aufhört, Zitate und Anekdoten aneinander zu reihen und beginnt, Schlüsse zu ziehen und Wertungen zu treffen. Er begegnet einem de facto immer, wenn König meint, sich zu Crowleys Sexualität äußern zu müssen, was dann immer irgendwie so klingt:

"Selbstverständlich denken Italiener, dass Crowley ein Frauenheld war und ignorieren dabei völlig die Tatsache, dass Crowleys Vorlieben dem Oral- und Analverkehr mit Männern galten." (Seite 180)

Abgesehen von dem extrem dämlichen Klischee "Italiener – Frauenheld" mag es ja sein, daß Königs psychologische Studien nicht lange genug dauerten, als daß ihm einer hätte erklären können, daß die Grenzen zwischen hetero- und homosexueller Neigung beim Menschen fließend sind und kein Mensch als für all seine Lebenseit auf entweder die eine oder aber die andere Neigung festgelegt auf die Welt kommt, weswegen das als Grunddisposition anzunehmen ist, was man landläufig Bisexualität nennt. Aber was geht König Crowleys Sexualität an? Was geht König irgendjemandes Sexualität an? Aber dann herumjammern, wenn es so aus dem Wald zurückschallt, wie er hineinplärrt und im Ergebnis Mutmaßungen über Königs sexuelle Präferenzen durchs Netz geistern.

Ich fürchte, daß König seine Sprüche in der oben zitierten Art lustig findet. Nun ja, es ist die Art bräsig-dumpfschädeliger Humor, der sich beim mentalen Prekariat am Stammtisch mit Erreichen des 1-Promille-Pegels einstellt, ab dem zweiten Promille wird es dann richtig vulgär. Es ist einfach nur widerlich.

Kommen wir noch einmal zur Politik. In "Satan - Jünger, Jäger und Justiz" äußert sich König an zwei Stelle etwas ausführlicher zum Thema Totalitarismus. Von Huettl nach seinem "Einstieg in die okkulte Welt" gefragt (Seite 156f.), verstieg er sich zu der bemerkenswert sinnfreien Äußerung, er habe von seiner Mutter "eine tiefsitzende Abscheu gegenüber totalitären Lebenssystemen" geerbt. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen - "totalitäre Lebenssysteme"! Wenn Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili aka Stalin das lesen könnte - endlich hat mit dem feinen Herrn Peter-Robert König einer begriffen, daß seine Todesherrschaft, die geschätzte 30 Millionen Menschen das Leben kostete, eigentlich ein "Lebenssystem" war. Auf Seite 187f. läßt es der Peter-Robert König in Sachen Totalitarismus richtig krachen:

"[...] Diese Konzeption des O.T.O. als ein auf einen Führer ausgerichteten Bund zeigt sich durchweg in der Betonung von Symbolen und Ritualen, im Personenkult und in einer gemeinhin romantisch-irrationalen Selbstdarstellung. Das Totalitäre findet sich theoretisch auch in der gewünschten Transzendierung Thelemas [...] Nichtsdestotrotz gebärden sich die heutigen Führer der verschiedenen O.T.O.-Variationen immer noch als Tyrannen [...] Wehe, es wagt jemand, dem Tyrannen zu widersprechen, dann werden anonyme Informanten herangezogen, es findet eine Art Anhörung ohne Zeugen statt und der Übeltäter bekommt keinen Anwalt zur Verteidigung [...] Untere Grade lässt man jammern, privat oder in den Internetforen, oder wo auch immer, und ignoriert sie [...] Und was passiert mit den Schuldig-Gesprochenen? Wird man auf dem Scheiterhaufen verbrannt? Nein, nein. Man wird aus dem O.T.O. verstoßen. Mehr passiert nicht. So ähnlich ist es im Sommer 2006 geschehen. Etliche Hochgradmitglieder, die seit 20 Jahren im Caliphat sind, wagten es, öffentlich Breezes Leitung des O.T.O. zu kritisieren. Und prompt wurde ihnen nahe gelegt, auszutreten."

So lustig kann Totalitarismus also sein, wenn man Peter-Robert König heißt. Ich weiß nicht, warum König das tut. Aber ich weiß, was er damit tut. Mit dem Historikerstreit 1986 und 1987 und später stärker noch nach der sog. Wende kam eine fatale Neigung zum inflationären Gebrauch der Charakterisierung aller möglichen Strukturen als totalitär in Mode. Die Ausweitung des von Giovanni Amendola geprägten und von Hannah Arendt in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" wissenschaftlich ausgearbeiteten Begriffs auf diverse andere politische Strukturen wie den real existierenden Sozialismus zum Beispiel in der nachstalinistischen Sowjetunion oder der DDR - daran entzündende sich im Sommer 1986 der oben genannte Historikerstreit - wurde und wird vorzugsweise von der politischen Rechten betrieben, um der "Entsorgung der deutschen Geschichte", wie Hans-Ulrich Wehler das nannte, Vorschub zu leisten. Er wurde de facto zum Lieblingsbegriff der sog. Neuen Rechten, die so viele totalitäre Regime und Strukturen ausmachte, daß in ihrer Argumentation schlußendlich der deutsche Nationalsozialismus nichts mehr war, dem besondere historische Bedeutung zukäme.

Wer auf diesem Phänomen Trittbrett fährt, um andere zu diffamieren und herabzusetzen, wer - wie diverse der sogenannten Weltanschauungsbeauftragten - den Begriff vom Totalitarismus wider besseres Wissen benutzt, um religionsideologische und kirchenpolitische Süppchen zu kochen, macht sich zum Wasserträger der Rechten. Darüberhinaus bedeutet diese Beliebigkeit aus Opportunitätsgründen von der Opferseite her betrachtet, die Leiden der Opfern der KZs, Gulags und Killing Fields zu banalisieren.

Aleister Crowley war vom Gnostizismus und der Theosophie recht stark beeinflußt und hat diverse Elemente der beiden Strömungen adaptiert und weiterentwickelt. Er wußte offensichtlich um die der gnostischen Ideologie innewohnende Gefahr und einer seiner ganz großen Verdienste ist es, dem Modell von der Seelenteilung das selektiv differenzierende Element genommen und es zu seinem Modell vom Menschen der Erde, dem Liebenden und dem Einsiedler transformiert zu haben, das die drei Ebenen als gleichwertige Entwicklungspotentiale in jedem Individuum anlegt, was dann mit Vers I/3 des Liber L. Legis "Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern." korrespondiert. Das ist schlicht genial, Crowley hebelte - ohne daß er es zu jener Zeit als solches gekannt oder gar benannt haben konnte - das totalitäre Element komplett aus und läßt den ideellen Kern des Entwicklungspotentials dabei nicht nur unbeschadet, sondern entwickelt ihn darüberhinaus als thelemischen Weg weiter.

Als ich "Satan - Jünger, Jäger und Justiz" geschenkt bekam, las ich Huettls Ausführungen im ersten Teil mit ziemlichen Vergnügen, man könnte es fast schon Begeisterung nennen. Dann kam Königs Part - und es wurde furchtbar. Ich quälte mich förmlich durch seinen Text, noch viel schlimmer wurde es mit dem "O.T.O. Phänomen Remix", es ist eine endlose Litanei von Anekdoten, Schwänken und Schnurren aus dem Leben oftmals schon toter Männer und Frauen, die - sowohl jeden für sich genommen als auch in ihrer Summe - völlig belanglos und für nichts auf dieser Welt von irgendwie weiterführendem oder gar anschlußfähigem Interesse sind und die dem Leser, was die Bewertung angeht, durch den Filter königlicher Klischees, Aversionen und Ressentiments aufgenötigt werden. Es sind endlose Schilderungen, wer wem was irgendwann in Sachen Logenpolitik, Pöstchenschieberei, persönlicher Streitereien Fehden mitgeteilt, zugedacht, abgenötigt oder vorenthalten hat, in die weitestgehend zusammenhangslos Dokumente esoterisch-okkulter Erkenntnisgewinnung eingestreut sind. Insgesamt bleibt Königs Darstellung merkwürdig struktur- und formlos und man fragt sich immer wieder, was der feine Herr König der Welt mit diesem Monument der Begehrlich- und Eitelkeiten - denen seiner Protagonisten und natürlich seiner eigenen - eigentlich mitteilen will. Daß da andere eine Sexualität präferieren, sei es zu ihrem Vergnügen, sei es für magische Zwecke, die König - aus welchen Gründen auch immer - nicht mag? Wen interessiert das – außer denen, die das Zeug nach dem Motto "Sex sells" einer Zweit- und Drittverwertung zuführen, um ihr eigenes Süppchen zu kochen?

Dann kaufte ich mir das Buch von Marco Pasi, und zwar eigentlich nur deshalb, um nachzulesen, was da seinerzeit eigentlich wirklich war mit der Martha Künzel. Was soll ich sagen - die Lektüre von Pasis Buch ist außerordentlich informativ und nachgerade inspirierend, besonders nach der Zumutung durch die Lektüre der königlichen Ergüsse, die durchaus das Zeug haben, als Ersatz für jüngst ausgemusterte Werkzeuge fortgeschrittener Psychofolter zu dienen – eine Endlosschleife mit der Rezitation von Königs "Die McDonaldisation der Occultur" (Allein schon der Titel!) in Guantanamo, das bringt jeden noch so verbohrten und verstockten Terroristen aus der Fasson, und zwar aus nackter Verzweiflung. Nachdem man die Lektüre von Königs Werken zwar arg angeschlagen, aber ansonsten weitgehend unversehrt überstanden hat, ist Pasis Buch ein wahrhaftes Lesevergnügen ist und es bietet alles, was man bei König vermißt. Es hat ein klar definiertes Anliegen, das Pasi systematisch, strukturiert und immer in bezug auf den historischen Kontext ausarbeitet. Er tut das sehr detailliert, ohne sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Alle Schlußfolgerungen und Bewertungen werden argumentativ hergeleitet und an Quellen belegt, wobei Pasi nicht bis zur Beliebigkeit zerkleinerte Zitatfitzelchen verwendet, sondern darauf achtet, daß der Zusammenhang erkennbar bleibt. Alle Quellen sind akribisch belegt und referenziert, das Buch hat ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis sowie ein Personenregister. Kurz – es ist das exakte Gegenteil von dem, was König dem Leser zumutet. Daneben ließt es sich flüssig und ist von der ersten Seite bis zur letzten spannend, während Königs Texte zu allem Überfluß sterbenslangweilig sind, sofern man nicht eine ausgeprägte Neigung als Spanner hat oder gar die Lindenstraße für hohe Kultur hält.

Der für das Ergebnis wichtigste Unterschied zwischen Peter-Robert Königs Darstellungen und den hier beispielhaft als positiver Kontrast zitierten Darstellungen Pasis ist aber der, daß König einerseits - aus welchem Grund auch immer - nicht im Ansatz die zur sachgerechten Bewertung erforderliche, innere Distanz zum Objekt seiner "Studien" aufbringen kann und andererseits das ebenso erforderliche Verstehen des als Gegebenheit oder Erscheinung Fassbaren nicht zu leisten vermag, was seine sachlichen und interpretatorischen Fehlleistungen bezeugen, von denen ich oben einige erörterte. Stattdessen hält es Peter-Robert König offensichtlich für angemessen, sich nach vollbrachter Zitatenhuberei der fortgeschrittenen Spökenkiekerei zu widmen, was dann in "Satan - Jünger, Jäger und Justiz" in so ziemlich jedem Fall ins Denunziatorische, in das fingerwedelnde, penetrant geschwätzige "Ich weiß was, ich weiß was!" abrutscht.

Ich weiß nicht, ob König Pasis Buch wirklich gelesen hat, er erweckt mit seiner Netzseite "Das Milieu des Templer Reichs Die Sklaven Sollen Dienen" (So heißt das Teil wirklich!) zumindest nicht den Eindruck, daß er es verstanden haben könnte. Immerhin stellt er einen längeren Auszug aus Pasis Buch auf einer anderen Seite [19] zur Lektüre zur Verfügung, was die Frage aufwirft, warum er seine Ansichten in Sachen Totalitarismus nicht ein wenig in Richtung Sachlichkeit korrigiert hat. Sei's drum – Pasi argumentiert Crowleys Weltsicht und Motivation im historischen Kontext, wie der nachfolgende Auszug belegt.

"Offenbar war das, was Crowley am Nationalsozialismus sowie am Kommunismus zusagte oder was ihn wenigstens neugierig machte, der antichristliche Angriff, die revolutionäre und gesellschaftlich umstürzlerische Tragweite dieser beiden Bewegungen. In deren subversiver Kraft sah er die Möglichkeit der Aufhebung der alten religiösen Traditionen, der Schaffung einer Leere, die das Thelema in der Folgezeit würde ausfüllen können. [...] Im übrigen konnte Crowley von dem Augenblick an, in dem er spürte, daß er auf religiösem Gebiet das „Neue" vertrat, ein etwaiges Bündnis mit dem, was damals im Guten wie im Bösen dieses „Neue" auf politischem Gebiet vertrat, ob es sich nun um den Kommunismus oder den Nationalsozialismus handelte, nur als natürlich empfinden. Beide schlugen radikale und ehrgeizige Projekte vor, die den Aufbau des Neuen durch die gewalttätige, wenn auch unvermeidliche Zerstörung des Alten vorsahen. Dies erklärt, warum Crowley, der [...] eigentlich ein geborener Antikommunist hätte sein müssen, vielmehr einige Sympathie für die bolschewistische Revolution hegte. Hier zeigt sich übrigens der pragmatische Aspekt, auf den ich mehrmals hingewiesen habe. Für Crowley hatte die Ideologie keine Bedeutung: Er war auf der Suche nach dem besten Instrument, um das Thelema zu verbreiten. In den beiden Regimen und vor allem in deren aggressiver Haltung gegenüber den christlichen Kirchen erkannte er ein Element der Übereinstimmung mit der neuen von ihm verfochtenen geistigen Strömung."
[Marco Pasi: Aleister Crowley und die Versuchung der Politik, Ares Verlag 2006, Seite 113, Fußnotennumerierung entfernt]

Abschließend sei noch angemerkt, daß sich Peter-Robert Königs Kenntnisse über esoterische, okkulte und magische Praxis in wirklich sehr überschaubaren Grenzen halten, in dieser Hinsicht ist man wahrscheinlich sogar bei Christiansen sachgerechter bedient. Ein Beispiel königlich-kabbalistischer Verwirrung habe ich oben schon kurz geschildert, ein ausführlicher dargestelltes für Königs Sachkenntnis in bezug auf saturnische Meisterweihen und Logenpraxis ebenfalls. Das zieht sich in dieser Weise durch das ganze Buch, beginnend beim Einstieg mit Königs Okkultismus-Definition (Seite 124f.) geht weiter über den Umstand, daß König offensichtlich mit der Golemlegende nicht allzuviel anfangen kann (Seite 147), und endet noch lange nicht mit der einfältigsten Entäußerung zum Thema Egregor, die zu lesen ich jemals das zweifelhafte Vergnügen hatte (Seite 230f.). Lesen Sie das selbst nach, sofern Ihnen der Sinn danach steht, ich lasse es hiermit dabei bewenden. Ich möchte als Kontrast zu Königs Geplapper noch eine Passage aus Pasis Buch zitieren:

"Erst seit 1909 [...] begann Crowley, seine Eide zu brechen. In jenem Jahr gründete er, nachdem er den A.°.A.°. ins Leben gerufen hatte, die Zeitschrift The Equinox, die das offizielle Organ des A.°.A.°. war. Darin wurden nach und nach alle ihm bekannten Rituale und Unterweisungen der Golden Dawn der Öffentlichkeit preisgegeben. Für Crowley war dies offensichtlich der Übergang zu einer andersartigen Betrachtung der Magie und der Geheimwissenschaften. Die Magie wurde zu einem Wissen für alle, von dem potentiell alle Gebrauch machen konnten; Geheimnisse waren nicht mehr nötig. [...] Der Hinweis auf die 'Demokratisierung der Magie' setzt nicht notwendigerweise eine Auswirkung auf die politischen Positionen Crowleys voraus, die, wie wir gesehen haben, komplexere und verschlungenere Wege gehen. Aber wir dürfen auch nicht denken, sie hätten keinerlei Beziehung dazu. Es ist klar, daß er ab einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens davon überzeugt war, daß es sein Ziel war, mit seinen Lehren eine möglichst breite Schicht zu erreichen und nicht nur eine esoterische Tradition mit einer geringen Anzahl von Anhängern fortzuführen.
[...] Crowley scheint sich stets darum bemüht zu haben, die 'Wissenschaftlichkeit' seiner Magie, seiner Mystik und auch seiner neuen Religion zu unterstreichen. Dies war keine besonders originelle Einstellung, wenn wir Crowley als einen Erben der englischen und vor allem französischen okkultistischen Strömungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrachten, was er auch tatsächlich war. Wir gebrauchen hier den Begriff 'Okkultismus' in einem bestimmten Sinn, um auf eine besondere Strömung innerhalb der Geschichte der abendländischen Esoterik hinzuweisen, die sich zu einer bestimmten Zeit herausbildet und die etwa von Eliphas Levi in Frankreich bis hin zur Golden Dawn in England reicht. Eines der Wesenszüge dieser Strömung war eine besondere Sorge um die 'Wissenschaftlichkeit' ihrer Lehre, die durchaus nicht als unvereinbar mir ihren 'okkulten' oder esoterischen Merkmalen, sondern, im Gegenteil, mit verschiedenen Abschattungen je nach Autor, als unentbehrlicher Bestandteil davon galt. [...]
Aus dem Gesagten läßt sich schließen, daß es für ihn zwei Arten von Magie gibt: Die eine ist die der Tradition, die negativ, weil antiwissenschaftlich, und empirisch ist, da sie nicht wie die Wissenschaft auf sicheren Gesetzen beruht, sondern nur tastend verfährt; die andere ist die neue von Crowley selbst gegründete Magie, die nicht mehr traditionell, sondern wissenschaftlich und somit positiv ist. Das Ziel, das er sich setzt, besteht darin, die erste Art von Magie zu zerstören und auf diese Weise, wenn sich seine Methode durchsetzt, die Kluft zu überbrücken, welche die Magie von der Wissenschaft trennt.
In erkenntnistheoretischer Hinsicht ist dieser Punkt wichtig. Hält man sich an seine Worte, so will Crowley - eher als daß ihm an der Wiederherstellung einer verlorenen Botschaft gelegen wäre, von der die esoterischen Traditionen einige Bruchstücke bewahren - einen Fortschritt der Magie, der Mystik, der Religion herbeiführen. Der Blick ist nicht rückwärts gewandt, sondern vorwärts. Mehr noch. Für Crowley hat die Wissenschaft die Magie nie akzeptieren können, gerade weil diese antiwissenschaftlich war. Deshalb ist der Wissenschaft aber die Möglichkeit abhanden gekommen, die vernachlässigten Aspekte des Wirklichen zu erforschen, die 'der profanen Forschung bisher unzugänglich' geblieben sind, da sie mit jener Art von Magie zusammenhingen. Aber mit der neuen Crowleyschen Methode wird es keine Kluft mehr zwischen Wissenschaft und Magie geben, und auch die 'profane' Wissenschaft wird die Mysterien des Daseins durchdringen können. Es ist interessant zu bemerken, daß sich der Aufruf zu Wissenschaft und Rationalität als legitimierendes Mittel für Crowley nicht nur auf die Magie beschränkt, sondern sich bezüglich des Thelema auch auf einer eigentlich politischen und gesellschaftlichen Ebene widerspiegelt."

[Marco Pasi: Aleister Crowley und die Versuchung der Politik, Ares Verlag 2006, Seite 127f., Fußnotennumerierung entfernt]

Ich kann das Buch nur empfehlen, was nicht heißt, daß ich nun in jedem Punkt Pasis Meinung befürwortete. Das Buch bietet viel mehr als nur Meinungskongruenz, nämlich Denkanregung und Inspiration, man kann sich argumentativ mit dem Buch auseinandersetzen, kurz – es ist im besten Sinne diskutabel.

Es sind häufig Mutmaßungen über den Menschen König, über seine Motivation, über das, was ihn umtreiben mag, angestellt worden, was König auch oft zum Besten gibt, und zwar ein bißchen zu oft, um ihm die behauptete Gleichgültigkeit gegenüber diesen Mutmaßen wirklich abnehmen zu können. Deren Resultate sind in der Regel sicherlich wenig freundlich bis dezidiert ordinär, aber immer auch irgendwie hilflos. Doch im Grunde ist es ganz einfach – alle Spekulationen über Königs Person sind vollkommen müßig, denn als solche ist er uninteressant. Von Interesse ist nur und ausschließlich, was König tut und eben nicht, was er ist oder glaubt zu sein. Seine Beteiligung an "Satan - Jünger, Jäger und Justiz" wäre für Peter-Robert König eine exzellente Gelegenheit gewesen, sein Anliegen und den tieferen Sinn seines Oeuvres jenseits der bloßen Aneinandereihung von Zitaten darzustellen. Diese Gelegenheit hat er gründlich verpaßt, was nur den Schluß zuläßt, daß sein Tun weder ein Anliegen noch einen Zweck hat, das bzw. der - außer für ihn selbst - von Relevanz wäre. Peter-Robert König beschloß offensichtlich irgendwann, die Mutter Beimer des Okkultismus zu werden und das ist ihm auch gelungen - na und?

© Neidthard Kupfer Dezember 2007 [20]

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Fußnoten und Quellen

[1] http://magickal-observer.de/tmo_0207.html
[2] http://home.medewerker.uva.nl/m.pasi/
[3] http://www.liber777.de/ss777/Seiten%20aus%20Sepher%20Sephiroth-2_13.jpg
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Origenes
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4resie
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Origenes#Wirkung_und_die_origenistischen_Streitigkeiten
[7] Epheser 5,12: "Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich."
[8] http://www.my-event-horizon.de/index.php?act=viewChapter&chapterID=4551
[9] http://www.phaenomen-verlag.de
Meine Aussagen gelten nur für die Zeit bis Ende 2003, also jenen Zeitraum, auf den König sich in seiner Statistik bezieht. Dem Vernehmen nach hat Frau Peyn heute eine sehr viel differenziertere Sicht der Dinge auf die seinerzeitigen Ereignisse und ihre ganz persönliche Rolle darin. Der Verlag selbst scheint sich unter neuer Leitung von den damaligen Turbulenzen einigermaßen erholt zu haben und hat mit Ken Wilber, Robert Anton Wilson und John C. Lilly Autoren im Programm, die ich schätze. Ob er auch wirtschaftlich reüssiert, vermag ich nicht einzuschätzen.
[10] http://www.my-event-horizon.de/index.php?ccxx-liber-legis
[11] Ein Zirkelschluss, auch Zirkelbeweis, circulus vitiosus (lat. fehlerhafter Kreis) oder hysteron proteron (altgriech. das Spätere vor dem Früheren), ist der Versuch, eine Aussage durch Deduktion zu beweisen, indem die Aussage selbst als Voraussetzung verwendet wird. Damit wird also eine These aus Argumenten abgeleitet und diese Argumente werden ihrerseits aus der selben These geschlussfolgert. Dies stellt eine Verletzung des Satzes vom zureichenden Grunde dar. Der Selbstbezug kann auch über mehrere Stufen geschehen, sodass der Zirkelschluss einem unvorsichtigen Betrachter, oder gar dem Urheber selbst, verborgen bleibt. Zirkelschlüsse sind in der philosophischen Logik keine legitime Form des logischen Schließens, es handelt sich um einen logischen Fehler. Sie werden aber dennoch gerne verwendet, um wissenschaftlich nicht haltbare angebliche Tatsachen, aber auch Glaubenselemente zu "beweisen" und so Anhänger für eine Idee bzw. Ideologie zu gewinnen. Um die Legitimität des Schlusses zu untermauern, wird der Zirkelschluss oft ergänzt durch die Widerlegung eines angeblichen oder stark verfälschten unhaltbaren Arguments der Gegenseite. Die Deduktion (von lat. deducere = herabführen) oder deduktive Methode ist in der Philosophie und der Logik eine Schlussfolgerungsweise vom Allgemeinen auf das Besondere. Genauer gesagt werden mithilfe der Deduktion spezielle Einzelerkenntnisse aus allgemeinen Theorien gewonnen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkelschlu%C3%9F
[12] Hier im Sinne des modernen formalen Axiombegriffs nach Hilbert ein zu Grunde gelegter, nicht abgeleiteter Ausgangssatz Die Evidenz oder der ontologische Status eines Axioms spielt keine Rolle und bleibt einer gesondert zu betrachtenden Interpretation überlassen. Ein Axiom ist dann eine grundlegende Aussage, die Bestandteil eines formalisierten Systems von Sätzen ist, ohne Beweis angenommen wird und aus der zusammen mit anderen Axiomen alle Sätze (Theoreme) des Systems logisch abgeleitet werden.
http://de.wikipedia.org/wiki/Axiom
[13] http://www.magickal-observer.de/tmo_0107.html
[14] http://www.oto.de/documents/pflicht.htm
[15] http://www.thelema.nu/
[16] http://www.thelemacoasttocoast.com/
[17] http://www.myspace.com/jlcrow
[18] http://user.cyberlink.ch/~koenig/2006/pro/peng.htm
[19] http://user.cyberlink.ch/~koenig/sunrise/pasi/politik.htm
[20] Erstellt am 20.12.2007, Korrektur am 23.12.2007, Korrektur und Ergänzung am 03.01.2008

Der Text wurde zuerst in der Publikation The Magickal Observer im Heft Dezember 2007 veröffentlicht.
Download: http://magickal-observer.de/tmo_0407.html


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