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Interview mit Sabine Weber, Präsidentin der Scientology Kirche Berlin e.V.

Geführt als E-Mail-Korrespondenz nach einem persönlichen Gespräch in der Niederlassung der Scientology Kirche in Berlin am 20.03.2008

Kupfer: Zunächst möchte ich mich noch einmal bei Ihnen für das sehr informative Gespräch bedanken, das Sie trotz meines eher überfallartigen Auftritts auf angenehm unbürokratische Art ermöglichten. Meine erste Frage – in welcher Funktion sind Sie in der Scientology Kirche tätig?

Weber: Seit Juli 2007 bin ich Präsidentin der Scientology Kirche Berlin e.V., gleichzeitig leite ich seit Januar 2007 das Presse- und Rechtsamt der Berliner Kirche.

Kupfer: Wann und wie sind Sie Scientologin geworden? Was bedeutet Ihnen Ihr Glaube und Ihre Mitgliedschaft heute für Ihr Leben generell und ganz konkret für Ihren Alltag?

Weber: Diese Frage lässt sich nur schwer in wenigen Sätzen beantworten. Ich bin seit über 23 Jahren Scientologin. 1983 wurde ich in San Francisco auf der Straße angesprochen. Ich machte einen Persönlichkeitstest, kaufte mir damals ein Buch und hinterliess meine Adresse in Hannover. Ich erhielt ein paar nette Briefe, antwortete aber nicht darauf. Zwei Jahre später wurde ich von der Scientology Mission in Hannover erst schriftlich und dann telefonisch eingeladen. Nach einigen verpassten Terminen besuchte ich die Kirche schließlich. Und dann ging alles relativ schnell. Ich nahm am Auditing teil, war begeistert, bedankte mich für die Rettung meines Lebens und ging wieder. Kurze Zeit später packte mich erneut die Neugier. Wenn ein wenig Auditing solch enorm positive Auswirkungen hat, was wird geschehen, wenn man sich noch bewusster über sein Leben wird. Etwa einen Monat später wurde ich Scientologin und schon bald darauf engagierte ich mich in der Kirche ehrenamtlich, dann hauptamtlich in verschiedenen Funktionen in Hannover, Hamburg, München und schließlich in Berlin.

Jeder Mensch träumt sicherlich davon, etwas Sinnvolles in seinem Leben zu tun und zu erreichen. Menschen dabei zu unterstützen, anderen effektiv zu helfen, ist die lohnendste Aufgabe, die man überhaupt haben kann.

Scientology ist eine gnostische Erlösungsreligion. Die meisten Fragen zu diesem Thema hat Ihnen mein Kollege Herr Busch aus Hamburg bereits beantwortet und ich werde sie hier nicht wiederholen.

In Scientology geht es um Wissen, Weisheit und Erkenntnis. Scientology umfasst das Studium der Seele, ihrer Gesetzmäßigkeiten und die Wege zu ihrer vollkommenen Befreiung, sprich ihrer Erlösung. In Scientology gehen wir davon aus, dass jeder Mensch alle Antworten auf die Fragen des Lebens bereits in sich trägt – inklusive der Frage nach unserem Schöpfer. Scientology beinhaltet einen Weg, um diese Antworten selbst zu finden, die durch Schmerz, Missverständnisse, Enttäuschungen und andere Umstände buchstäblich in Vergessenheit geraten sind. Wissen und Gewissheit führen zu innerer Ruhe und Gelassenheit. Man weiß, was zu tun ist und man versteht seine Mitmenschen. Je mehr man über sich selbst weiß, um so toleranter wird man gegenüber seinen Nächsten. Toleranz ist aber nicht im Sinne von Ignoranz gemeint, sondern beinhaltet die Gewissheit, der anderen Person helfen zu können. Vorausgesetzt, sie wünscht diese Hilfe.

Mein Leben richtet sich an der Frage aus, wie ich meine persönlichen Fähigkeiten bestmöglich einsetzen und steigern kann, um so vielen Menschen wie möglich zu helfen, ohne dabei meine eigenen seelischen Bedürfnisse völlig außer Acht zu lassen. Die Selbstaufgabe führt nicht zur Erlösung, noch kann man anderen auf diese Weise wirksam helfen.

Im Alltag bedeutet das für mich, die Fragen der Menschen zu beantworten, in der Regel von Journalisten, Religionswissenschaftlern, Studenten, Bürgern aus unterschiedlichsten Lebensbereichen. Ausbau unserer Kampagnen im Sektor Drogenprävention, Menschenrechtserziehung und Vermittlung von Werten für ein harmonisches Miteinander. Aufbau der karitativen Programme von Scientology im Sektor Bildung, Rehabilitation und Katastrophen- und Nachbarschaftshilfe, Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen und ihre Beendigung. Als Leiterin des Büros für Öffentliche Angelegenheiten (dies beinhaltet das Presse- und Rechtsamt) schließt dies auch den Schutz der Kirche, ihre Anerkennung und die Zusammenarbeit mit den Behörden ein. Ich hoffe, das gibt Ihnen einen groben Überblick.

Kupfer: Was würden Sie einem interessierten Leser auf die Frage antworten, warum Scientology für ihn gut bzw. gar hilfreich sein könnte?

Weber: Der Geist, der sich selbst versteht, ist der Geist eines freien Menschen. Scientology vermittelt die Antworten im großen und übergeordneten Sinn und hilft dem einzelnen Menschen, die konkreteren Antworten für sein eigenes Dasein selbst zu finden. Sie zeigt die Mechanismen auf der geistig-spirituellen Ebene und auf der Verstandesebene auf, und hilft dem Menschen, das vollständig zu verstehen und zu nutzen, was ihn so eklatant vom Tier unterscheidet und warum geschrieben steht, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf, d.h. seine Vernunft.

Scientology ist eine praktische Religion. Es geht um Wissen. Es geht darum, jede Situation des Lebens zu verstehen und aufgrund dieses Verstehens das Leben in seiner Vielfältigkeit und Unendlichkeit zu meistern und zu erhöhen.

Kupfer: Scientology versteht sich als Religion, Dianetik als Wissenschaft. Wo liegt für die Scientology Kirche im allgemeinen und für Sie ganz persönlich die Priorität? Lassen sich beide Aspekte – Religion und Wissenschaft – in der Lehre von Scientology überhaupt trennen?

Weber: Dianetik ist ein Teilgebiet der Scientology-Religion. Wenn L. Ron Hubbard von "Science" spricht, dann meint er damit eigentlich den Begriff "Wissen" oder "Wissensgebiet". Das englische Wort "Science" heißt nämlich in seiner Grundbedeutung in der englischen Sprache einfach nur "Wissen". Konkret verstand er den Begriff im Sinne eines logischen Ergründens von Wahrheit. Wissen, Weisheit und Wahrheit sind in den östlichen Religionen, in deren Selbstverständnis und Tradition die Scientology Kirche steht, immer Bestandteil der Religion gewesen. Bekanntlich tragen die ältesten Schriften dieser Welt den Namen "Weden" und das bedeutet "Wissen". Es sind zweifellos religiöse Schriften. Der Unterschied zwischen dem östlichen und dem westlichen Religionsverständnis besteht darin, dass man eine künstliche Trennung zieht zwischen der natürlichen Einsicht und dem übernatürlichen Glauben. Diese Trennung gibt es in den östlichen Religionen und damit auch in der Scientology Religion nicht.

Die Priorität liegt in der Scientology Kirche auf dem Aspekt Wahrheit. Wahrheit als ein Prozess des exakten und unverblümten persönlichen Hinschauens führt zu Erkenntnis und damit zu Wissen und Gewissheit. Und diese Gewissheit bezieht sich in Scientology natürlich auf die spirituelle oder übernatürliche Welt und umfasst auch ihre Auswirkungen auf das menschliche Leben in der materiellen Welt.

Kupfer: Es gab in den letzten Jahren einige Urteile, die der Scientology Kirche in verschiedenen Ländern den Status einer Religionsgemeinschaft oder der Gemeinnützigkeit zuerkannten, der Scientology in Deutschland verweigert wird. Welche Bedeutung hat diese Entwicklung in anderen Ländern für den Status der Scientology Kirche in Deutschland?

Weber: Allein in Deutschland gibt es über 50 Gerichtsentscheidungen, die Scientology als Religion anerkannt und unter den Schutz des Artikel 4 Grundgesetz gestellt haben. Dass deutsche Behörden bemüht sind, diese Urteile gegenüber der breiten Öffentlichkeit zu ignorieren, ändert nichts an der Tatsache, dass diese Urteile seit langem existieren. Zuletzt hat das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 15.12.2005 bestätigt, dass es sich bei Scientology um eine religiöse Lehre im Sinne des Art. 4 GG handelt. An die Gemeinnützigkeit sind eine Reihe von anderen Bedingungen geknüpft und neuerdings auch die Erwähnung im Verfassungsschutzbericht. Diese unsinnigen Unterstellungen und Verdrehungen der Lehre von Scientology müssen wir also auch noch ausräumen. Langfristig ist es überhaupt keine Frage, dass auch diese den Scientology Kirchen in Deutschland zuerkannt werden muss.

Kupfer: Welche Pläne hat die Scientology Kirche für ihre künftige Tätigkeit in Deutschland? Ich meine damit konkret den Punkt der Entwicklung von Sozial-, Pflege- und Hilfsprojekten, wie Sie es in unsererm Gespräch ansprachen.

Weber: Diese Frage habe ich oben glaube ich erschöpfend beantwortet. Die Scientology Kirche ist derzeit in über 160 Nationen der Welt tätig. Deutschland ist ein großartiges Land mit wundervollen Menschen und sehr viel Potential. Hier finden wir Menschen, die, wenn sie sich einmal zu etwas entschlossen haben, es in Teamarbeit um- und durchsetzen können.

Die faktisch nicht vorhandene Trennung von Kirche und Staat ist in Deutschland ein Problem für religiöse Minderheiten. Aber ich bin sehr optimistisch, dass es gemeinsame Lösungen geben wird.

Die Menschen brauchen unsere Lösungen in den angesprochenen Sozialbereichen und daher werden sich diese karitativen Programme auch durchsetzen. Denn sie bieten wirkliche und effektive Lösungen für die Probleme des einzelnen betroffenen Menschen.

Kupfer: Die Scientology Kirche und ihre Mitglieder sehen sich in Deutschland eigentlich tagtäglich mehr oder minder scharfen Angriffen seitens der sogenannten Kritiker ausgesetzt, insbesondere durch die bestallten oder selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten. Hat das Ihrer Erfahrung nach auch Konsequenzen für das Leben der Scientologen, sei es in der Familie und im sozialen Umfeld, sei es im Beruf? Wie hilft Scientology in solchen Fällen den betroffenen Mitgliedern?

Weber: Ende der 1980er und bis zur Mitte der 90er Jahre war die Stimmung durch die Weltanschauungsbeauftragten der Amtskirchen – insbesondere aber der Evangelischen Kirche – so aufgeheizt worden, dass es verstärkt zur Diskriminierung gegenüber einzelnen Mitgliedern kam. Dies verstärkte sich Anfang der 1990er Jahre, nachdem der Verlag New Era eine massive Werbekampagne für das Buch DIANETIK begonnen hatte. Außerdem waren die Scientology Kirchen in Hamburg, Frankfurt, Stuttgart und München in größere Gebäude umgezogen, was den Weltanschauungsbeauftragten extrem missfiel. Speziell in Hamburg schafften es einzelne Pastöre der Nordelbischen Kirche, die Politik für ihre Kampagne einzuspannen. Nachdem die Desinformationskampagne gegenüber der Scientology Kirche als Körperschaft überhaupt nicht fruchtete, ging man in den 1990er Jahren verstärkt dazu über, einzelne Mitglieder ganz gezielt anzugreifen und sie wenn möglich ihrer Existenzgrundlage zu berauben. Stichwort war die heraufbeschworene in Wirklichkeit nicht existente "Unterwanderung", mit der man öffentlich zu Hexenjagden aufrief. Seit 1993 berichteten nahezu alle namhaften Menschenrechtsgremien, aber insbesondere das US-Außenministerium, über die Menschenrechtsverletzungen gegenüber Scientologen in der Bundesrepublik. Das hat sich bis zum heutigen Tage nicht geändert. Vorzuwerfen ist den Scientologen nach 35 Jahren der Untersuchung rein gar nichts. Und dies wird in den Stellungnahmen gegenüber den US-Behörden auch offen zugegeben.

Ungewohnt ist für deutsche Kirchensteuerverhältnisse allenfalls, dass Scientology sich durch fixe Spendenbeiträge seitens ihrer Mitglieder finanziert, was von dem Finanzierungssystem der deutschen Amtskirchen abweicht. Die Finanzierung durch Spendenbeiträge ist jedoch in allen anderen Ländern der Welt wie z.B. in den USA, Australien, usw. Gang und Gäbe ist. In der Tat ist aus der weltweiten Sicht für Religionsgemeinschaften das deutsche Kirchensteuersystem das Ungewöhnlichste aller Finanzierungssysteme in der Welt. Deswegen haben die Weltanschauungsbeauftragten - aufgrund ihres Einflusses auf die staatlichen Autoritäten – und auch staatliche Vertreter der Scientology Kirche wirtschaftliche Motive unterstellt und versucht, ihr damit die Religionseigenschaft abzusprechen. Dieses Unterfangen ist jedoch in allen bisherigen Gerichtsverfahren rechtskräftig zu Gunsten der Scientology Kirche gescheitert. Die Gerichte haben eindeutig den ideellen religiösen Charakter der Scientology Kirche bestätigt. Dennoch hat es aufgrund dieser Unterstellungen erhebliche Diskriminierungen gegen die Kirche gegeben, die in jahrelangen Rechtsstreitigkeiten gegen Behörden resultiert hatten, um die Existenz der Kirchen zu sichern.

Bezüglich einzelner Mitglieder werden Diskriminierungsfälle bei Bekanntwerden dokumentiert. Die Person erhält dann entsprechenden Rechtsbeistand durch die Anwälte der Kirche, mit denen gemeinsam etwaige Lösungen ausgearbeitet werden. Das Menschenrechtsbüro der Scientology Kirche hat mittlerweile Tausende solcher Fälle dokumentiert und bei etwaigen Menschenrechtsgremien vorgetragen.

Der einzige gangbare Weg aus dieser Situation heraus ist tatsächlich Offenheit und Aufklärung. Meine Erfahrung ist, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz eine Scientology-Mitgliedschaft überhaupt thematisiert. Bekommt die Presse einen Wink von etwaigen Weltanschauungsbeauftragten und müssen nicht-scientologische Firmeninhaber damit rechnen, in den Sog dieser Diskriminierungskampagne mit hineingezogen zu werden, verlässt die meisten jedoch der Mut. Die wenigsten sind bereit, für Menschenrechte aufzustehen, wenn es wirklich ungemütlich wird. Der Mut zur Zivilcourage könnte in unserem Lande höher sein. Dennoch hat unsere massive Informationskampagne über Scientology wie auch über Menschenrechte mit Millionen von Flugblättern, Pressemitteilungen, Dokumentationen, Ausstellungen über unsere Religion und unsere karitativen Projekte zu einer Veränderung des Klimas beigetragen. Dies machte sich insbesondere nach der Eröffnung unserer neuen Scientology Kirche in Berlin bemerkbar. Rund 80.000 Menschen haben uns allein im Jahr 2007 in der Kirche und an unseren Informationsständen besucht.

Alle vitalen religiösen Bewegungen hatten eine unangenehme Phase von Angriffen durch etablierte Interessensgruppen zu überwinden. Daran hat sich nach 2000 Jahren nichts geändert. Wir haben nicht vor, die Fehler anderer religiöser Bewegungen zu wiederholen. Wir machen unbeirrt mit unserer eigenen Aufklärungskampagne weiter und zählen auf die Einsicht und Vernunft der Menschen, wenn sie mit den korrekten Fakten konfrontiert werden. In den wichtigsten westlichen Demokratien hat dies zur vollständigen Anerkennung von Scientology geführt. In Deutschland wird dies nicht anders sein. Es ist wirklich nur eine Frage der Zeit.

Kupfer: Neben den bestallten Weltanschauungsbeauftragten gibt es ja die Gruppe der selbsternannten Kritiker. Als ich mir 1997 einen Internetzugang zulegte, kam ich zuerst im Usenet [1] an und stieß dort auf die Gruppe de.soc.weltanschauung. scientology [2]. Da kann ich nun seit einer Dekade nachlesen, wie sich die selbsternannten Kritiker Tag für Tag in einer Art und Weise zu Scientology äußern, die einen Poster einmal zu der Bemerkung veranlasste, die Kritiker selbst seien längst das, was sie zu kritisieren glauben, wenn sie es nicht schon immer waren, was ihm natürlich eine veritable Haßtirade einbrachte. Haben Sie eine Erklärung für diesen meist hysterischen und öfter auch mal manischen Haß der sogenannten Kritiker und deren nicht minder obskuren Fixierung auf die Celebrities von Scientology, Tom Cruise sowieso, aber immer wieder auch John Travolta, Kirstie Alley, Leah Remini und andere?

Weber: Eine gewisse Anzahl von Fanatikern und hasserfüllten Menschen wird es wahrscheinlich und leider immer geben. Das ändert nichts an der Tatsache, dass Scientology zu den am schnellsten wachsenden Religionen der Welt gehört. Die Menschen lernen uns kennen und begreifen schnell, dass sie von solchen Kritikern getäuscht werden. Das wachsende öffentliche Interesse – insbesondere in Deutschland - lässt die Töne etwaiger Gegner schriller und ihre Lügen absurder werden. Das mag für den Moment unangenehm sein, aber tatsächlich entlarven sich solche Menschen selbst.

Prominente Mitglieder werden von solchen Fanatikern gern benutzt, um sich ins Gespräch zu bringen. Die Scientology Kirche selbst spricht grundsätzlich nicht über ihre Mitglieder – gleichgültig ob prominent oder nicht. Wenn ein Mitglied mit seiner Mitgliedschaft an die Öffentlichkeit geht, so tut er dies aufgrund seiner eigenen freien Entscheidung.

Kupfer: Ich konnte an – freilich sehr viel kleineren – Gruppen, die über einen längeren Zeitraum derartigen Anfeindungen ausgesetzt waren, beobachten, daß der massive Druck von außen ein Ansteigen des Innendrucks in der Gruppe zur Folge hat, resultierend aus der Verunsicherung der Mitglieder. Ist ein solcher Effekt Ihrer Erfahrung nach hin und wieder auch in der Scientology Kirche zu beobachten?

Weber: Es mag eine soziologische Beobachtung sein, dass äußere Angriffe auf jede beliebige Gruppierung den inneren Zusammenhalt stärken. Ein Ansteigen des Innendrucks ist jedenfalls in der Scientology Kirche nicht damit verbunden. Diese Beobachtung kann ich nicht bestätigen. Labile Menschen trennen sich jedoch rasch in einer solchen Situation, während die kompetenteren und stärkeren Charaktere und die integeren Leute sich nicht durch Druck von außen beeinflussen lassen. Sie bleiben ihren Zielen und Einsichten treu.

Kupfer: Natürlich hat die Scientology Kirche auch in Deutschland nicht nur Feinde, sondern Unterstützer außerhalb ihres Mitgliederbestandes. Ich denke da insbesondere an die Stellungnahmen von Frank Schirrmacher [3] und Florian Henckel von Donnersmarck [4] im Zusammenhang mit dem Film "Valkyrie". Manchmal kommt auch Unterstützung aus weniger prominenten Richtungen, mit denen die Scientology Kirche vermutlich selbst nicht gerechnet hat, beispielsweise mit der Flugblattaktion einer Gruppe namens "Bund gegen Anpassung" [5] unter dem wirklich bemerkenswerten Motto "Friede den Sekten, Krieg den privilegierten Kartellreligionen!". Wie bewertet die Scientology Kirche solche Sympathiebekundungen und welche Bedeutung mißt sie ihnen bei?

Weber: Meines Wissens haben sich die von Ihnen genannten Persönlichkeiten nicht für die Scientology Kirche ausgesprochen, sondern sich für die Gleichbehandlung der Menschen als Bestandteil der Menschenrechte eingesetzt, im konkreten Fall für den Schauspieler Tom Cruise, der nur seinen Beruf ausüben wollte. Das ist ein erheblicher Unterschied. Die wenigsten kennen die Scientology Kirche oder auch nur Teile unserer Lehre. Dass sich auch prominente Menschen dafür einsetzen, dass Scientologen ihren beruflichen Neigungen ungehindert nachgehen dürfen, verdient Anerkennung. Eigentlich sollten alle Menschen sich dafür einsetzen, dass andere Menschen unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer Überzeugung ihren Beruf frei ausüben dürfen. Alles andere stellt letztlich eine Diskriminierung dar.

Menschenrechte sind unteilbar. Ich kann sie nicht einer Seite zubilligen und sie einer anderen absprechen. Der Einzelne hat sich an die Gesetze des Landes zu halten. Tut er das, ist die freie Ausübung seiner Religion oder Weltanschauung zu gewährleisten. Sehr einfach. Menschenrechte wurden geschaffen, damit der Einzelne nach seinen Taten und nicht nach seiner Zugehörigkeit oder Überzeugung beurteilt wird. Und zwar nie wieder. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde geschaffen, um die Gräuel des Zweiten Weltkriegs für alle Zeiten zu verhindern.

Setzen Sie diese Regeln um und es wird Frieden herrschen. Jeder, der sich vehement – auch wenn es unbequem wird – für Menschenrechte und ihre Beachtung und Einhaltung einsetzt, verteidigt und verwirklicht damit nur diese Menschenrechte, die für alle gelten.

Kupfer: Bei der Beschäftigung mit Scientology fiel mir ein Sachverhalt auf, den ich in dieser Weise von keiner anderen, heute relevanten spirituellen Lehre oder Religion kenne: Auf der Suche nach Literatur fand ich seitens der Scientology Kirche ausschließlich Schriften von Hubbard. Ich habe keinerlei weiterführende, erörternde oder interpretierende Sekundärliteratur von Scientologen zur ihrer Religion und Lehre gefunden. Ich habe Ihre Antwort auf dieselbe Anmerkung in unserem Gespräch so verstanden, daß mit Hubbards Werk, das derzeit zudem noch nicht vollständig veröffentlicht ist, alles zur Lehre von Scientology und zur Dianetik geschrieben sei, so daß weiterführende Erörtertungen und Interpretationen durch Dritte weder erforderlich noch gewünscht seien, letzteres auch, um etwaige Verwässerungen und Umdeutungen zu vermeiden. Habe ich das so richtig verstanden?

Weber: Exakt. Hubbard war glücklicherweise nicht auf Überlieferungen angewiesen – die der Ungenauigkeit und Fremdinteressen Tür und Tor öffnen. Er war in der glücklichen Lage, seine Erkenntnisse selbst niederschreiben zu können. Wir möchten daher, dass sein Werk unverfälscht und in korrektem Zusammenhang gelehrt wird und jedem zugänglich bleibt.

Kupfer: Im Zuge meiner Beschäftigung mit Scientology habe ich jüngst Hubbards Dianetik und "Die Grundlagen des Denkens" noch einmal gelesen. Dabei fiel mir weiterhin das de facto vollständige Fehlen von Rückbezügen und Referenzen auf andere Werke der Philosophie und Wissenschaft und deren Autoren auf. Warum ist das so?

Weber: Dann sollten Sie das Vorwort der 1986er Ausgabe des Buches "Scientology 8-8008" lesen oder eine seiner zahlreichen Vorträge anhören. In dem besagten Vorwort werden z.B. 28 unterschiedliche Quellen und Autoren gewürdigt, auf die sich Herr Hubbard in seinem Gesamtwerk wiederholt berufen hat. In allen seinen Schriften nimmt Herr Hubbard regelmäßig Bezug auf andere Autoren und die werden dann auch im Text selbst erwähnt.

Kupfer: Bergen die in den beiden vorherigen Fragen genannten Aspekte nicht die Gefahr der ideellen Stagnation, der Dogmatisierung und der Herausbildung eines geschlossenen Systems in sich?

Weber: Nein, sie erhalten die Authentizität und Reinheit der Lehre und verhindern die Verwässerung. Obendrein stimmt die zweite zuvor genannte Prämisse – wie aufgezeigt - ohnehin nicht. Scientology in seiner Gesamtheit ist eine so umfassende und ausufernde Lehre, dass sie das gesamte Dasein mit allen seinen Facetten umfasst. Hier werden Dinge am laufenden Band von Herrn Hubbard mit Logik hinterfragt und Analogien angestellt. Man wird geradezu dazu aufgefordert, alle Dogmen und fixen Ideen, die man sich im Laufe seines Lebens zugezogen hat, in Frage zu stellen, neue Erkenntnisse zu sammeln und seinen Horizont zu erweitern. Das ist das genaue Gegenteil von Dogmatisierung, Stagnation und Abgeschlossenheit. Scientology ist geradezu eine Herausforderung an jeden Menschen, selbst zu schauen und seine eigenen Beobachtungen zu machen. Der Erlösungsweg selbst, sprich, das exakte Prozedere, um Menschen zu ihrer eigenen Erkenntnis zu führen, ist hingegen exakt festgelegt. Wird dieser Weg abgeändert, gibt es keine Erkenntnisse, keine Weisheit und Gewissheit mehr und Scientology würde verschwinden – wenn nicht zu diesem Weg zurückgefunden wird.

Kupfer: Ich möchte zu einem etwas schwierigeren Thema kommen, das in unserem Gespräch kurz zur Sprache kam, und muß dabei etwas weiter ausholen – Hubbard, Parsons [6] und der Okkultismus. In den Darstellungen seitens Scientology trat Hubbard als Undercover Agent des Los Angeles Police Department mit Parsons zur Observierung, anderen Quellen zufolge zur Unterminierung von "kriminellen Elementen der Gesellschaft" in Verbindung. Allerdings gibt es da ein paar Haken, zwei möchte ich hier anführen. Einerseits war Parsons in seiner Bedeutung als Wissenschaftler – Wernher von Braun nannte Parsons den Vater der amerikanischen Raumfahrt – eindeutig eine Bundesangelegenheit und folgerichtig wurde er vom FBI observiert [7]. Es ist reichlich unwahrscheinlich, daß das LAPD da mit einem Undercover-Agenten mitmischen durfte. Andererseits haben wir eine Reihe Dokumente, die den engeren Kontakt der beiden auf den Beginn des Jahres 1946 datieren – die Eintragung der gemeinsamen Schiffshandelsfirma "Allied Enterprises", Parsons Aufzeichnungen, die unter dem Titel "The Book of Babalon" bekannt sind [8], Crowleys sehr abfällige Äußerungen über Parsons und Hubbard in einem Brief an Karl Germer vom 19.04.1946 [9]. Auf der Netzseite der Scientology Kirche mit dem Titel " Was ist Scientology?" lesen wir aber folgendes: "1948: L. Ron Hubbard akzeptiert seine Ernennung zu einem Sonderbeauftragten der Polizei von Los Angeles und nutzt diese Position, um die kriminellen Elemente der Gesellschaft zu studieren." [10] 1948! Wie geht das zusammen? Was war da seinerzeit, konkret in der Zeit zwischen Anfang Januar und Ende März 1946, in Pasadena eigentlich los?

Weber: Ich kann hierzu nur Vermutungen anstellen. Hubbard wurde Ende der 40er Jahre offiziell aus dem Militärdienst der US-Marine entlassen und arbeitete weiter an seinen Forschungen zu DIANETIK, die er bereits vor dem Krieg begonnen hatte.

Kupfer: Es ist heftig umstritten, ob Hubbard für die Lehre von Scientology Anleihen und Adaptionen in bzw. aus den Lehren okkulter Gruppen entnommen hat, konkret aus dem O.T.O. und aus Thelema, der Kontakt zu Parsons wäre der entsprechende Anknüpfungspunkt. Die Scientology Kirche weist das strikt von sich, neutrale Beobachter meinen, konkrete Anhaltspunkte dafür zu haben, die sogenannten Kritiker verwenden diese Aussage zum Zweck der Diffamierung mit einer Reihe falscher Behauptungen, z.B. daß Hubbard Mitglied des O.T.O. gewesen wäre, was definitiv frei erfunden ist. Sie tun das, um ihren Fundus gegen Scientology um das anderthalb Jahrtausend alte und quasi "bewährte" Repertoire der Hetze gegen Andersgläubige zu erweitern. Tatsache ist aber, daß Parsons Hubbard in einem Brief an Crowley als "the most thelemic person I have ever met" beschrieb. Tatsache ist beispielsweise auch, daß das Symbol der Scientology Kirche eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem hermetischen Rosenkreuz des Golden Dawn [11] hat oder daß Crowley das New Aeon ausrief und daß Hubbards Schriften unter dem Verlagssignet New Era publiziert werden. Die Auflistung vermutlicher Anleihen ließe sich noch eine ganze Weile und detaillierter fortsetzen, was aber den Rahmen sprengen und in Zitatenhuberei ausarten würde. Mir persönlich ist es völlig gleichgültig, ob, und wenn ja, wie viele Anleihen Hubbard bei Thelema und thelemischen und okkulten Gruppen genommen hat. Was mich erstaunte, war Ihre deutlich aversive Reaktion auf die bloße Erwähnung des Begriffes "Okkultismus". Ich denke, es sollte bedacht werden, daß die Ressentiments und Aversionen gegen den Okkultismus von denselben Leuten aus denselben Gründen in die Welt gesetzt und unter die Leute gebracht werden, die Scientology anfeinden – nur eben schon seit Epiphanius von Salamis, also seit guten 1600 Jahren und nicht erst seit 50 wie im Fall von Scientology. Daher meine Fragen: Wie steht Scientology zum Okkultismus? Worin, auf welchem Wissen oder welcher Erfahrung, ist Ihre Abneigung begründet?

Weber: Bis heute habe ich in den Schriften Hubbards nichts Spezifisches zum Thema Okkultismus finden können. Persönliche eigene Erfahrungen und Erkenntnisse habe ich zu diesem Thema nicht – mit Ausnahme eines Besuchs auf der Esoterik-Messe in München. Ich bin jedoch ein Gegner des assoziativen Denkens und Befürworter des differenzierten Denkens. Ich finde es daher völlig abwegig, wenn versucht wird, zwischen der Tätigkeit Hubbards im Rahmen eines staatlichen Polizeiauftrags gegen Parsons einen inhaltlichen Zusammenhang zur Scientology-Religion herzustellen.

Die Quellen der religiösen Lehraussagen von Scientology liegen laut Herrn Hubbard selbst in den östlichen Religionen, allen voran dem Buddhismus, den Veden, Hinduismus und Taoismus. Bekanntlich hat Herr Hubbard sich hierzu an vielen Stellen geäußert und die Orte dieser Religionen selbst als junger Mensch wiederholt besucht. Ein sachlicher oder inhaltlicher Zusammenhang mit der Thelema wäre daher rein zufällig, etwa weil diese selbst Gedankengut aus den östlichen Religionen übernommen haben könnte.

Scientology ist eine praktische Religion, die ein Wissensgebäude umfasst, bei dem es um genaue Beobachtung und spirituelle Gesetzmäßigkeiten geht. Mit Pendeln, Tarot, Handlesen, Heilkristallen, geheimnisvollen Riten und ähnlichen Praktiken, wie sie häufig auf den klassischen Esoterik-Messen offeriert werden, kann ich persönlich nichts anfangen. Jene, die Nutzen daraus ziehen, steht es selbstverständlich frei, diesen Weg zu gehen. Mein Weg ist es jedoch nicht.

Kupfer: Frau Weber, ich danke Ihnen für das aufschlußreiche und informative Gespräch.

Anfang
Fußnoten und Quellen

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Usenet
[2] http://groups.google.de/group/de.soc.weltanschauung.scientology/topics
[3] http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,503422,00.html
[4] http://tinyurl.com/yonjjo (Kurz-URL zu http://www.faz.net/s/...html)
[5] http://www.bund-gegen-anpassung.com/flugblatt/zur_scientologenhetze2.htm
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/John_Whiteside_Parsons
[7] http://foia.fbi.gov/foiaindex/foiaindex_p.htm
"The official line taken by Scientology on the Parsons' connection, is that Hubbard was in the business of infiltrating and breaking up a black magic cell in California. This is a version those who know the inside story, have difficulty accepting. Parsons was being watched by the FBI on account of his unconventional activities. The FBI file on him dates back to 1943, but there is no mention of Hubbard anywhere in the file."
http://aidanmaconachyblog.blogspot.com/2007/12/scientology-l-ron-hubbards-association.html
[8] http://mysticalkeys.com/library/Parsons/index.htm
[9] "Apparently Parsons or Hubbard or somebody is producing a Moonchild. I get fairly frantic when I contemplate the idiocy of these louts." Aleister Crowley am 19.04.1946 an Karl Germer
[10] http://wasist.scientology.de/Html/Part13/Chp38/pg0695-b.html
[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Golden_Dawn


Wie ein Interview zustande kommen kann - Eine kleine Nachbetrachtung

Als wir im Herbst letzten Jahres beschlossen, uns in einem Themenheft der Scientology Kirche zu widmen, war schnell klar, daß wir uns um möglichst repräsentative Gesprächspartner aus der Kirche bemühen und versuchen werden, sie für ein, zwei Interviews zu gewinnen, und zwar mit dem Ziel, dem Leser eine authentische Darstellung aus der Innenperspektive im Kontext unserer Darstellung präsentieren zu können. Olaf trat mit der Hamburger Niederlassung der Scientology Kirche in Kontakt und fand dort in Herrn Busch einen kompetenten Ansprechpartner, der uns darüberhinaus versprach, einen Kontakt nach Berlin zu vermitteln. Meine Absicht war nämlich von vornherein, Frau Weber für ein Interview gewinnen zu können. Der durch Herrn Busch arrangierte Kontakt kam in Gestalt eines mehrstündigen Treffens mit einem Herrn A. auch zustande, wobei Herr A. mir neben allerhand Material aus erster Hand auch die Möglichkeit eines Interviews zusagte, wenn nicht mit Frau Weber, dann mit einem anderen hochrangigen Repräsentanten der Berliner Scientology Kirche. Nur war nach diesem Gespräch leider nichts mehr von Herrn A. zu vernehmen, weder kam das zugesagte Material noch kam ein weiterer Kontakt zustande. Trotz mehrmaliger Erinnerung per E-Mail und Zustellung von Nachrichten meinerseits durch verschiedene Mitarbeiter der Scientology Kirche, die ich in schöner Regelmäßigkeit auf dem Weg zur oder von der Arbeit am Infostand Alexanderplatz traf. Irgendwann schrieb ich den Kontakt dann in der festen Überzeugung ab, daß in dieser Sache das letzte Wort noch längst nicht gesprochen wurde.

So ging die Zeit ins Land und der Erscheinungstag nebst Redaktionsschluß rückten immer näher. Ich grub mich durch einige von Hubbards Büchern, was ich als ausgesprochen ermüdend empfand, und durch circa dreißig Seiten des als quasi epochal beworbenen Büchleins einer Hamburger Verwaltungsangestellten, das ich mit letzter Kraft in einem wenig frequentierten Winkel meiner Bücherregale verschwinden lassen konnte, und zwar in letzter Minute und höchster Gefahr, als die Lektüre des Büchleins drohte, mich in eine Art Wachkoma fallen zu lassen. Das war wirklich knapp, aber wie schon mein Vornamensvetter Gneisenau zu sagen pflegte: „Wer um Hohes kämpft, muss wagen. Leben gilt es oder Tod!“ Genau!

Das war der Stand der Dinge am frühen Abend des 20. März, einen Tag vor dem geplanten Erscheinungstermin des Magickal Observer – drei halbfertige Texte in den Computer getippselt und ohne Plan, wie das bis zum nächsten Tag noch irgendetwas werden soll. In dieser Situation surfte ich im Netz hin und her in der Hoffnung, daß mir eine Inspiration begegnet, als ich mich plötzlich auf der Webseite der Berliner Scientology Kirche wiederfand. „Ihr kommt mir jetzt genau richtig!“ fuhr es mir – durchaus geneigt, den feinen Herrn A. ein wenig für mein Dilemma verantwortlich zu machen - durch den Kopf, „Euch Brüdern zeige ich jetzt mal, wo der Aiwass die Locken hat.“

Gedacht, getan – ich schwang mich auf mein Fahrrad und gegen 19:30 Uhr traf vor der Berliner Niederlassung der Scientology Kirche ein. Auf dem Fußweg vor dem Haus patroullierte der obligatorische und offensichtlich unvermeidliche Mitarbeiter der Kirche, der ein wenig so wirkte, als sei er dafür abgestellt worden, den Besuchern, die sich auf der Suche nach der Tür verzweifelt an der Glasfassade des Hauses entlangtasten, beim Auffinden des Eingangs behilflich zu sein. In mir einen potentiellen Interessenten erblickend - was ja stimmte, wenn auch anders, als er annahm – kam er strahlend wie ein Honigkuchenpferd auf mich zu und fragte, ob er mir vielleicht einen Stresste... Nein, könne er nicht, ließ ich ihn wissen und klärt ihn kurz auf, daß ich alt genug sei, um meinen Stresspegel selbst einschätzen zu können - und der sei momentan unerfreulich hoch, woran seine Kirche nicht ganz unschuldig wäre -, und daß ich mir darüberhinaus meiner Fähigkeiten und insbesondere meiner Unfähigkeiten sehr wohl bewußt sei, und das in bezug auf letztere besser, als mir eigentlich lieb ist. Stattdessen könne er mir bei der Suche nach einem Gesprächspartner behilflich sein, der von den Belangen der Kirche wirklich Ahnung hat. Der junge Mann wirkte nach dem solcherart nachdrücklichen Kundtun meines Anliegens ein wenig verwirrt, flitzte aber überaus hilfsbereit und regelrecht beflissen ins Haus, um jemanden zu finden, der sich des mittlerweile im Foyer angekommenen, offensichtlich Schwerstaberrierten annimmt, bevor Glasbruch oder ein ähnliches Malheur zu beklagen ist. Nun ja, diejenigen unter den Lesern, die mich kennen, wissen, mit welch unwiderstehlichem Charme ich solche Auftritte zu absolvieren pflege.

Das Haus der Berliner Scientology Kirche selbst – Respekt! Die Gestaltung und die Einrichtung ist imposant und erweckt in der gelungenen Kombination von Lounge und Medienräumen den Eindruck einer außerordentlichen Wichtigkeit und Bedeutungsmacht, ohne den Besucher damit zu „erschlagen“, wie das bei solcherart repräsentativen Räumen oft der Fall ist. Alles wirkt sehr sauber, licht und hell und ist – durchaus gelungen - offensichtlich als räumlich-visuelle Manifestation dessen angelegt, was der Besucher sich unter dem Topos „clear“ vorstellen soll.

Ein ausgesprochen verwirrender Kontrapunkt zu dem Eindruck medialer Kompetenz, den die Präsentationsräume erwecken, ist die Tatsache, daß dort in den verschiedensten Publikationsformen ausschließlich Hubbard, Hubbard und noch einmal Hubbard zu finden ist, hier und da von Dreizeilern unterbrochen, die Scientologen als Statements auf den Bildschirmen in verschiedenen Videos darbieten. Doch das ist ein anderes Thema, dem ich mich zu gegebener Zeit in einem späteren Heft unseres Magazins widmen werde.

Nach etwa fünfminütiger Wartezeit stellte sich mir dann eine Frau vor, die ich wegen ihrer medialen Präsenz sofort als Frau Weber erkannte. Sie bat mich in ein kleines Konferenzzimmer direkt in der Gebäudeecke Cauerstraße und auf dem Weg dorthin dachte ich kurz darüber nach, was der scientologische Schwellenhüter wohl berichtet haben mag, das Frau Weber dazu brachte, sich persönlich meines Anliegens anzunehmen. Ich stellte dieses und mich selbst kurz vor und nach dem obligatorischen Visitenkartenaustausch - ich war so clever, mir kurz vor dem Aufbruch in Richtung Otto-Suhr-Allee noch schnell eine aus dem Logo unseres Magazins zu basteln – kamen wir ins Gespräch. Frau Weber erwies sich als sehr angenehme und sympathische Gesprächspartnerin, sie ist kompetent, kommt zügig auf den Punkt und kann auch zuhören. Sie ist natürlich von ihrer Religion überzeugt, wirkte aber nicht einen einzigen Augenblick missionierend oder gar eifernd auf mich, was übrigens auf alle Scientologen zutrifft, mit denen ich im Zuge der Recherche zu diesem Heft zu tun hatte.

Es waren aber auch schnell die Grenzen der Verständigung klar, sie wurden in dem nachgerade aversiven Unverständnis für alles, was mit Okkultismus im allgemeinen und mit Aleister Crowley, Magick und Thelema im besonderen zu tun hat, am deutlichsten sichtbar. Ich habe das in meinen Texten auf den Seiten 58ff. und 69 ausführlich erörtert. Aus dieser Perspektive heraus einigten wir uns auch einvernehmlich darauf, daß die Wendung „Meines Feindes Feind ist mein Freund“ auf uns resp. das Verhältnis zwischen Scientology und Thelema in Hinsicht auf die Konklusion „mein Freund“ nur bedingt Anwendung finden kann, daß es aber nicht nur opportun ist, sondern sich auch substantiell als sinnvoll erweisen könnte, genauer zu ergründen, was uns verbindet und was uns trennt. In diesem Sinne erklärte sich Frau Weber dankenswerterweise bereit, mir einige Fragen in Form eines Fragebogens zu beantworten, was dann die oben wiedergegebene Korrespondenz ergab.

Auf einen bemerkenswerten Aspekt möchte ich explizit hinweisen. Die Beantwortung der Fragen nahm naturgemäß einige Zeit in Anspruch und wir entschlossen uns, das neue Heft zunächst ohne Frau Webers Interview zu publizieren, was wir am 02. April taten. Das Interview erhielt ich von Frau Weber am 11. April, was bedeutet, daß unser Heft mittlerweile neun Tage online war und Frau Weber Gelegenheit hatte, es zu lesen, was sie, wie ich einer E-Mail entnahm, auch tat. Ihr war also klar, daß unsere Sicht der Dinge, insbesondere auch auf einen der Gründungsmythen, alles andere als das ist, was der Scientology Kirche als ihrer Sache dienlich erscheint, mehr noch – erscheinen kann. Das tat der Kooperationsbereitschaft der Scientology Kirche, hier konkret durch Frau Weber vertreten, keinerlei Abbruch, obwohl sie jederzeit und problemlos aus der Nummer hätte aussteigen können, da es keinerlei Verbindlichkeiten oder gar Ansprüche gab, was ich ihr in einer E-Mail nach Erscheinen des Heftes noch einmal explizit mitteilte.

Wenn man den Behauptungen der bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten und der sogenannten Kritiker Glauben schenkt, was wir natürlich nicht tun, will die Scientology Kirche über sich selbst nichts anderes als Lobeshymnen und kritiklose Zustimmung hören. Nun ja, solche sehen wirklich ganz anders aus als unsere Darstellungen und selbst ein freundliches Schulterklopfen muß man in unserem Heft lange suchen. Aber beides war ja auch nicht der Zweck der Übung, sondern unser Interesse war und ist, einen signifikanten Schritt zu tun zur genaueren Ergründung, was Scientology und Thelema verbindet und was beide trennt - und en passant einen Gründungsmythos der Scientology Kirche, der unsere Interessen nicht unerheblich tangiert, gründlich zu zerlegen.

Wenn man den Weltanschauungsbeauftragten und den sogenannten Kritikern wiederum Glauben schenkt, was wir natürlich wiederum nicht tun, werden alle, die sich mit der Scientology Kirche und ihrer Lehre kritisch auseinandersetzen und zu Ergebnissen kommen, welche die Scientology Kirche nicht wirklich erfreuen, von der Kirche per se und in Bausch und Bogen zur Suppressive Person erklärt, was ein Kontaktverbot nach sich zieht und unter Umständen aus Sicht der Scientology Kirche repressive Maßnahmen gegen diese Personen rechtfertigt. Nun, wir haben uns kritisch mit der Scientology Kirche auseinandergesetzt und die Ergebnisse dürften auch nicht wirklich im Sinne der Kirchenpoltik sein. Aber wir haben das unter der Grundvoraussetzung getan, daß wir die Kirche und jeden Scientologen respektieren und deren Recht anerkennen, zu tun, was ihrem Willen gemäß ist. Suppressive Persons bekommen keine Interviews von der Scientology Kirche, schon gar nicht von einem Mitglied in einer Position, wie Frau Weber sie innehat, zumal es aus der Perspektive der Scientology Kirche mit einer Publikation in unserem Magazin nicht allzuviele Blumentöpfe zu gewinnen gibt. Damit will ich sagen, daß sich die Zahl der durch unsere Publikation gewonnenen Interessenten für Scientology in sehr überschaubaren Grenzen halten dürfte und daß noch der eine oder andere Tag vergehen wird, bis man sich mit einem Interview im Magickal Observer in den Annalen des Journalismus verewigt, wobei Olaf und ich natürlich gute Gründe haben, letzteres ganz anders zu sehen. :-) Unsere Erfahrung ist also, um es zusammenzufassen, daß die Scientology Kirche sehr wohl zwischen kritischer Auseinandersetzung - auch, wenn deren Ergebnisse eher zähneknirschend zur Kenntnis genommen werden müssen - einerseits und egomanischer Larmoyanz, machtopportunistischer Intriganz und obsessiven Haßattacken andererseits zu unterscheiden weiß.

Deshalb sei der Scientology Kirche und besonders Frau Weber an dieser Stelle noch einmal für ihre, unter den konkreten Umständen keineswegs selbstverständliche, Kooperationsbereitschaft gedankt. Was mich natürlich nicht von einer Kritik an einigen von Frau Webers Ausführungen abhält.

Sapere aude!

© Neidthard Kupfer März 2008

Das Interview wurde zuerst in der Publikation The Magickal Observer im Heft März 2008 veröffentlicht.
Download: http://magickal-observer.de/tmo_0108.html