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Der Idiot wird in und durch sich selbst definiert, er braucht dazu keinen Umweg über die Vernunft, deren Fehlen er nicht empfinden kann. [...] Er existiert gewissermaßen vor ihr und außer ihr, was nicht ausschließt, daß er sich ihr einmal zuwendet und sie von innen her besitzen will [...]. Der Idiot geht ganz auf in seiner wie immer gearteten Eigenheit, und diese allgemeine Bewegung des Aufgehens moduliert den gemeinschaftlichen Zug unendlich verschiedenartiger Quisquilien. Der Idiot hört sich verzückt zu, er wird gestreichelt, er erregt sich, er ist zärtlich nur mit sich selbst. Er, der allein an seine Selbsterhaltung denkt, wird zur Traumbeute aller Unsterblichkeitsverheißungen und zum Dummen par excellence aller Tartuffes der Religion, der Medizin und der leuchtenden Zukunft.
André Glucksmann: Die Macht der Dummheit, Ullstein Sachbuch 1988
Im Zuge meiner Recherchen zum Thema Scientology machte ich eine, zunächst eher beiläufige, Entdeckung: Die Realitätstunnel der Scientologen und ihrer Kritiker hinsichtlich der Wahrnehmung ihrer Außenwelt, insbesondere in bezug auf Menschen anderen Glaubens oder anderer Weltanschauung, ähneln sich verblüffend. Diesen Umstand möchte ich den nachfolgenden Texten etwas genauer betrachten.
Die wunderbare Welt der Enturbulation
enturbulated: turbulent, restless or agitated and disturbed
Wenn ich gefragt würde, was ich Scientology ad hoc und aus dem Stand vorwürfe, dann antwortete ich vermutlich: "Ihre Aussteiger!" Definitiv kein anderer Kult, keine andere Sekte, keine andere religiöse Gemeinschaft und keine andere Religion bringt derart nervtötend penetrante Aussteiger hervor, wie Scientology das tut.
Im Juli 1998 legte ich mir einen Internetzugang zu, damals über eine ISDN-Telefonleitung. Da saß ich dann vor meinem Rechner, die Uhr fest im Auge, weil die Einwahl seinerzeit - in Minutenpreisen abgerechnet - noch richtig teuer Geld kostete, und lauschte fasziniert den Geräuschen, die mein K56flex-Modem von sich gab. Direkt aus der Welt der Bücher kommend gefiel mir das bunte und zappelige Internet zunächst gar nicht, damals waren mindesten 5 animierte GIFs pro Seite durchaus üblich. Also ab ins Usenet [1], denn eigentlich jeder ISP in Deutschland stellt seinen Kunden einen Zugang zu einem Newsserver zur Verfügung und der zum Internet Explorer gehörende Email-Client bot nämlich praktischerweise auch gleich noch einen integrierten Newsreader [2] an und so einen brauchte man damals, um dort lesen und schreiben zu können. Ist auch heute noch für diesen Zweck nützlich, aber nicht mehr zwingend notwendig, denn seit geraumer Zeit gibt es Google Groups [3]. Nachdem ich die Struktur des Usenet verstanden und ein paar Tage dort herumgestöbert hatte, stieß ich eher zufällig auf die Gruppe de.soc.weltanschauung.scientology [4] und stellte schnell fest, daß ich damit eine kleine Parallelwelt entdeckt hatte, in der sich eine ganz besondere und mir bis dahin unbekannte Form des Wahnsinns manifestiert, für deren Existenz ich bis heute nicht wirklich eine hinreichende Erklärung gefunden habe – das ist wohl eines dieser, in letzter Instanz unerklärlichen, Phänomene zwischen Himmel und Erde.
Ich hatte bis dahin wenig von Scientology wahrgenommen, natürlich war mir die oder jener der unüberhörbaren Protagonisten aus den Reihen der sogenannten Kritiker dem Namen nach bekannt und insbesondere die Kritik an den Aktivitäten einer Scientologen auf dem Immobilienmarkt in den späten 80iger und frühen 90iger Jahren hatte ich in Erinnerung. Allerdings war und ist mir klar, daß eine Pauschalisierung auf eine gesamte, religiöse Gemeinschaft aus dem Handeln einzelner ihrer Mitglieder absolut unzulässig ist. Wenn dem so wäre, wenn eine derartige Pauschalisierung argumentativ zulässig wäre, könnten wir nicht nur, sondern müßten alle Anhänger des katholischen Glaubens als potentielle Kinderschänder denunzieren [5] und alle Anhänger des lutherisch-evangelischen Glaubenskults eines blindwütigen Antisemitismus bezichtigen [6]. Das tut natürlich keiner, der bei Verstand ist.
Wenn es aber um Menschen geht, die einen nicht amtskirchlich abgesegneten Glauben präferieren, darf hierzulande jeder sein Bein heben und de facto konsequenzenlos alles über diese Menschen und ihren Glauben behaupten, was das deutsche Vokabular an Abscheulichkeiten hergibt und dabei nach Herzenslust pauschalisieren. Die "Berechtigung" dazu wird dann von den bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten und ihrem Gefolge, kurz - von den sogenannten Kritikern, wie sie sich selbst in bezug auf die Scientology Kirche nennen, aus einer angeblichen Systemimmanenz dieser behaupteten Scheußlichkeiten oder gar Verbrechen in den anderen Glaubenssystemen generiert, die sie offensichtlich nur als Angriff auf ihre amtskirchlich definiertes Geglaube begreifen können. Das betrifft gerade und besonders den Okkultismus per se und in toto und in unserem konkret hier erörterten Fall die Scientology Kirche. Hierbei erfreuen sich Killerphrasen nach Charles Clark [7] als standardmäßig zum Einsatz kommende "Argumente" großer Beliebtheit, ansonsten sind "Argumente" samt und sonders finaler Natur: Menschenverachtung, Gehirnwäsche, Nötigung und Vergewaltigung, Mord und Totschlag, Totalitarismus, für Scientology kommt noch Machtstreben, Profitorientierung und Auftreten als Konzern dazu.
Steve Ballmer, 50, auf ein Vermögen von 14 Milliarden Dollar geschätzter Chef der Software-Firma Microsoft, gab sich jüngst in Großbritannien als ungebändigter Kapitalist zu erkennen, als er sein Hire-and-fire-Modell propagierte. Microsoft entlasse von seinen weltweit 61 000 Mitarbeitern konsequent jene, die ihren Job nicht gut genug erledigten - jedes Jahr rund 6,5 Prozent. Der Versammlung der Chefs der größten Unternehmen Großbritanniens empfahl der Amerikaner dieselbe Politik des radikalen Schnitts: Die "eigentliche Frage" sei nie: Sind die Leute gut genug? Die einzig wahre Frage sei: Kann es einer besser? Ballmer ging sogar einen Schritt weiter und warb für seine Methode als ein gewinnbringendes Geschäftsprinzip für alle Unternehmen. [8]
Die Beweislage ist, freundlich formuliert, stets dürftig, es sind immer dieselben Aussagen einiger Aussteiger, Dokumente sind nur als Zitate, in der Regel als Auszüge, zu finden, Fotos und fotografische Wiedergaben bzw. Kopien von Originaldokumenten sucht man vergeblich. Um so augenfälliger ist die teils absurde Heuchelei, hinsichtlich Macht- und Profitstreben wird seitens der amtskirchlichen Propagandisten und ihrer Adepten einerseits so getan, als verdankten die Amtskirchen Macht und Reichtum ausschließlich mildtätiger Nächstenliebe und einem geradezu himmlischen Altruismus, andererseits ist es nicht nur heuchlerisch, sondern darüberhinaus ziemlich dämlich, irgendwem in dieser Gesellschaft, in der wir leben und deren Fundament die Profitmaximierung ist, die organisatorische Strukturierung nach den ökonomischen Grundsätzen dieser Gesellschaft und das ihr systemimmanente Profitstreben vorzuwerfen.
Laut einem "Stern"-Bericht ließ der Lebensmitteldiscounter zumindest im vergangen Jahr systematisch die Beschäftigten in zahlreichen Filialen überwachen. Angestellte sind demnach mit Miniaturkameras von Detektiven überwacht, Gespräche in seitenlangen Protokollen notiert worden. Dem Magazin liegen nach eigenen Angaben mehrere hundert Seiten solcher Aufzeichnungen aus den Jahren 2006 und 2007 vor. Die von Lidl beauftragten Detektive notierten zahlreiche Details aus dem Privatleben mancher Mitarbeiter. In den Protokollen fanden sich Details über mögliche Liebesverhältnisse zwischen Mitarbeitern oder Notizen darüber, wie viel Guthaben ein Angestellter noch auf seinem Handy hatte. [9]
So zu tun, als sei ausgerechnet der amtskirchlich legitimierte Glauben von diesen Prinzipien ausgenommen, die wir nicht erst seit Karl Marx, sondern schon seit Adam Smith und David Ricardo kennen, ist angesichts der Geschichte der Amtskirchen entweder von atemberaubender Ignoranz - oder eben eine dreiste Heuchelei.
Anderes Beispiel – der Vorwurf, Scientology strebe die Weltherrschaft an - wir wollen an dieser Stelle nicht vergessen, daß sich die Macht die Christenheit – und damit bis heute auch die der amtskirchlich bestallten Weltanschauungsbeauftragten - nicht unwesentlich auf eine gefälschte Urkunde begründet [10], mit der sie sich selbst die geistliche und politische Herrschaft im Weströmischen Reich schenkte – und das war immerhin die Hälfte dessen, was man damals als Welt kannte. Mit dieser Fälschung erhob die Kirche territoriale Ansprüche und sie war Bestandteil des Kirchenrechts. Die evangelisch-protestantische Fraktion profitierte natürlich von diesem Schwindel, denn ihr Einflußgebiet ist mitnichten neu missioniertes Territorium, sondern wurde von der Katholischen Kirche im Zuge der Reformation übernommen, um nicht zu sagen assimiliert.
Ich schrumpfe weiter in meinem Sitz zusammen. Denn jetzt sollen wir noch einmal Motivationssätze wiederholen. Einer muss immer wieder sagen: "Ich schaffe es. Ich erreiche mein gesetztes Ziel." - "Wer seine Mitmenschen lenken, führen und begeistern will, braucht Rhetorik", sagt der Coach. Gut, dass er der Chef des ersten deutschen Rhetorik-Instituts ist und geeignete Kurse anbietet. Fünf Tage kosten 2450 Euro plus Mehrwertsteuer. Und wenn man sich weigert? Wenn man im Sitz verkrampft, statt eifrig Erbauungssätze zu deklamieren? "Dann", sagt der Coach, "heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere." So einfach ist das. [...] Für die, die da noch nicht den Atem der Chinesen, die uns jagen, im Nacken spüren, hat er noch eine Geschichte parat: "Jeden Morgen wacht in Afrika eine Antilope auf und weiß, sie muss schneller laufen als jeder Löwe, um zu überleben. Jeden Morgen wacht in Afrika ein Löwe auf und weiß, er muss schneller laufen als die langsamste Antilope." Nach einer Kunstpause sagt er dann: "Wir müssen schneller laufen. Denken Sie darüber nach!" [11]
Jedenfalls hat die Evangelische Kirche bis dato noch keine Anstalten gemacht, sich von der ideolgischen Grundlage, die es ihr ermöglicht, an wirklich jeder Macht zu partizipieren, sofern die sie läßt – dem Artikel 16 der Confessio Augustana – zu verabschieden, sie wird es vermutlich auch nie tun. [12] Auch vom blindwütigen Antisemtismus ihres Übervaters Luther distanziert man sich die evangelischen Glaubensfraktion wenn überhaupt, dann in sehr dezenten Tönen, Luthers Haß auf die Juden als zeittypische Verwirrung auf das Niveau einer läßlichen und verzeihlichen Sünde herunterredend. Konsequenterweise sollte sie ihr Verhältnis zu Luther gründlich überdenken und ihm den Platz zuweisen, der ihm in der Reihe der Reformatoren - als der zwar lauteste, aber eben einer von vielen - gebührt. [13]
Die missionarisch intendierten Überlegenheitsphantasien, die Scientology gerne vorgehalten werde, finden allerdings ihre Manifestation eher im Bereich der christlichen Amtskirchen. So hält Jürgen Rüttgers in einem Interview mit Michel Friedmann das christlich Menschenbild für überlegen:
Friedman: Zum gleichberechtigten Respekt aller Kirchen sagt Benedikt XVI: "Die katholische Kirche ist allen anderen Kirchen überlegen." Hat er Recht?
Rüttgers: Er sagt, dass das, was er glaubt, und das, was seine Kirche glaubt, das Richtige ist. Und ich finde, das darf er auch.
Friedman: Ich sage noch einmal: Die katholische Kirche sei allen anderen Kirchen überlegen.
Rüttgers: Ich hab das schon verstanden. Er sagt, das ist das Richtige, und wenn's das Richtige ist, dann muss er zwangsläufig sagen, dass das andere nicht richtig ist.
Friedman: Und was sagen Sie?
Rüttgers: Ich glaube, dass wir wieder lernen müssen, dazu zu stehen, dass wir wieder etwas für wahr und etwas für unwahr halten. Ich bin Katholik und ich glaube, dass unser christliches Menschenbild das Richtige ist und nicht vergleichbar ist mit den anderen Menschenbildern, die es anderswo auf der Welt gibt.
Friedman: Aber wir sprechen von dem Begriff "überlegen". Ist die katholische Kirche und ihr Menschenbild anderen Religionen überlegen?
Rüttgers: Ich glaube, dass es das Richtige ist, wenn Sie wollen auch "überlegen". [14]
Nach der Wiederzulassung des tridentinischen Ritus für die Heilige Messe in lateinischer Sprache hatte Papst Benedikt eine Neufassung der Karfreitags-Fürbitte vorgelegt. Darin heißt es ins Deutsche übersetzt: "Lasst uns auch beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen." Im ordentlichen Ritus von 1970 heißt es dagegen: "Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will...". Der Vergleich beider Gebete mache deutlich, dass die Fürbitte von Papst Benedikt einen Rückschritt bedeute hinter die von Papst Paul VI. 1970 vorgelegte Fassung, kritisiert der Gesprächskreis "Juden und Christen". [15]
Das Spektrum der sogenannten Kritiker reicht von Profession bis Obsession und es bildet insgesamt eine regelrechte pressure group unter Anleitung der professionellen Kritiker, um die herum sich etwas gebildet hat, was man als de facto gewerblich betriebenen Kritikerkult nebst eigenem, literarischen Genre betrachten kann. [16] Über die innere Verfaßtheit und ihre nach außen zielenden Intentionen urteilen Beobachter so:
"Man sollte von ihnen nicht Objektivität verlangen, denn dies würde bedeuten, daß sie auf ihre Militanz verzichten. [...] Und es gehört zum guten Krieg, wenn eine pressure-group die Meinung vermitteln will, daß ihr Engagement nicht in Frage gestellt werden dürfe. Es ist auf der anderen Seite schädlich, wenn nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch Erzieher und viele für Erziehungsfragen, Jugendfreizeit und Sozialarbeit Verantwortliche, ebenso wie Politiker die Anti-Sekten-Vereinigungen als einzige Informationsquellen betrachten. Bei allen anderen - oder fast allen anderen - Themen, ist es nicht üblich, daß die Presse oder die damit befaßten Verantwortlichen die Informationen und Analysen der pressure-groups für bare Münze nehmen." [17]
Zur Illustration der Absurdität des Tuns der bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten beschreibt Professor Dr. Martin Kriele in einem Aufsatz ein interessantes Szenario:
"Man denke sich die aus diesem Milieu hervorgegangenen Sektenbeauftragten in die Zeit Jesu nach Jerusalem versetzt. Sie erhalten Kunde von der neuen christlichen Sekte mit Engelverkündigungen, Jungfrauengeburt, Wundertaten, magischen Heilungen, Totenerweckungen, dem Anspruch der Gottessohnschaft usw. - und dies alles mit ungenügendem Respekt vor den etablierten Institutionen der jüdischen Tradition. Hätten sie sich nicht hinter die Römer gesteckt, damit sie diesem esoterischen Spuk ein Ende am Kreuz bereiten, nicht ohne den Guru zuvor gehörig ausgepeitscht zu haben? Es läuft auf einen Frontwechsel hinaus -vom Paulus zum Saulus." [18]
Er liefert auch eine Erklärung, warum das so ist, warum sich das Phänomen professioneller Weltanschauungsobservierung etablieren konnte, und zwar deutlich überrepräsentiert im Bereich der lutherisch-evangelischen Kirchen. Freilich hat auch die Katholische Kirche ihre Weltanschauungsbeauftragten, die agieren aber erfahrungsgemäß deutlich toleranter und zurückhaltender. Professor Dr. Martin Kriele erklärt aus den Folgen der Reformation, aus der merkwürdigen Wendung einer eigentlich fortschrittlichen und religiös-aufgeklärten Intention in einen eifersüchtig über die Seelen seiner Schäflein wachenden, unduldsamen Dogmatismus:
"Rationale Theologen [...] suchten das Übel mit der Wurzel auszureißen: Es gebe überhaupt keine gefallenen Engel, weil es außer Gott keine himmlischen Mächte gäbe. In letzter Konsequenz hieß das: Die Jenseitsvorstellungen mit ihren lichten und dunklen Hierarchien, mit ihren Wundern und dem auferstandenen Christus seien mythischer Natur, zwar historisch und psychologisch erklärbar, aber wissenschaftlich unhaltbar. [...] Im Übrigen wurde die christliche Lehre von mythischen Vorstellungen wie Präexistenz, Auferstehung, Himmelfahrt, Geistentsendung usw. gereinigt. [...] Aber nun geschah etwas Unerwartetes. Wo immer die in diesem Geist ausgebildeten Pfarrer ihre Orientierung durchblicken ließen, fühlten sich die Menschen, deren religiöse Veranlagung besonders ausgeprägt war, in der Kirche nicht mehr zu Hause. Sie empfanden die Gottesdienste, Sakramente, Gebete und das Feiern der Feste des Jahreskreises als unglaubwürdig. Die einen pflegten den alten Glauben in innerkirchlichen Sondergemeinschaften, andere traten aus und suchten einen religiösen Weg in fernöstlich, esoterisch oder sonstwie geprägten neuen Glaubensgemeinschaften. Damit hatten die modernen Theologen nicht gerechnet. Sie sahen sich um ihren endgültigen Triumph gebracht, der ihnen schon zum Greifen nahe erschienen war. Sie waren aufs äußerste alarmiert und bliesen zum Kampf gegen ein religiöses und spirituelles Leben, das sich ihrer Kontrolle einfach entzog. Sie können es unter dem Grundgesetz zwar nicht verbieten lassen, aber seine Anhänger boykottieren, isolieren, ächten. Dieser Aufgabe widmen sich seither Sektenbeauftragte mit großer rhetorischer Kunst und Skrupellosigkeit." [19]
In der Konsequenz und heruntergebrochen auf das intellektuell eher prekäre Niveau der sogenannten Kritiker aus Obession, beispielsweise in einer Netzplattform wie der eingangs erwähnten Newsgroup de.soc.weltanschauung. scientology, ist der Ergebnis absolut deprimierend. Scientology und so ziemlich allen anderen Kulten und religiösen Gemeinschaften andersglaubender Menschen wird, wie oben ausgeführt, permant eine angebliche Menschenverachtung vorgeworfen. Wirklich lesen kann man die allerdings beispielsweise in der Group – und zwar von den sogenannten Kritikern. Das klingt dann, demonstriert anhand wahllos herausgegriffener Beispiele, ungefähr so:
"Es läuft doch einmal mehr darauf hinaus, dass das Berner Gummibärchen behaupten will, dass du nur wissen kannst dass Gülle stinkt und dich schmutzig macht wenn du darin rumsuhlst wie eine Sau. Zum Glück funktioniert menschlicher Verstand, Erkenntnis und Wissen nicht nach den abstrusen Vorstellungen eines geisteskranken Gurus und seiner Adepten :-)"
gepostet von Peter Widmer
news:dh49jv$gg4$1@atlas.ip-plus.net
http://tinyurl.com/38poap
"Und wo sollen da die Beweise sein, Schwachkopf? Du kannst tausendmal die lügnerischen Hass- und Hetzseiten der betrügerischen Scientology und CCHR/KVPM usw. zitieren, die sind keinen Pfifferling wert :-) Du hast nur eines nötig: geh zum Arzt deines Vertrauens und lass dir eine Therapie verschreiben, solange du noch kannst."
gepostet von Peter Widmer
news:esjs7r$2ef$3@atlas.ip-plus.net
http://tinyurl.com/yqjrnv
"Haha Du kannst ja nicht einmal mehr den Sinn meiner Worte verstehen Du abgedrehter Irrer. [...]
>Peter Berner, unabhängiger Scientologe
Armer kranker Irrer."
gepostet von k.e.maij
news:vlfcj1dgakd7lei8hf7g0jckameh0401qf@4ax.com
http://tinyurl.com/2lysrg
"Ob wie in London auch in Berlin Polizei und Behörden bestochen wurden? [...] Das ganze Gehabe der maroden Scientology deutet doch eher auf die Agonie des betrügerischen Gewerbebetriebs und kriminellen Kults hin. Sie werden dies allerdings eher als Neuanfang an neuen Örtlichkeiten interpretieren, jedoch mit der altbekannten 'psychosozialen Pseudologik' [...] demselben unfähigen Personal, den verheerenden Auswirkungen durch menschenverachtende illegalen Ausübung medizinischer Tätigkeit sowie verheerender, eigenes Denken,Entscheiden und Handeln vernichtender Gehirnwäsche."
gepostet von Peter Widmer
news:em7u4p$f34$1@atlas.ip-plus.net
http://tinyurl.com/yo985g
Das nenne ich mir einen Diskurs! Sei’s drum – was auffällt ist der Umstand daß die solcherart zelebrierte Obsession dazu neigt, aus dem Ruder zu laufen. Das mag erklären, warum zum Beispiel der zitierte Groupnutzer Peter Widmer, der dort so etwas wie den Platzhirsch abgibt, seit vielen Jahren jeden langen Tag, den der Herr oder sonstwer werden ließ, allein in dieser Group durchschnittlich 4,67 Postings von sich gibt. Der Newsserver, den ich nutze, lagerte zum Zeitpunkt der Recherche (30.03.2008) 29.290 Postings dieser Group, die bis Ende September 2005 zurückreichen – Widmer kam alleine auf 4.253 Beiträge. Den dritten Platz belegt mit 2.139 Beiträgen Klaus Lynx (ein Pseudonym), der auf höchst komische Weise dazu neigt, sich "interlektuell" (O-Ton) zu geben und lange Traktate mit Titeln wie "Scientology - Der Kult jenseits eines gestelzten ‚Szientismus’" in die Group zu ergießen. Was alle sogenannten Kritikern gemeinsam haben, ist ein veritabler Hang zum Voyeurismus – sucht man die neuesten Neuigkeiten, vorzugsweise die latent schlüpfrigen, ist man bei de.soc.weltanschauung. scientology bestens bedient. Die Herren Kritiker (übrigens in der obsessiven Fraktion und besonders in der Newsgroup eine reine Männerveranstaltung) informieren umgehend, wieviel Kirstie Alley zugenommen hat (allerdings wird ignoriert, wenn sie abnimmt) und das Neueste über Priscilla Presley’s mißlungene Botox-Applikationen.
Jene, die früher auf jeder esoterischen Hundemesse herumlungerten, wo ein Räucherstäbchen glimmte und darauf hofften, eine Erweckung, eine Erleuchtung oder einen Clearstatus abzugreifen, um sich selbst künftig als Meister, als Bodhisattva, als Operierender Thetan halluzinieren zu können, und die nach der zu erwartenden Enttäuschung ihrer Illusionen zu Kritikern mutierten – sie machen umstandslos dort weiter, wo sie nie aufgehört haben: Wie sie – und nur sie - in der Sekte wußten, was für die Welt gut ist, wissen sie – und nur sie – jetzt, was für die Welt schlecht ist. In den Schilderungen ihrer Sektenkarrieren findet sich nie der Begriff "Verantwortung", geschweige denn "Selbstverantwortung", dafür auf jeder Seite das Wort "Schuld" – natürlich stets und ausschließlich in bezug auf die anderen. Und so schallt das Lamento aus den einschlägigen Regalen des Buchhandels und vor allem – nicht als Bocksgesang, als tragodia, sondern als Schafsgeblöke – durch die Weiten des Internets.
"Darumb du gwis des teuffels pist"
Randnotizen zum Verhältnis der Scientology Kirche zum Okkultismus
Es ist nach meiner Sicht der Dinge ein arg prekärer Punkt, gleichwohl die Scientology Kirche damit kein Problem zu haben scheint: Die Entäußerungen der Scientology Kirche in den der TMO-Redaktion zugesandten Darstellungen zum Okkultismus im allgemeinen und zum O.T.O. im besonderen entsprechen inhaltlich und in der Art ihrer Formulierung exakt und zu 100% denen der bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten, was sich bis dato meinen Recherchen im Internet zufolge und nach meiner bisherigen Erfahrung mit der Scientology Kirche auch nicht geändert hat. Es stehen exakt dieselben Aversionen und Ressentiments aus dem 1600 Jahre alten Repressionsfundus der Amtskirchen zur Denunzierung, Stigmatisierung und sozialen Isolierung andersglaubender Menschen dahinter.
Folgerichtig fiel mir in jedem Gespräch, das ich mit Scientologen führte – mit Herrn A., den Herr Busch der TMO-Redaktion als Berliner Kontakt vermittelte, mit verschiedenen Scientologen anläßlich verschiedener Besuche am Stand der Kirche auf dem Berliner Alexanderplatz, schließlich mit Frau Weber in der Berliner Dependance der Scientology Kirche - die spontan aversive Reaktion schon bei bloßer Nennung des Begriffs "Okkultismus" auf, wobei sich bei näherer Nachfrage in ebenfalls jedem Gespräch schnell herausstellte, daß die solcherart aversiv reagierenden Gesprächspartner von der Scientology Kirche nicht den Hauch einer Ahnung davon hatten, was Okkultismus eigentlich ist, ihr Wissen beschränkte sich auf die Wiedergabe der üblichen Haßklischees, die allesamt aus dem weltanschauungsbeauftragten Fundus auswendig gelernt sein könnten und es vermutlich auch sind.
Andererseits entsprechen die Entäußerungen zum Okkultismus im allgemeinen und zum O.T.O. im besonderen inhaltlich und in der Art ihrer Formulierung exakt und zu 100% denen der bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten, es stehen genau dieselben Aversionen und Ressentiments dahinter. Daß die Intention der Scientology Kirche eine andere ist, bleibt für das Ergebnis irrelevant, denn das ist in jedem Fall die Generierung von Vorurteilen und Intoleranz gegenüber einer andersglaubenden Minderheit in den Köpfen der Menschen - in dem ein Fall in denen der breiten Masse der Medienkonsumenten, im anderen in denen der Kirchenmitglieder.
Es sollte darüberhinaus absolut klar sein: Wer sich - gewollt oder nicht - der "Argumente" der bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten, der sogenannten Kritiker gegen andere Gruppen bedient, macht sich per se und in toto zum Knecht der Überzeugungs- und Glaubensschnüffler aus Profession oder Obsession. Wenn ich so an Scientology heranginge, wie es die Scientology Kirche bzw. ihre Vertreter in Sachen O.T.O. und Okkultismus tun, müßte ich unhinterfragt jeden - mit Verlaub - Scheißdreck in Sachen Sea Org und RPF, Mind Control und Ausbeutung, Totalitarismus und Weltherrschaft glauben, den all die bis zum Überdruß bekannten Kritiker jemals in die Welt gesetzt haben. Das tue ich aber nicht und tat es nie, was zu guten Teilen damit zu tun hat, daß ich nie amtskirchlicher Indoktrination ausgesetzt war, wofür ich meinen Eltern ewig dankbar sein werde, und ich erwarte, daß andere das im Gegenzug auch nicht mit mir und meiner Sicht der Dinge tun - ganz nach den Regeln 19 und 20 aus "The Way to Happiness". Natürlich schließt Respekt – wie Frau Weber richtig feststellt - nicht per se Zuspruch ein, denn das wäre dann ja Akzeptanz und die erwarte ich nicht. Aber ich erwarte Respekt auf der Grundlage der Tatsache, daß jede Frau und jeder Mann das unhintergehbare Recht haben zu glauben, wonach ihnen der Kopf oder auch der Bauch steht, solange geltendes Recht geachtet wird und Dritte nicht geschädigt oder genötigt werden.
Freilich wurde "The Way to Happiness" erst sehr viel später als 1946 und 1969 verfaßt, aber immerhin doch so zeitig, daß das Buch und dessen Regeln heute im Jahre 2008 für die Betrachtung aus dem Hier und Jetzt relevant sind. In diesem Kontext ist es ausgesprochen kontraproduktiv, Hubbards tatsächliche, angenommene oder einfach nur behauptete Sicht von 1946 und das Statement der Scientology Kirche von 1969 so zu behandeln, als wären das ewige Wahrheiten und das dann mit Behauptungen aus dem weltanschauungsbeauftragten Repressalienfundus zu argumentieren.
Um meine diesbezügliche Sicht explizit und deutlich zu formulieren: Entweder es wurden strafrechtlich relevante Handlungen seitens der dazu bestimmten Organe, also der Justiz, geahndet oder eben nicht, wie in Parsons Fall. Alles andere ist reine Unterstellung, mithin eine Lüge, und definitiv nichts anderes. Das wird auch dadurch relativiert, daß man 62 Jahre nach den Ereignissen mit dem Wörtchen "scheinen" argumentiert. Das sollten eigentlich gerade auch Scientologen aus eigener Erfahrung sehr gut wissen. Ich würde niemals eine Wendung selbst formulieren oder zitierenderweise und unkommentiert als Faktum wiedergeben, die da lauten könnte: "In den RPFs herrschen 'barbarische und bestialische' Zustände. Was unter RPF genau zu verstehen ist, entzieht sich meiner Kenntnis." Was sich meiner Kenntnis entzieht, bewerte ich grundsätzlich nicht und wenn ich Mutmaßungen anstelle, weise ich diese explizit als Vermutung, mithin Spekulation, aus. Punkt.
Wieder einmal ist mein Abschiedsgruß dem Thema mehr als nur angemessen:
Sapere aude!
© Neidthard Kupfer März 2008
Anfang
Fußnoten und Quellen
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Usenet
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Newsreader
[3] http://groups.google.com/groups/dir
[4] http://groups.google.de/group/de.soc.weltanschauung.scientology/topics
[5] http://www.welt.de/muenchen/article1790778/Paedophiler_Pfarrer_von_Riekofen_packt_aus.html
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/850/79771/print.html
[6] "Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird [...] die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden." (Der evangelisch-lutherische Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach im Vorwort zu seiner Schrift "Martin Luther und die Juden - Weg mit ihnen!", Freiburg 1938)
"Wenn Martin Luther heute lebte, dann säße er hier an meiner Stelle als Angeklagter." (Julius Streicher im Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg am 29. April 1946)
[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Killerphrase
[8] DER SPIEGEL 23/2006 vom 03.06.2006, Seite 185
[9] http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,543930,00.html und http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,543431,00.html
[10] http://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinische_Schenkung
[11] Julia Friedrichs, Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen, Hoffmann und Campe 2008 ISBN 978-3455500516, http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,540944,00.html
[12] "Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment wird gelehrt, daß alle Obrigkeit in der Welt und geordnetes Regiment und Gesetze gute Ordnung sind, die von Gott geschaffen und eingesetzt sind, und daß Christen ohne Sünde in Obrigkeit, Fürsten- und Richteramt tätig sein können, nach kaiserlichen und anderen geltenden Rechten Urteile und Recht sprechen, Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen, in ihnen mitstreiten, kaufen und verkaufen, auferlegte Eide leisten, Eigentum haben, eine Ehe eingehen können usw. Hiermit werden die verdammt, die lehren, daß das oben Angezeigte unchristlich sei." Confessio Augustana, Artikel 16, 1530 von Philipp Melanchthon verfaßt, der ganze Text der CA: http://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Augsburger_Bekenntnis.htm
[13] "Erstlich, dass man ihre Synagoge mit Feuer verbrenne. Und werfe hierzu, wer kann, Schwefel und Pech. Wer auch höllisch Feuer könnt zuwerfen, wäre auch gut [...] Zum andern, dass man ihnen alle ihre Bücher nehme, Betbücher, Talmudisten, auch die ganze Bibel und nicht ein Blatt ließe. [...] Zum dritten, dass man ihnen verbiete, bei uns und in dem Unsern öffentlich Gott zu loben, du danken, zu beten, zu lehren bei Verlust Leibes und Lebens. [...] Zum vierten, dass ihnen verboten werde, den Namen Gottes vor unseren Ohren zu nennen; denn wir können’s guten Gewissens nicht hören noch leiden ... Sondern wer es vom Juden hört, dass er´s der Obrigkeit anzeigen oder mit Saudreck auf ihn werfe, sofern er ihn sieht und von sich jage [...]" (Martin Luther, "Von den Juden und ihren Lügen", 1543), mehr dazu: http://www.theologe.de/martin_luther_juden.htm
[14] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,352845,00.html
[15] http://www.focus.de/politik/deutschland/karfreitags-fuerbitte_aid_263383.html siehe auch: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,542556,00.html
[16] pressure group: body, organized or unorganized, that actively seeks to promote its particular interests within a society by exerting pressure on public officials and agencies. Pressure groups direct their efforts toward influencing legislative and executive branches of government, political parties, and sometimes general public opinion.
http://www.infoplease.com/ce6/history/A0840083.html
Pressure-group meint einen Interessenverband, der rechtlich zulässige und rechtlich unzulässige (oder am Rand des rechtlich Zulässigen stehende) Mittel einsetzt, um im Parlament, in einem Ministerium oder an einer anderen Stelle, an der gewichtige Entscheidungen getroffen werden, seine Interessen durchzusetzen.
http://www.socioweb.de/lexikon/lex_soz/o_r/pressure.htm
[17] François Champion und Martine Cohen [Hers.], Introduction. Les sectes: un problème social passionnel et complexe", in Sectes et démocratie, Paris
[18] Professor Dr. Martin Kriele, Religiöse Diskriminierung in Deutschland, Zeitschrift für Rechtspolitik, 11. November 2001, http://www.anthroposophy.com/aktuelles/kriele1.html
[19] Professor Dr. Martin Kriele, ebd.
Der Text wurde zuerst in der Publikation The Magickal Observer im Heft März 2008 veröffentlicht. Download: http://magickal-observer.de/tmo_0108.html
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