Vita activa als Ethik - Verantwortungsethik

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Vita activa!

Vita activa als Ethik selbstverantwortlichen Handelns

Vita activa als Ethik - noch eine Ethik? Das und wozu ein weiteres, ethisches Konzept gut sein soll mag sich der Leser jetzt fragen. Haben wir nicht schon Verhaltenskanons und -kodizes in hinreichender Zahl, die uns als Ethik daherkommen? Daß sie als solche daherkommen, mag sein - was aber nicht notwendigerweise bedeutet, daß sie auch Ethiken sind. Es sind in der Regel Moralen, die als Ethiken deklariert werden, um ihnen den Anspruch einer gewissen Deutungshoheit und Allgemeinverbindlichkeit zuzusprechen.

Ethik vs. Moral

Was ist Ethik? Es wird oft und gerne geschrieben, Ethik - der Begriff leitet sich vom griechischen ethos her, was Gewohnheit, Herkommen, Sitte bedeutet - sei als die wissenschaftliche Lehre von allem Sittlichender jener Zweig der Philosophie, der sich mit der Moral befaßt, womit Ethik als Moralphilosophie beschrieben wäre. Das ist zwar nicht direkt falsch, aber einigermaßen irreführend, weil stark verkürzt. Zu unterscheiden ist zunächst zwischen philosophischer Ethik und der theologischen Ethik (Moraltheologie), die sich auf den Moralkodex des in der Kirche institutionalisierten Glaubens stützt. Das wesentliche Kennzeichen der Philosophie, und somit auch der philosophischen Ethik, ist die Offenheit des Fragens. Dies unterscheidet sie wesentlich von der Theologie, die an die Stelle der Fraglichkeit das Dogma setzt - womit wir letztere gleich wieder vergessen wollen.
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Die Grundfragen der philosophischen Ethik richten sich - sehr kurz gesagt - auf Maßstäbe als Richtschnur rechten und vernünftigen Handelns. Methodisch und von ihrem leitenden Erkenntnisinteresse her, lassen sich drei Grundformen der Ethik unterscheiden: empirische, normative und die Meta-Ethik. Die empirische Ethik beschreibt und erklärt die vielfältigen Ausprägungen von Moralität und Sittlichkeit und wird auf Grund ihrer beschreibenden Moments auch deskriptive Ethik genannt. Mit der sprachlichen Form, der Methode und der Funktion der Ethik befasst sich die Meta-Ethik. Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang die wesentlich von Ludwig Wittgenstein geprägte sprachanalytische Ethik, die ihre Aufgabe in der Klärung der Arten und Weisen sieht, in denen moralische Ausdrücke Verwendung finden und moralisch argumentiert wird. Die normative Ethik ist Ethik im eigentlichen Sinne, sie zielt auf allgemein verbindliche Aussagen. Innerhalb der normativen Ethik lässt sich eine weitere Unterscheidung machen - der formalen Ethik geht es um den Nachweis von Prinzipien, mit denen eine Handlung bewertet werden kann, die materiale Werte-Ethik orientiert sich an bestimmten Wertinhalten.

In Kontext dieses Schaubildes wäre die hier versuchte Darstellung der Vita activa als Ethik am ehesten als teleologische Handlungsethik zu beschreiben. Wir begreifen sie als Werte-Ethik und beschreiben sie mit dem Begriff Verantwortungs-Ethik.

Wir weisen demnach eine jede Zumutung zurück, uns irgendwelche Moraldogmatik als ewiges, endgültiges, fernerhin unwandelbares Sittengesetz aufzudrängen. [...] Wirklich wissenschaftliche Arbeiten vermeiden daher regelmäßig solche dogmatisch-moralische Ausdrücke wie Irrtum und Wahrheit, während diese uns überall entgegentreten in Schriften wie die Wirklichkeitsphilosophie, wo leeres Hin- und Herreden uns als souveränstes Resultat des souveränen Denkens sich aufdrängen will.

Friedrich Engels (aus "Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft" MEW 20, S. 87)

Welche Rolle spielt dann die Moral? Diese Frage bedarf einer Beschreibung dessen, was man unter Moral versteht. Moral ist eine, bestimmte Bereiche des sozialen Lebens betreffende, Gruppenkonvention, die immer von den strukturellen, ökonomischen und sozialen Konditionen der jeweiligen Gruppe abhängt. Das bedeutet, daß es DIE Moral nicht gibt - Katholiken folgen bei einer relativ großen Schnittmenge gemeinsam anerkannter Grundsätze anderen moralischen Regeln als Protestanten, beide wiederum haben eine andere Moral als Moslems, wobei die Schnittmenge gemeinsam anerkannter Grundsätze schon deutlich kleiner ist, und alle drei Gruppen zusammen folgen anderen moralischen Prinzipien als nordische Heiden uswusf. Ein Obdachloser, der im Berliner Tiergarten nächtigt, hat trotz einer beachtlichen Schnittmenge gemeinsamer Vorstellungen eine andere Moral als der Vorstand einer Bank mit Wohnsitz in Berlin-Wannsee und beide haben eine andere Moral als ein Bettler in Karatschi.

Nun ist es aber merkwürdig, daß gerade auf diesem Gebiet die angeblichen ewigen Wahrheiten, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz usw. uns am häufigsten begegnen. Daß zwei mal zwei vier ist, daß die Vögel Schnäbel haben, oder derartiges wird nur der für ewige Wahrheiten erklären, der mit der Absicht umgeht, aus dem Dasein ewiger Wahrheiten überhaupt zu folgern, daß es auch auf dem Gebiete der Menschengeschichte ewige Wahrheiten gebe, eine ewige Moral, eine ewige Gerechtigkeit usw., die eine ähnliche Geltung und Tragweite beanspruchen wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik.

Friedrich Engels (aus "Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft" MEW 20, S. 79)


Wenn schon die Charakteristik des »schlechten« Gewissens das ursprüngliche Phänomen nicht erreicht, dann gilt das noch mehr von der des »guten«, mag man es als eine selbständige Gewissensform nehmen oder als eine in dem »schlechten« wesenhaft fundierte. Das »gute« Gewissen müßte, entsprechend wie das »schlechte« ein »Bösesein«, das »Gutsein« des Daseins kundgeben. Man sieht leicht, daß damit das Gewissen, vordem der »Ausfluß der göttlichen Macht«, jetzt zum Knecht des Pharisäismus wird. Es soll den Menschen von sich sagen lassen: »ich bin gut«; wer kann das sagen, und wer wollte es weniger sich bestätigen als gerade der Gute? An dieser unmöglichen Konsequenz der Idee des guten Gewissens kommt aber nur zum Vorschein, daß das Gewissen ein Schuldigsein ruft.

Martin Heidegger (aus "Sein und Zeit", § 59)

Moral - in unseren Breiten die christliche geprägte, bürgerliche Moral - ist zu großen Teilen das Resultat von Erziehung und Sozialisierung bzw. sozialopportuner Anpassung - also von konditionierender und domestizierender Prägung der willensbildenden Instanzen des Individuums. Moral wird strukturiert und vermittelt von solcherart "erzieherisch" - also konditionierend und domestizierend - wirkenden Instanzen und Institutionen, z.B. von Kirchen, Parteien, Schulen, von der Familie und der Ehe. Dem in diesen Strukturen agierenden Individuum bleibt im Verhältnis zur Moral nichts zu tun, als sich an ihre Prinzipien zu halten, und zwar objektiv betrachtet ausschließlich aus Opportunitätsgründen. Es ist zwar hilfreich, aber in keiner Weise erforderlich, daß das Individuum sich der Moral in kognitiver Weise annimmt, denn es muß die Moral weder verstehen noch antizipieren. So gibt es von A wie Arbeitsmoral bis Z wie Zahlungsmoral Moralen für jede Gelegenheit - und die berüchtigten Moralwächter. Hat man je von einem Ethikwächter gehört?

Es giebt Moralen, welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen; andre Moralen sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen; mit anderen will er sich selbst an's Kreuz schlagen und demüthigen; mit andern will er Rache üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklären und hinaus, in die Höhe und Ferne setzen; diese Moral dient ihrem Urheber, um zu vergessen, jene, um sich oder Etwas von sich vergessen zu machen; mancher Moralist möchte an der Menschheit Macht und schöpferische Laune ausüben; manch Anderer, vielleicht gerade auch Kant, giebt mit seiner Moral zu verstehn: "was an mir achtbar ist, das ist, dass ich gehorchen kann, - und bei euch soll es nicht anders stehn, als bei mir!" - kurz, die Moralen sind auch nur eine Zeichensprache der Affekte.

Friedrich Nietzsche (aus "Jenseits von Gut und Böse", Hauptstück 5)

Nein, hat man nicht - und damit sind wir bei unserer Sicht der Dinge. Wir lehnen diese Moralisiererei für uns ab und praktizieren sie nicht. Wie sehen es als ein Ziel unserer spirituellen Entwicklung, für uns ganz individuell und als Gruppe ein ethisches Konzept zu entwickeln und zu realisieren.

Das Christentum kannte nur eine Gleichheit aller Menschen, die der gleichen Erbsündhaftigkeit, die ganz seinem Charakter als Religion der Sklaven und Unterdrückten entsprach.

Friedrich Engels (aus "Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft" MEW 20, S. 96)

Vita activa - ein Konzept selbstverantwortliches Handeln

Was ist die Vita activa und was hat sie mit Verantwortung zu tun? Im Begriff Vita activa manifestiert sich die lange Tradition einer bestimmten Weise menschlichen Handelns, an deren überliefertem Anfangspunkt mit Sokrates und an deren bisherigem Endpunkt mit Hannah Arendt zwei herausragende Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte stehen.

Sokrates, Sohn des Bildhauers Sophroniskos und der Hebamme Phainarete und verheiratet mit Xanthippe, lebte von ungefähr von 469 bis 399 vdZ. in Athen. Er war nicht nur eine vielschichtige und schillernde Persönlichkeit, sondern der Urtyp des aktiven, selbstbestimmt und selbstverantwortlich lebenden Menschen, der Philosophie nicht zum Selbstzweck betrieb, sondern lebte und einer breiten Schülerschaft, der bekannteste ist Platon, lehrte und sich aktiv an der Gestaltung der Polis beteiligte, der aber einerseits auch als Hoplit, das war ein spezieller, schwerbewaffneter Krieger, am Peloponnesischen Krieg teilnahm und andererseits seiner Überzeugung, in Bedürfnislosigkeit und Kargheit zu leben, gemäß im Winter nur einen einfachen Wollmantel trug und barfuss herumlief.
Nach dem Peloponnesischen Krieg, den Sparta gewann, herrschte in antiken Athen ein Klima der Angst und der weltanschaulichen und wirtschaftlichen Unsicherheit. Schon damals passierte das, was bis heute üblich ist - kritische Geister, und als solcher besonders Sokrates, wurden argwöhnisch beobachtet, denunziert und schließlich angeklagt. Die Folge war der wohl erste, überlieferte Schauprozeß gegen Sokrates wegen Asebie und Religionsfrevel, dessen schriftliche Anklage lautete : "Sokrates handelt erstens gesetzwidrig, da er nicht an die Götter glaubt, die der Staat anerkennt, sondern andere neue Gottheiten einführt; er handelt zweitens gesetzwidrig, da er die Jugend verdirbt." Also kam es zu einem öffentlichen Prozess, in dem 500 Laienrichter - ein Tribunal des Mobs - über das weitere Schicksal des Sokrates urteilten.

Mit was für Reden also verleumdeten mich meine Verleumder? Als wären sie ordentliche Kläger, so muß ich ihre beschworene Klage ablesen: "Sokrates frevelt und treibt Torheit, indem er unterirdische und himmlische Dinge untersucht und Unrecht zu Recht macht und dies auch andere lehrt."

Platon (aus "Des Sokrates Verteidigung")

Die Konstruktion der Anklage lieferte das Grundmuster für alle anderen Prozeße gegen Andersdenkende in der abendländischen Geschichte - man riß ein Fragment des sokratischen Denkens aus dem Kontext und verdrehte es willkürlich in denunziatorisch-verleumderischer Absicht. Sokrates Ankläger bedienten sich konkret des Daimonion, deklarierten es willkürlich als von Sokrates neu eingeführte, bösartige Gottheit, die er angeblich über die Göttern der Polis gestellt haben sollte. Tatsächlich jedoch bezeichnete Sokrates - wie wir von Platon und Xenophon wissen - seine innere göttliche Stimme, die ihn davon abhielt, etwas Unrechtes zu tun, als Daimonion. Dabei war das Daimonion für Sokrates streng getrennt vom Logos, es sagte ihm das, was sein Logos nicht erkennen konnte. Es war nicht das sittliche Gewissen, sondern das Daimonion bedeutet ihm die Stimme des Schicksals, die ihn immer rechtzeitig warnt, so daß er imstande war, seinen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Es lohnt sich, die historischen Parallelen bis in die heutige Zeit zu reflektieren und zu überdenken, wie aus dem sokratischen Daimonion das sogenannt "Dämonische" werden konnte, das zur Begründung für Inquisitionsurteile ohne Zahl herhalten mußte.

Es wäre viel gewonnen, wenn wir das bösartige Wort »Gehorsam« aus dem Vokabular unseres moralischen und politischen Denkens streichen könnten. Wenn wir diese Fragen durchdenken, könnten wir ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und sogar Stolz zurückgewinnen, das, was frühere Zeiten die Würde oder die Ehre, vielleicht nicht der Menschheit, so doch des Menschen, genannt haben.

Hannah Arendt (aus "Was heißt persönliche Verantwortung unter einer Diktatur?")

Der Begriff von der Vita activa verdankt seinen Ursprung somit einer ganz spezifischen geschichtlichen Konstellation, aus der er niemals wirklich herausgewachsen ist, nämlich dem Prozeß des Sokrates und damit dem Konflikt zwischen dem Philosophen und der Polis. Hier entstanden die politische Philosophie und die bis heute wirkende abendländischen Tradition von Philosophie wie Politik. Das Wort Vita activa findet sich erst in der mittelalterlichen, scholastischen Philosophie ein, wo es dazu diente, den bios politichos des Aristoteles ins Lateinische zu übersetzen und dabei entscheidend umzuinterpretieren. Noch Augustin spricht hingegen von einer vita actuosa in der ursprünglichen griechischen Bedeutung, nämlich von einem Leben, das öffentlich und politischen Dingen gewidmet ist.
Aristoteles hatte mit den bioi drei Lebensweisen unterschieden, die miteinander gemein haben, daß sie sich alle im Bereich des "Schönen" abspielen, das heißt im Bereich von Dingen, die nicht notwendigerweise gebraucht werden, die unter Umständen nicht einmal zu irgend etwas Bestimmtem nützlich sind. Zu diesen bioi zählt Aristoteles das Leben, das im Genuß und Verzehr des körperlich Schönen Erfüllung findet, das Leben, das innerhalb der Polis schöne Taten vollbringt und das Leben des Philosophen, der durch das Erforschen und Erschauen dessen, was nie vergeht, sich in einem Bereich immerwährender Schönheit aufhält, das dem Zugriff des Menschen, seinem Herstellen neuer Dinge und seinem Verzehren dessen, was ist, entzogen ist.
Bezüglich des Begriffs vom bios politichos, den Aristoteles in direktem Bezug auf das Leben und den Tod des Sokrates schuf und dessen Äquivalent die Vita activa ist, liegt der Hauptunterschied zwischen dem aristotelischen Begriff und der späteren mittelalterlichen Vita activa darin, daß Aristoteles damit explizit den Bereich des im eigentlichen Sinne Politischen meinte, also das Handeln als die im eigentlichen Sinne politische Tätigkeit. Nach der Vorstellung der Griechen in der Antike konnten weder Arbeiten noch Herstellen überhaupt ein bios, also eine Lebensweise, sein, die eines freien Mannes würdig wäre. Dabei bedeutete den Griechen Freiheit das Freisein von den den Bedürfnissen, Wünschen und Nöten der Menschen, von der Notwendigkeit, das zur Befriedigung dieser Bedürfnisse und Wünsche Notwendige zu produzieren. So galt den antiken Griechen das bloße Organisieren und Organisiertsein noch lange nicht als politisch, gerade weil ihnen für menschliches Zusammenleben Organisation notwendig war. Folgerichtig waren sie sogar der Meinung, daß das Leben eines Herrschers nicht zu den Lebensweisen eines freien Mannes gehörte.
In der mittelalterlichen, namentlich scholastischen Philosophie verlor der Begriff der Vita activa seine eigentlich politische Bedeutung und diente zunehmend dazu, alle Arten einer aktiven Beschäftigung mit den Dingen der quasi profanen Welt zu benennen. Das bedeutete allerdings keineswegs, daß nun die Arbeit und das Herstellen höher bewertet worden wären und daß sie dem Politischen an Bedeutung gleichgestellt worden wären, sondern es verhielt sich genau umgekehrt und auch das politische Handeln wurde auf das Niveau der puren und profanen Notwendigkeit herabgedrückt. So blieb von den drei freien Lebensweisen des Aristoteles nur die dritte, der bios theoretichos, dessen Äquivalent die Vita contemplativa ist, übrig.
So ist bis zum Beginn der Neuzeit die Vorstellung der Vita activa immer an ein vermeintliches Negativum gebunden, denn sie stand - vom Standpunkt der absoluten Ruhe in der Kontemplation her verstanden - der griechischen ascholia, der Unruhe, näher als dem bios politichos.

Erst Hannah Arendt greift in ihren Hauptwerk "Vita activa oder Vom tätigen Leben" im Jahre 1958 die Idee von der Vita activa wieder auf und transformiert sie in den ursprünglich positiven Sinn. Erläuternd schreibt sie: Im Sinne der Tradition wird das Wesen der Vita activa vom Standpunkt der Vita contemplativa her bestimmt, und die beschränkte Anerkennung, die ihr immerhin zuteil wird, wird ihr verliehen, sofern sie der Bedürftigkeit eines lebendigen Körpers, an den die Kontemplation gebunden bleibt, dient. Der christliche Glaube an ein Leben nach dem Tode, dessen künftige Wonne sich in den Freuden der Kontemplation ankündigt, besiegelte die Degradierung der Vita activa.

Der Begriff Vita activa faßt mit Arbeiten, Herstellen und Handeln drei menschliche Grundtätigkeiten zusammen, von denen jede einer der Grundbedingungen entspricht, unter denen der Menschen seine Existenz auf der Erde gestaltet. Die Arbeit ist dem gesamten biologischen Prozeß des menschlichen Körpers äquivalent, der in Wachstum, Stoffwechsel und Verfall der lebensnotwendigen Dingen bedarf, die durch Arbeit produziert werden. Ihre Grundbedingung ist somit das Leben selbst.
Das Herstellen produziert eine künstliche Welt von Dingen, die sich von Naturdingen dadurch unterscheiden, daß sie dem natürliche Verfallsprozeß bis zu einem gewissen Grade widerstehen und von den lebendigen Prozessen nicht einfach zerrieben werden. Die Grundbedingung des Herstellens ist damit die Weltlichkeit im heideggerschen Sinne: das Angewiesensein der weltlich-menschlichen Existenz auf Gegenständlichkeit.
Das Handeln ist die einzige Tätigkeit der Vita activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt. Die ihr solcherart entprechende Grundbedingung ist die Pluralität in Gestalt der Tatsache, daß nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben, womit Leben inter homines esse - unter Menschen weilen - bedeutet. Zugleich ist dies eine Pluralität, in der zwar alle Menschen das gleiche, nämlich Menschen, sind, aber nie dasselbe, weil keiner dieser Menschen mit einem anderen identisch ist, der einmal gelebt hat, gerade lebt oder leben wird. Damit ist die solitäre Eigenschaft menschlicher Existenz beschrieben, welche Grundlage und zugleich Konsequenz der Vita activa ist.
Diese Pluralität als grundsätzliche Bedingung unseres Handelns und Sprechens, manifestiert sich einerseits als Gleichheit und andererseits als Verschiedenheit. Ohne Gleichartigkeit gäbe es keine Verständigung unter Lebenden, kein Verstehen der Toten und kein Planen für eine Welt, die nicht mehr von uns, aber doch immer noch von unseresgleichen bevölkert sein wird. Ohne Verschiedenheit, das absolute Unterschiedensein jeder Person von jeder anderen, die ist, war oder sein wird, bedürfte es weder der Sprache noch des Handelns für eine Verständigung; eine Zeichen und Lautsprache wäre hinreichend, um einander im Notfall die allen gleichen, immer identisch bleibenden Bedürfnisse und Notdürfte anzuzeigen. (Hannah Arendt)

Die Vita activa und die ihr zugehörenden Bedingungen sind in den allgemeinsten Bedingtheiten menschlicher Existenz verankert - in Natalität und Mortalität, daß der Mensch durch die Geburt physisch zur Welt kommt und durch den Tod physisch aus ihr wieder verschwindet. Das Handeln ist dabei an die Natalität als Grundbedingung menschlicher Existenz sehr viel enger gebunden als Arbeiten und Herstellen. Hannah Arendt formuliert das so: Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt. selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln. Im Sinne von Initiative - ein initium setzen - steckt ein Element von Handeln in allen menschlichen Tätigkeiten, was nichts anderes besagt, als daß diese Tätigkeiten eben von Wesen geübt werden, die durch Geburt zur Welt gekommen sind und unter der Bedingung der Natalität stehen. (Hannah Arendt)

[Anmerkung: An dieser Stelle sei auf ein Mißverständnisse hingewiesen, das es zu vermeiden gilt. Einerseits stellt selbst eine angenommene "Gesamtsumme" menschlicher Tätigkeiten und Fähigkeiten keineswegs eine Beschreibung der Natur des Menschen dar, andererseits können Natalität und Mortalität, Weltlichkeit und Pluralität als Bedingungen menschlicher Existenz niemals "den" als solchen und an sich Menschen erklären, geschweige denn eine Antwort auf die Frage geben, was und wer wir sind. Der Grund liegt darin, weil keine von ihnen die menschliche Existenz absolut bedingt, auch wenn Wissenschaften wie Anthropologie, Psychologie, Biologie und andere, die sich auch mit dem Menschen befassen, das hin und wieder glauben beweisen zu können.]

Die Tatsache, dass der Mensch zum Handeln im Sinne des Neuanfangens begabt ist, kann weiter nur heissen, dass in diesem einen Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, und dass das, was »rational«, d.h. im Sinne des Berechenbaren, schlechterdings nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf.

Hannah Arendt (aus "Vita activa oder Vom tätigen Leben")

Diese Einzigartigkeit stellt sich in Sprechen und Handeln darstellt, denn sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, statt nur lediglich verschieden zu sein. Sprechen und Handeln die Tätigkeiten, in denen sich das Menschsein selbst offenbart.Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen. (Hannah Arendt)

Verantwortung als Grundkonstante und Primat einer Ethik

Verantwortung - unser Anliegen und Ziel ist es, eine Wert-Ethik zu leben, deren Maßstab und Aufgabe das bewußte und selbstverantwortliche Handeln des Menschen als Individuum und soziales Wesen ist. Die Schlüsselworte dieser Werte-Ethik sind Verantwortung und selbstverantwortliches Handeln. Für jedes Handeln, was das Denken und Sprechen einschließt, ist die Verantwortung für die Konsequenzen desselben der Maßstab, mithin die Frage, ob Mensch in der Lage und willens ist, für sein Handeln konsequent einzustehen. Als Beispiel: In der klassischen Hierarchie, sei es in Arbeitskollektiven oder in sonstigen Gruppen, wird über die Postionierung in derselben Verantwortung delegiert, und in aller Regel von oben nach unten. (Demokratische Wahlen tun zwar so, als delegierten sie von unten nach oben, tun das aber nicht wirklich, da der Kreis der solcherart zu delegierenden Personen von denen, die von oben nach unten delegieren, ausgewählt wurde.) Das Problem besteht darin, daß das keine selbstzugemessene Verantwortung ist, auch wenn die meisten Menschen sich freiwillig in solche Strukturen begeben, was allerdings in der Regel über die Annahme materieller (Geld) oder ideeller (Macht) Korruptoren erfolgt, was sich immer wieder im Scheitern an der Verantwortung und in der Unfähigkeit, sich seiner Verantwortung zu stellen, zeigt. In sozialen Kleinverbänden wie Familien trifft man das Problem exakt so an, auch hier wird Verantwortung wechselseitig delegiert, oftmals unausgesprochen, wobei hier eine landläufig als Liebe mißverstandene Befindlichkeit der Korruptor ist.

Verantwortung - die Betonung liegt auf "selbst" und das Konzept der Vita activa ermöglicht erstmals, jenseits sonstwie legitimierender Instanzen a la Moral, Jurispudenz usw. für sich selbst Verantwortlichkeit zu definieren, und zwar für sein gesamtes Handeln. Dabei scheint das zentrale Problem zu sein: Daß Mensch schon von Kindesbeinen an konditioniert wird, Verantwortung zu deligieren, erst an die Eltern, später an Erzieher, Lehrer, Vorgesetzte uswusf. bis hin zu instutionalisierter Verantwortungsmacht wie Kirchen, Polizei, Steuerbehörden, dem Staat als solchem. Der Mensch muß lernen zu sagen "Das ist mein Leben, es liegt inklusive des Todes und allem was danach kommen mag, in meiner Verantwortung, mithin in meiner Willensfindung und -entscheidung, es zu gestalten!" und die Vita activa gibt ihm schlüssig das notwendige Rüstzeug dazu, ohne sich auf eine Legitimation von XYZ berufen (oder i.d.R. eigentlich nur darauf hoffen) zu müssen.

Unsere Vorstellung von Ethik geht dahin, daß Mensch imstande ist, sich seine Verantwortung selbst zuzumessen, was natürlich impliziert, daß man in bestimmten Situtionen erkennt, ihr eben nicht gewachsen zu sein und sie ablehnt, was dann optimalerweise (in Verbindung mit bzw. unter Voraussetzung der allfälligen Dekonditionierung) zur Folge hat, daß Mensch seinen Willen tut (und nicht, was ihm beliebt). Das Konzept beinhaltet auch, daß Mensch sich entwickelt und damit ändert, was veränderte Verantwortungsbereitschaft und -fähigkeit nach sich ziehen kann, auch hier unter der Vorausetzung der Dekonditionierung, die Mensch befähigt, seine Entwicklung in seinem Willen adäquater Weise zu kommunizieren.

Was ist dieser Wille? Der Wille ist aus dieser Sicht und in Erweiterung des Konzepts nach Duns Scotus die (Selbst)Konstituierung des Ego, seine Manifestation als das ICH BIN. Der Begriff "Ego" wird im Wortsinn verwendet als das Ich, es setzt sich zusammen aus unserem Bewußtsein, unseren Emotionen, Trieben und Instinkten. Der kognitive und reflektierende Teil ist das Bewußtsein, alle vier Teile wirken aber zusammen. Ein Teil ist uns fast unabänderlich, aber dennoch kontrollierbar, gegeben, ein Teil ist gesetzt durch Erziehung und soziale Prägung, ein anderer Teil ist Resultat unserer Erfahrung. Intentionen, Wünsche und Ziele sind determinierte Resultate des Wirkens der vier Teile. Der Wille ist in dieser Konstellation das konstituierende und definierende Element des Selbst, das optimalerweise die Balance zwischen den Teilen des Egos schafft und kontrolliert und das Selbst nach innen und außen manifestiert. Aber der Wille hat dieselben Eigentümlichkeiten wie andere, als wahre angenommene Dinge im besonderen und die Wahrheit als solche im Allgemeinen: Er ist weder absolut noch ist er statisch. Deshalb kann niemand vollständig und abschließend seinen Willen finden. Er erlaubt "nur" eine größtmögliche Annäherung - und das ist mitunter harte Arbeit an sich selbst.

[Anmerkung: Was die Konditionierung betrifft - nun ja, es gibt eine Reihe sehr nützliche Konditionierungen, von denen Mensch sich nicht unbedingt freimachen sollte. Man denke z.B. an die Konditionierung, Stoffwechselendprodukte an den dafür vorgesehenen und dabei bewährten Orten zu entsorgen. So etwas muß nicht unbedingt per Willensfindung geregelt werden. Als erstes Ziel wäre also zu formulieren, daß Mensch sich seiner Konditionierungen bewußt werden sollte und sich im zweiten Schritt von jenen befreit, die ihn in seinem Menschsein bzw. seiner Menschwerdung behindern. Wir denken da an Konditionierungen im kommunikativen, sozialen, sexuelle usw. Verhalten, also in allen Bereichen, die ihn am konstruktiven und selbstverantwortlichen Interagieren in sozialen Zusammenhängen hindern.]

Unser Anliegen ist die Synthese der besten, weil am Willen des Menschen orientierten, klassischer Ethik mit neuzeitlichen Konzepten sozialer Strukturen und des Handelns in diesen Strukturen, die sich wesentlich im Konzept der Holarchie manifesieren, als ein Modell bewußten und selbstverantwortlichen Handelns. Wir wollen diese fundamentalen Erkenntnisse der Menschheit mit dem zusammenführen, was wir für uns als Basis unseres Handelns erkannt haben - Verantwortung als Grundkonstante und Primat einer gelebten Ethik. Uns ist durchaus bewußt, daß das ein hoher Anspruch ist, in den Ohren manches Zeitgenossen wird er gar vermessen klingen, aber wir sind uns unseres Willens sicher - und wir haben Geduld.

Autor: Neidthard Kupfer © 2004