- Heiko Lassek gestorben
12.1.2012 20:10 - Grundgütiger!
11.7.2011 4:52 - Hallo Forum
10.7.2011 11:07
Faschismus als Begriff und Erscheinung
Faschismus als Begriff und Erscheinung
Im Zuge des Umbruchs und der rasanten Erweiterung der okkulten und esoterischen Szene wird immer mal wieder der Vorwurf faschistischer Strukturierung und Absicht gegen verschiedene Orden und Gruppierungen erhoben, der mitunter zum Vorwurf national-sozialistischen Auftretens gesteigert wird. Das hat verschiedene Gründe. Mal ist es die Verwendung bestimmter okkulter Symbole, mal ist es eine bestimmte Organisationsstruktur oder die Berufung auf Apologeten und Epigonen faschistischen Denkens, mitunter ist es schlichtes Konkurrenzdenken, was manchen Insider der Szene zu diesem Vorwurf greifen läßt.
Was aber kennzeichnet faschistische bzw. nationalsozialistische Strukturen? Zunächst sei festgestellt, daß Nationalsozialismus und Faschismus zwei verschiedene Herrschaftsformen sind, obwohl sich der Nationalsozialismus durchaus faschistischer Herrschaftselemente bedient. Der Nationalsozialismus ist eine totalitäre Herrschaft und der Faschismus ist eine autoritär-diktatorische Herrschaft. Beiden gemeinsam als Element faschistischer Herrschaft ist die Notwendigkeit der Konstituierung eines Feindbildes. Allerdings ist es kennzeichnend für den Nationalsozialismus, daß dessen Feinbild immer auch rassistisch ist und daß sein Feinbild die physische Vernichtung der Feinde intendiert, was beides auf den Faschismus nicht in dieser Weise zutrifft.
Der Faschismus ist, obwohl er sich darum bemüht, kein geschlossenes System und keine geschlossene Ideologie und deshalb als Begriff relativ unscharf. Der Nationalsozialismus hingegen ist sowohl ein weitgehend geschlossenes System und beansprucht auch eine geschlossene Ideologie. Beiden gemeinsam ist die Struktur der Machthierarchie, die immer als Hyperstruktur daherkommt.
Das Phänomen Faschismus ist von verschiedenen Ansätzen her interpretierbar. Im Wesentlichen ist das einerseits der politisch-ökonomische und andererseits der soziologisch-psychologische Ansatz. Weiterhin gibt es den Ansatz aus der Richtung der politischen Philosophie, dessen bekanntestes und bedeutendstes Resultat die Totalitarismustheorie von Hannah Arendt ("Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft") ist. Es gibt hinreichend viele Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen als faschistisch apostrophierten Organistionen und Bewegungen, die seinen Gebrauch als Sammelbezeichnung nahelegen. Ein zentrales Merkmal der faschistischen Organisationen ist die streng hierarchische Ausrichtung am Führerprinzip. Die Ausrichtung der gesellschaftlichen Strukturen auf einen Führer resultiert aus der sozialen Grundlage faschistischer Gesellschaften. Hannah Arendt charak-terisierte sie als das Bündnis zwischen Eliten und Mob. Der Mob ist dabei folgendermaßen zu verstehen: "Der Mob setzt sich zusammen aus allen Deklassierten als Abfallprodukt der Herrschaft der Bourgeoisie. In ihm sind alle Klassen der Gesellschaft vertreten. Er ist das Volk in seiner Karrikatur und wird deshalb so leicht mit ihm verwechselt. Kämpft das Volk in allen großen Revolutionen um die Führung der Nation, so schreit der Mob in allen Aufständen nach dem starken Mann, der ihn führen kann. Der Mob kann nicht wählen, er kann nur akklamieren oder steinigen." (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) In dieser Weise ist der auoritätssüchtige Mob das strukturierende Element jeder modernen Gesellschaft und sowohl Mussolini als auch Hitler war das Sinnbild des Mobs. Sie kamen aus seiner Mitte, seinem Schoß quasi, und gerade Hitler verkörperte ihn wie kein zweiter Mensch seiner Zeit. Beide initiierten das für ihre Ziele - die weitgehende Umstrukturierung der Gesellschaft - enorm wichtige Bündnis zwischen dem Mob, der den Rest der Gesellschaft aggressiv unter Druck setzte, und den Eliten, die ihn materiell förderten.
Des Weiteren mythisieren und mystifizieren die faschistischen Bewegungen ihre eigene Organisation und Struktur, verabsolutieren den Anspruch der jeweiligen Eigeninteressen der Gruppe auf die Gesamtheit aller Individuen in ihrem hegemonial beanspruchten Interessenbereich und verherrlichen und verklären ihre eigene Geschichte. Die faschistische Organisation als soziale Gruppierung basiert auf einer Gruppenidentität, in der Menschen anderer Gruppen ethnischer, religiöser oder politischer Art kollektiv und individuell keinen Platz haben. Sie werden zu Randgruppen deklariert - die "Anderen" eben - und werden aber dennoch gebraucht, um innere soziale Spannungen und andere Konflikte auf sie zu projezieren. Der Faschismus konstituiert sich wesentlich über die "Anderen" als permanentes Feindbild. Das heißt, daß sich das Feindbild nicht entwickelt (aus Erfahrung beispielsweise), sondern zur Etablierung von vornherein unbedingt erforderlich ist, weil der Faschismus aus ihm seine innere Dynamik bezieht. Er braucht permanente Feindbildpflege zur Selbstvergewisserung und zum Selbsterhalt.
Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Nationalsozialismus und Faschismus, den Hannah Arendt in ihrem Buch ausführte. Kurz gesagt läßt er sich in der scheinbaren "Zweckwidrigkeit" des national-sozialistischen Terrors feststellen. Faschistischer Terror bzw. dessen Repressionsmaßnahmen verfolgten mit der Ausschaltung politischer und weltanschaulicher Gegner konkrete Ziele und waren somit von Zweckgebundenheit gekennzeichnet. Faschistischer Terror folgt den Maßgaben politischer Opportunität. Nationalsozialistischer Terror hingegen ist in der Wahl der Opfer absolut willkürlich und läßt sich, von der Zeit der Machtübernahme und -konsolidierung in den Jahren 1933/34 abgesehen, nicht an Zweckkriterien im herkömmlichen Sinn festmachen. Der Begriff "Zweckwidrigkeit" selbst ist zwiespältig: denn die zweckwidrigen Lager, stehen offenbar doch im Interesse des totalitaeren, konkret nationalsozialistischen Staates. Er braucht sie, auch wenn dafür auch kein nationalökonomischer Zweck gefunden werden kann, er benötigt Lager und Terror gewissermassen existentiell - zur Transformation der menschlichen Natur. Ein rationaler Zweck dieser Transformation jedoch läßt sich nicht fassen, in ihr selbst liegt bereits aller Sinn totaler Herrschaft (was übrigens exakt so auch auf den Stalismus zutrifft).
Ein weiteres gemeinsames Merkmal der verschiedenen faschistischen Bewegungen ist ihr Ziel - das Erreichen umfassender, idealerweise totaler Kontrolle der Entwicklung in ihrem Interessen- und Einflußbereich. Deshalb, auch das ist charakeristisch, ist der Faschismus stets und immer sowohl nach innen als auch, sobald er eine Chance dazu sieht, nach außen expansiv. Zur Verwirklichung der totalen Kontrolle ist die Über- bis Hyperstrukturierung der Organisation kennzeichnend. Diese verfolgt den Zweck, die Mitglieder in mehrschichtiger Stufung mehrfach einzubinden und mehrstufige Kontrollmechanismen zu etablieren. Seit Ende der 20iger Jahre begann die NSDAP unter Hitlers Führung, ein organisatorisches Abbild der deutschen Gesellschafts- und Sozialstrukturen zu schaffen. Es gab einen NS-Studentenbund, einen NS-Juristenbund, einen NS-Handwerkerbund und so weiter bis zum NS-Kraftfahrerkorps und zum NS-Reiterbund. Für den Mob gab es die SA als Sammelbecken, für die Eliten den Freundeskreis Himmler, später der Freundeskreis Reichsführer SS. Dort war eine illustre Runde hochrangiger Vertreter der wirtschaftlichen Elite versammelt. Alle sozialen und ständischen Strukturen wurden so nachgebildet und nach der Machtübergabe systematisch über bestehende Strukturen gestülpt, um sie unter einen Willen zu zwingen.
Das Standardwerk soziologisch-psychologischer Sicht stammt von Wilhelm Reich und heißt "Die Massenpsychologie des Faschismus". Reichs Interpretation zufolge ist der Faschismus keine Ideologie oder politische Richtung, sondern ein ins Maßlose übersteigerter Ausdruck der Sehnsucht des "normalen" Menschen, seine primären biologischen Bedürfnisse zu befriedigen, was ihm durch eine jahrtausendealte autoritär-repressive Sozialstruktur unmöglich gemacht wurde. Als neurotische Struktur wird das Resultat dieser Repression in jedem Individuum konserviert und über die Erziehung auf die Kinder übertragen. Der Faschismus ist der kollektiv organisierte Versuch, die Beschränkungen der Neurose gewaltsam zu durchbrechen und führt per se in eine Charakterschicht der Destruktivität, die Reich als "emotionelle Pest" bezeichnete. Menschen, die sich in dieser Charakterebene aufhalten, nannte er "emotionell pestkrank". Damit ist der Faschismus die kollektive Weiterung individueller Gewalt, die in denselben Ursachen wurzelt. Die emotionelle Pest ist nicht nur als endemische Krankheit ständig aktiv, sondern bricht auch epidemisch aus, ergreift Gruppen von Menschen, Organisationen oder auch ganze Staaten.
Inwieweit ist die eingangs formulierte Bewertung esoterischer, magischer und okkulter Orden und Organisationen zulässig? Zunächst stellt sich die Frage, worauf der Begriff Faschismus anwendbar ist - konkret, ob er nur auf politische Systeme im staatlichen/nationalen Maßstab Anwendung finden kann. Ich meine nein, was aus der Zusammenschau der verschiedenen Interpretations- und Bewertungsansätze resultiert. In dessen Sinne ist eine Charakterisierung als faschistoid bis faschistisch für jede soziale Gruppierung unabhängig von ihrer Größe möglich und unter Umständen geboten, sofern sie die Kriterien als Quintessenz der obigen Interpretationsansätze in hinreichender Weise erfüllt. Die nächste Frage an dieser Stelle wäre die, ob das einfache Zutreffen eines Gesichtspunktes oder mehrerer Kriterien faschistoide Tendenz oder Faschismus als solche/n per se definiert. Das tut es nicht. Kennzeichnend ist das Zusammenwirken der Kriterien in einem Gesamtkontext, dem eine machtorientierte Intention immanent ist. In diesem Sinne kann es durchaus zulässig sein, eine derartige Bewertung zu treffen, wenn das unter der Zusammenschau all der genannten Kriterien unter Berücksichtigung des weltanschaulichen Gesamtkontextes der jeweiligen Gruppierung geschieht. Nicht zulässig ist, unter Hernahme einzelner Gesichtspunkte willkürlich auf einen Gesamtzusammenhang zu spekulieren.
Neidthard Kupfer 2002

