Freitag, 23. Juni 2017
 

Die RAF-Ausstellung im Kunst-Werke Berlin e.V. - Review und Assoziationen

Am 21. April 2005 veranstaltete Mentopia einen Gruppenausflug zur Ausstellung "Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung" im o.g. Kunstverein. Es gab im Vorfeld zu dieser Ausstellung diverse Meinungsäußerungen in der Presse, die sich mit dem Sinn einer solchen Darstellung der RAF-Geschichte generell befaßten und worin es immer auch um die Berechtigung der Mitfanzierung dieser Ausstellung durch den Berliner Senat ging.

Wie nicht anders zu erwarten eröffnete die BILD-Zeitung mit der Schlagzeile: "Warum zahlt Berlin 100.000 Euro für Skandal-Ausstellung über RAF?" das fröhliche Spekulieren über Sinn und Zweck einer solchen Ausstellung, das zunächst an der Kostenfrage in Anbetracht der mehr als desolaten Finanzsituation der Stadt festgemacht wurde. Das ist zwar im Grundsatz eine berechtigte Frage, die aber deshalb reichlich pharisäerhaft daherkommt, weil dem Blatt üblicherweise der vom Senat unter dem Deckmantel der Kunstförderung protegierte und finanzierte grobe Unfung, die eigentlich nur das ist, was der unter Standortförderung meint verstehen zu müssen, eher keine Schlagzeile wert ist.

In er Folge gab es allerlei Hickhack um die geplante Ausstellung - die Familien Schleyer und Rowedder protestierten, das Hamburger Institut für Sozialforschung zog seine Beteiligung am Projekt zurück und der Senat seine Finanzierungszusage und es wurden stattdessen Sponsoren gefunden. Das Projekt wurde umdefiniert und umgeschrieben, schließlich kam es doch noch in den Kunst-Werke Berlin e.V. - und exakt wie seine Vorgeschichte sieht es nun aus - wie ein Betroffenheitspatchwork.

Der Ausstellungsleiter Klaus Biesenbach argumentierte mit Unterstützung der sogenannten "linken" Medien a la taz dagegen, daß es nicht um Glorifizierung der RAF-Historie, sondern um das Gegenteil gehe und daß es an der Zeit sei, dieses Thema mit einem wissenschaftlich fundierten Ansatz anzugehen, Biesenbach wird das in Hinsicht auf diverse, postmoderne Produktionen vom Film bis zur Modelinie so gemeint haben. [siehe hier und hier] Das ist ein wahrlich heheres Vorhaben, allerdings wäre es doch besser darum gegangen, endlich die Mythen aufzubrechen, die sich um die RAF-Geschichte und den Deutschen Herbst ranken - und derer gibt es etliche. Da ist der dekontextualisierte Mythos [1], er ist die Hauptlinie in der Rezeption der RAF-Geschichte und sieht die Entführungs- und Anschlagsopfer der RAF als solche blindwütiger Mörder, die gewissermaßen vollständig kontextfrei mordeten.

In ziemlich genau diesem Sinne meint ein gewisser Gerd Koenen auf www.zeitgeschichte-online.de feststellen zu müssen: "Die RAF war ein weitgehend selbstreferentielles Projekt, dessen symbolische Bedeutungen schon in den 1970er-Jahren alle realen politischen Bedeutungen weit überstiegen." Dümmer geht es eigentlich kaum, es ist die irgendwie alle Konvertiten ereilende, milde Gnade der Amnesie, die aus Dr. Koenens Worten spricht - wir kennen das Phänomen beispielsweise von Herrm Gandow, der - Oh Wunder! - vom Mitläufer in der sogenannten "Liga gegen den Imperialismus", einem Anhängsel der KPD/AO, das heute nur noch als besonders extremes Fallbeispiel für linken Antisemitismus in Erinnerung geblieben ist [siehe hier], zum umtriebigen Weltanschauungsverwalter und Gesinnungsprüfer einer Amtskirche mutierte. Es ist widerlich, aber sei's drum - schließlich hat sich der Dr. Koenen als Mitbegründer (behauptet er jedenfalls) des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands (KBW) mühselig durchs "Rote Jahrzehnt" gehangelt, bis er zum wackeren Staatsbürger der deutschen Republik geläutert war, und in dem gleichnamigen Büchlein aus seiner Hand klingen die, den Einfluß der "Linksextremen" inkl. RAF auf die Poltik und Geschichte der Bundesrepublik beschreibenden, Passagen noch ganz anders [siehe hier].

Tatsache ist: Die RAF hat mehr als zwanzig Jahre lang den politischen Diskurs der Linken maßgeblich mitbestimmt und zu nicht unbedeutenden Teilen den der Gesellschaft beinflußt. Ihr Wirken hat mit Radikalenerlaß und Kontaktsperregesetz, mit dem als "Lex RAF" bekannten Verteidigerausschluß und mit Strafverfahrensbeschleunigung zu einer de facto Neudefintion des deutschen Rechts und vor allem der Sicherheitspolitik geführt. Im Endeffekt läßt sich Schilys Wirken in seiner Zeit als Bundesinnenminister (27.10.98-22.11.05) als selbsternannter Übervater der deutschen Ordnungspolitik aus seiner persönlichen Verflechtung in die RAF-Historie als Gudrun Ensslins Vertrauensanwalt erklären, er war der einzige Anwalt, der nicht entpflichtet wurde. Heute will es natürlich außer den Toten und Inhaftierten keiner mehr gewesen sein, aber in den 70igern bis weit in die 80iger des letzten Jahrhunderts hinein wurde in den linken und linksradikalen Parteien und Gruppen bis hinein in die Wohngemeinschaften und besetzten Häuser der Weg der Radikalisierung inkl. Abwanderung in den Untergrund, den die RAF beschritten hatte, als Option diskutiert - und aus exakt dieser, dort de facto allgegenwärtigen Diskussion rekrutierte sich der Kreis der zweiten und dritten Generation der RAF [2], der Unterstützer und der Symphatisanten. Einzig die Parteien und Gruppen, die sich in Marxscher Tradition sahen und sich auf Friedrich Engels' Standpunkt in Sachen Terror beriefen, das waren hauptsächlich DKP/SEW und KPD/ML, und die der IV. Internationale angeschlossenen Organistionen, die sich auf die inhaltlich identische Haltung Leo Trotzkis [3] beriefen (Gruppe Internationale Marxisten GIM, die mit der KPD/ML von 1986 bis zur Selbstauflösung Ende der 90iger in die Vereinigte Sozialistische Partei VSP einging), bezogen von Anfang an eine ablehnende Haltung zur Radikalisierung a la RAF. Wenn auch aus revolutionstaktischen Gründen, weil der Individualterror, als solcher wurden die Aktivitäten der RAF und ähnlicher Gruppierungen bewertet, sowohl nach marxistischer als auch nach trotzkistischer Sicht dem System in die Hände spielt. Die Opfer des Terrors sind dieser Sichtweise zufolge vom System leicht zu ersetzen, aber der Individualterror liefert ihm Vorwand und Mittel, die revolutionäre Linke insgesamt zu verfolgen bzw. Repressionen auszusetzen und überdies stößt der Individualterror bei den Massen als sozusagen agitatorische Zielgruppe der revolutionäre Linken außer in Zeiten höchster Not - und die waren nicht gegeben - immer auf Ablehnung. Was ja alles auch stimmt und nicht erst durch die RAF bewiesen wurde.

Hier bin ich nun bei der zweiten Variante der permanenten Mythenbildung angekommen - diejenige der in die Szene Involvierten. Dieser involvierte Mythos hat drei Gesichter, ich nenne sie nach ihren repräsentativen Vertretern den Bommi-Baumann-Mythos, den Joschka-Fischer-Mythos und den Antje-Vollmer-Mythos. Michael "Bommi" Baumann begann seine Politkarriere bei den "Haschrebellen" - Motto "kiff+revoluzion", mehr gibt es dazu eigentlich auch nicht zu sagen, wen es interessiert, der mag es hier nachlesen. Über den sogenannten "Blues" fand er sich eines Tages als Mitbegründer der "Bewegung 2. Juni" wieder, der - womit die alten Kämpen heute noch angeben - im Gegensatz zur RAF mit der Freipressung einiger inhaftierter Mitkämpfer (Gabi Kröcher-Tiedemann, Rolf Heißler, Rolf Pohle, Ina Siepmann, Verena Becker und Horst Mahler, der sich aber weigerte, das Gefängnis auf diesem Weg zu verlassen) per Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz sogar ein aus ihrer Sicht erfolgreicher Coup gelang. Aus heutiger Sicht hätten die anderen sich besser Mahlers Vorahnung angeschlossen und wären geblieben, wo sie waren - ihr Leben gestaltete sich zu einer Odyssee zwischen Flucht, Gefängnis und zu frühem Tod. Ina Siepmann ist 1982 im Libanon bei einem Luftangriff ums Leben gekommen. Rolf Pohle setzte sich aus dem Jemen nach Griechenland ab, wurde dort 1976 erneut verhaftet, 1982 entlassen und verstarb 2004. Gabi Kröcher-Tiedemann setzte sich aus dem Jemen in die Schweiz ab, wurde 1977 nach einem Schußwechsel mit der Polizei dort verhaftet und zu 15 Jahren verurteilt, sie wurde 1991 entlassen und verstarb 1995 nur 44-jährig. Rolf Heißler trieb das Heimweh aus dem Jemen nach Deutschland zurück, wurde 1979 wieder verhaftet, wobei er sich einen Kopfschuß einhandelte, und zu lebenslanger Haft verurteilt, er wurde 2001 auf Bewährung entlassen.

Eine der interessantesten Personen der "Bewegung 2. Juni" ist Till Meyer, ich möchte hier nur auf ihn verweisen und die Lektüre seinens Buches "Staatsfeind" empfehlen, das die Ereignisse um die "Bewegung 2. Juni" und die Berliner Szene jener Zeit anschaulich beleuchtet, es wird hier ausführlich besprochen. Bommi-Baumann jedenfalls betätigte sich nach seiner Haftentlassung als Dampfplauderer in diversen Talkshows, bis er nach der Selbstvernichtung der DDR in den Besitz einer ererbten Ostimmobilie kam und nun solcherart auf der anderen Seite der Barrikade steht. Für den, der es nachempfinden kann, wird übrigens in dieser kurzen Schilderung die ganze Absurdität, aber auch Tragik dieser Irrungen und Wirrungen deutlich.

Wie dem auch sei - der Bommi-Baumann-Mythos in Kurzfassung: Vom "Schweinesystem" in die Radikalität getrieben, aber gerade noch, bevor wirklicher Schaden angerichtet wurde, wieder herausgefunden und nun tapferer Kämpfer für Frieden, Autonomie und wahre Demokratie. Dieser Mythos hat sich fest in den Köpfen derer, die heute die sogenannten autonome Szene ausmachen, festgesetzt und ist neben Tetrahydrocannabinol und der hartnäckigen Weigerung, das Gehirn zu benutzen, fester Bestandteil der Ideologie dieser Szene.

Fischer und Vollmer setze ich als hinlänglich bekannt voraus, deshalb nur die Mythen in Kurzfassung. Der Joschka-Fischer-Mythos: Vom "Schweinesystem" fast in die Radikalität getrieben, aber gerade noch, bevor es dazu kam, den Absprung in die parlamentarische Demokratie bis hin zur Ministrabilität geschafft. O-Ton Fischer: "Erst mal, so bedeutend war diese Putztruppe nicht. Macht daraus keine Legende, ja? Immerhin, uns ist klar geworden, daß die Straßenmilitanz gesellschaftlich und politisch in eine Sackgasse führt." Na ja, Spaß scheint es allemal gemacht zu haben.

Der Antje-Vollmer-Mythos: "Schweinesystem" haben immer die anderen gesagt, man selbst niemals. Man habe zwar ständig mit denen abgehangen und kenne von jedem der Putztruppler die Turnschuhgröße, sei aber schließlich Christ und Demokrat und habe deshalb weder illegale Drogen konsumiert noch Steine geworfen. Außer im jugendlichen Überschwang im Sommer '73 den einen in den Tegernsee.

Was bei dem Schwelgen in Mythen auf der Strecke bleibt, ist die individuelle und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der jeweils eigenen Verantwortung für das, was aus den Gesellschaftsentwürfen und Sozialutopien - denen in der Tradition der Aufklärung, den demokratischen, den linken und linksradikalen, den autonomen - in dieser Republik geworden ist. Auf der Strecke bleibt die individuelle und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der jeweils eigenen Verantwortung für den jämmerlichen Zustand des gesellschaftlichen Diskurses in dieser Republik, der offensichtlich Gefahr zu laufen scheint, die Grenze zur Totalverblödung zu überschreiten. In diesem Schwelgen in Mythen manifestiert sich eine, die Selbstverantwortung betreffende, Verweigerungshaltung nicht nur der Gesellschaft in Gänze, sondern auch und gerade derjenigen, die sich weit aus dem Fenster lehnten und mit dem Fähnchen ihrer Überzeugung herumwedelten.

Soweit eine kurze und eher assoziative Beschreibung der Ausgangslage und daraus ergeben sich für mich als Betrachter der RAF-Ausstellung im Kunst-Werke Berlin e.V. zwei Fragen.

  • Ist eine solche Austellung heute erforderlich? Die Antwort lautet eindeutig und ohne Abstriche JA. Und das nach dieser Ausstellung erst recht.

  • Ist die Intention von einem wissenschaftlich fundierten Ansatz realisiert worden? Die Antwort lautet ebenso eindeutig NEIN.

Zunächst - die Ausstellung bedient ganz heftig den dekontextualisierten Mythos und ein kleines bißchen den involvierten Mythos, an letzteren Gebundene dürfen klammheimlich in Erinnerungen schwelgen. Keiner aber wird durch die Ausstellung veranlaßt, sich mit diesem Kapitel bundesdeutscher Geschichte in Bezug auf die eigene Vita, geschweige denn die eigenen Mythen, auseinanderzusetzen. Diejenigen, die auf diese oder jene Weise beteiligt waren, und sei es als Zuschauer, dürfen weiterhin glauben, was sie schon immer zu wissen meinten. Die Nachgeborenen dürfen sich wundern, daß eine hochintelligente und gebildete Frau, eine renommierte Print- und Funkjournalistin, Chefredakteurin eines kleinen, aber feinen Blattes urplötzlich durchknallte, einen szeneberüchtigten Underdog aus dem Knast befreite und später ihre Kinder in einem Palästinenserlager aussetzen wollte (wozu es glücklicherweise nicht kam). Einfach so aus Daffke, Selbstfindungstrip für Mörder sozusagen - das ist der Eindruck, den die Ausstellung vermittelt.

Schon der Anfang des Rundgangs ist bezeichnend, man kommt in die Ausstellungshalle im Erdgeschoß und sieht linkerhand den Eingang zu einem Kellergelaß mit der typischen, niedrighängenden Rundbogendecke, wie sie in alten Gemäuern üblich war. In diesem Gelaß sind an den Wänden Fotoprints und in Schaukästen Originaltexte zu sehen, die offensichtlich nach der Vorstellung der Ausstellungsmacher ein irgendwie repräsentativer Schnitt durch das Schriftaufkommen der Linksradikalen jener Zeit sein sollen. Zu sehen sind die üblichen Verdächtigen wie dies oder jenes aus den SDS-Büros, zwei, drei Titel- und Doppelseiten der "Linksradikal", ein wenig Schriftkram aus der o.a. Haschrebellen-/Bluesszene und der autonomen Szene, ein paar Heftchen zu den französischen Studentenrevolten, alles bunt gemixt und ohne jeden nachvollziehbaren Zusammenhang, aber immerhin optisch wohlgefällig, auf die Wände und in die Schaukästen verteilt. Allerdings ist dieses Papierarrangement etwa so wissenschaftlich - man erinnere sich an den eingangs zitierten Anspruch Biesenbachs -, wie die Kramkiste in der Besenkammer einer Sponti-WG das ist.

Dafür stellen sich jede Menge Fragen, z.B. diese: Was haben die Bücher der Black-Panther-Bewegung mit der RAF zu tun? Richtig, wenig bis nichts. Warum fehlen dafür das "Minihandbuch des Stadtguerilleros" von Carlos Marighella oder jeder Hinweis auf die "Fokustheorie" von Che Guevara, die beide für die RAF-Ideologie von zentraler Bedeutung waren? Wurde Régis Debray erwähnt? Mir ist sein Name dort nicht begegnet. Das eigentliche Problem an diesem Teil der Ausstellung ist aber seine Plazierung in diesem Keller. War den Veranstaltern nicht bewußt, daß sie damit diesen Teil des Diskurses und damit die darin Agierenden räumlich und sehr symbolträchtig ebenso in den Untergrund verbannen, wie Staatsschutz, Bundesanwaltschaft und Medien das taten und tun? Wozu der ganze Aufwand - um zu wiederholen, was eh jeder zu wissen glaubt und dafür 6 Euro pro Besuchernase zu kassieren? Wäre es nicht vielmehr und endlich an der Zeit gewesen, diesen, dort in zusammenhangslosen Schnipseln ausgestellten, Diskurs aus dem Untergrund an die Öffentlichkeit zu holen? Und mit Öffentlichkeit meine ich nicht die in der Regel selbsternannten Terrorismusexperten oder akademische Zirkel. Wieso ist keiner der Ausstellungsmacher auf den Gedanken gekommen, daß die in den Kelleruntergrund verbannten Autoren das Recht hatten, ihre Meinung zu äußern, auch wenn sie radikal war? Die Wehrhaftigkeit der Demokratie besteht nicht darin, unliebsame, unbequeme und für gefährlich gehaltene Meinungen per se zu assozialisieren und zu kriminalisieren und die solche Meinungen äußernden Personen de facto aus der Gesellschaft zu werfen, sondern sie besteht darin, sich dem selbst zu verantwortenden Part dieser Entwicklung und diesen Meinungen diskursiv und argumentativ zu stellen. An dieser Stelle paßt der Hinweis, daß den Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" der Bezug auf das Datum weniger dem Gedenken an Benno Ohnesorg galt, sondern von ihnen als permanente Referenz auf die Feststellung "Ihr habt zuerst geschossen!" gedacht war.

Wenn man den Kellerraum wieder verläßt, kommt man zum Hauptteil der Ausstellung - eine mediale Zeitleiste zur RAF-Historie, die horizontal im Uhrzeigersinn nach Jahren sortiert ist und vertikal von oben nach unten die Titelseiten und die jeweilgen Artikel von BILD, Stern, Quick (solange es das Blatt gab), Spiegel, FAZ und als unteren Abschluß die entsprechenden Seiten aus der Süddeutschen Zeitung plakatiert. Am Fußende sind in regelmäßigen Abständen Fernseher plaziert, über deren Mattscheiben ARD- und ZDF-Berichte aus jener Zeit flimmern, gelegentlich in Abwechslung mit Berichten des Zonen-TV inklusive Karl- Eduard von Schnitzler. Das wirkt gewaltig, ja nachgerade monumental und so richtig multimedial, wenn man ignoriert, daß die Technik eher Schrott aus den frühen 90igern und öfter mal defekt ist. Aber ist das tatsächlich wissenschaftlich? Mitnichten, die Ereignisse werden durch einen medialen Filter betrachtet, und zwar aus ausschließlich einer Perspektive. Um zu erfahren, was da geschildert wird, bedarf es des Aufwandes nicht. Da reicht die Möglichkeit des Zugriffs auf das Internet und das Wissen, wie Google funktioniert. Das Einzige, was man aus dieser Präsentation unter Umständen lernen kann, ist, wie im Fall der RAF-Geschichte die dekontextualisierte Mythosbildung vonstatten geht.

In einem taz-Interview vom 07.02.2005 brachte Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof, das Problem der Ausstellung folgendermaßen auf den Punkt:

taz: Was stört Sie konkret? [...an der RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken. Anm. Kupfer]

Bettina Röhl: Ich gestehe der RAF, den Anhängern der RAF, den 68ern und der ganzen Generation zu, dass sie gerungen haben um Intellekt, um Werte, Linkssein. Es ging ja mal um Gerechtigkeit und "Revolution". Dafür haben die 68er und erst recht ihre RAF-Ikonen verfehlte Konzepte gehabt. Aber immerhin. Das Problem ist: All das gibt's in dieser Ausstellung nicht. Da sieht man nur Fratzen. Die wahren Geschichten werden nicht erzählt.

taz: Welche denn?

Bettina Röhl: Die Geschichten der Opfer. Aber auch die der Terroristen, die sich ja untereinander irrsinnig befehdet haben. Dann fehlt die Auseinandersetzung mit den Texten. Und was haben die Terroristen konkret gemacht: Erfahre ich das in der Ausstellung? Nein.

Exakt so ist es, man erfährt nichts über das Geschehen hinter der medialen Präsentation dessen, was da seinerzeit als Fakten verkauft wurde und in dieser Ausstellung noch einmal recycelt wird. Mehr noch - ich habe den Verdacht, der Betrachter soll genau das und nichts anderes erfahren, als dieses Bilder- und Buchstabenbombardement hergibt. Wissenschaftlichkeit kann eine solche Wanderausstellung trotz des Biesenbachschen Geredes eh nicht leisten, aber sie kann und sollte ein Mindestmaß an Seriosität gewährleisten - und dazu hätte gehört, daß in die Medienschau mit Konkret wenigstens die Kommentierungen der Freunde Ulrike Meinhoffs aus der Zeit der Legalität integriert worden wären, und zwar direkt über oder unter dem Spiegel. Eigentlich hätten aber auch die jeweiligen Komuniques der RAF dazugehört, um einen Blick aus mehr als nur einer Perspektive auf dieses Stück Zeitgeschichte zu ermöglichen. Allerdings hätte das den Betrachter dann auch auf die Ungereimtheiten in den Ermittlungsergebnissen zum Tod von Meinhof, Baader, Ensslin und Raspe aufmerksam werden lassen. [Hier der Bericht einer internationalen Kommission zum Tod von Ulrike Meinhof./Das Grab von Meinhof.] Das hätte den Betrachter auch auf die Ungereimtheiten der offiziellen und medial-offiziösen Darstellung in Sachen 3. Generation aufmerksam werden lassen. Hätte - wenn die Ausstellungsmacher es gewollt hätten.

Fazit: Zum Thema RAF und dem zugehörigen, historischen Kontext habe ich in der Ausstellung nichts erfahren, was ich nicht schon gewußt habe. Keine einzige der offenen Fragen, von denen ich hier einige formuliert habe, wurde von Ausstellungsmachern auch nur aufgegriffen, geschweige denn, daß im Ansatz eine Antwort zu finden versucht wurde. Gelohnt hat sich der Besuch der Ausstellung für mich dennoch, denn die gewährt einen aufschlußreichen, allerdings auch ziemlichen deprimierenden Blick auf die intellektuelle und diskursive Verfaßtheit der Republik. Diese Ernüchterung ist ihre 6 Euro allemal wert. [4]


Netzquellen zur RAF-Ausstellung im Kunst-Werke Berlin e.V.


[1] Mir ist bewußt, daß die Begriffe dekontextualisierter und involvierter Mythos etwas unhandlich und sperrig sind. Aber sie beschreiben am besten und umfassendsten, was ich damit ausdrücken will. Alle anderen Varianten, z.B. die handlichere vom Mainstream- und Untergrundmythos oder gar die noch plakativere vom Opfer- und Tätermythos beschreiben jeweils nur Einzelaspekte und betonen diese über Gebühr auf Kosten der Gesamtaussage, womit sie Mißverständnisse und verletzte Befindlichkeiten geradezu herausfordern.

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[2] Der Begriff von der 3. Generation ist bis heute umstritten, es ist jenseits der diesbzgl. Stellungnahmen von BKA, Staatsschutzbehörden und Bundesstaatsanwaltschaft nicht wirklich nachvollziehbar erwiesen, ob es die 3. Generation als solche überhaupt je gab, was manche Kritiker (Wisnewski, Landgraeber, Sieker) veranlaßt, stattdessen vom "RAF-Phantom" zu sprechen. Tatsache ist, daß keiner der Mörder von Zimmermann, Beckurts, von Braunmühl, Herrhausen oder Rowedder gefaßt wurde oder auch nur bekannt wäre. Tatsache ist, daß es zahlreiche Ungereimtheiten und Widersprüche in den diesbzgl. Kommuniques der RAF gibt und zumindest von Braunmühl, Herrhausen und Rowedder als Anschlagsopfer nicht wirklich in das Schema der RAF zu passen scheinen. Tatsache ist, daß es zahlreiche Ungereimtheiten und Widersprüche bzgl. des Todes von Grams in Bad Kleinen und bzgl. seiner angeblichen Täterschaft bei der Ermordung von Herrhausen und Rowedder gibt [siehe hier]. Hier sind einige Punkte dargestellt, jede weitere Erörterung an dieser Stelle wäre reine Spekulation.

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[3] Karl Marx und Friedrich Engels haben sich in ihrem umfangreichen Werk zum linksradikalen Terror so gut wie gar nicht geäußert, wie das Bild aus dem Sachregister zeigt. Allerdings zeigen diverse, verstreute Anmerkungen auf, daß ihm beide ablehnend gegenüberstanden. Eine dieser Quellen zitiere ich nachfolgend exemplarisch. Leo Trotzki hat einen ganzen Text zum linksradikalen Terror verfaßt, auch diesen zitiere ich auszugsweise. Die Quellen sind am Ende der Zitate vermerkt.

Friedrich Engels: "Kaiserlich Russische Wirkliche Geheime Dynamiträte" Und am 24. Januar, nachmittags 2 Uhr, gehen in einer Viertelstunde drei Dynamitexplosionen in London los, die mehr Verwüstung anrichten als alle |189| früheren zusammen und wenigstens 7, nach anderen 18 Menschen verwunden. Diese Explosionen kommen zu gelegen, um nicht die Frage wachzurufen: Wem nützen sie? Wer hat das meiste Interesse an diesen sonst zwecklosen, gegen niemand im besonderen gerichteten Schreckschüssen, denen nicht nur untergeordnete Polizisten und Bourgeois, sondern auch Arbeiter und ihre Weiber und Kinder zum Opfer fielen?
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Leo Trotzki über Terrorismus: Der Mord an einem Fabrikbesitzer bewirkt nur Folgen polizeilicher Natur, oder einen Wechsel der Besitzer, völlig ohne jede soziale Bedeutung. Ob ein terroristischer Anschlag, sogar ein "erfolgreicher", die herrschende Klasse in Verwirrung stürzt, hängt von den konkreten politischen Umständen ab. In jedem Fall kann die Verwirrung nur kurzlebig sein; der kapitalistische Staat selbst stützt sich nicht auf Minister und kann nicht mit ihnen beseitigt werden. Die Klassen, denen er nützt, werden immer neue Leute finden; der Mechanismus bleibt intakt und funktioniert weiter. Aber die Verwirrung, die in die Reihen der arbeitenden Massen durch einen terroristischen Anschlag getragen wird, ist viel tiefer. Wenn es ausreicht, sich mit einer Pistole zu bewaffnen, um sein Ziel zu verwirklichen, warum dann die Anstrengungen des Klassenkampfes? Wenn ein bißchen Schießpulver und ein Klumpen Blei ausreicht, dem Feind ins Genick zu schießen, welche Notwendigkeit besteht dann für eine Klassenorganisation? Wenn es sinnvoll ist, eine hochgestellte Persönlichkeit mit dem Lärm von Explosionen zu erschrecken, wo bleibt dann die Notwendigkeit einer Partei? Warum Versammlungen, Massenagitation und Wahlen, wenn man so leicht von der Galerie des Parlaments auf die Ministerbank zielen kann? Eben deswegen ist individueller Terror in unseren Augen unzulässig: denn er schmälert die Rolle der Massen in ihrem eigenen Bewußtsein, denn er söhnt sie mit ihrer eigenen Machtlosigkeit aus und richtet ihre Augen und Hoffnungen auf einen großen Rächer und Befreier, der eines Tages kommen wird und seine Mission vollendet. Die anarchistischen Propheten der "Propaganda der Tat" können soviel sie wollen über den fördernden und stimulierenden Einfluß von terroristischen Akten auf die Massen reden. Theoretische Überlegungen und politische Erfahrung zeigt anderes. Je "effektiver" Terrorakte sind, je größer ihre Auswirkung ist, desto mehr verringern sie das Interesse der Massen an Selbstorganisation und Selbsterziehung. Aber der Rauch einer Explosion verzieht sich, die Panik verschwindet, der Nachfolger des ermordeten Ministers tritt in Erscheinung, das Leben verläuft wieder im alten Trott, das Rad der kapitalistischen Ausbeutung dreht sich wie zuvor; nur die Unterdrückung durch die Polizei wird grausamer und dreister. Und als Ergebnis kommen anstatt der erweckten Hoffnungen und der künstlich angestachelten Erregung Desillusion und Apathie.
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[4] Ich erspare mir und dem Leser eine Kommentierung des künstlerischen Teils der Ausstellung. Nur soviel - er bestätigt Gesamteindruch und Fazit. Ich habe bei der Recherche zu diesem Text allerlei Interpretatorisches dazu gelesen, das, wie ich finde, meistens sehr putzig daherkommt. Dies oder jenes findet sich unter den o.a. Links wieder.
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[geschrieben 05/2005]