- Heiko Lassek gestorben
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11.7.2011 4:52 - Hallo Forum
10.7.2011 11:07
Hannah Arendt
Teil 3: Leben in den USA, wirken in der Welt
Teil 3: Leben in den USA, wirken in der Welt
Hannah Arendt - eine gelebte Vita Activa
Teil 3: Leben in den USA, wirken in der Welt
1951 wurde Hannah Arendt amerikanische Staatsbürgerin. In New York nahm sie eine Tätigkeit als Lektorin auf und engagierte sich in verschiedenen jüdischen Organisationen. Ihr Hauptaugenmerk legte sie jedoch zunehmend auf die Erforschung des Totalitarismus. Sie schrieb dazu verschiedene Abhandlungen und veröffentlichte 1951 ihr erstes Buch "The Origins of Totalitarism", das ein enormer Erfolg wurde; 1955 erschien die deutsche, überarbeitete Fassung unter dem Titel "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". In diesem Werk stellt die Autorin Nationalsozialismus und Stalinismus den aus der Antike bekannten Formen totalitärer Machtsysteme gegenüber und liefert in einer Analyse mögliche Ursprünge des Totalitarismus. Außerdem setzt sie sich mit dem sensiblen Problem Antisemitismus als politische Weltanschauung kritisch auseinander. Durch den Erfolg ihres Werkes erhielt die Autorin von verschiedenen renommierten Universitäten Einladungen zu Gastvorträgen. Schließlich übernahm sie auch Lehraufträge, so z.B. 1953 und 1959 an der Princeton University, 1963 bis 1967 an der Universität von Chicago.
Im Jahre 1949 reiste Hannah Arendt in ihrer Eigenschaft als Forschungsleiterin der "Commission on European Jewish Cultural Reconstruction", deren Generaldirektorin sie später wurde, für vier Monate nach Europa, um die jüdischen Kulturschätze, die den nationalsozialistischen Terror überstanden hatten, zu sichten. Sie nutzte ihre Reise, um das Ehepaar Jaspers in Basel zu besuchen und Karl Jaspers gewährte ihr Einblick in seinen Briefwechsel mit Heidegger, den sie mit den Worten kommentierte: "Heideggers Briefe an Jaspers ... alle wie früher: das gleiche Gemisch von Echtheit und Verlogenheit oder besser Feigheit." Nichtsdestotrotz reiste sie nach Freiburg und ließ Heidegger den Namen ihres Hotels wissen. Der besuchte sie noch am selben Abend und sie schrieb ihrem Mann: "Wir haben, scheint mir, zum ersten Mal in unserem Leben miteinander gesprochen". Sie erlebte Heidegger als gebrochenen und mit seinen gerade 61 Jahren früh gealternden Mann, der unter den wahren und falschen Beschuldigungen und diversen Verleumdungen heftig litt. Es kam auch zu einer Begegnung mit Heideggers Frau Elfride, und zwar am nächsten Tag, deren geistige Verfaßtheit Hannah Arendt so beschrieb: "Die Frau, fürchte ich, wird, so lange ich lebe, bereit sein, alle Juden zu ersäufen. Sie ist leider einfach mordsdämlich." Seltsamerweise bewertete Heidegger das Gespräch zu dritt als eine spontane Versöhnung in einer klaren und offenen Atmosphäre. Aber vermutlich hat ihm einmal mehr sein Opportunismus übermannt, denn Hannah Arendt war als prominente Jüdin als einzige, ihm vertraute Person in der Lage, die ihn verfolgenden Anschuldigungen zu entkräften, und er war wohl einfach nicht imstande zu realisieren, daß er damit Hannah Arendt einmal mehr für seine Interessen instrumentalisieren würde.
Insgesamt wird ihr dieser erste Deutschlandaufenthalt nach 16 Jahren Exil, das ihr in den USA längst zur Heimat geworden ist, zur Qual und sie schreibt an Heinrich Blücher: "Weißt du eigentlich, wie recht du hattest, nie wieder zurückzuwollen? Die Sentimentalität bleibt einem im Halse stecken, nachdem sie einem erst in die Kehle gestiegen ist. Die Deutschen leben von der Lebenslüge und der Dummheit. Letztere stinkt zum Himmel."
Nach dem 2. Weltkrieg beschäftigte sich Heidegger vorrangig mit westeuropäischen Seinskonzepten, so etwa in der Schrift "Einführung in die Metaphysik" (1953). Im Gegensatz zur Welt der griechischen Antike hat die moderne Gesellschaft nach Ansicht des Philosophen durch die Entwicklung der Technik eine rein manipulative Haltung eingenommen, die das Sein und den Menschen ihres Sinnes beraubt hat und die zum Nihilismus führte. Die Menschheit hat ihre wahre Berufung vergessen, die darin besteht, ein tieferes Verständnis des Seins zu gewinnen, das bereits von den Griechen entdeckt wurde und von den nachfolgenden Philosophen wieder verloren wurde.
Das Zusammentreffen mit Heidegger und seiner Frau eröffnete ein weiteres Kapitel in dieser merkwürdigen Beziehung zweier Genies, das nun 25 Jahre andauern sollte, wobei sich Perioden reger Korrespondenz mit solchen langanhaltenden Schweigens ablösten. Die seltenen Stunden im Zwiegespräch mit Heidegger wurden für Hannah Arendt, wie schon 1925/26, Kostbarkeiten intellektuellen Austauschs. Nach ihrem Besuch bei Heidegger wandelte sich Hannah Arendt von der vehementesten Kritikerin Heideggers zu seiner mitunter nachgerade aufopfernden Agentin in den USA, so daß sogar Elfride, die eifersüchtig Hannahs Besuche bei Heidegger überwachte, die Nützlichkeit der Bekanntschaft mit ihr einsehen mußte. Dazu kam, daß die finanziell gutsituierte Hannah Arendt den ständig mit Geldproblemen kämpfenden Heidegger regelrecht mit Geschenken überschüttete, darunter zum Beispiel sämtliche Werke Kafkas und zahlreiche Schallplatten. Ihre eigenen Bücher und Artikel konnte er wegen seiner mangelhaften Englischkenntnisse allerdings nicht lesen.
Hannah Arendt reiste im März 1952 kam erneut nach Europa und plante, eine ganze Woche in Freiburg zu verbringen, was Elfride Heidegger ganz und gar nicht gefiel: "Die Frau ist halb blödsinnig vor Eifersucht, die sich in den Jahren, in denen sie offenbar dauernd gehofft hat, daß er mich vergessen werde, sehr gesteigert hat. Dies äußerte sich mir in einer halb antisemitischen Szene ohne ihn. Überhaupt sind die politischen Überzeugungen der Dame ... von aller Erfahrung ungetrübt und von einer so vernagelten, bösartigen, ressentiment-geladenen Dummheit." Nun war Heidegger für Hannah Arendt ein Mann, der die falsche Frau geheiratet hatte, worin Heidegger sie mit seiner Klage vor der Angst bestärkte, daß seine beiden Söhne, die damals 30 und 31, drauf und dran waren, endgültig aus dem Haus zu gehen und Elfride damit ihren zentralen Lebensinhalt verlieren und sich fürderhin ganz und gar ihm widmen, womit seine relative Ruhe, die er in der zweiten Linie der Familie gehabt habe, dahin sei. Hannah Arendt bewertete dies deshalb als irgendwie tragisch, weil in Meßkirch ca. 50.000 ungetippte Manuskriptseiten Heideggers herumlägen, welche Elfride nach Hannah Arendts Sicht der Dinge in all den Jahren bequem hätte abtippen können. Hannah Arendt war von Heideggers Eingeständnis seiner Probleme sehr beeindruckt, was daran gelegen haben mag, daß er vorher nie über persönliche Probleme zu ihr gesprochen hatte.
Für den Herbst 1955 stand für Hannah Arendt eine Deutschlandreise auf dem Programm, anläßlich deren sie einen Besuch Heideggers beabsichtigte. Mittlerweile war ihr Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" in deutscher Übersetzung erschienen und in allen Zeitungen wurde über Arendts Deutschlandreise berichtet. Erstaunlicherweise ließ Heidegger sich verleugnen und vermied es, Hannah Arendt einzuladen. Über seine diesbezüglichen Motive ist hinreichend spekuliert worde, ein Grund mag wohl durchaus der am häufigsten angenommene sein, daß Heidegger seiner Schülerin den Ruhm einfach nicht gönnte, zumal er, auf sein internationales Renommee bezogen, vom Superstar zum enfant terrible der Philosophie abgestürzt war. Sehr viel wahrscheinlicher liegt seine Motivation darin, daß ihm der Grundgedanke von "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" zutiefst zuwider war. Hannah Arendt setzte, phänomenologisch betrachtet, den Nationalsozialismus mit dem Kommunismus Stalinscher Prägung gleich - ersteren hat er seinerzeit bewundert, was er nachträglich mit der Abscheu vor letzterem begründete. Wie viele andere Zeitgenossen auch rechtfertigte Heidegger sein, wenn auch kurzzeitiges, Engagement für den Nationalsozialismus mit dem vorgeblichen oder tatsächlichen Bedürfnis, das Abendland vor der Bolschewisierung schützen zu wollen. Mit dem Nachweis, daß der Nationalsozialismus strukturell und phänomenologisch dieselbe Erscheinung wie der Stalinismus war, vernichtete Hannah Arendt auf direktem Wege und umstandslos Heideggers Verteidigungsstrategie vor sich selbst und der Welt - und das unter Anwendung der von ihm wesentlich mitgeschaffenen phänomenologischen Methode. Heidegger hätte es mittels der eigenen Methodik besser wissen können und müssen - diese Erkenntnis tat ihm wohl weh.
Dies war für für einige Jahre Hannah Arendts letzter Versuch, Heidegger zu treffen. Nichtsdestoweniger hielt sie an ihrer Freundschaft zu Heidegger fest. Als Hannah Arendt beispielsweise 1958 anläßlich der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Karl Jaspers die Laudation halten sollte, hatte sie vor dieser Rede deshalb Angst, weil sie fürchtete, Heidegger könnte das als Akt der Solidarität mit Jaspers und als Absage an ihn bewerten. Damit schätzte sie Heideggers Befindlichkeit durchaus richtig ein, denn als 1960 ihr großartiges Werk "Vita activa oder vom tätigen Leben" in deutscher Übersetzung erschien, schrieb sie an Heidegger: "Du wirst sehen, daß das Buch keine Widmung trägt. Wäre es zwischen uns je mit rechten Dingen zugegangen - ich meine zwischen, also weder Dich noch mich -, so hätte ich Dich gefragt, ob ich es Dir widmen darf; es ist unmittelbar aus den ersten Marburger Tagen entstanden und schuldet Dir in jeder Beziehung so ziemlich alles." Dies Worte riefen Heideggers Zorn einem Maße hervor, die nicht vernünftig erklärbar ist. Noch 1961, als Hannah Arendt nach einem Besuch bei Jaspers einige Tage in Freiburg weilte, schwieg Heidegger sich aus und Eugen Fink, ein Kollege von Heidegger, den sie aus ihrer Studienzeit kannte, lehnte ihre Einladung mit dem Hinweis ab, Heidegger habe ihm dies verboten. Erst anläßlich ihres 60. Geburtstages im Jahre 1966, meldete sich Heidegger mit Glückwünschen wieder bei Hannah Arendt, was sie sehr freute. 1967 besuchte Hannah Arendt nach mittlerweile 15 Jahren Heideggers wieder, um die Beziehung zu den Heideggers zu verbessern. Heidegger schrieb im Gefolge sogar zwei Gedichte für sie - "In der Dunkelheit" und "Abendlied" - und ihr Artikel über Walter Benjamin wurde von ihm gelobt Lob, was offenbar das erste und letzte Lob Heideggers für Hannah Arendts Arbeit war.
Im Jahr 1963 erregte Hannah Arendt weltweites Aufsehen mit "Eichmann in Jerusalem. A Report of the Banality of Evil" (deutsche Übersetzung 1964; "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen"), einem Buch, das auf ihrer Reportage über den Prozess gegen den Planer und Verwalter des Holocaust Adolf Eichmann im Jahr 1961 basiert. In ihrem Bericht, den sie für eine amerikanische Wochenzeitschrift schrieb und der später in Buchform erschien, vertrat Arendt die Auffassung, es sei zu einfach, die Verantwortung für den Holocaust an Einzelpersonen wie Eichmann festzumachen. Vielmehr müsse die noch immer gegenwärtige Gefahr aufgedeckt und gebannt werden. Bericht und Buch lösten eine heftige Kontroverse aus.
Im April 1969 wandte sich Elfride Heidegger mit der Bitte um Hilfe an Hannah Arendt. Der sich dramatisch verschlechternde Gesundheitszustand Martin Heideggers nötige beide, ein neues, ebenerdiges Haus zu bauen, wofür ihnen allerdings das Geld fehle. Sie wollten deshalb ihr bisheriges Haus verkaufen und überdies das Manuskript von "Sein und Zeit" veräußern. Hannah Arendt sollte eruieren, wer an dem Manuskript interessiert sein könnte und empfahl das Auktionshaus J.A. Stargardt in Marburg. Elfride Heidegger antwortete, eine Versteigerung wäre Martin und ihr nicht recht, sie hätten dabei eher an eine Stiftung oder, besser noch, an eine renommierte Bibliothek wie die Library of Congress gedacht. Auf Hannah Arendt Nachfrage lehnte die Library of Congress jedoch ab und verwies die Heideggers an das Schiller-Archiv in Marbach in Frage. Frau Heidegger schlug dies aus, weil nach ihrer Meinung die Amerikaner mehr zahlen könnten als die Deutschen. Taten sie aber nicht und schlußendlich verkaufte Heidegger, als es ihm schlechter ging, alle seine Manuskripte an das Marbacher Literaturarchiv.
Martin Heideggers besonderes Interesse für die philosophischen Themenkreise Endlichkeit, Tod, Nichtigkeit und Authentizität führte dazu, dass man ihn der Existenzphilosophie zurechnete, zumal seine Ideen stark auf deren Hauptvertreter, namentlich auf Jean-Paul Sartre, weiterwirkten. Heidegger selbst wies jedoch eine solche Einordnung stets von sich. Aber besonders der Einfluß von "Sein und Zeit" auf die Entwicklung der Philosophie war und ist außerordentlich stark und viele Strömungen der zeitgenössischen Philosophie in den letzten 70 Jahren wurden vom Werk Heideggers inspiriert oder sind direkt aus ihm hervorgegangen. Hier seien insbesondere der Existentialismus, die Hermeneutik, der Postmodernismus und der Öko-Feminismus sowie zahlreiche Trends der Psychologie und Literatur erwähnen. Seine Schriften beeinflussten neben Jean-Paul Sartre so unterschiedliche Denker wie Herbert Marcuse, Paul Tillich, Claude Lévi-Strauss, Michel Foucault und Jacques Derrida. Seine neben Hannah Arendt bekanntesten Schüler sind Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer, dessen hermeneutischen Standpunkt er prägte, und in der Theologie beeinflusste er besonders Karl Barth, Rudolf Bultmann und Karl Rahner.
Hannah Arendt war von 1967 bis 1975 Professorin für Politik und Philosophie an der New School for Social Research in New York. Ihre, neben den oben genannten, bekanntesten Werke sind "The Human Condition" (1958; deutsche Fassung 1960 "Vita activa oder Vom tätigen Leben"), "Zwischen Vergangenheit und Zukunft" (1961), "On Revolution" (1963; deutsch "Über die Revolution") sowie "The Life of the Mind" (3 Teile, erschienen 1977, 1978 und 1982; deutsch "Vom Leben des Geistes").
Hannah Arendt starb dort am 4. Dezember 1975 in New York. Heidegger überlebte sie um wenig mehr als fünf Monate. Er starb am 26. Mai 1976.
Lesetip zum Thema:
Hannah Arendt/Martin Heidegger, "Briefe 1925 bis 1975 und andere Zeugnisse"
435 Seiten, Klostermann, Ffm. 1999 ISBN: 3465027914, 44 Euro
(1) Das ist eine Anspielung auf Platos Aufenthalt in Syrakus, wo er hoffte, beratend auf Dionysos, den Tyrannen von Syrakus, einwirken zu können, was allerdings vergeblich war.
Zitate sind im Text kursiv gesetzt, Titel in Anführungszeichen.
Autor: Neidthard Kupfer © 2004

