- Heiko Lassek gestorben
12.1.2012 20:10 - Grundgütiger!
11.7.2011 4:52 - Hallo Forum
10.7.2011 11:07
Hannah Arendt
Teil 2: Exil
Teil 2: Exil
Hannah Arendt - eine gelebte Vita Activa
Teil 2: Exil
Nach der Einsetzung Hitlers als Reichskanzler und der beginnenden Verfolgung aller Oppositioneller wurde ihre Wohnung am Rand der Künstlerkolonie am Breitenbachplatz in Berlin zur Durchgangsstelle für Flüchtlinge und Verfolgte. Stern ging bald nach Paris, während Arendt dem Regime Widerstand entgegensetzen wollte; was faktisch das Ende der Ehe bedeutete. Sie unterstützte auf die Bitte Kurt Blumenfelds hin die deutsche zionistische Organisation bei der Sammlung antisemitischer Hetzartikel in deutschen Zeitschriften jeglicher Art für den 18. zionistischen Weltkongreß, der im Sommer 1933 in Prag stattfand. Als Nichtmitglied hoffte sie, unbehelligt in der Preußischen Staatsbibliothek die Unterlagen zusammentragen zu können. Doch schon im Juli wurde sie in Berlin zusammen mit ihrer Mutter, die aus Königsberg zu Besuch gekommen war, auf der Straße verhaftet, glücklicherweise aber nach einer Woche ergebnisloser Verhöre wieder freigelassen. Ohne jedoch Antwort zu erhalten schrieb Hannah Arendt wiederholt an Heidegger, der sich erst Anfang 1933 bemüßigt fühlte, auf ihre Fragen, ob es denn tatsächlich wahr sei, daß er Juden von seinen Seminaren ausschlösse und jüdische Kollegen an der Universität nicht mehr grüße, zu antworten. Heideggers Antwort bestand in einer Aufzählung der "Gefälligkeiten", die er Juden trotz des Umstandes, daß dies angeblich seiner Arbeit abträglich gewesen wäre, erwiesen habe.
Als sie merkte, in welch rasantem Tempo sich sogar enge Freunde wie Benno von Wiese in einer Welle der Gleichschaltung, die ja ziemlich freiwillig war, jedenfalls nicht unter dem Druck des Terrors vorging, unterwarfen, verließ sie im August 1933 Berlin und gelangte mit Hilfe einer tschechischen Fluchthilfeorganisation über Prag, Genua und Genf nach Paris. Das war der Beginn für Arendts Politisierung, die sie drastisch beschrieb: "Schließlich schlug mir einer mit einem Hammer auf den Kopf und ich fiel mir auf." Sie trat der zionistischen Bewegung bei, "denn nun war die Zugehörigkeit zum Judentum mein eigenes Problem geworden." Hannah Arendt schloß sich nicht zuletzt wegen ihrer negativen Erfahrungen mit dem hilflosen assimilierten Judentum dem Zionismus an. In Paris, das sie wie Benjamin "als Heimatstatt für Fremde zu lieben lernte, weil man sie bewohnen kann wie sonst nur die eigenen vier Wände", begegnete sie den assimilierten Juden in Gestalt des Konsistoriums, der religiösen Vereinigung der Juden unter dem Vorsitz Rothschilds. Er wurde für sie zum Inbegriff des Parvenutums. Um so mehr fühlte sich Arendt einem Flüchtlingskreis zugehörig, zu dem der Rechtsanwalt Erich Cohn-Bendit, der Psychoanalytiker Fritz Fränkel, der Maler Kurt Heidenreich und vor allem Walter Benjamin gehörten, den sie als einen ihrer besten Freunde und zugleich tragischen Seher der geistigen Situation ihrer Zeit verehrte. Die Begegnungen mit Raymond Aron, Sartre und Brecht blieben flüchtig, und von dem französischen Existentialismus hielt sich Arendt wegen seiner fatalistischen Einstellung zur Freiheit und seinem unterschwelligen Nihilismus fern. Sie interessierte sich mehr für den Husserl-Schüler Koyré, den Existentialisten Jean Wahl und den Hegelianer Kojève.
Bei den Treffen in Benjamins Wohnung lernte lernte Hannah Arendt 1936 den schon im Jahre 1934 nach Frankreich geflohenen Heinrich Blücher kennen, "masculini sui generis", wie sie Männer zu bezeichnen pflegte, die ihr gefielen. Er war von der proletarischen Herkunft ohne akademische, aber mit einem außergewöhnlichen Maß an autodidaktischer Bildung bis hin zum Äußeren das ziemlich exakte Gegenteil von Heidegger. Auf Anhieb verband sie ihr gemeinsames Schicksal als deutsche Flüchtlinge vor dem für beide lebensbedrohlichen Terror des Nationalsozialismus - er als Kommunist, sie als Jüdin. "Als ich Dich dann traf, da hatte ich endlich keine Angst mehr." schieb sie 1936 an Blücher. Nach ihrer Scheidung von Stern 1937 heiratete sie ihn 1940 und lebte sehr glücklich mit ihm bis zu seinem Tod 1970 zusammen. Durch die intellektuelle Auseinandersetzungen mit ihm hat sie politisch denken und historisch sehen gelernt.
Heinrich Blücher war 1899 in Berlin geboren, hatte eine Lehrerausbildung abgebrochen, als Journalist gearbeitet und von 1924 bis 1933 mit dem Schriftsteller Robert Gilbert Texte für Kabarett, Operetten und Filme verfaßt. Er schloß sich 1918 den Soldatenräten an und trat 1919 über den Spartakusbund in die KPD ein. In seinem Protest gegen den Stalinismus und seine deutschen Epigonen Ernst Thälmann und Ruth Fischer fand sich Blücher 1929 in der KPO wieder.
Blücher führte Hannah Arendt in eine komplexe und wirkungsmächtige politische Welt. Sie selbst befand, durch die Auseinandersetzungen mit ihm, Heinrich Blücher, habe sie politisch denken und historisch sehen gelernt. Heinrich Blüchers erstaunliche philosophischen Kenntnisse als Autodidakt, seine politischen Erfahrungen und seine packende Art zu reden begeisterten alle, die ihm begegneten. Seit Hannah ihn kannte, begann sie, sich mit der marxistischen Gesellschafts- und Revolutionstheorie und der Imperialismus-Studie Rosa Luxemburgs auseinanderzusetzen, auf die sie sich im zweiten Teil ihres Buchs über den Totalitarismus stützte. Die Stalinschen Schauprozesse, zu denen Arendt und Blücher leidenschaftlich negativ Stellung bezogen, führten unter den Emigranten zu heftigen Kontroversen und trugen entscheidend zu Blüchers Abkehr von der kommunistischen Ideologie bei.
Seit Anfang 1940 wurden die deutschen Flüchtlinge und die Staatenlosen seitens der französischen Behörden in Internierungslager verbracht. Im Mai 1940 ereilte auch Hannah Arendt dieses Schicksal und sie kam in das berüchtigte Lager Gurs. Kurz danach war auch Blücher interniert worden und Hannah Arendt verlor den Kontakt zu ihm. Doch beide hatten großes Glück und zusammen mit ihrer Entschlußkraft gelang beiden unabhängig voneinander in den chaotischen Zuständen nach der Kapitulation Frankreichs die Flucht aus den Lagern. Hannah Arenndt war bei Freunden in Montauban untergekommen und der Zufall fügte es, daß sie Blücher auf der dortigen Hauptstraße in einem kleinen Flüchtlingstreck wiedertraf. Günter Stern, der schon in den USA angekommen war, gelang es, die notwendigen Aus- und Einreisevisa sowie die Schiffspassage zu beschaffen und Arendt und Blücher konnten im Januar 1941 über Lissabon in die Vereinigten Staaten emigrieren. (Wenig später, nach der Stabilisierung der Verhältnisse unter dem Vichy-Regime, war die Flucht aus den Lagern so gut wie nicht mehr möglich und schließlich wurden die Insassen 1943 in die Vernichtungslager deportiert.)
Der vorherige Abschnitt zeigt, wie sehr die Läufe der Zeit Arendts und Heideggers divergieren ließen und ihr weiteres Verhältnis determinierten. Arendt verlor 1933 ihre bürgerliche Existenz und die Welt, in der sie aufwuchs und lebte und aus Heidegger, dem Philosophen mit Weltruf, wurde im Mai 1933 Heidegger der "Märzgefallene", so nannte man seinerzeit jene, die schnell noch der NSDAP beitraten, mit der Mitgliedsnummer 3125894 auf dem Parteiausweis. Vermutlich hielt er das der Sicherung seiner Position als Rektor der Universität Freiburg für dienlich, als der er im April 1933 berufen wurde. Unter seine Verantwortung fiel das Verbot für seinen Lehrer Husserl, die Bibliothek nutzen zu dürfen.
An dieser Stelle sei erwähnt, daß in den letzten Jahren immer wieder verstärkt der Vorwurf erhoben wurde, Heidegger sei bekennender Nationalsozialist gewesen, besonders von Victor Farías in "Heidegger und der Nationalsozialismus", oder er habe den Nationalsozialisten den philosophischen Hintergrund geliefert, wie Johannes Fritsche das in "Historical Destiny and National Socialism in Heidegger's Being and Time" tut. Fritsche geht so weit, zu behaupten, daß die politischen Inhalte von Sein und Zeit und Hitlers "Mein Kampf" identisch seien, "und zwar trotz der Tatsache, daß das erste Buch von einem weltberühmten Philosophen und das zweite von einem Soziopathen aus der Wiener Gosse geschrieben wurde." (Alex Steiner)
Ich sehe das ganz und gar nicht so, aber die Vorwürfe auszubreiten und zu erörtern, würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, immerhin gibt es zu dieser Problematik ein mittlerweile regalfüllendes Buchsortiment. Nur so viel - ich denke, daß Heidegger der durchaus berechtigte kultur- und zivilisationskritische Kern seiner Phänomenologie einerseits im Zuge der Ereignisse und andererseits im Sog der Opportunität regelrecht entgleiste, was ihn dann den Aufstieg des Nationalsozialismus als "metaphysische Revolution" bejubeln und zum Beispiel zur Funktion eines Studiums an und für sich diesen Dreck formulieren ließ: "wieder ein Wagnis werden, kein Schutz für die Feigen. Wer den Kampf nicht besteht, bleibt liegen. Der neue Mut muss sich zur Stetigkeit gewöhnen, denn der Kampf um die Erziehungsstätten der Führenden wird lange dauern. Er wird gekämpft aus den Kräften des neuen Reichs, das der Volkskanzler Hitler zur Wirklichkeit bringen wird. Ein hartes Geschlecht ohne den Gedanken an Eigenes muss ihn bestreiten, das aus ständiger Prüfung lebt und zu dem Ziel, dem es sich verschrieb." Hannah Arendt veranlaßte das zu dieser Anmerkung: "Das Schlimme war, dass die wirklich daran glaubten! Zu Hitler fiel ihnen was ein. Und zum Teil ungeheuer interessante Dinge! Ganz phantastisch interessante und komplizierte..."
Hannah Arendts Bewertung des Verhaltens von Martin Heidegger war stets ambivalent. Einerseits 1946 erwähnte sie Heidegger 1946 in einem Artikel in der "Partisan Review" mit der Formulierung, Heidegger habe Husserl, seinem Lehrer und Freund, dessen Lehrstuhl er geerbt habe, den Zutritt zur Fakultät verwehrt, weil Husserl Jude war. Später wandte sie sich vehement gegen eine Veröffentlichung von Heideggers Brief über den Humanismus in der "Neuen Rundschau" und brüskierte damit ihren Freund Dolf Sternberger, der sich für diese Veröffentlichung eingesetzt hatte. An Jaspers schrieb sie 1949 über Heidegger: "Was Sie Unreinheit nennen, würde ich Charakterlosigkeit nennen, aber in dem Sinne, daß er buchstäblich keinen hat." Andererseits zeigte sie sich auch versöhnlicher und äußerte sich in einem Essay zu Heideggers 80. Geburtstag "Martin Heidegger at Eighty" folgendermaßen folgendermaßen:
"Nun wissen wir alle, daß auch Heidegger einmal der Versuchung nachgegeben hat, seinen "Wohnsitz" zu ändern und sich in die Welt der menschlichen Angelegenheiten "einzuschalten" - wie man damals so sagte. Und was die Welt betrifft, so ist sie ihm noch um einiges schlechter bekommen als Plato, weil der Tyrann und seine Opfer sich nicht jenseits des Meeres (1), sondern im eigenen Lande befanden. Was ihn selbst anbelangt, so steht es, meine ich, anders. Er war noch jung genug, um aus dem Schock des Zusammenpralls, der ihn nach zehn kurzen hektischen Monaten vor 35 Jahren auf seinen angestammten Wohnsitz zurücktrieb, zu lernen und das Erfahrene in seinem Denken anzusiedeln. Wir, die wir den Denker ehren wollen, wenn auch unser Wohnsitz mitten in der Welt liegt, können schwerlich umhin, es auffallend und vielleicht ärgerlich zu finden, dass Plato wie Heidegger, als sie sich auf die menschlichen Angelegenheiten einließen, ihre Zuflucht zu Tyrannen und Führern nahmen. Dies dürfte nicht nur den jeweiligen Zeitumständen und noch weniger einem vorgeformten Charakter, sondern eher dem geschuldet sein, was die Franzosen eine déformation professionelle nennen. Denn die Neigung zum Tyrannischen lässt sich theoretisch bei fast allen großen Denkern nachweisen (Kant ist die große Ausnahme). Und wenn diese Neigung in dem, was sie taten, nicht nachweisbar ist, so nur, weil sehr Wenige selbst unter ihnen über "das Vermögen, vor dem Einfachen zu erstaunen", hinaus bereit waren, "dieses Erstaunen als Wohnsitz anzunehmen" Diesen "Irrtum" hat Heidegger zwar nach kurzer Zeit eingesehen und dann erheblich mehr riskiert, als damals an den deutschen Universitäten üblich war. Aber das Gleiche kann man nicht von den zahllosen Intellektuellen und sogenannten Wissenschaftlern behaupten, die nicht nur in Deutschland es immer noch vorziehen, statt von Hitler, Auschwitz, Völkermord und dem "Ausmerzen" als permanenter Entvölkerungspolitik, sich je nach Einfall und Geschmack an Plato, Luther, Hegel, Nietzsche oder auch an Heidegger, Jünger oder Stefan George zu halten, um das furchtbare Phänomen aus der Gosse geisteswissenschaftlich und ideengeschichtlich aufzufrisieren."

