Sonntag, 24. September 2017
 

Czesław Niemen Art of Music Mentopia.net

Lasst uns lernen, tiefer gehende Erfahrungen zu machen als praktische Zwecke es erfordern, das Schöne zu lieben und es in uns selbst zu entdecken, einer Musik zuzuhören, die unsere Herzen und unser Gewissen aufrüttelt.
Czesław Niemen

Mit Czesław Niemen [1] stelle ich hier einen Künstler vor, der den allermeisten Lesern völlig unbekannt sein dürfte. Dabei ist er über seinen Tod hinaus einer der bedeutendsten, zeitgenössischen Künstler, der viele andere Künstler inspirierte. Niemen galt in den 60igern als das Wunderkind der noch jungen Popmusiksparte - Marlene Dietrich übernahm seinen Titel Czy mnie jeszcze pamietasz (Erinnerst du dich noch an mich) in ihr Repertoire, nachdem sie Niemen 1963 im Pariser "Olympia" erlebt hatte. Vermutlich deshalb fand auch eine Niemen-Komposition Aufnahme in das im Jahr 1993 produzierten und bis dato auf verschiedenen Bühnen gespielte Musical Marlene. Niemen tourte mit John McLaughlin's Mahavishnu Orchestra durch Westeuropa und erhielt 1968 das Angebot, Al Kooper bei Blood, Sweat and Tears zu ersetzen, dafür hätte er allerdings Polen dauerhaft verlassen müssen und das kam für ihn nicht in Frage. Das war seiner Heimatverbundenheit geschuldet, die in mehrfacher Hinsicht für uns kaum nachvollziehbar - und fester Bestandteil seiner Kunst ist.

Mentopia.net Niemen wurde am 16. Februar 1939 als Czesław Juliusz Wydrzycki in einem kleinen Ort namens Stare Wasiliszki geboren, der heute Wasiliski heißt und in der Nähe von Grodno in Weißrussland liegt. Die Zeit und der Ort machen deutlich, daß Niemen ins Zentrum des gewaltigsten, historischen Konflikts und den Beginn des größten und vernichtendsten Krieges der Menschheitsgeschichte hineingeboren wurde - am 23.08.1939 (genau genommen am 24.08. um 2:00 Uhr) wurde der als Hitler-Stalin-Pakt bekannte deutsch-sowjetische Nichtangriffs-Vertrag nebst damals geheimen Zusatzprotokoll von Ribbentrop und Molotow unterschrieben. [2] Einmal mehr in ihrer Geschichte [3] wechselte die Region den "Eigentümer" und die Familie Wydrzycki - eben noch polnische Bürger gewesen - wachte am Tag darauf in Josef Stalins Reich auf. Irgendwie überlebt die Familie die nachfolgenden Kriegsereignisse, erst walzt die Wehrmacht in Richtung Osten durch das Land und die Region wird von den Besatzern "Ostland" genannt. Hätten die ihre Pläne umsetzen können, hätte Niemen niemals Musiker werden können, die von den Nazis als "slawische Untermenschen" klassifizierten Bewohner nicht nur dieser Region sollten, sofern sie die Besetzung überlebt hätten, als analphabetische Arbeitssklaven dienen. Glücklicherweise und den Alliierten sei Dank wurde daraus nichts und so walzte die Wehrmacht noch einmal durch die Region, diesmal auf der Flucht vor der Roten Armee in Richtung Westen, gefolgt von den Sowjettruppen. Im Jahr 1958 siedelte die Familie Wydrzycki im Rahmen der letzten Welle von Massenausweisungen von Polen aus den östlichen Grenzgebiet Swiebodzin und Bialogard nach Danzig um. Das geschah im Zuge der sog. "Zweiten Repatriierung" (1955–59), die, wie auch die "Erste Repatriierung" (1944–46) eigentlich eine Expatriierung der polnischen Bevölkerung aus ihrer Heimat war. Diese Zeitläufe und seine Herkunft prägen Niemen für den Rest seines Lebens, was sich natürlich auch in seiner Musik niederschlägt. Sie ist geprägt von der Musik seiner Heimat und der tiefen, sehr naturnahen Religiosität der dort lebenden Menschen und damit nicht zuletzt von der Musik katholischer und orthodoxer Liturgien.

Niemens musikalische Karriere begann 1962 als Pausenfüller bei der damals in Polen populären Band Niebiesko-Czarni, was soviel wie "Schwarz-Blau" heißt. Seine Chance kam, als der Sänger der Band ausfiel und Niemen kurzerhand mit der Interpretation der Ray Charles-Nummer What'd I say einsprang. Das Publikum war begeistert und Niemen hatte einen Job. Den behielt er bei der Band bis 1967, wobei er seine stets wachsende Poularität als Sänger nutzte, erste eigene Lieder zu schreiben und darzubieten. 1964 gründete Niemen parallel zu seiner Arbeit bei Niebiesko-Czarni seine erste eigene Band namens Akwarele, nannte sich Niemen nach dem Fluß in seiner Heimat und trat als Niemen i Akwarele auf. Zum Ärger der polnischen Partei- und Staatsführung hieß die bunte Truppe nicht nur "Aquarelle", sondern sah auch so aus. Das war denen definitiv zu hippiesk und zu westlich und so war der Ärger vorprogrammiert. Seinen Feinden galt er, mit verweis auf sein Aussehen, als Rasputin, seinen Fans schien er in messianischer Mission zu musizieren.

1969 endete für Niemen die Phase der rockigen Beat- und Soulsongs, er löste Niemen i Akwarele auf und schlug mit der Neugründung Niemen Einigmatic einen Weg ein, der insgesamt als Progressive Rock (oder kurz Progrock) bezeichnet wird - eine Kategorie, der auch Bands wie Yes, Van der Graaf Generator, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer zugeordnet werden. Konkret in Niemes Fall war diese Musik eine Verbindung aus seiner außergewöhnlichen Stimme mit Elementen der Kirche- und Choralmusik einerseits und Stilmitteln des damals noch jungen Freejazz andererseits, wobei Niemen Bewährtem treu blieb, nämlich der teils bluesig-funky, teils rockigen Interpretation. Die Texte als Ausdruck von Niemens Spiritualität lehnen sich an spätromantisch-mystischen Dichter wie Cyprian Kamil Norwid (1821-1883) [4] und Percy Bysshe Shelley [5] (1792 - 1822, der Gatte von Mary Wollstonecraft Shelley [6]), aber beispielsweise auch an Thomas Stearns Eliot [7] an, dessen Lyrik reich an Bezügen zu Mythen und Kulturen der Geschichte ist. Besonders aber Norwids Poesie, die oft eine aus den Fugen geratene Welt beschreibt, wird von Niemen vertont. Die erste, ebenfalls Niemen Enigmatic [8] heißende LP der neu formierten Band macht den Beginn der neuen Schaffensphase und den Wandel in Niemens Werk in diesem Sinne überaus deutlich. An der LP wirkten als Niemens Begleitmusiker u.a. Jazzmusiker wie Zbigniew Namyslowski, Czesław Bartkowski und Michal Urbaniak mit, die später international Erfolge feierten, besonders Urbaniak (Violine und Saxophon), der in den USA insgesamt 50 Scheiben mit Musikern wie Miles Davis, Quincy Jones, George Benson, Billy Cobham, Herbie Hancock, Jaco Pastorius, John Abercrombie uvam. einspielte und als wesentlicher "Miterfinder" von Fusion und Acid Jazz gilt, sollte bekannt sein. Das zentrale Stück auf der LP ist die gut 16-minütige Bema pamieci zalobny rapsod, eine von Cyprian Kamil Norwid gedichtete Widmung [9] an den polnischen General Józef Bem (1794-1850) [10], der während der Revolution von 1848 ein ungarisches Aufständischenheer gegen die Habsburg-Monarchie anführte und sich der Wiener Revolution anschloß.

In derselben Bandbesetzung folgt ein Doppelalbum namens Enigmatic, und dann wurde die Band erneut umstrukturiert. Niemen holte 1972 für die Einspielung einer EP mit dem Titel Strange Is This World für die CBS mit Józef Skrzek (p, org, bg), Jerzy Piotrowski (dr) und Antymos Apostolis (g) drei Nobodies ins Studio, die seit Ende 1970 als Schlesische Blues-Band, kurz SBB, durchs Land tingelten [11]. Neben der CBS-Produktion spielte Niemen mit ihnen zwei weitere LPs ein - Niemen Vol. 1 und Niemen Vol. 2. Außerordentlich bemerkenswert ist der Einsatz des Kontrabass als Melodieinstrument, gespielt von von Helmut Nadolski, auf beiden Scheiben - Niemen dürfte m.W. der erste Musiker gewesen sein, der dieses Instrument in dieser Weise in Rock-Kompositionen einsetzte.

Für CBS spielt Niemen insgesamt vier Alben ein, die Firma wurde durch das Musikmaganzin Billboard, das ihn 1968 als "Top native artist" auszeichnet, auf Niemen aufmerksam. Das Label bietet ihm einen Plattenvertrag an, übernimmt das Album Niemen Enigmatic und Niemen spielt mit SBB 1972 das schon erwähnte Album Strange is this World und 1973 ein weiteres namens Ode to Venus ein. Im selben erscheint für den westdeutschen Markt das Album Russische Lieder, das Niemen mit Gesang, Gitarre, Piano und Bassgitarre allein einspielt. Den Durchbruch in den USA und Westeuropa sollte eigentlich das vierte Album für die CBS mit dem Namen Mourner's Rhapsody bringen. Es wird 1974 von Niemen und SBB in New York aufgenommen, dabei sind im Studio zahlreiche Größen der Jazzszene mit von der Partie - Jan Hammer (dr), Rick Laird (bg), Don Grolnick (p), John Abercrombie (g), Steve Khan (g), Carl Rabinowitz (g) und andere. Darüberhinaus sangen in der Vokalgruppe Erin Dickins, die ihre Karriere bei The Manhattan Transfer begann und für Leonard Cohen sang, und die großartige, im November 1984 im Alter von 33 Jahren an Krebs viel zu früh verstorbene Tasha Thomas - sie ist auf weit über 100 Platten mit Stars wie Stevie Wonder, James Brown, Petula Clark, Roberta Flack, B.B. King, Bette Midler, Carly Simon, Cat Stevens, Johnny und Edgar Winter zu hören. Kernstück des Albums ist eine vollkommen neu arrangierte und nun titelgebend Mourner's Rhapsody heißende Version des Bem-Themas. Trotz der hochkarätigen Besetzung floppt die Scheibe und ist heute ein begehrtes Sammlerstück für Progrock-Fans. Niemen war (und ist) schlicht nicht als Massenware vermarktbar, was nur zum Teil an seinem schlechten Englisch liegt. Seine sich in diverse Grenzbereiche ersteckenden Kompositionen strapazieren die konsumorientierten Hörgewohnheiten über Gebühr, das kann nicht mal eben nebenbei weggehört werden, Niemen erwartet und verlangt konzentriertes Zuhören. Seine Kompositionen sind überdies entweder in epischer Breite erzählend bzw. poemartig - oder gar nicht betextet, das gewohnte Liedschema nebst mitsingbarer Refrains bedient Niemen seit Niemen Enigmatic definitiv nicht mehr. 1974 lief der Vertrag mit CBS aus und Niemen und das Label verständigen sich einvernehmlich darauf, ihn nicht zu verlängern.

Es war wieder Zeit für eine neue Schaffensphase und ein neues Konzept. Künftig gab es keine feste Band mehr, sondern ein Konstrukt namens Niemen Arerolit, kurz N.AE., das in erster Linie aus Niemen selbst bestand. Für das erste (1974) Album Aerolit und das dritte (1977) Album Idee Fixe verpflichtete Niemen einige Musiker als Begleitband, das zweite (1975) Album dieser Schaffensphase namens Katharsis spielte er komplett selbst ein. Die Kompositionen wurden um einiges radikaler und lehnen stärker am Jazz resp. Freejazz an, die Alben werden konzeptioneller und als Gesamtkunstwerke arrangiert und Niemen nutzt den Moog [12] in Kombination mit einem dominanten Schlagzeug sehr konsequent. Es sind drei insgesamt sehr schöne und perfekt komponierte und arrangierte Werke, die für die elektronische Musik und den Progrock durchaus wegweisenden Charakter haben. Daneben wendet sich Niemen der Film- und Theatermusik zu. Er komponiert für 17 Filme und Fernsehserien die Musik, u.a. für Andrzej Wajdas Filmklassiker Wesele. 1979 tritt Niemen beim Festival in Sopot, dem Grand Prix des Ostblocks, an und gewinnt propmpt. Im Jahr 1980 folgt das Album Postskriptum, das er allein auf diversen Keyboards und dem Moog einspielt, es beginnt mit einer elektronischen Version seines Hits Strange is this World und endet mit einer Komposition über die Leiden der Kinder im Zweiten Weltkrieg.

1981 überschlagen sich der Ereignisse in Polen, Die PVAP, Polens kommunistische Regierungspartei [13], unter Führung des Generals Jaruselski verhängt das Kriegsrecht über das Land. Niemen sagt alle Konzerte der geplanten Postskriptum-Tournee ab und zieht sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Er sah in dieser Welt kaum noch Möglichkeiten, mit einer das Gewissen aufrüttelnden Musik noch gehört zu werden. Er wurde in der polnischen Öffentlichkeit vom "Großen der polnischen Musik" zum "großen Abwesenden" und arbeitete seitdem völlig zurückgezogen ausschließlich im Studio. Genauso konsequent mied er die mittlerweile entstandene Popkultur der Video-Clips und der Hitparaden - MTV begann mit der Programmausstrahlung am 1. August 1981. Stattdessen widmete er sich zunehmend einer anderen Leidenschaft, der Malerei, und machte sich als Grafiker und Maler einen Namen. Erst 1989 legte er mit Terra Deflorata ein neues Album vor und im Jahr 2001 folgte schließlich mit Spodchmurykapelusza (Ein Hut aus Wolken) sein letztes Album, beide Scheiben hat Niemen auch wieder komplett allein eingespielt.

Am Samstag, den 17. Januar 2004, erliegt Niemen kurz vor seinem 65. Geburtstag einem Krebsleiden. Er war einer der bedeutendsten, in Werk und Leben konsequentesten und sicher auch charismatischsten Künstler der polnischen Geschichte und sein Volk liebt ihn über seinen Tod hinaus. Er war ein gewaltiges Fanal geistiger Freiheit und der Möglichkeit des Sicherhebens über die Niederungen sozialer und politischer Tristesse und Ignoranz in einem dogmatisch-autoritären und bisweilen diktatorischen System. Wenn mir damals die Sowjetzone und ihre Insassen besonders auf die Nerven fielen, hörte ich Niemen und ich habe seine Musik heute in den Zeiten der Myspacefizierung und gnadenlosen Totalverblödung als Quelle kontemplativer Inspiration wiederentdeckt.

Fußnoten:
[1] Niemen CDs @NuMusi Records, Niemen @Galeria Esta, Galeria Esta
[2] Shoa.de über den Hitler-Stalin-Pakt
[3] http://www.jewishgen.org/belarus/info_history_of_grodno.htm
[4] Cyprian Kamil Norwid
[5] Percy Bysshe Shelley
[6] Mary Wollstonecraft Shelley
[7] Thomas Stearns Eliot
[8] Niemen Enigmatic bei Babyblaue Prog-Reviews
[9] Originaltext und deutsche englische Übersetzung
[10] Józef Bem @Wikipedia, Bilder von Józef Bem
Karl Marx über General Bem in einer Rede auf dem Polenmeeting in London am 22. Januar 1867: Wieder war es das polnische Volk, der unsterbliche Ritter Europas, das den Mongolen zum Rückzug gezwungen hatte! Erst nach dem Verrat der Deutschen, besonders der Frankfurter Nationalversammlung, an den Polen, kam Rußland wieder zu Atem und sammelte genügend Kraft, um der Revolution von 1848 in ihrem letzten Zufluchtsort, in Ungarn, einen Schlag zu versetzen. Und selbst dort war der letzte Ritter, der sich ihm entgegenstellte, ein Pole - General Bem. [http://www.mlwerke.de/me/me16/me16_200.htm]
[11] Mit der Wahl der Silesian Blues Band bewies Niemen einmal mehr ein sicheres Gespür für Talente, die Musiker erwiesen sich als hervorragende Begleitmusiker und später als geniale Komponisten und Soundtüftler. Ihre LPs/CDs haben Kultstatus und die bis heute aktive Band SBB hat sich auch in Westeuropa und den USA eine zwar kleine, aber beinharte Fangemeinde erarbeitet. Dabei war sicher hilfreich, daß die Abkürzung SBB sich im Lauf der Zeit als wandlungsfähig erwies - aus der Silesian Blues Band wurde später Szukaj Burz Buduj, was praktischerweise mit Suchen Brechen Bauen auch auf deutsch und mit Search Break Build auf englisch funktionierte.

Netzseite SBB, Netzseite Józef Skrzek
[12] moogarchives.com
[13] Polnische Vereinigte Arbeiterpartei PVAP

[geschrieben 10/2004, Links geprüft 24.07.2014]

Bildquelle
Ciesla, Pawel (Staszek_Szybki_Jest): Bust of Czesław Niemen in Celebrity Alley in Kielce (Poland) 14.09.2006
[http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Popiersie_Czes%C5%82aw_Niemen_ssj_20060914.jpg] Stand 21.01.2013
Diese Datei ist unter den Creative Commons-Lizenzen Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert lizenziert.