Sonntag, 24. September 2017
 

Das Phänomen der Begriffs-, die eigentlich eine Sinnverschiebung ist, im liberalen Gesellschaftsdiskurs - oder was von disem übrig ist

Einleitende Anmerkung: Der Text vom 17.04.2017 ist mein Beitrag zu einer kleinen Diskussion auf Facebook, deren Einstiegsbeitrag die Frage nach Ursache und Folgen der Bedeutungsverschiebung diverser Begriffe im öffentlichen Diskurs am Beispiel der Begriffe Kritik und Problem erörtert und Massenwohlstand nebst Massenkonsum als Ursache zur Debatte stellt. Ich stelle den Text hier ein, weil er Anmerkungen enthält, die ich schon seit geraumer Zeit mal loswerden werden wollte, entsprechend episch fällt der Text - nach langer Zeit mal wieder - aus, was aber denen, welche mich aus "alten", nämlich den Vor-Sozialnetzzeiten kennen, durchaus bekannt vorkommen dürfte. :-)

Zur Veranschaulichung des Phänomens der Begriffs-, die eigentlich eine Sinnverschiebung ist, erscheint mir der Begriff "Kritik" - zunächst - deshalb ungeeignet, weil er nie ein wertfrei-analytischer Begriff war. Spätestens mit der Entlehnung des Begriffs vom frz. "critique" ins Deutsche im 17. Jahrhundert impliziert der Begriff neben den ursprünglichen Bedeutungen (als Substantiv, Adjektiv und/oder Verb) wie "Kunst der Beurteilung", "Urteilsfähigkeit", "scheiden", "urteilen" und "entscheiden" eben auch die von "tadelnd", "bedenklich" und "gefährlich" (Duden Herkunftswörterbuch. Dudenverlag 1997). Der Lateiner benutzte neben dem "criticus" sinnverwandt die Begriffe "censura" und "iudicium", ein "censor" war auch ein scharfer Kritiker und der Begriff "censorius" bedeutete auch "kritisierend" und "streng richtend" (Langescheidts Wörterbuch der lateinischen und deutschen Sprache. Langenscheidt 1967). Ich erinnere mich noch gut an die Lektüre von Sallusts "De coniuratione Catilinae" im Lateinunterricht, in dem Sallusts Kritik an den Putschisten um Catilina die einzig berechtigte war (Ciceros vier "Reden gegen Catilina" vor dem Senat und dem Volk vom November und Dezember 63 v. Chr. ließ Sallust allerdings gelten), wohingegen die Kritik der Putschisten am Verfall der Römischen Republik, der mit der Errichtung des Ersten Triumvirats (Pompeius, Crassus und Caesar, 60 v. Chr.) politisch und strukturell manifest wurde und in der späteren Alleinherrschaft Caesars das Ende der Republik vorwegnahm, als in Gänze falsch und als nachgerade hinterhältig dargestellt wurde. Sallust hatte auch eine Erklärung dafür, die bis heute von Generation zu Generation aufs Neue intoniert wird: Anstelle der Tugend, sprich altbewährter Werte, hätten - insbesondere bei der Jugend - immer mehr Habgier und Verschwendung, sprich der Werteverlust, um sich gegriffen.

Kritik als Mittel des Differenzierens und umsichtigen Bewertens zu sehen, und das über Jahrhunderte hinweg, ist - mit Verlaub - ein Euphemismus, dem allenfalls Kant gerecht wurde, dessen Sicht der Dinge akademische Zirkel aber nie wirklich verlassen hat. Das mag daran liegen, dass Kant einerseits Kritik als Selbstkritik zur Beurteilung und ggf. Berichtigung der eigenen Erkenntnis verstand, wobei die Bereitschaft zu Ersterem und Fähigkeit zu Letzterem im Allgemeinen sehr überschaubar sind. Andererseits macht es die Sache nicht einfacher, dass Kant die Kritik ins Transzendentale verlagert hat, was zwar, sofern man das versteht, zu interessanten Denkexperimenten anzuregen vermag, im alltäglichen Kontext aber nicht eben hilfreich ist.

Kritik ist niemals wertfrei, weil sie immer normativ, subjektiv und bewertend ist. Kritik erfolgt als Bewertung eines Sachverhaltes (Gegenstandes, Verhaltens) durch ein kritisierendes Subjekt im Rahmen der von ihm als bindend erachteten Normen. Diese Normative werden gerne als "Wahrheit" bezeichnet, sind aber nichts anderes als Wissens- und Erfahrungsformationen (Episteme). Unter anderem aus deren Subjektivität erklärt sich die oft anzutreffende Unversöhnlichkeit der kontroversen Standpunkte. Deshalb war Foucault der Meinung, sinnvolle Kritik müsse das System ihrer Bewertung offenlegen, also sichtbar machen (in: "Was ist Kritik?" Berlin 1982).
Kritik ist meistens (oder immer?) zweck- und interessengebunden. Das gilt im individuellen Bereich, noch mehr aber im öffentlichen resp. politischen Diskurs. Ein interessantes historisches Beispiel, das bis heute nachwirkt, ist die Auseinandersetzung zwischen Marx und Bakunin Mitte bis Ende der 1860er Jahre. Von beiden als Kritik am jeweils anderen Standpunkt in Sachen Staat formuliert, wurde die Kritik seitens beider Kontrahenten von vornherein zur Durchsetzung machtpolitischer Eigeninteressen in den seinerzeitigen Diskurs eingebracht. Bekanntermaßen endete das Ganze mit Bakunins Ausschluss aus der Ersten Internationale (Internationale Arbeiterassoziation) auf dem V. Kongress, der vom 02.09. bis zum 07.09.1872 in Den Haag stattfand. Das Beispiel ist deshalb interessant, weil es zeigt, dass Kritik darüber hinaus oft manipulativ ist, im konkreten Fall waren die Delegierten bis in deren jeweilige Parteien hinein die Manipulierten. Die Erörterung anderer Beispiele, vom Prinzip "Kritik und Selbstkritik" in kommunistischen Parteien (das nicht etwa mit diesen Parteien verblich, sondern sich bis heute in modifizierter, freilich nicht tödlich endender Form in diversen Institutionen wiederfindet) bis zum Umgang der Merkel mit Kritikern wie Merz uva., verkneife ich mir, das mag man selbst nachlesen, sofern es interessiert. Die im Thread geäußerte Annahme, "Fachleute" - wer immer das sein mag - verwendeten den Begriff "Kritik" "korrekt und im ursprünglichen Sinn", ist bestenfalls naiv, man sehe sich beispielsweise die Debatte der tatsächlichen oder selbsternannten Fachleute, hier sind vermutlich Leute in Besitz akademischer Weihen und Würden gemeint, in Sachen Klimawandel an oder vertiefe sich in die Debatte von Lann Hornscheidt mit ihren Kritikern (unter dem Topic "CIS-Gender-Streit").

Was den Begriff "Problem" angeht - auch hier kamen neben den ursprünglichen Bedeutungen (als Substantiv, Adjektiv und/oder Verb) wie "Aufgabe", "Hindernis", "Streitfrage", "vorwärtswerfen" und "entgegenstellen" die impliziten Bedeutungen von "ungewiss", "zweifelhaft" und "fragwürdig" mit der Entlehnung des lat. "problematicus" in die deutsche Sprache (Duden Herkunftswörterbuch. Dudenverlag 1997). Das in letzterem Sinn eigentlich Problematische ist allerdings das eingangs erwähnte Phänomen der Sinnverschiebung. Natürlich ist das nicht neu und natürlich entwickelt sich Sprache, aber das ist hier nicht gemeint, sondern die offensichtlich absichtsvolle, machtpolitisch intendierte, auf die Deutungshoheit abzielende, ggf. bei vorsätzlicher, in Bälde vielleicht auch versehentlicher Fehlverwendung sanktionierte und insgesamt hoch manipulative Verschiebung von Bedeutungen verschiedener Begriffe. Das Beispiel, welches mir am häufigsten begegnet und das IMHO die derzeit weitreichendste Bedeutung hat, ist die Verschiebung der Bedeutung des Begriffes "Akzeptanz" im Sinne seiner Bedeutung von "Gutheißen", "Annehmen", "Billigung", "Einwilligung" und "Einverständnis" in den Begriff "Toleranz", der eigentlich die Bedeutung von "Duldung", "Duldsamkeit", "Gewähren-" und "Geltenlassen" hat, was ursprünglich in Hinsicht auf die Religiosität anderer gemeint war. Konsequent zu Ende gedacht ist Toleranz die Duldung in Ermangelung anderer, vernünftiger Möglichkeiten (hier Vernunft im Kantschen Sinne und nicht als quasi Alltagspragmatismus zu verstehen). Die Folge dieser Sinnverschiebung ist heute - und das begegnet mir tagtäglich - dass erwartet oder gar verlangt wird, Religionen, womit in aller Regel der Islam gemeint ist, zu "tolerieren", tatsächlich aber zu akzeptieren.

Kurioserweise wird das vorzugsweise von denen als Erwartung oder Forderung zum Vortrag gebracht, die sich als "links" verstehen - oder besser: fühlen. Ich als Agnostiker halte das für eine echte Zumutung an meinen Verstand und weigere mich beharrlich, dem Folge zu leisten und noch keiner derjenigen, die sich als "links" bezeichnen und die ich diesbezüglich befragte - und das waren einige -, konnte mir erklären, wann und warum dieser Sinneswandel eingetreten ist. Als ich noch links war, gab es zumindest in dem Umfeld, in dem ich mich bewegte (Vereinigte Sozialistische Partei), zwei zwingend erforderliche Prämissen, um als links zu gelten: Man musste Marx und Engels (und in meinem Umfeld auch Trotzki) gelesen haben (und zwar nicht nur die ersten fünf Seiten des ersten Bandes des "Kapitals") und man musste nicht nur Atheist, sondern offensiv antireligiös sein (im Sinne der Marxschen Religionsdefinition: "Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. [...] Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist." (Karl Marx: "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie"). Ja, ich weiß, dass es eine kleine Fraktion explizit religions- und islamkritischer Linker gibt, die sind aber im öffentlich Diskurs de facto unsichtbar und spielen in selbigem praktisch keine Rolle. An dieser Stelle passt ein Zitat eines Vertreters dieser Fraktion, nämlich von Hermann L. Gremliza, dem Herausgeber der Monatszeitschrift "konkret" und dem vielleicht letzten Linken: "Ich bestehe auf dem Recht, ja der Pflicht des Aufklärers, Allah so wenig zu achten und nach Kräften zu verspotten, wie irgendwelche anderen Götter, von Jesus C. bis L. Ron Hubbard. Die Religionsfreiheit, die ich meine, ist die Freiheit von Religion. Damit das klar ist."

Jüngst las ich folgende Aussage: "You should be focusing on what unites people and not what drives them apart. You shouldn’t give a shit about skin color, a shit about sexuality. You shouldn’t give a shit about gender, and you should be deeply suspicious of the people who do." Abgesehen von der Art der Formulierung (shit) ist das eine Aussage, die inhaltlich explizit links in der klassischen Weise ist, weil die Orientierung oder gar Fixierung auf Nebenfragen, wie man seinerzeit gesagt hätte, wie Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Präferenzen von der eigentlichen, nämlich der Klassen- und Systemfrage, ablenkt und ablenken soll. Gelesen habe ich sie aber auf Breitbart.com in der Rückschau und Verlinkung auf einen Auftritt von Milo Yiannopoulos am 26.01.2017 an der University of Colorado in Colorado Springs, Thema "White Nationalism is Not the Answer", anlässlich seiner "Dangerous Faggot Tour". Was in Marxens und meinetwegen auch Gottes Namen ist hier passiert? Für heutige Linke ist die Diversifizierung, hin und wieder auch Diversifaktion genannt, das allein seligmachende Wort des Heils - und sie tun als Agenten der Globalisierung genau das, was der Begriff der Herkunft nach impliziert - er hat seinen Ursprung im lat. diversus, was "entgegengesetzt", "völlig verschieden", aber auch "feindlich", "gegnerisch" sowie "zerstreut" und "vereinzelt" heißt (Langescheidts Wörterbuch der lateinischen und deutschen Sprache. Langenscheidt 1967). Ins Deutsche entlehnt wurde divers vom lat. divertere, was "auseinander gehen", "sich abwenden" heißt (Duden Herkunftswörterbuch. Dudenverlag 1997). Exakt das ist das Ergebnis - eine Vereinzelung, eine de facto Atomisierung der Gesellschaft, was dann für Individualisierung gehalten wird, aber nur Beliebigkeit und Ignoranz ist. Heutige Linke in diesem Land erwarten resp. verlangen, dass ich den Islam nicht nur im eigentlichen Sinn toleriere, sondern im redefinierten Sinn gutheiße, das quasi Echo linker Grundhaltungen schallt mir aber von Alt-right entgegen.

Doch zurück zur Kritik - der Begriff ist in anderer Weise durchaus (deshalb oben "zunächst") geeignet, das Phänomen der Bedeutungs- und Sinnverschiebung zu illustrieren. So wird Kritik gerade in jüngster Zeit negativ konnotiert als - jeweils themenabhängig - irgendeine Art von Phobie. Hier wäre ein Exkurs zur Pathologisierung politischer und ideologischer Gegner zum Zwecke ihrer Diffamierung, Mundtotmachung oder/und Verbringung in geschlossene Anstalten in diktatorischen und totalitären Regimen angebracht, das würde aber den Rahmen sprengen, der Hinweis soll genügen. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die Konnotation des Begriffes "Kritik" mit der ins Negative gewendeten Bedeutung des Begriffs "Populismus", vorzugsweise und wann immer es halbwegs passend oder auch nur glaubhaft erscheint als Rechtspopulismus. Wobei es oft nicht einmal glaubhaft sein muss, so haben es Henryk M. Broder und Roland Tichy auf einer der Webseiten unter der Obhut der versierten und langjährig erfahrenen Gesinnungsprüferin Kahane zu Rechtspopulisten gebracht (mittlerweile wurden sie wieder aus der diesbezüglichen Liste entfernt) und David Berger gilt als der "zweitgefährlichste Homosexuelle Deutschlands" (lt. "BOX - Deutschlands Magazin für die Gay Community", den ersten Platz hält Alice Weidel, weil AfD). Ein vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung ist die kürzlich erfolgte Löschung des FB-Profils von Imad Karim.

Der jüngste Hype in Sachen sprachlichen Wohlverhaltens ist die so genannte Hassrede, neudeutsch als Hate Speech im Umlauf. Aber keine Sorge, um der Herr zu werden, hat der Justizminister diverse Instrumente parat, die mich allerdings fatal an die DDR erinnern, eine seiner offiziösen Gehilfinnen (IM Victoria) mit Tränchen der Rührung in den Augen sicherlich auch ("Wenn der Genosse Minister das noch hätte erleben dürfen!"). Die Bedeutungs- und Sinnverschiebung betrifft freilich auch etliche andere Begriffe, solche sind beispielsweise Rassismus, Sexismus und Nazismus, die - teilweise bis zur de facto Bedeutungslosigkeit - mit politisch-ideologisch als missliebig geltenden Sachverhalten und Meinungen überfrachtet werden, so dass deren bloße Erwähnung jede diesbezügliche Debatte auf der Stelle abwürgt, wenn nicht schon im Keim erstickt.

Alle Fälle von Bedeutungs- und Sinnverschiebung haben nach meiner Sicht der Dinge eines gemeinsam: Sie geschehen aus Gründen vermeintlicher politischer Opportunität (im Sinne von Nützlichkeit). Die Folgen sind fatal. Heerscharen von Opportunisten (im Sinne von notorisch Grundsatz- und Charakterlosen) bestimmen mittlerweile den Diskurs, die sich allerorten und so nach und nach in allen Institutionen wie Parteien, Universitäten und Schulen, Zeitungs- und TV-Redaktionen, gemeinnützigen Organisationen und Pfarrhäusern tummeln. Wo Opportunisten sind, muss man nach Denunzianten nicht lange suchen. Ich erinnere an die von einem "Scholz & Friends"-Mitarbeiter, einem so genannter "Strategy-Director", angeblich im Alleingang, aber mit "Scholz & Friends"-Briefkopf losgetretene Kampagne bei den Anzeigenkunden von Broders Webseite Achgut.com und Tichys Seite "Tichys Einblick" mit der Aufforderung, ihre Werbung auf nämlichen Seiten zu stornieren, weil die angeblich "rechtspopulistisches Gedankengut" verbreiten. Das streute er unter dem Hashtag "keingeldfuerrechts" sozialnetzweit (was früher - nur am Rande bemerkt - als spammen gegolten hätte). Tichy! Und ausgerechnet Broder! Nicht minder ekelhaft als das Denunziantentum ist der vorauseilende Gehorsam der werbenden Firmen, Zitat von Broder: "09.12.2016: Die Anzeigenvermittlung von Achgut*com bittet uns, den Vertrag im gegenseitigen Einvernehmen aufzulösen. Sämtliche Firmen hätten uns auf die Blacklist gesetzt". Der nämliche "Strategy-Director" musste zwar angeblich seinen Stuhl räumen, für "Scholz & Friends" hat sich der - logischerweise - ganz und gar uneigennützige Einsatz ihres nunmehrigen Ex-Strategen gegen die "Rechtspopulisten" dann irgendwie doch gelohnt - das Bundes-Familienministerium gab "Scholz & Friends" den Zuschlag für das Kampagnendesign sowie das begleitende Kommunikationskonzept zur Bewerbung der Marke "Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit".

Noch einmal - was ist hierzulande passiert? Ich weiß es nicht. Neu ist das alles, wie geschildert, sicher nicht, neu ist hierzulande nur, dass man offensichtlich dabei ist, das Phänomen zur Staatsdoktrin zu erheben. Wobei ich nicht weiß, warum man das tut, das cui bono kann ich nicht erkennen, ich sehe nur die offensichtlichen Schäden. Weil ich kein Freund von Spekulationen bin, den Begriff Schuld für ziemlich dämlich halte und im Raten auch nicht sonderlich gut bin, muss ich es zunächst wohl oder übel bei der Frage belassen: Was zum Bundesadler ist hierzulande passiert?

Vielleicht ist an dieser Stelle ein kleiner Exkurs in Sachen Idiotie angebracht:
"Jede Botschaft findet ihren Sinn in einem Code. Will man eine Botschaft interpretieren, so hat man zwei Möglichkeiten: man kann entweder das Gesagte selbst befragen oder aber die Art und Weise, wie es gesagt wird. Im ersten Fall wird auf den Gegenstand der Botschaft Bezug genommen, im zweiten Fall auf den sie strukturierenden Code. Die Dummheit stellt sich auf den ersten Standpunkt, den inhaltlichen, und fordert, daß die Wörter und die Dinge auf doppelt eindeutige Weise korrelieren. Die Idiotie richtet sich in der zweiten Möglichkeit ein, der metalinguistischen, wo der Code (als Metasprache) die Korrektheit der Botschaft überprüft. So verschieden auch die Codes beschaffen sein mögen, idiotisieren lassen sie sich alle, die einen mehr, die anderen weniger. [...] Der Dumme führt sich auf, als wäre er Herr über das Ding. Der Idiot, als wäre er Herr über den Code. Dem Dummen kann es passieren, daß er vom Hundertsten ins Tausendste gerät und, wie Bouvard und Pecuchet, in eine endlose Suche hineinschlittert. Der Idiot läßt sich nicht so leicht aus der Fassung bringen; er urteilt, ohne selbst beurteilt zu werden; die Erfahrung kann ihm nichts anhaben, selbst wenn sie ihn zu widerlegen scheint, denn diese Widerlegungen sind ja auch zu interpretieren. Und wer soll dies tun? Wer, wenn nicht er? Die Idiotie ist ein höchstinstanzliches Gericht; in ihr findet die verunsicherte Dummheit ihre Daseinsbedingung, nämlich die sichere Ruhe."
(Glucksmann, André: Die Macht der Dummheit. Frankfurt a.M., Ullstein 1988)
Ein Ja wäre natürlich höchst unbefriedigend und frustrierend, aber haben wir es möglichweise mit einer Idiotisierung der Gesellschaft zu tun? Ich weiß es nicht.

Allerdings denke ich nicht, dass Massenwohlstand nebst Massenkonsum ursächlich dafür verantwortlich sind, und zwar ganz einfach deshalb, weil mir dieses Phänomen - weniger subtil und deshalb oft einfacher durchschaubar - nebst seiner gesellschaftlichen Folgen in Gestalt von Opportunismus und Denunziantentum aus meinen ersten 27 Lebensjahren in DDR bekannt sind, was damals für mich im Zuchthaus endete.

Massenwohlstand nebst Massenkonsum zeitigen andere Phänomene, wie beispielsweise eine allgemeine Diskursverflachung, der Verlust der Lesekompetenz und die damit verbundene, offensichtlich zunehmende Unfähigkeit gerade der jüngeren Generation, sich angemessen und sachgerecht zu artikulieren, was nach meiner Erfahrung aber nicht an ihrer Jugend oder an ihren kognitiven Fähigkeiten, sondern hauptsächlich an einer konsumistisch geprägten resp. konditionierten Bildungserwartung und insgesamt Lebenseinstellung sowie der Unfähigkeit des Bildungssystems und seiner Institutionen liegt, diesen Erwartungen und Haltungen angemessen zu begegnen und sie oftmals auf individueller Ebene sogar noch bedient. Ob das aus Überbelastung, zum Zwecke der Konfliktvermeidung oder aus Bequemlichkeit geschieht, sei dahingestellt. Freilich wirkt das Resultat dieser Entwicklung bezüglich der oben erörterten Phänomene höchstwahrscheinlich sekundär, indem es die Fähigkeit, derartige Sinnverschiebungen zu erkennen, zu verstehen und zu bewerten, deutlich einschränkt.

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