Sekten, Szene & Pfaffen
Das Peter-Robert-König-Phänomen
Teil 10: Politik - Peter-Robert Königs denkwürdige Weltsicht
Teil 10: Politik - Peter-Robert Königs denkwürdige Weltsicht

| "Durch meine Mutter habe ich eine tiefsitzende Abscheu gegenüber totalitären Lebenssystemen, von meinem Vater das Grüblerische geerbt." Peter-Robert König Der O.T.O. Phänomen REMIX, ARW 2001, S. 497 |
Richtig gruselig wird es, wenn Peter-Robert König politische Themen ventiliert. Im hier besprochen Buch äußert sich König hauptsächlich an zwei Stellen ausführlicher zum Verhältnis der Thelemiten zur Politik, wobei er sich zuerst zum Thema Totalitarismus und später zum Faschismus bzw. politischen Extremismus auslässt. Nun ist es eine Sache, und zwar eine recht komische, wenn Königs fürwahr ausdauernde Beschäftigung mit den Ejakulationsgepflogenheiten anderer Leute offenbar zu dem Ergebnis führte, dass er politische Haltungen für genetisch veranlagt hält. Eine ganze andere, absolut nicht komische Sache ist es, dass er die Stirn hat, die politische und strukturelle Verfassung einer esoterisch-okkulten Richtung mit dem Begriff Totalitarismus beschreiben zu wollen – mit einem Begriff, hinter dem das für uns heute unvorstellbare Leid von Millionen und Abermillionen Menschen steht.
Zu der oben aus dem "Remix" zitierten, bemerkenswert sinnfreien Äußerung, er habe von seiner Mutter "eine tiefsitzende Abscheu gegenüber totalitären Lebenssystemen" geerbt, verstieg sich Peter-Robert König - von Huettl nach seinem "Einstieg in die okkulte Welt" gefragt (a.a.O. Seite 156) – auch in diesem Buch wieder. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen - "totalitäre Lebenssysteme"! Wenn Adolf Hitler, dessen Terrorregime mindestens 55 Millionen Menschen das Leben kostete, und Josef Dschugaschwili aka Stalin, dessen ganz spezieller Weg zum Kommunismus geschätzte 30 Millionen Menschen umbrachte, das lesen könnten - endlich hat mit dem feinen Herrn Peter-Robert König einer begriffen, dass ihre Todesherrschaft eigentlich "Lebenssysteme" war. Auf Seite 187f. lässt es der Peter-Robert König in Sachen Totalitarismus richtig krachen:
"[...] Diese Konzeption des O.T.O. als ein auf einen Führer ausgerichteten Bund zeigt sich durchweg in der Betonung von Symbolen und Ritualen, im Personenkult und in einer gemeinhin romantisch-irrationalen Selbstdarstellung. Das Totalitäre findet sich theoretisch auch in der gewünschten Transzendierung Thelemas [...] Nichtsdestotrotz gebärden sich die heutigen Führer der verschiedenen O.T.O.-Variationen immer noch als Tyrannen [...] Wehe, es wagt jemand, dem Tyrannen zu widersprechen, dann werden anonyme Informanten herangezogen, es findet eine Art Anhörung ohne Zeugen statt und der Übeltäter bekommt keinen Anwalt zur Verteidigung [...] Untere Grade lässt man jammern, privat oder in den Internetforen, oder wo auch immer, und ignoriert sie [...] Und was passiert mit den Schuldig-Gesprochenen? Wird man auf dem Scheiterhaufen verbrannt? Nein, nein. Man wird aus dem O.T.O. verstoßen. Mehr passiert nicht. So ähnlich ist es im Sommer 2006 geschehen. Etliche Hochgradmitglieder, die seit 20 Jahren im Caliphat sind, wagten es, öffentlich Breezes Leitung des O.T.O. zu kritisieren. Und prompt wurde ihnen nahe gelegt, auszutreten."
So lustig kann Totalitarismus also sein, wenn man Peter-Robert König heißt. Ich weiß nicht, warum König das tut. Aber ich weiß, was er damit tut. Mit dem Historikerstreit 1986 und 1987 und später stärker noch nach der sogenannten Wende kam eine fatale Neigung zum inflationären Gebrauch der Charakterisierung aller möglichen Strukturen als totalitär in Mode. Die Ausweitung des von Giovanni Amendola geprägten und von Hannah Arendt in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" wissenschaftlich ausgearbeiteten Begriffs auf diverse andere politische Strukturen wie den real existierenden Sozialismus zum Beispiel in der nachstalinistischen Sowjetunion oder der DDR - daran entzündende sich im Sommer 1986 der oben genannte Historikerstreit - wurde und wird vorzugsweise von der politischen Rechten betrieben, um der "Entsorgung der deutschen Geschichte", wie Hans-Ulrich Wehler das nannte, Vorschub zu leisten. [49] Er wurde de facto zum Lieblingsbegriff der sogenannten Neuen Rechten, die so viele totalitäre Regime und Strukturen ausmachte, dass in ihrer Argumentation schlussendlich der deutsche Nationalsozialismus nichts mehr war, dem besondere historische Bedeutung zukäme.
Wer auf diesem Phänomen Trittbrett fährt, um andere zu diffamieren und herabzusetzen, wer - wie diverse der sogenannten Weltanschauungsbeauftragten - den Begriff vom Totalitarismus wider besseres Wissen benutzt, um religionsideologische und kirchenpolitische Süppchen zu kochen, macht sich zum Wasserträger der Rechten. Darüber hinaus bedeutet diese Beliebigkeit aus Opportunitätsgründen von der Opferseite her betrachtet, die Leiden der Opfern der KZs, Gulags und Killing Fields zu banalisieren.
Einige Worte zur Erläuterung, ich halte mich in meiner Argumentation strikt an die von Hannah Arendt geschaffene Begrifflichkeit und Bewertung. [50] Es gab in der Geschichte exakt drei totalitäre Systeme, das waren der deutsche Nationalsozialismus, der sowjetrussische Stalinismus und das kambodschanische Khmer-Regime unter Pol Pot.
Es gibt vier Hauptkriterien für totalitäre Regime:
1)Das wichtigstes Kennzeichen ist die Intention und der Vorsatz zur und die Umsetzung der eleminatorischen Selektion, denn der Totalitarismus intendiert die physische Vernichtung der Feinde. Zu diesen Feinden werden vom Totalitarismus willkürlich selektiv ganze Bevölkerungsgruppen gemacht.
2)Ein anderes, zentrales Kriterium ist die Tatsache, dass der Totalitarismus ein geschlossenes System mit einer geschlossenen Ideologie voraussetzt.
3)Das dritte Kriterium ist die, wie Hannah Arendt es formulierte, "Zweckwidrigkeit" totalitären Terrors. Faschistischer Terror bzw. dessen Repressionsmaßnahmen verfolgten mit der Ausschaltung politischer und weltanschaulicher Gegner konkrete Ziele und waren somit von Zweckgebundenheit gekennzeichnet. Faschistischer Terror folgt den Maßgaben politischer Opportunität. Nationalsozialistischer Terror hingegen ist in der Wahl der Opfer absolut willkürlich und lässt sich nicht an Zweckkriterien im herkömmlichen Sinn festmachen. Der Begriff "Zweckwidrigkeit" selbst ist zwiespältig, denn die zweckwidrigen Lager stehen offenbar doch im Interesse des totalitären Staates. Er braucht sie, auch wenn dafür auch kein nationalökonomischer Zweck gefunden werden kann, er benötigt Lager und Terror gewissermaßen existentiell - zur Transformation der menschlichen Natur. Ein rationaler Zweck dieser Transformation jedoch lässt sich nicht fassen, in ihr selbst liegt bereits aller Sinn totaler Herrschaft.
4)Schließlich ist für den Totalitarismus die Über- bis Hyperstrukturierung der Organisation kennzeichnend. Totalitäre Systeme schaffen in ihrer Entstehungsphase Abbilder, quasi Duplikate existenter, gesellschaftlicher Strukturen und und stülpen mit der Machtergreifung (oder für Deutschland der Machtübergabe) diese Abbildstrukturen über die bisher existenten.
Nichts davon trifft auch nur annähernd auf Thelema zu, nichts davon ist auch nur ansatzweise implizit intendiert oder explizit formuliert. Der Vorwurf kann Thelema nicht treffen. Er ist eine unverschämte Verhöhnung der Opfer totalitärer Systeme.
Aleister Crowley war vom Gnostizismus und der Theosophie recht stark beeinflusst und hat diverse Elemente der beiden Strömungen adaptiert und weiterentwickelt. Er wusste offensichtlich um die der gnostischen Ideologie innewohnende Gefahr und einer seiner ganz großen Verdienste ist es, dem Modell von der Seelenteilung das selektiv differenzierende Element genommen und es zu seinem Modell vom Menschen der Erde, dem Liebenden und dem Einsiedler transformiert zu haben, das die drei Ebenen als gleichwertige Entwicklungspotentiale in jedem Individuum anlegt, was dann mit Vers I/3 des Liber L. Legis "Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern." korrespondiert. Das ist schlicht genial, Crowley hebelte - ohne dass er es zu jener Zeit als solches gekannt oder gar benannt haben konnte - das totalitäre Element komplett aus und lässt den ideellen Kern des Entwicklungspotentials dabei nicht nur unbeschadet, sondern entwickelt ihn darüber hinaus als thelemischen Weg weiter.
Ich weiß nicht, ob König Pasis Buch wirklich gelesen hat, er erweckt mit seiner Netzseite "Das Milieu des Templer Reichs Die Sklaven Sollen Dienen" (So heißt das Teil wirklich! [51]) zumindest nicht den Eindruck, dass er es verstanden haben könnte. Immerhin stellt er einen längeren Auszug aus Pasis Buch auf einer anderen Seite [52] zur Lektüre zur Verfügung, was die Frage aufwirft, warum er seine Ansichten in Sachen Totalitarismus nicht ein wenig in Richtung Sachlichkeit korrigiert hat. Sei's drum – Pasi argumentiert Crowleys Weltsicht und Motivation im historischen Kontext, wie der nachfolgende Auszug belegt.
"Offenbar war das, was Crowley am Nationalsozialismus sowie am Kommunismus zusagte oder was ihn wenigstens neugierig machte, der antichristliche Angriff, die revolutionäre und gesellschaftlich umstürzlerische Tragweite dieser beiden Bewegungen. In deren subversiver Kraft sah er die Möglichkeit der Aufhebung der alten religiösen Traditionen, der Schaffung einer Leere, die das Thelema in der Folgezeit würde ausfüllen können. [...] Im übrigen konnte Crowley von dem Augenblick an, in dem er spürte, dass er auf religiösem Gebiet das "Neue" vertrat, ein etwaiges Bündnis mit dem, was damals im Guten wie im Bösen dieses "Neue" auf politischem Gebiet vertrat, ob es sich nun um den Kommunismus oder den Nationalsozialismus handelte, nur als natürlich empfinden. Beide schlugen radikale und ehrgeizige Projekte vor, die den Aufbau des Neuen durch die gewalttätige, wenn auch unvermeidliche Zerstörung des Alten vorsahen. Dies erklärt, warum Crowley, der [...] eigentlich ein geborener Antikommunist hätte sein müssen, vielmehr einige Sympathie für die bolschewistische Revolution hegte. Hier zeigt sich übrigens der pragmatische Aspekt, auf den ich mehrmals hingewiesen habe. Für Crowley hatte die Ideologie keine Bedeutung: Er war auf der Suche nach dem besten Instrument, um das Thelema zu verbreiten. In den beiden Regimen und vor allem in deren aggressiver Haltung gegenüber den christlichen Kirchen erkannte er ein Element der Übereinstimmung mit der neuen von ihm verfochtenen geistigen Strömung."
Marco Pasi: Aleister Crowley und die Versuchung der Politik, Ares Verlag 2006, Seite 113, Fußnotennumerierung entfernt
Dass Peter-Robert König ein echtes Problem hat, Dokumente und seinerzeitige Ereignisse im Licht des jeweiligen historischen Kontext zu bewerten, habe ich schon erwähnt. So kommt es immer wieder vor, dass er beliebig Äußerungen von Szeneprotagonisten herausgreift und sie völlig dekontextualisiert als Zeugnis vermeintlich autoritärer, autokratischer, faschistischer oder gar totalitärer Gesinnung präsentiert. In "Satan - Jünger, Jäger und Justiz" hält sich König bis auf drei, vier Passagen weitgehend zurück, auf seiner Netzseite hat er, wie es scheint als Reaktion auf Pasis Buch, eine ganze Seite auf diese Weise zusammengestellt (siehe Fußnote 51).
Auffällig ist hier einerseits neben der Tatsache, dass er mit zweierlei Maß misst und beispielsweise mit der Theosophie oder mit Steiner sehr viel gnädiger ist, die Diskrepanz zwischen seinem Anspruch und seinen immer wieder selbst getätigten Äußerungen zumindest fragwürdigen Zuschnitts. Um einen historischen Bezug herzustellen, wäre ein Verweis auf die in der damaligen Zeit übliche Geisteshaltung erforderlich gewesen, was nichts entschuldigen kann und soll, aber einiges zu erklären vermag. Ich habe als Beispiel einige Zitate aus einem Schulbuch von 1912 zusammengestellt.

Ernst von Seydlitz in "Geographie, Ausgabe G in 5 Heften nebst Vorstufe und Ergänzungsheft für höhere Lehranstalten", bearbeitet von Prof. Dr. A. Rohrmann, Ferdinand Hirt, Königliche Universitäts- und Verlagsbuchhandlung, Breslau 1912.
Es wäre ungerecht, und zwar Ernst von Seydlitz gegenüber, den Mann unkommentiert in einen Kontext mit einem wie Peter-Robert-König zu stellen. Deshalb zur Vermeidung etwaiger Missverständnisse eine Anmerkung: Ernst von Seydlitz wuchs nach dem frühen Tod des Vaters unter der Vormundschaft des pietistischen Sozialreformers Ernst von Kottwitz auf, zunächst in der Herrnhuter Brüdergemeine Gnadenfrei in der Nähe des Städtchens Pilawa Górna, damals Oberpeilau, später in der Herrnhuter Knabenanstalt in Kleinwelka bei Bautzen. Dort und während der weiteren Ausbildung an den Unitäts-Anstalten in Barby und Niesky traf er auf einen, zumindest für damalige Verhältnisse, weltoffenen und fast kosmopolitischen Geist, was nicht zuletzt daran lag, dass dort Kinder von Herrnhuter Missionaren aus der ganzen Welt lebten. Dieser Umstand weckte sein Interesse an der Geographie, nach verschiedenen Tätigkeiten als Pädagoge wurde er 1819 zum Inspektor der Gnadenfreier Erziehungsanstalten berufen. Er integrierte pädagogische Grundsätze Philanthropen nach Johannes Bernhard Basedow ins brüderische Erziehungswesen, wozu auch der Turnunterricht nach Johann Christoph Friedrich GutsMuths gehörte. 1824 veröffentlichte er seinen ersten "Leitfaden der Geographie", der in ständig überabeiteter und erweiterter Fassung zum Standardlehrbuch wurde, weshalb man von der "Seydlitz'schen Geographie" spricht. Ernst von Seydlitz gilt heute als engagierter Philantrop, der die Pädogogik, insbesondere die Erstellung und Verwendung von Lehrmitteln, reformierte. [53] Der hier zitierte Ausschnitt spricht in keiner Weise gegen Seydlitz, sondern soll die Ansichten jener Zeit illustrieren.
Wie weit sind denn folgende Aussagen, alle von Peter-R. König in "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", Seiten 125, 165f, 180, von der im Kasten zitierten Engstirnigkeit entfernt:
"Die Zigeunerin, die Karten legt ist keine Okkultistin, keine Magierin. Ihr Zigeunerzelt ist kein magischer Kreis [...]."
"Natürlich muss ein Ethnologe ein paar Stammesrituale mitmachen, um seine Erlebnisse nachher in seinen Berichten spiegeln zu können: Wie werde ich Häuptling der Rothäute?"
"Erstaunlicherweise versuchten viele Anwesende, Crowley als Poeten ernst zu nehmen. Italienische Schauspielerinnen, oder was Italiener dafür halten, solange sie freizügige Kleider tragen, intonierten Crowley-Gedichte."
Richtig, keinen Millimeter, König muß sich auch an dieser Stelle die Frage gefallen lassen, ob er eigentlich weiß, was er da schreibt. Dieser Rückgriff auf Ansichten, die im Verlauf von nunmehr 185 Jahren und nach zwei Weltkriegen zu klebrig-banalen Klischees geronnen sind, die Konstruktion von Wertungen aus dem Fundus seiner Aversionen und Ressentiments, zieht sich durch seinen ganzen Text in "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", aber auch im Remix, sobald er aufhört, Zitate und Anekdoten aneinander zu reihen und beginnt, Schlüsse zu ziehen und Wertungen zu treffen. Er begegnet einem de facto immer, wenn König meint, sich zu Crowleys Sexualität äußern zu müssen, was dann immer irgendwie so klingt: "Selbstverständlich denken Italiener, dass Crowley ein Frauenheld war und ignorieren dabei völlig die Tatsache, dass Crowleys Vorlieben dem Oral- und Analverkehr mit Männern galten." (a.a.O. Seite 180) Abgesehen von dem extrem dämlichen Klischee "Italiener – Frauenheld" mag es ja sein, dass Königs psychologische Studien nicht lange genug dauerten, als dass ihm einer hätte erklären können, dass die Grenzen zwischen hetero- und homosexueller Neigung beim Menschen fließend sind und kein Mensch als für all seine Lebenseit auf entweder die eine oder aber die andere Neigung festgelegt auf die Welt kommt, weswegen das als Grunddisposition anzunehmen ist, was man landläufig Bisexualität nennt. Aber was geht König Crowleys Sexualität an? Was geht König irgendjemandes Sexualität an? Aber dann herumjammern, wenn es so aus dem Wald zurückschallt, wie er hineinplärrt und im Ergebnis Mutmaßungen über Königs sexuelle Präferenzen durchs Netz geistern
Ich fürchte, dass König seine Sprüche in der oben zitierten Art lustig findet. Nun ja, es ist die Art bräsig-dumpfen Humors, der sich beim mentalen Prekariat am Stammtisch mit Erreichen des 1-Promille-Pegels einstellt, ab dem zweiten Promille wird es dann richtig vulgär. Es ist einfach nur widerlich.
Sapere aude!

