Sekten, Szene & Pfaffen
Das Peter-Robert-König-Phänomen
Teil 9: Die Methode - Wissenschaft, Mashups oder esoterisches Lumpensammeln?
Teil 9: Die Methode - Wissenschaft, Mashups oder esoterisches Lumpensammeln?

Das grundsätzliche Problem an Königs Darstellung ist, dass er folgendermaßen vorgeht: Er hat, wie oben erläutert, ein Axiom formuliert, das von der Spermagnosis als zentrales Element von Thelema. Wir nehmen immer noch als gegeben an, dass es eine Reihe Dokumente und Aussagen gibt, welche die Existenz eines solchen Phänomens belegen. König selektiert das verfügbare Material und ordnet es so an, dass dass die Spermagnosis als zentraler Inhalt von Thelema erscheint. Daneben und drumherum drapiert er Dokumente, die Obskuritäten und Schrulligkeiten der verschiedensten Art präsentieren, aber als Rahmen um die spermagnostischen Dokumente eine Tapete des Irrsinns als Gesamtkontext ergeben. Alle anderen Dokumente, wie die eben angeführten Beispiele, werden entweder schlicht ignoriert oder sie werden so unter den Dokumenten das Wahnsinns plaziert, dass allenfalls ein Eckchen hervorschaut. Ich denke, das hat in Königs Darstellung taktische Gründe, denn der reine und nackte Wahnsinn wirkt - permanent zelebriert - auf Dauer unglaubwürdig. Weil das nicht reicht, um im konkreten Fall ungefähr 300 Buchseiten zu füllen, werden Leerstellen mit Klatsch und Tratsch, mit Schwänken und Banalitäten so zugepflastert, so dass keiner wirklich sagen kann, was echt oder - von wem auch immer - erfunden ist und ob irgendetwas tatsächliche Aussagekraft hat. Wo noch Platz ist, klebt König reines Meinen und Dafürhalten hin und deklariert das als Nicht-Interpretationen Crowleyscher Einlassungen (a.a.O. Seite 313). Am Ende steht der Leser, knöcheltief in den Verbalsekreten aus Königs Mentalejakulationen watend, in einem vollständig mit Textfragmenten und hin und wieder mit Bildern tapezierte Kubus und während König – der selbsternannte Großmeister des Codes - auf die Versatzstücke deutet und sie mit Wendungen wie "nur wenige", "selten berichtet", "nicht schlimm", "keine Folgen" kommentiert, wähnt sich der Leser in einem Panoptikum des kompletten Wahnsinns und sucht verzweifelt nach dem Ausgang.
Was König also tut: Er verifiziert nicht etwa eine Hypothese anhand aller zur Verfügung stehenden Dokumente und Aussagen und findet sie am Ende bestätigt oder nicht, wie das, wenn man einen wissenschaftlichen Anspruch behauptet, sein sollte, sondern er wertet einen Bruchteil der zur Verfügung stehenden Dokumente und Aussagen so aus, dass er glaubt, sein Axiom in jedem Fall bestätigt zu haben, was natürlich schon deshalb Unsinn ist, weil Axiome nicht bewiesen werden können und sollen. Tatsächlich generiert König ein Dogma, nur haben Dogmen aber keinerlei Beweiskraft. Königs permanent zum Vortrag gebrachter Verweis auf noch auszuwertendes Material ist deshalb obsolet, weil die Qualität des Materials seit zwanzig Jahren dieselbe ist und der größere Teil an Dokumenten und Aussagen unter den Tisch fällt, weil er eben nichts enthält, was sich als spermagnostisch oder potentiell irrsinnig interpretieren lässt. Hier schließt sich der Kreis zu der Frage am Anfang dieses Abschnitts, wie die Königsche Beweisführung funktioniert.
Dabei entwickelt König eine Vorgehensweise, die man als geradezu typisch bezeichnen kann: Einige Fakten mit Gerüchten und nicht belegten Aussagen, also reinem Hörensagen, vermischt, Dramatisierung des Ganzen und Dekorierung mit reichlich Sex bzw. dem, was König darunter versteht, gerne auch mit einem Finalattribut a la "totalitär" gewürzt und am Ende Bagatellisierung in einer beiläufigen Anmerkung a la "nur wenige", "selten berichtet", "nicht schlimm", "keine Folgen", was freilich und vermutlich bei keinem Leser wirklich ankommen wird. Beispielhaft seien die Seiten 186ff. "Crowley, immer in Geldnöten..." dafür erwähnt. Das bekäme Bild nicht besser hin, das ist Yellow Press in Reinkultur. Er bringt es fertig, eine ganze Seite (a.a.O. Seite 321) das megalomanische Schwadronieren zweier Knallchargen zu zitieren, natürlich ohne Quellenbeleg. Warum zitiert er nicht Crowleys Schrift "Über die Pflicht"? [46] Warum nicht Crowleys Meinung zu den sexualmagischen Experimenten, die Jack Parsons und Ron Hubbard in der Wüste von Nevada abhielten?
"Apparently Parsons or Hubbard or somebody is producing a Moonchild. I get fairly frantic when I contemplate the idiocy of these louts."
Aleister Crowley am 19.04.1946 an Karl Germer
Warum zitiert er nicht John L. Crow [47], wie der den "members of the Eschnergroup" die Leviten las und ihnen ein paar Takte in Sachen sozialer Urteilsbildung und Verantwortung flüsterte, als die in seinem damaligen Forum Thelema.nu anläßlich des 100jährigen Liber-L-Jubiläums Werbung für die Thelema Society machen wollten - und nach dieser Standpauke wie die begossenen Pudel wieder abtrabten, um sich in ihrem seinerzeitigen Forum über den ach so bösen O.T.O. auszuheulen, dass ich dachte, sie würden König channeln.
"Thelemites CAN and SHOULD judge. How else can they determine what is right and what is not; what is within their will and what is not. The choice is clear; either you stand above the masses or you are one of them. A KING stands above the crowd and is not afraid of judging or being judged. If any be a King, then the judging will see nothing but honor, integrity, virtue and right action. If this is not the character of the person being judged then they will be seen for the beggar they are. A King can choose to go as they will; a beggar cannot hide their weakness."
John L. Crow im früher unter der Domain thelema.nu befindlichen Thelemaforum
Nein, Peter-Robert Königs Beweisführung stützt sich auf Dokumente ganz anderen Kalibers. Auf Seite 183 ist in Huettls Buch eine "anonym verbreitete Liste einer angeblich geplanten Großloge" abgebildet, die angeblich nicht nur in Thelemitenkreisen, sondern auch unter den Sektenexperten kursieren soll. Auf dieser Liste sind unter der Überschrift "Loge Gotos" allerhand Personen nebst ihnen zugedachten Funktionen bzw. Eigenschaften aufgereiht, so zum Beispiel LaVey als Satanist, Giovanni als Satanist F.S., Grant und Metzger als Crowlianer (O-Ton) und O.T.O., Hemberger als Satanist F.S. O.T.O., Steiner als Satanist, Tegtmeier als Crowlianer Satanist F.S., Eschner als Satanist Crowlianer und schließlich "R.P. König" (O-Ton) mit dem Zusatz "K**derp**no". Schon auf Seite 147 kommentiert König das folgendermaßen: "Überhaupt kommt mir das Element des Spaßes ... sogar noch bei Konnotationen wie 'König – K**derp**no' [Auslassung Red.] sehr entgegen. Es ist sehr aufschlußreich, was für einen Golem die Thelemiten aus mir machen." König unterstellt umstandslos die Urheberschaft dieses Zettels - wem sonst - den Thelemiten - in toto natürlich. Wer allerdings kurz innehält, erkennt wegen der Auflistung der prominentesten Hassfiguren auf den ersten Blick, dass das Teil, wenn es denn echt ist, von einem Thelemiten- und Okkulthasser erstellt wurde und nicht von einem Thelemiten oder Okkultisten. Kein einziger Thelemit würde Crowley und König gemeinsam auflisten, 95% der Thelemiten würden niemals Crowley und Eschner auf eine gemeinsame Liste setzen und alle Eschner-Fans würden nur Crowley und Eschner auflisten und alle anderen weglassen. Dass die, um König zu erwischen, sich selbst schlecht darstellen, also sozusagen über Bande spielen, hat König als Möglichkeit wegen seiner Feststellung eines allgemeinen Schwachsinns in der Okkultszene selbst ausgeschlossen, wobei wir nicht übersehen wollen, dass Außenstehende König gelegentlich für einen Thelemiten oder gar die graue Eminenz des Okkultismus halten. Was aber nur eines beweist: Dümmer geht es immer. Wir sollten hier auch zur Kenntnis nehmen, dass jeder halbwegs bewanderte Computerbesitzer ein "Dokument" wie diese ominöse Liste in zehn Minuten am Computer zusammentippt. Die Zurschaustellung dieses "Dokuments", untertitelt als "anonym verbreitete Liste einer angeblich geplanten Großloge", und Königs Geschwurbel dazu sind beredtes Beispiel für die beabsichtigten oder tatsächlich aus Unwissenheit resultierenden Interpretationen, die sich de facto im Seitentakt durch Königs Text in Huettls Buch ziehen.
Lustig ist auch, wenn sich die Herren Huettl und König als Statistiker versuchen. Auf Seite den Seiten 254 und 255 präsentiert König die Verkaufszahlen des Phänomen-Verlages, um die angeblich marginalen Verkaufszahlen für Crowleys Werke an und für sich zu belegen. Was König unterschlägt - und ich unterstelle, dass er das bewusst tut -, ist die Tatsache, dass der seinerzeitige Phänomen-Verlag ein Kleinstverlag war und zum Zeitpunkt seiner Recherche einer seltsamen Miniaturgruppe gehörte, die damals mit dem zumindest szenebekannten Resultat ihr Schicksal in die Hände eines obskuren Leihbischofs gelegt hatte und sich ob ihrer Bemühungen zur Erweckung einer "Church of Thelema mit Sakrament, Manifest und Katechismus" (Selbstaussage) in der Szene den Spitznamen "Thelema-Taliban" einhandelte, was dann in etwa auch das Bemerkenswerteste an ihr war. [48]
Aber gut – König jedenfalls präsentiert dem geneigten Leser die phänomenalen Verkaufszahlen für die Jahre von 1995 bis 2003 mit beispielsweise 1939 Stück für das Liber L. vel Legis, mit 1279 für Magick und mit 799 für ein Liber 77, womit er wohl das Liber 777 meint. Sagt das irgendetwas über den Verkauf von Crowleyana aus? Nein, das tut es nicht. Es wäre wenigsten ein Hinweis seitens des Herrn König angezeigt gewesen, dass diese Phänomen-Liste in keiner Weise repräsentativ ist. Kersken-Canbaz ist nunmal vor AGMüller Urania, der das Recht am Thoth-Tarot und dem dazu gehörenden Buch Thoth hält, der größte Anbieter von Crowley-Literatur, aber das kommt mit keinem Wort zur Sprache. Sagt das irgendetwas über die Verbreitung von Crowleyana aus? Nein, noch viel weniger, denn genauso wenig erwähnt König, dass das Liber L. vel Legis sowohl auf der Webseite des OTO als auch auf vielen anderen Webseiten frei zugänglich und kostenlos zur Verfügung steht. Stattdessen weist Huettl drauf hin, dass die Broschüre der Hamburger Innenbehörde "Brennpunkt Esoterik - Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus" zum kostenlosen Download zur Verfügung steht, wobei ich deren Bezeichnung als "Aufklärungs- und Informationsschrift" durch Huettl doch etwas gewagt finde.
Von all dem abgesehen war ich zumindest über die Verkaufszahlen des Buches, das der Phänomen-Verlag als Liber L. vel Legis verkaufte, erstaunt, und zwar über deren Höhe. Ich hätte in Anbetracht des, nun ja, unternehmerischen Potenzials des Verlages und unter Berücksichtigung der Qualität der Übersetzung des Buches mit deutlich weniger gerechnet, denn die von Frau Peyn und Herrn Löffler erstellte Übersetzung des Liber L. vel Legis ist dermaßen schlecht, dass sie über den enormen Trashfaktor fast schon wieder gut ist - als Groteske. Frau Peyn hat versucht, das Buch wörtlich, ich meine wörtlich wörtlich, zu übersetzen und das Ergebnis ist zwar ein echter Brüller, deshalb habe ich es mir auch gekauft, hat aber mit einer Übersetzung nichts zu tun, es ist schlicht nicht mehr lesbar.

En passant ist Königs Statistik als Bestätigung – wenn auch nicht in dem Maße wie erhofft - meiner damaligen Vermutung beim Erwerb der Schwarte interessant, dass meine Ausgabe des phänomenal peynlichen Liber L. vel Legis tatsächlich irgendwann Sammlerwert haben wird. Ich werde versuchen, sie von meinem Myspacefreund Lon Milo signieren zu lassen. *g*
Angesichts des von König permanent wiederholten Vorsatzes, nach journalistischen und gar wissenschaftlichen Kriterien arbeiten zu wollen, angesichts der Tatsache, dass er den bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten zuarbeitet, halte ich solche Fehlaussagen, die manipulative Verwendung wertloser Statistiken zum Zweck der Generalisierung und Pauschalisierung und die teilweise wüsten Spekulationen für fatal.
An anderen Stellen fängt König einfach an zu schwurbeln, wenn ihm nichts anderes einfällt, was ich für ebenso fatal halte. Eine in die Hinsicht bemerkenswerte Stelle findet sich auf Seite 326, dort musste König in angeblicher Ermangelung konkreter Dokumente passen, als ihn Huettl zu "einem undatierten Brief von vielleicht 2000" und den Zusammenhängen in Bezug auf eine Anzeige in einem Okkultblatt befragte. Kann vorkommen, wobei König, wenn er die strukturellen Zusammenhänge wirklich so überblickte, wie er stets vorgibt, auch ohne Kenntnis der Dokumente wegen der prägnanten Namensreihung, die es in dieser Konstellation nur einmal für kurze Zeit gab, sofort hätte den Kontext erkennen müssen, zumal er selbst Mitglied in diesem Verein war, der das Blättchen publizierte. Und was tut König? Er schwurbelt stattdessen ein wenig über Arkandisziplin, wo es in Huettls Frage um eine Annonce als Stein des Anstoßes, also eine doch sehr öffentliche Sache, geht. Was im Kopf der Leser hängen bleiben dürfte, ist die Wendung "Arkandisziplin", die von den Weltanschauungsbeauftragten mit der angeblichen Verschleierung von Mord und Totschlag konnotiert wurde.
Abschließend sei noch angemerkt, dass sich Peter-Robert Königs Kenntnisse über esoterische, okkulte und magische Praxis in wirklich sehr überschaubaren Grenzen halten, in dieser Hinsicht ist man wahrscheinlich sogar bei Christiansen sachgerechter bedient. Ein Beispiel königlich-kabbalistischer Verwirrung habe ich oben schon kurz geschildert, ein ausführlicher dargestelltes für Königs Sachkenntnis in Bezug auf saturnische Meisterweihen und Logenpraxis ebenfalls. Das zieht sich in dieser Weise durch das ganze Buch, beginnend beim Einstieg mit Königs Okkultismus-Definition (a.a.O. Seite 124f.) geht weiter über den Umstand, dass König offensichtlich mit der Golemlegende nicht allzuviel anfangen kann (a.a.O. Seite 147), und endet noch lange nicht mit der einfältigsten Entäußerung zum Thema Egregor, die zu lesen ich jemals das zweifelhafte Vergnügen hatte (a.a.O. Seiten 230f.). Lesen Sie das selbst nach, sofern Ihnen der Sinn danach steht, ich lasse es hiermit dabei bewenden. Ich möchte als Kontrast zu Königs Geplapper noch eine Passage aus Pasis Buch zitieren:
"Erst seit 1909 [...] begann Crowley, seine Eide zu brechen. In jenem Jahr gründete er, nachdem er den A.°.A.°. ins Leben gerufen hatte, die Zeitschrift The Equinox, die das offizielle Organ des A.°.A.°. war. Darin wurden nach und nach alle ihm bekannten Rituale und Unterweisungen der Golden Dawn der Öffentlichkeit preisgegeben. Für Crowley war dies offensichtlich der Übergang zu einer andersartigen Betrachtung der Magie und der Geheimwissenschaften. Die Magie wurde zu einem Wissen für alle, von dem potentiell alle Gebrauch machen konnten; Geheimnisse waren nicht mehr nötig. [...] Der Hinweis auf die 'Demokratisierung der Magie' setzt nicht notwendigerweise eine Auswirkung auf die politischen Positionen Crowleys voraus, die, wie wir gesehen haben, komplexere und verschlungenere Wege gehen. Aber wir dürfen auch nicht denken, sie hätten keinerlei Beziehung dazu. Es ist klar, dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens davon überzeugt war, dass es sein Ziel war, mit seinen Lehren eine möglichst breite Schicht zu erreichen und nicht nur eine esoterische Tradition mit einer geringen Anzahl von Anhängern fortzuführen.
[...] Crowley scheint sich stets darum bemüht zu haben, die 'Wissenschaftlichkeit' seiner Magie, seiner Mystik und auch seiner neuen Religion zu unterstreichen. Dies war keine besonders originelle Einstellung, wenn wir Crowley als einen Erben der englischen und vor allem französischen okkultistischen Strömungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrachten, was er auch tatsächlich war. Wir gebrauchen hier den Begriff 'Okkultismus' in einem bestimmten Sinn, um auf eine besondere Strömung innerhalb der Geschichte der abendländischen Esoterik hinzuweisen, die sich zu einer bestimmten Zeit herausbildet und die etwa von Eliphas Levi in Frankreich bis hin zur Golden Dawn in England reicht. Eines der Wesenszüge dieser Strömung war eine besondere Sorge um die 'Wissenschaftlichkeit' ihrer Lehre, die durchaus nicht als unvereinbar mir ihren 'okkulten' oder esoterischen Merkmalen, sondern, im Gegenteil, mit verschiedenen Abschattungen je nach Autor, als unentbehrlicher Bestandteil davon galt. [...]
Aus dem Gesagten läßt sich schließen, dass es für ihn zwei Arten von Magie gibt: Die eine ist die der Tradition, die negativ, weil antiwissenschaftlich, und empirisch ist, da sie nicht wie die Wissenschaft auf sicheren Gesetzen beruht, sondern nur tastend verfährt; die andere ist die neue von Crowley selbst gegründete Magie, die nicht mehr traditionell, sondern wissenschaftlich und somit positiv ist. Das Ziel, das er sich setzt, besteht darin, die erste Art von Magie zu zerstören und auf diese Weise, wenn sich seine Methode durchsetzt, die Kluft zu überbrücken, welche die Magie von der Wissenschaft trennt.
In erkenntnistheoretischer Hinsicht ist dieser Punkt wichtig. Hält man sich an seine Worte, so will Crowley - eher als dass ihm an der Wiederherstellung einer verlorenen Botschaft gelegen wäre, von der die esoterischen Traditionen einige Bruchstücke bewahren - einen Fortschritt der Magie, der Mystik, der Religion herbeiführen. Der Blick ist nicht rückwärts gewandt, sondern vorwärts. Mehr noch. Für Crowley hat die Wissenschaft die Magie nie akzeptieren können, gerade weil diese antiwissenschaftlich war. Deshalb ist der Wissenschaft aber die Möglichkeit abhanden gekommen, die vernachlässigten Aspekte des Wirklichen zu erforschen, die 'der profanen Forschung bisher unzugänglich' geblieben sind, da sie mit jener Art von Magie zusammenhingen. Aber mit der neuen Crowleyschen Methode wird es keine Kluft mehr zwischen Wissenschaft und Magie geben, und auch die 'profane' Wissenschaft wird die Mysterien des Daseins durchdringen können. Es ist interessant zu bemerken, dass sich der Aufruf zu Wissenschaft und Rationalität als legitimierendes Mittel für Crowley nicht nur auf die Magie beschränkt, sondern sich bezüglich des Thelema auch auf einer eigentlich politischen und gesellschaftlichen Ebene widerspiegelt."
Marco Pasi: Aleister Crowley und die Versuchung der Politik, Ares Verlag 2006, Seite 127f., Fußnotennumerierung entfernt
Ich kann das Buch nur empfehlen, was nicht heißt, dass ich nun in jedem Punkt Pasis Meinung befürwortete. Das Buch bietet viel mehr als nur Meinungskongruenz, nämlich Denkanregung und Inspiration, man kann sich argumentativ mit dem Buch auseinandersetzen, kurz – es ist im besten Sinne diskutabel.

