Sekten, Szene & Pfaffen
Das Peter-Robert-König-Phänomen
Teil 3: Ein kleiner, aber erhellender Einschub
Teil 3: Ein kleiner, aber erhellender Einschub

An dieser Stelle ist ein kleiner, aber notwendiger und erhellender Einschub angebracht, der zur Überleitung von der Zustandsbeschreibung im vorigen Kapitel zur Betrachtung von Peter-Robert Königs Analyse- und Bewertungsmethoden in den folgenden Kapiteln dient. Peter-Robert König zeichnet ein Bild von Thelemiten und Okkultisten, das jeden Psychiater die so beschriebenen Personen als pathologisch und jeden Ordnungspolitiker dieselben als notorisch asozial einordnen ließe. Mir drängte sich aber an den zitierten und etlichen anderen Stellen der Eindruck auf, dass Peter-Robert König eher über sich, sein Verhältnis zum Okkulten und seine Lebensumstände spricht als über die anderer Leute. Dazu drei Beispiele:
1.) Einerseits lässt sich Peter-Robert König in epischer Breite über die angeblich so obsessive bis manische Beschäftigung der Thelemiten mit esoterisch-okkulter Literatur und Praxis aus, was dann zum Beispiel so klingt: "O.T.O.-Mitglieder sind belesener als ihre Mitokkultisten. Allein den riesigen Wust an Crowley-Material zu lesen, bedeutet einen enormen Aufwand, einen wahren Lesemarathon. Um Crowley zu verstehen, benötigt es wiederum eine große Bibliothek mit all der Literatur, die er empfiehlt, ja sogar verlangt [...]". (a.a.O. Seite 270) Andererseits plaudert er auch aus seiner Biographie, wobei er sich zwar sehr viel kürzer fasst, dem Leser aber immerhin folgendes mitzuteilen weiß:
"Ich weiß es schlichtweg nicht, wann genau meine bewussten Recherchen begannen. Das Okkulte war eigentlich bis circa 1985 außerhalb meiner Wahrnehmung. Ich glaube, was mich immer interessierte, schon als 10-Jährigen, war die Manipulation. Manipulation von Wahrnehmung. Ich las da schon Fachbücher über Hypnose und versuchte, meine Familie, inklusive Meerschweinchen, zu hypnotisieren. Als ich zu recherchieren begann, tat ich das nur für mich. Ich hatte einfach zu viele Bücher herumliegen, die Wohnung wurde zu klein. Ich habe sie sortiert und gemerkt, da sind ja etliche vom O.T.O., dem Schweizer O.T.O.. Wieso hatte ich die? Weil ich immer ratzekahl alle Quellen aufgekauft hatte von Büchern, die mir gefielen. Ich meine die Recherchequellen, Fußnoten, Sachregister etc. [...] Seltsamerweise habe ich zur selben Zeit die gesamte gnostische Fachliteratur vertilgt. Das muss sich auch zufällig ergeben haben. Wie gesagt: Ich las mich immer durch alle Fußnoten und Anmerkungen." Dessen nicht genug waren da – natürlich, was sonst – noch "...Navratils Analysen der schizophrenen Künstler von Gugging...", Watzlawick, Erdheim, Fuentes sowie die Tatsache, dass ich Peter-Robert König "...nach dem Tode von P.K. Dick nochmals all seine Sachen las..." und dass er "...jeden Science Fiction Roman, der je in deutscher Sprache publiziert worden ist, auch die DDR-Sachen..." besaß. (a.a.O. Seiten 157f.)
Ich finde das wirklich phantastisch, allerdings stellt sich mir die Frage, wann König die Zeit für solch profane Petitessen wie die Verrichtung der Alltagsarbeit wie Kochen, Putzen und Wäschewaschen oder auch für eine geregelte Tätigkeit, um das Geld für all die Bücher zu verdienen, fand. Sei's drum – noch einmal in der Kurzfassung, weil das so hochkomisch ist:
Mit 10 Jahren las König Fachbücher über Hypnose.
König hat von Büchern, die ihm gefielen, mit Recherchequellen, Fußnoten und Sachregister ratzekahl alle Quellen aufgekauft.
Zur selben Zeit hat er die gesamte gnostische Fachliteratur gelesen – nicht allerhand, nicht viel, nein – die gesamte war es.
2.) Im fünften Kapitel des sogenannten Interviews unter der Überschrift "Schmieden sie im Flüsterton aus Gesprächen Bomben – Die Weltverschwörung" jonglieren Huettl ("Zu den Berufen der Mitglieder [...]") und König mit einigen Berufen und Tätigkeiten, die von diversen Ordens- und Logenmitglieder aus O.T.O. und Fraternitas Saturni bekannt sind. Da finden sich Diplom-Buchhalter, Chemiker, Buchbinder, Buchhändler, ein Diplom-Physiker, ein Oberamtsanwalt, Amtsangestellte, Vertreter, Immobilienmakler, Computerfachleute, Versicherungskaufleute, kaufmännische Angestellte, Postbeamte, Arbeiter, Elektromechaniker, Elektriker, Schlosser, Metallarbeiter, Sekretärinnen, Lehrer, Dolmetscher, Psychologen, einen Zahnarzt, ein Schauspieler, ein Maler, Kunstgewerbler, Rentner, Hausfrauen und ein paar Arbeitslose (a.a.O. Seiten 264f.), was Peter-Robert König – wohl auch eine Frucht seiner, mittlerweile ein Vierteljahrhundert währenden Recherchen - zu der fürwahr bahnbrechenden Erkenntnis brachte: "Bei den Saturn-Orden habe ich den Eindruck, dass sich hier eher bürgerliche Berufe finden." (a.a.O. Seite 265) Die Studenten aller möglichen Fakultäten und Künste haben die beiden selbsternannten Spezialisten für alle okkulten Lebenslagen zwar vergessen, aber ansonsten - jo, so isses, so bürgerlich wie ein beliebiger Ortsverband einer der bürgerlichen Parteien. In ihrer überwiegenden Mehrheit gehen Thelemiten, Esoteriker und Okkultisten, seien sie in Logen oder Orden organisiert oder auch nicht, einem geregelten Tagewerk in einem bürgerlichen Beruf nach und schaffen dabei, wie alle anderen Mitbürger auch, mehr oder minder erfolgreich einen wirtschaftlichen und sozialen Mehrwert. Das passt zwar irgendwie nicht wirklich zu Peter-Robert Königs sonstigen, zum Beispiel oben zitierten Diagnosen. Natürlich teilt er dem Leser auch nicht mit, wie seiner Meinung nach Menschen, deren – wie er befindet - "[...] zwischenmenschlichen Beziehungen außerhalb der künstlich erzeugten Realität [...] jedoch zur Projektionsfläche des eigenen Versagens [...] verarmen" und die "[...] kaum mehr mit Nicht-Thelemiten kommunizieren [...]" können, im Berufsleben bestehen können. (a.a.O. Seiten 293) Doch König wäre nicht König, wenn ihn solche Widersprüche auch nur im Mindesten tangieren würde.
Doch dessen ungeachtet - welchem Beruf geht Peter-Robert König eigentlich nach? Während er, wenn es um die Belange anderer Leute geht, jederzeit und aus dem Stand mindestens eine Bewertung, oft auch ein Urteil, parat hat, bleibt er in Antworten zu dieser Frage merkwürdig unpräzise. Er berichtet gern, er habe studiert und an anderen Stellen spricht er mal implizit ("In der Rolle als Ethno-Psychologe [...]") [5], mal explizit ("Natürlich muss ein Ethnologe ein paar Stammesrituale mitmachen [...]", a.a.O. Seite 165) von sich als Ethnologe. Auf der Website der Autorinnen und Autoren der Schweiz wird er als Journalist und Sachbuchautor geführt, im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek hingegen ist er als Psychologe ausgewiesen, was ein ziemlich fragwürdiger Umstand ist, denn die Berufsbezeichnung Psychologe ist in Deutschland geschützt. (Einige Anmerkungen dazu sind in der Fußnote [6] zu finden.) Auch der Wikipediaeintrag zu Peter-Robert König gibt zu seiner beruflichen Qualifikation nicht viel her, dort steht nur das, was ich hier schon anführte: "Peter-Robert König [...] ist ein Schweizer Journalist und Sachbuchautor. Er studierte an der Universität Zürich Ethnologie und Psychologie." [7] Als Referenz sind ein Eintrag im Autoren-Lexikon des Vereins Autorinnen und Autoren der Schweiz und ein Interview mit König in "Flensburger Hefte" Nr. IV/98 angegeben. Apropos "Flensburger Hefte" - dort fand sich mit der Anmerkung, Peter-Robert König übertrage "fremdsprachige Lehrbücher in Blindenschrift" der einzige Hinweis auf das, was man eine geregelte Tätigkeit nennen könnte, wenn er es denn einigermaßen regelmäßig täte. [8]
Dass sich der, aus dem Schaffen Peter-Robert Königs entstandene, wirtschaftliche Mehrwert in überschaubaren Grenzen halten dürfte, ist wohl klar, aber welche soziale Relevanz haben fast 25 Jahre unermüdlicher Einsatz im Dienste der fortgeschrittenen Spökenkiekerei, all die Jahre als Materiallieferant des ehren- und hauptamtlichen Eso-Voyeurismus, die Begründung einer Art Ejakulationsethnologie?
3.) Fünfundzwanzig Jahre Recherche zahlen sich natürlich früher oder später doch irgendwie aus und so weiß uns Peter-Robert König mit einer schier unglaublichen Beobachtung zu überraschen: "Okkultisten rücken sich mit Vorliebe in die Nähe von Künstlern, speziell den sogenannten Underground- oder Counterculture-Künstlern." Das führt König über diese Seite hinweg bis auf die nächste aus und reiht so ziemlich alles aneinander, was er dazu finden konnte, das aber in den seltensten Fällen wirklich zusammengehört. Ich habe das zusammengeschnitten und gestrafft:
"So tummeln sich vor allem Musiker [...] zum Beispiel Rodney Orpheus (Caliphat), die Texaner ABSU (Typhonian O.T.O.) [...] Splinter Test [...] Psychic TV [...] deren Exponent Genesis P'Orridge hin und wieder mit William Breeze Platten aufnimmt, außerdem Coil, Current 93 [...] lokale Caliphats-Frauenloge einen a cappella Chor, der thelemitische Lieder singt [...] Box mit zwei Schallplatten erschienen, die u.a. einen Text von Eugen Grosche [...] umsetzt. [...] Marc Almond ehemals Mitglied von P'Orridges Okkultorden Thee Temple ov Psychick Youth [...]" (a.a.O. Seite 127)
Teufel noch eins - und Jimmy Page besaß Boleskine House und sammelt Crowleyana - blablabla. [9] Um die Sache für seine Zielgruppe noch ein bisschen interessanter zu machen, plaziert König im Zusammenhang mit Genesis P-Orridge (korrekterweise mit Bindestrich statt Apostroph) und COUM Transmissions die Wortsequenz "Livekopulationen, Verwendung von benutzten Tampons und allerlei Körperausscheidungen". Das erfreut das Herz - oder was auch immer - des rechtgläubigen Eso-Voyeurs! Zu Genesis P-Orridge und COUM Transmissions gäbe es jenseits der Königschen Banalitäten etwas mehr zu sagen, aber das würde den Rahmen hier sprengen. Wen es interessiert, der findet in den Fußnoten [10] und [11] weiterführende Links.
Wie aber verhält es sich mit der Nähe zu Künstlern in Peter-Robert Königs Vita? Und falls er sie oder sie ihn suchen - ist das dann quasi Overground oder gar dominant culture? [12] Lesen wir also auf seiner Website, was uns König zu diesem Thema mitzuteilen hat:
"Als man mir an der Uni andeutete, dass man unmöglich über die Unterhaltungsmusik der 1920er Jahre dissertieren könne, da das nicht in die Studienfächer Ethnologie und Psychologie passe, zog ich 1981 nach Berlin um, nahm mit einigen Exponenten der damaligen 'Neuen Wilden' sogar eine Schallplatte auf, "Geile Tiere Berlin", und gab mich auch sonst etlichen Exzessen hin." [13]
Was immer König in Berlin getan hat, er hat offenkundig stante pede ein Sprichwort aus dem Berliner Volksmund zum Lebensmotto erkoren, das fälschlicherweise oft Wilhelm Busch zugeschrieben wird: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommste ohne ihr." Man beachte die Wortwahl: Peter-Robert König hat mit XY eine Platte aufgenommen - er hat und die anderen haben mit. Nun gut, ich weiß zwar nicht, was König unter Counterculture versteht, doch dem folgend, was die unter Fußnote 9 angegebene Quelle beschreibt, sowie meinen Kenntnissen - und ich kenne sie gut - über die Berliner Szene Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zufolge, war diese Szene genau das - nämlich die deutsche, ganz speziell die Berliner Variante, dessen, was unter Counterculture üblicherweise verstanden wird. Der von König angesprochene "Exponent" ist der Berliner Künstler Salomé (Wolfgang Cihlarz) [14], der in jener Zeit auch Aktivist der "Homosexuellen Aktion Westberlin" war - das Café "Anderes Ufer", in dem Salomé zeitweise kellnerte, spielte damals eine wichtige Rolle. Diese Szene, der im weiteren Sinne auch die Band "Geile Tiere" zugerechnet wird und an der Peter-Robert König partizipiert haben will, wird in der oben angeführten Quelle als "Lesbian, gay, bisexual & transgender counterculture" beschrieben. Ist dem Herrn König das wirklich nicht aufgefallen?
Aber vielleicht hat diese Königsche Wahrnehmungslücke, so will ich das Phänomen mal nennen, auch ganz andere Gründe. Es gibt an Peterchens Berliner Mondfahrt nämlich ein klitzekleines Problem - offenkundig hat keiner von denen, die sich als Fans oder aus professionellen Gründen mit "Geile Tiere" befassen, etwas von Königs Aktivitäten bemerkt - wie gesagt: Peter-Robert König hat und die anderen haben mit. Es sei denn, König war 1981 in Berlin unter den Spitznamen Knüsl, Mongo oder Burri unterwegs. [15]
Aber halt - ich muss mich korrigieren, es sind zwei klitzekleine Probleme. Die 10-Zoll-EP "Geile Tiere Berlin", die König seiner Behauptung zufolge aufgenommen haben will, wurde im Juni 1980 in Berlin produziert - König kam aber seiner Darstellung zufolge erst 1981 in Berlin an, womit er das Aufnehmen der Scheibe um mindestens ein halbes Jahr verpasst hat. [16] Im Juli 1981 hat "Geile Tiere" die nächste Scheibe eingespielt. Hat König sich vielleicht nur vertippt und es geht eigentlich um diese Platte? Na ja, zeitlich würde es passen, dumm ist nur, dass zwar König jetzt in Berlin war, die Geilen Tiere die Scheibe aber in Genf aufnahmen. Richtig, das Genf in der Schweiz, aus der Peter-Robert König justament und doofer Professoren wegen nach Berlin verzogen ist. [17]
Was, bitte schön, soll man dazu sagen? Vielleicht das: Dieses Zeug wurde mindestens dreimal von dritter Hand abgedruckt - in den "Flensburger Heften", in Hakls "Gnostika" und schließlich in Huettls Buch. Ist wirklich keinem von denen aufgefallen, dass da etwas nicht stimmen kann? Wenigstens Huettl hätte mit einigen Mausklicks herausfinden können, dass das so nicht stimmen kann.
Aber dem kann natürlich abgeholfen werden, und zwar per Nachfrage bei dem Mann, der ausweislich der Quellen 16 und 17 tatsächlich hinter dem Projekt "Geile Tiere" stand - Salomé, der mit bürgerlichem Namen Wolfgang Cihlarz heißt. Am 07.03.2010 telefonierte ich um 15:50 Uhr mit Wolfgang Cihlarz und nach seiner Schilderung stellt sich die Sache so dar. Peter-Robert König taucht tatsächlich bei "Geile Tiere" auf, und zwar auf der Scheibe aus dem Jahr 1981. Er ist in einem Stück relativ kurz in den Background Vocals zu hören, Herr Cihlarz konnte sich nicht erinnern, in welchem Stück das konkret ist. Herr Cihlarz sagte, das wäre "keine große Sache" gewesen, es wäre "Zufall" gewesen, Peter-Robert Königs Stimme "wurde irgendwie mit aufgenommen" und dann in der Schweiz in das Stück eingemischt, was Königs Anwesenheit in dem Lied trotz der räumlichen Distanz erklärt. Ich weiß nicht, wie der geneigte Leser das sieht - Peter-Robert König sieht es, wie gesagt, so: "[...] zog ich 1981 nach Berlin um, nahm mit einigen Exponenten der damaligen "Neuen Wilden" sogar eine Schallplatte auf [...]" Tja, es ist manchmal schon verblüffend, wie sich die Wahrnehmung zweier Menschen unterscheidet, die an derselben Sache beteiligt waren. Ich für meine Teil halte Herrn Cihlarz' Version für glaubwürdig.

