Sekten, Szene & Pfaffen
Die Pasadena-Story - Jack Parsons & Ron Hubbard
Teil 12: Nachsatz
Teil 12: Nachsatz
Mythen in Tüten - Jack Parsons und Ron Hubbard
Teil 12: Nachsatz
Ich mochte Parsons nicht sonderlich und bis zu diesem Text hat mich sein Leben auch nicht besonders interessiert. Beides trifft nach meiner Recherche nicht mehr zu. Nach wie vor halte ich sein "Book of Babalon" für Mumpitz und seine aufgesetzte Antichrist-Nummer für bloße Attitüde. Er war hinsichtlich seiner okkulten Ambitionen notorisch erfolglos, er hat das, was er für seinen Willen hielt, stets mit seinem Begehren und seinen Begierden verwechselt, wahlloses Kopulieren macht noch lange keinen Thelemiten aus. Ich stimme hinsichtlich der Bewertung seines Handelns völlig Crowley's oben zitierten Aussagen zu.
Doch es wäre nicht nur ungerecht, sondern auch unangemessen, eine Bewertung auf diese Kritik zu beschränken, denn in Parsons Leben – und Sterben – manifestiert sich vor unseren Augen in exemplarischer Weise eine ganze Epoche. Der Wissenschaftsautor George Pendle beschreibt das in seinem Text "Jack Parsons and The Curious Tale of Rocketry in the 1930s" folgendermaßen:
"The city of Los Angeles, where Parsons spent the early years of his life, was a metropolis perfectly in tune with this perplexing time. During Parsons' youth, evangelists like Aimee Semple McPherson might be heard performing exorcisms over the radio, broadcasting to hundreds of thousands of people, whilst Albert Einstein, harbinger of the scientific age, attended a séance hosted by a dubious Polish count. Igor Stravinsky, the most famed composer of his age, ended up in the city providing music for Walt Disney's Fantasia, whilst the prominent astronomer Edwin Hubble could be found dining with the mime Harpo Marx. The author William Faulkner was reduced to rewriting B-movie film scripts while the social campaigner and writer Upton Sinclair was arrested for reading the First Amendment of the United States Constitution (the right to freedom of expression) in public. All was topsy-turvy, nothing more so than the city of Los Angeles itself, an Ozymandian kingdom built on a desert that had been transformed by the wonders of engineering into fertile land. Jack Parsons' life exemplifies this place and age of flux and uncertainty." [49]
Brian Doherty würdigt Parsons Leben und Werk mit diesen Worten:
"A crater on the dark side of the Moon has been named after this man who believed he could summon spirits and who hoped to propel himself into space. Parsons may not have had the discipline to get there. But the men and systems who did could never have done so without his reckless imagination--his belief that even the risk of blowing himself to pieces was worth it to propel humanity to what he saw as the next stage of its physical and spiritual evolution." [50]
George Pendle gibt uns die schönste Beschreibung von Parsons wissenschaftlichen und okkulten Intentionen, die ich finden konnte:
"He treated magic and rocketry as different sides of the same coin - both had been disparaged, both derided as impossible, but because of this both presented themselves as challenges to be conquered. Rocketry postulated that we should no longer see ourselves as creatures chained to the earth, but as beings capable of exploring the universe. Similarly, magic suggested there were unseen metaphysical worlds that existed and could be explored with the right knowledge. Both were rebellions against the very limits of human existence; in striving for one he could not help but strive for the other." [51]
Als Fazit kann wohl festgehalten werden, daß die eingangs zitierte und nachfolgend erörterte Darstellung der Scientology Kirche nicht nur Andenken und Werk eines faszinierenden Menschen und auf komplexe Weise genialen Wissenschaftlers beleidigt, sondern eine nicht minder faszinierende Epoche in einem faszinierenden Land herabwürdigt – und das offenkundig aus banalen Opportunitätsgründen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf oder so ähnlich. Für eine ethische Bewertung der Rolle Hubbards in jenem Jahr zwischen Frühjahr 1945 und Frühjahr 1946 ist es im Grunde völlig unerheblich, ob seine Rolle als Special Agent erfunden ist oder ob er er tatsächlich einer war. Tatsache ist, daß er sich das Vertrauen derjenigen, die in als Freund in ihrer Mitte aufnahmen, erschlich und radikal mißbrauchte. Wenn er tatsächlich der Special Officer war, den die Scientology Kirche in den oben zitierte Aussagen beschreibt, und wenn er tatsächlich der aufrechte und ehrenhafte Mann war, als den die Scientology Kirche ihn darstellt, dann hätte er nach dem, was wir aus den Berichten von Zeitzeugen wissen, nach spätestens einer Woche seinem Dienstherrn mitteilen müssen, daß es aus dieser Runde seltsamer bis skurriler Menschen nichts Gefährliches oder irgendwen bzw. irgendetwas Gefährdendes zu berichten gibt, geschweige denn etwas, das einer Zerstörung bedurft hätte. Aber auch das ist aus heutiger Sicht auch eher nebensächlich. Ganz und gar nicht nebensächlich, sondern befremdlich bis abstoßend ist die Tatsache, daß sich die Scientology Kirche 62 Jahre nach den Ereignissen und 22 Jahre nach Hubbards Tod nicht zu schade ist, Parsons erneut zu mißbrauchen, um einen Abschnitt im Leben des Lafayette Ronald Hubbard zu camouflieren, der allerhand Fragen aufwirft, die ihrer Klientel unangenehm sein könnten.
Man muß weder genau wissen, wer Parsons war noch, was er tat, und man muß ihn auch nicht mögen, um sofort beim ersten Lesen über die Widersprüche und offenkundigen Sachfehler in der Dokumentation der Scientology Kirche zu stolpern. Das trifft genauso auf alle Aussagen der Scientology Kirche zu, die zu diesem Themenkomplex im Internet zu finden sind. Die reine Recherche der Fakten, das Finden der Texte einschließlich der FBI-Akten über Pasons nebst schneller Lektüre per Querlesen hat bummelig zwei Stunden gedauert, wobei ich zur Referenz auf mehrere Quellen redundant recherchiert habe, was für das Verständnis der Zusammenhänge eigentlich nicht erforderlich ist. Dabei bin ich komplett ohne die sogenannten Kritiker ausgekommen. Da stellen sich mir etliche neue Fragen, die an die Scientology Kirche und ihre Mitglieder zu richten wären, zum Beispiel diese:
Wieso schaffen die Scientologen, womit ich die Mitglieder meine, die solche Darsellungen der Kirche zu lesen bekommen, das - eine halbwegs qualifizierte Recherche – ganz offensichtlich nicht selbst? Sollte in Zeiten des Internet nicht auch ein Gründungsmythos wenigstens halbwegs plausibel sein? Wie tief muß in amtskirchlicher Indoktrination und Konditionierung stecken, um den Unsinn in Sachen Okkultismus unhinterfragt und offenkundig ohne jedes Interesse an eigenständiger Erkenntnisgewinnung zu glauben, den die Scientology Kirche in der oben zitierten und am Ende des Heftes vollständig wiedergegebenen Dokumentation unter die Leute bringt?
Fragen über Fragen – und keine Antworten, die diese Bezeichnung verdienen.
Neidthard Kupfer © März 2008

