Sekten, Szene & Pfaffen
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 6: Black Metal, Rechtsradikalismus und was Martin Luther damit zu tun hat
Teil 6: Black Metal, Rechtsradikalismus und was Martin Luther damit zu tun hat
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 6: Black Metal, Rechtsradikalismus und was Martin Luther damit zu tun hat
| Wenn Martin Luther heute lebte, dann säße er hier an meiner Stelle als Angeklagter. Julius Streicher im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg am 29. April 1946 |
Eine der liebsten Hassfiguren der Kritiker ist der Black Metal und die Kombination desselben mit dem Rechtsradikalismus. Auch hier lässt sich tief im limbischen System der von den Kritikern angepeilten Klientel wühlen, so dass die Reaktionen immer wieder entsprechend ausfallen. Allerdings meine ich ein Aufbrechen der Ressentiments erkennen zu können und mache das an verschiedenen Ereignissen und Umständen im Musikbusiness fest. Man mag den Sieg von Lordi bei Eurovision Songcontest 2006 hinzurechnen, in diesem Jahr war es der für solche Events sehr lange Auftritt von Apocalyptica, es war der Einstieg der neuen Scheibe In Sorte Diaboli von Dimmu Borgir auf Platz 7 der deutschen Media-Control-Charts in der 19. Kalenderwoche und der von Ozzy Osbournes neuer Scheibe Black Rain auf Platz 9 in der 21. Kalenderwoche 2007. Da gehen natürlich bei dem Amtskirchen die Lampen an, da müssen solcherart satanistischen Umtrieben schleunigst die wackeren Streiter von der Kritikerfront entgegentreten. Da fällt natürlich auch für die selbsternannten Weltanschauungsprüfer ein gerüttelt Maß Gotteslohn ab und so nimmt es nicht Wunder dass der Herr Dr. Fromm auch diesem Thema seine berühmte Sachkenntnis zur Verfügung stellt. Schon der Einstieg lässt jeden, der einen ein klein wenig mehr als nur einen Hauch Ahnung von Rockmusik hat, Tränen lachen, wenn der Fromm schreibt:
Bekannte Musiker und Bands wie Alice Cooper [...] thematisieren Satan. Ihre Liedtexte beinhalten Blut, Gewalt, die Hölle, den Teufel und die Insignien seiner Anhänger - beispielsweise die Zahl 666.
Ausgerechnet Alice Cooper fällt dem Fromm als erstes Beispiel ein! Der Mann ist seit vielen Jahren, seit ca. 1990, wenn ich mich nicht irre, ein tiefgläubiger Christ, was damit zu tun hat, dass die Hinwendung zum Glauben ihm half, seinen Alkoholismus zu besiegen. Er geht mit seinen Kindern jeden Sonntagmorgen in die Kirche, ist Vorsitzender der christlichen Stiftung Solid Rock Foundation [20] und bekam für seine erheblichen Spenden von der christlichen Grand Canyon University einen Ehrendoktorhut. Und da kommt ein Fromm daher und erzählt, Alice Cooper thematisiere Satan. Sauber, das nenne ich mir eine gelungene Recherche.
Black Metal ist für seine Anhänger mehr als Musik - Black Metal steht für ein Lebensgefühl. Meist werden die Schwarz-Metaller mit Satanisten verwechselt, weil ihr gesamtes Styling von einem diffus antichristlichen Protestverhalten dominiert wird.
Na ja, einer wie Fromm vielleicht, der verwechselt ja auch Kaffeerunden mit Konventen. Aber dass Musik für Lebensgefühl steht, das ist eine weitere in der langen Liste bahnbrechender Erkenntnisse, auf die niemand ohne den unermüdlichen Einsatz unserer bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten gekommen wäre. Aber was ist Black Metal denn nun? Zunächst - es gibt den Black Metal genausowenig wie den Satanisten und den Christen, was ganz einfach damit zusammenhängt, dass das alles Menschen und als solche Individuen sind. Black Metal ist eine eigenständige Nebenlinie des Metal, die um 1990 in Norwegen und Schweden entstand und sehr schnell eine Fangemeinde vorzugsweise in Europa fand. Der Begriff vom Black Metal ist schwer zu definieren, in musikalischer Hinsicht am ehesten wohl durch die schweren Gitarrenriffs, die dem Death Metal und dem Doom Metal entlehnt sind, die sich mit extrem schnellen Riffs abwechseln. Die Drums werden von Doublebass und Blastbeats dominieren, was dem Sound eine schnelle, dynamische und treibende Rhythmik verleiht. Vereinzelt werden auch Keyboards zum Aufbau orchestraler Momente oder gar Klangwände wie bei Dimmu Borgir verwendet. Der Gesang ist in aller Regel das, was extreme vocals genannt wird, der interessanteste Künstler in dieser Hinsicht ist Attila Csihar, der Mayhem auf ihrer jüngsten Scheibe Ordo Ad Chao seine Stimme lieh.
Black Metal hat der Rockmusik einen sehr innovativen Impuls gegeben und so gibt es, hauptsächlich im skandinavischen Raum, im weiteren Umfeld eine ganze Reihe sehr kreativer Bands, die Stilelemente aus dem Black Metal übernommen haben. Das betrifft insbesondere das Schlagwerk und dessen Spieltechnik und den Gesang, der die extreme voice nun als growls und screams neben der - oft weiblichen - clear voice etabliert. Die bekanntesten Beispiele für diese Vermischung mit Stilelemente des Black Metal sind Nightwish, Dark Tranquillity, In Flames, Sentenced, Tristania, Sirenia und Battlelore. Eine gesonderten Platz wegen der Unmöglichkeit, sie stilistisch zuzuordnen, nehmen Apocalyptica und Therion ein. Die Versuche, diese Mischformen zu beschreiben, ergeben Begriffe wie Symphonic Metal und Power Metal, Melodic Death Metal oder Epic Metal.
Was die meisten der Bands mit den meisten Black Metal Bands über die, heute immer öfter wechselseitige, Adaption von Stilelementen hinaus verbindet, ist die Vorliebe für tiefsinnige, mitunter melancholische, öfter aber zornig-renitente Texte, die viele Anleihen dem mystischen, mythologischen, esoterischen, heidnischen und auch okkulten Bereich entlehnen. Der Black Metal hat sich in letzterem auf das satanistische Element festgelegt, was oft mit offener Ablehung des Christentums bis Feindschaft zum selbigen korrespondiert. Die Verbindung von teils mystisch-okkulten, teils wütend-aggressiven Texten mit der kraftvollen Musik des Black Metal, Symphonic Metal, Power Metal und Epic Metal verleiht dieser Musik insgesamt diese enorme Energie, wie sie in keiner anderen Stilrichtung zu finden ist.
Wie steht es nun um rechtsradikale Tendenzen im Black Metal und bei seinen Fans? Dazu sei zunächst angemerkt, dass die umstandslose und automatische Gleichsetzung von Rechtsradikalismus mit Satanismus und antichristlicher Haltung nicht zulässig ist. Hinzu kommt, dass Fromm es einmal mehr nicht für nötig hält, den Leser vollständig zu informieren, ich jedenfalls habe in seinem Buch keinen Hinweis auf die zahlreichen Inintativen von Musikfans gegen Rechtsradikalismus und Rassismus gefunden, z.B. auf Metalheads Against Racism [21], Grufties gegen Rechts [22], Turn it down! Good Night, White Pride [23]. Natürlich ist es so, dass seine mitreißende Kraft exakt der Grund ist, der Black Metal leider auch so anziehend für Wirrköpfe aller Art macht. Vorzugsweise sind es die die rassistischen, rassistisch-heidnischen und die nationalsozialistischen Wirrköpfe, die Black Metal als Stilmittel zur propagandistischen Verbreitung ihrer niederen Instinkte missbrauchen wollen. Dessen ist sich die nicht rassistische liberale Szene natürlich auch ohne Fromms Hinweise bewusst und in diesem Sinne sagte Shagrath, der Sänger von Dimmu Borgir:
Ich sehe die Gefahr, dass Black Metal für manche zu einer Art Ersatzreligion wird, aus der sie nur eine Berechtigung zu unverantwortlichem Handeln ableiten wollen. Das ist vollkommen falsch.
Grundsätzlich ist es so, dass eine Musikszene genauso Spiegel der Gesellschaft ist, wie alle anderen sozialen Strukturen das sind. Deshalb gibt es natürlich auch im Black Metal Rassisten und Rechtsradikale, wie es sie im Rest der Gesellschaft gibt. Darüberhinaus denke ich, dass man sich in einem Land, in dem ein Ministerpräsident mit Filbinger einem Nazi-Marinerichter in aller Öffentlichkeit einen Persilschein austellt und ihn als zutiefst christlichen Mensch beschreibt [24], in dem es ein Terminus wie "national befreite Zonen" zu allgemeiner Bekanntheit gebracht hat [25], in dem die Fußball-Jugendliga zu einer Liga für Rassismus und Antisemitismus mutieren konnte [26], in dem das Ordnungsamt Heiligenstadt (sic!) den Auftritt einer Gruppe Klezmermusiker untersagte, weil die Herren von der NPD sich bei ihrem Aufmarsch provoziert fühlen könnten [27], in dem die Kölner Dezernentin für Soziales, Integration und Umwelt vom Bündnis90/Grüne [28] den Holocaust in einer Rede mal eben einen "Ausrutscher" nennt - angesichts solcher Zustände muss sich keiner über rassistische und radikalisierte Jugendliche wundern. Da sollte einer mit den Verbindungen eines Fromm wirklich andere Betätigungsfelder sehen, als sein Leben damit zu verbringen, ein paar Okkultfuzzis hinterherzujagen.
Um das Thema noch etwas eingehender zu betrachten, sollten wir nachschauen, was rechtsradikale Kader eigentlich als geeignete Musik für ihre propagandistischen Zwecke bei der Jugend betrachten. Das ist einfach, es gibt nämlich die sogenannte Schulhof-CD, die von der NPD verteilt wurde und offensichtlich auch weiter verteilt wird, wenn auch nicht mehr auf Schulhöfen. Gesagt - getan, ich habe mir die drei CDs angesehen und in wenig reingehört - was soll ich sagen: Es ist deutsches Sangesgut, was da aus den Boxen plärrt, es ist das deutsche Sangesgeschwurbel der sogenannten "Liedermacher", es ist das Geklampfe und Geschmetter im Stil eines Reinhard Mey, eines Klaus Lage, eines Heinz-Rudolf Kunze. Es ist das Geknödel a la Grönemeyer, der sein Gutmenschendiktat auf sehr deutsche und deshalb öfter mal durchaus stechschritttaugliche Weise von der Bühne bellt. Es ist das Schrammeln und Tröten all derer, die mit der Quote des Grauens (taz) national befreite Sendezonen (Junge Welt) durchsetzen wollen, wozu ein Dieter Birr, der sich als Sänger der Kombo "Puhdys" locker und ohne Probleme durch 20 Jahre Sowjetzone schmetterte, sich so äußern darf: Die deutsche Musik wird unterdrückt. Mit einer Quote hat sie wieder eine Chance. [29] Ja lebt denn der alte Holzmichl noch?
Auf den drei CDs ist kein einziges Musikstück, das auch nur annähernd in Richtung Black Metal geht, dafür aber Nordwind mit Balladen und rockigen Coversongs deutscher Schlager, Frank Rennicke, der nach eigenem Bekunden den musikalischen Stil von Liedermachern wie Reinhard Mey übernommen hat, Annett und Michael mit Balladen im deutschen Liedermacherstil und rockiger Gitarrenmusik, Sleipnir, Odem und Carpe Diem mit rockigen Balladen, und eine handvoll Skinmusik light. Ich habe auch nichts anderes erwartet, denn warum sollten sich die Rechtsradikalen ausgerechnet Black Metal ans Bein binden? Es wird auf den CDs hin und wieder auch ein bisschen mystisch-heidnisch gemauschelt, aber immer voll christenkompatibel. Es hat einen guten Grund, warum die NPD auf deutsche "Werte" in Sachen Musik setzt - es gibt überhaupt keine Veranlassung, sich mit den Kirchen und den Christen anzulegen oder sie auch nur zu provozieren. Die rechtsradikalen Kader spekulieren auf die Macht und da war die evangelische Amtskirche allemal immer dabei und wird immer dabei sein, solange sie existiert, und es spielt für sie keine Rolle, wobei sie dabei sein wird. Der Grund dafür liegt in der Confessio Augustana, der 1530 von Philipp Melanchthon verfassten und bis heute verbindlichen Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen. Dort wird unter Artikel 16 ausgeführt:
Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment wird gelehrt, dass alle Obrigkeit in der Welt und geordnetes Regiment und Gesetze gute Ordnung sind, die von Gott geschaffen und eingesetzt sind, und dass Christen ohne Sünde in Obrigkeit, Fürsten- und Richteramt tätig sein können, nach kaiserlichen und anderen geltenden Rechten Urteile und Recht sprechen, Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen, in ihnen mitstreiten, kaufen und verkaufen, auferlegte Eide leisten, Eigentum haben, eine Ehe eingehen können usw. Hiermit werden die verdammt, die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei.
Oder anders gesagt - anything goes solange die Regierung von Gott eingesetzt ist (und das ist sie ja per se). In Berufung auf die Confessio Augustana hat die evangelische Amtskirche noch jede Waffe gesegnet, die ihr vor die Bibel gehalten wurde und jedem Regime gedient, was bei den Nationalsozialisten im sogenannten Dritten Reich genauso funktionierte wie bei den Kommunisten in der Zonen-DDR. Dabei wollen wir nicht vergessen, dass der Urvater evangelischen Amtskirche zugleich einer der rasendsten Antisemiten war, dessen nachfolgende zitierte Ideen die Nationalsozialisten umsetzten:
Erstlich, dass man ihre Synagoge mit Feuer verbrenne. Und werfe hierzu, wer kann, Schwefel und Pech. Wer auch höllisch Feuer könnt zuwerfen, wäre auch gut ...
Zum andern, dass man ihnen alle ihre Bücher nehme, Betbücher, Talmudisten, auch die ganze Bibel und nicht ein Blatt ließe.
Zum dritten, dass man ihnen verbiete, bei uns und in dem Unsern öffentlich Gott zu loben, du danken, zu beten, zu lehren bei Verlust Leibes und Lebens
Zum vierten, dass ihnen verboten werde, den Namen Gottes vor unseren Ohren zu nennen; denn wir können´s guten Gewissens nicht hören noch leiden ... Sondern wer es vom Juden hört, dass er´s der Obrigkeit anzeigen oder mit Saudreck auf ihn werfe, sofern er ihn sieht und von sich jage ...
(Von den Juden und ihren Lügen, Erstausgabe Wittenberg 1543, S. 99)
Seitens evangelischer Amtsträger klang das dann während des Regimes der Nazis so:
Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird ... die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.
(Der evangelisch-lutherische Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach im Vorwort zu seiner Schrift "Martin Luther und die Juden - Weg mit ihnen!", Freiburg 1938)
Wenn der Feind nicht innerhalb 24 Stunden unsere Friedensbedingungen annimmt, wird eine Bartholomäusnacht* veranstaltet und kein Jude verschont. Schade ist es um keinen.
(Der evangelisch-lutherische Pfarrer Friedrich-Wilhelm Auer drängt mit diesem Brief vom 11.9.1942 an den NSDAP-Politiker Julius Streicher auf eine vorzeitige "Endlösung". In der Bartholomäusnacht wurden in Frankreich in der Nacht vom 23. auf den 24.08.1572 Tausende von Hugenotten massakriert.)
Mit solchem Personal braucht es weder den Gottseibeiuns noch den Black Metal, um eine veritable Hölle auf Erden zustande zu bringen.

