Sekten, Szene & Pfaffen
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 5: "Deus le vult" - die Methode der weltanschauungsbeauftragten Investigatoren
Teil 5: "Deus le vult" - die Methode der weltanschauungsbeauftragten Investigatoren
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 5: "Deus le vult" - die Methode der weltanschauungsbeauftragten Investigatoren
| Die Strafe des Lügners ist nicht, dass ihm niemand mehr glaubt, sondern, dass er selbst niemanden mehr glauben kann. George Bernard Shaw |
Das Vorgehen und die Investigationsmethoden der Kritiker verfolgen im Rahmen der oben erörterten Manipulations- und Verdrängungsstrategie ein Ziel, nämlich die Pathologisierung und Kriminalisierung ihrer Beobachtungsobjekte. Wie hier an der Zitation der Landeskriminalämter aus dem Bericht der Enquete-Kommission und in zahlreichen Quellen zu sehen ist, hält sich die Zahl tatsächlicher Verbrechen in kaum wahrnehmbaren und die weniger dramatischer Straftatbestände wie Vandalismus und Sachbeschädigung in sehr überschaubaren Grenzen. Wenn man die diesbezüglichen Aussagen der Landeskriminalämter und Staatsanwaltschaften einerseits und das von den Kritikern vorgelegte Material mit Beweiskraft andererseits in der Zusammenschau betrachtet, sind die Grenzen strafrechtlich relevanter Vorfälle so überschaubar, dass sich die Zahl der Kritiker und ihrer Organisationen kaum nachvollziehen, geschweige den rechtfertigen lässt. Deshalb ist die bevorzugte Methode der Erkenntniskonstruktion die schlichte Behauptung. Ich beschränke mich auf drei weniger spektakuläre Beispiele, die jedoch meiner Ansicht gerade wegen ihrer Banalität das Ausmaß dieser Art und Weise von Investigation illustrieren.
Der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. lagert auf seiner Website eine Seite, wo eine Uta Bange sich zum Thema "Ritueller Missbrauch im Satanismus" äußert. [15] Die Frau hat überhaupt kein Problem damit, dort de facto Wort für Wort das zu wiederholen, was der Fromm Anfang und Mitte 2003 über deutsche Mattscheiben flimmern ließ - bis hin zu der lapidar in die Runde geworfenen Behauptung Es werden Babys, Kinder und Erwachsene geopfert. Sie hat offensichtlich überhaupt kein Problem damit, dass diesen Behauptungen, die in einigen Fällen zu umfangreichen Ermittlungen führten, von Landeskriminalämtern und Staatsanwaltschaften als unbegründet zurückgewiesen wurden. Sie hat offensichtlich überhaupt kein Problem damit, dass diesen Behauptungen von zahlreichen Sachverständigen und schließlich sogar vom Bundesministerium des Innern anlässlich einer diesbezüglichen Kleinen Anfrage im Deutschen Bundestag an die Bundesregierung vom Sommer 2003 mehrfach, wiederholt und ohne wenn und aber widersprochen wurde. Was für ein Verständnis von staatsbürgerlichem Ethos steht eigentlich hinter solchen Auftritten? Was bedeutet es für das Weltbild eines Menschen und für seine Haltung zu unserer Gesellschaft, wenn er mehr oder weniger unterschwellig de facto allen judikativen und exekutiven Organen, dem gesamten politisch-administrativen System, Inkompetenz und/oder Unwillen unterstellt? Natürlich sagt sie das nicht direkt, soviel Traute hat sie dann doch nicht, aber wenn von allen zuständigen Instanzen bestätigt wird, dass ein Sachverhalt nicht zutrifft und ein Mensch behauptet völlig unbeindruckt immer wieder, er träfe doch zu - wobei es hier nicht um Falschparken, sondern um allerschwerste Verbrechen geht - dann tut er genau das: Er unterstellt den zuständigen Instanzen damit indirekt Unfähigkeit und/oder Unwillen. So eine Sicht auf die Welt kennt man eigentlich nur von Verschwörungsphantasten und von Mitglieder destruktiver Psychokulte. Warum Uta Bange das tut, weiß ich leider nicht.
Die nächsten beiden Beispiele sind dem Buch Satanismus in Deutschland des Dr. Rainer Fromm entnommen. [16] Der Mann zeichnet sich durch, wenn man das nennen so will, besondere Kreativität im Generieren satanistischer Verschwörungen und Straftaten aus. Die beiden Beispiele bieten sich an, um die Vorgehensweise des Herrn Fromm zu beleuchten. Im Zuge seiner Ermittlungen, so gibt Fromm an, sei er auf eine gefährliche Schnittstelle nazisatanistischer Umtriebe gestoßen, was sich so liest:
"Fraternitas Fenrir" Hinter der Seite verbirgt sich eine gefährliche Schnittstelle zwischen rechter Gewaltlyrik, Neosatanismus und Dark Wave-Szene. Auf der Startseite werden Kombos wie die rechtsradikale Gothic-Band "Der Blutharsch" oder Gruppen wie "Death Pact International" ... vorgestellt. ... Die Ideenwelt der Fraternitas Fenrir zeigt sich in der umfassenden Linksammlung zu rechtsradikalen Gothic-Bands, Black Metal-Bands und rechtem Okkultismus. So findet man Links zu "Burzum", "Allerseelen", "Blood Axis", "Death in June" ... sowie der "Allgermanischen Heidnischen Front" und der Homepage "Free Varg Vikernes".
Auf den vorhergehenden 191 Seiten des Frommschen Opus gab es ja schon allerhand erstaunlich exklusive, bis dahin völlig unbekannte Erkenntnisse zu lesen, aber das interessierte mich dann doch.Diese Seite ist auch relativ schnell zu finden und man landet auf einer Seite [17], die beim trashigsten und allerbilligsten Anbieter seit Bestehen des Internets, bei Geocities, gehostet wird und für jeden, der länger als drei Tage im Netz ist und mehr als nur Bilder gucken kann, ist der Fall damit eigentlich schon erledigt - Datenmüll. Aber gut, wenn ein Fachmann wie Fromm da eine gefährliche Schnittstelle zwischen rechter Gewaltlyrik, Neosatanismus und Dark Wave-Szene ausgemacht hat, muss da ja was dran sein. Es geht allerdings schon damit los, dass auf der Startseite entgegen Fromms Behauptungen gar nichts vorgestellt wird, auch keine Kombos. Da ist nur ein Link zur nächsten Seite, auf der dann in der Tat weitere Links zu finden sind, unter anderem zu den Bands. Vorgestellt wird da aber auch nicht wirklich etwas, von je einem Bild und in zwei Fällen einer unvollständigen Diskographie abgesehen. Die gefährliche Schnittstelle stellt sich dann schnell als eine banale Linkseite heraus, deren gößte Gefahr darin liegt, dass man sich bei längerem Hinsehen wegen der grotesk schlechten Gestaltung Augenkrebs einhandelt.
Die angeführten Links gibt es auf dieser Seite tatsächlich, was Fromm aber unterschlägt ist die Tatsache, dass unter anderem auch Links zu diesen Seiten dort abgelegt sind: Edvard-Munch-Internetgallerie, animal-liberation.net, Marxists Internet Archive, Noam Chomsky, Jean Sibelius, Anne Frank Museum, Feminists for Life, Gary Kilgore North (a writer and publisher from the Christian Reconstruction movement). Warum tut Fromm das, warum unterlässt er es, darauf hinzuweisen? Weil sie nicht so ganz zu seiner Behauptung passen, einer satansrechtsradikalen Verschwörung auf die Schliche gekommen zu sein - und weil er auf Ignoranz und Bequemlichkeit seiner Leser spekuliert - es wird schon keiner so genau hingucken. Und wenn doch, ist es auch wurscht, Fromm hat schon ganz andere Behauptung in die Welt gesetzt. Wenn man genauer hinschaut stellt man fest, dass die Seite der Fraternitas Fenrir nur ein Teil eines Projektes ist, das sich Soffitta Macabra/ Fraternitas Fenrir nennt. Man braucht keine zwei Minuten, um darauf zu stoßen und die Seite Soffitta Macabra per Googlesuche zu finden. [18] Dort wird dann auch, auf freilich etwas wirre Art, erklärt, was der Spaß soll:
Soffitta Macabra is a cultural entity which, as many other cultural groups around the world, is interested in extreme and hidden sides of society [...] The arguments we are interested in at the moment are many, some of them are: Italian 70's cult/weird stuff, shockumentaries, historical footage, videos about nazi, third world dictators, Zionism, media control, tactics, neo-nazi, riot /violent demonstrations, true crime, serial killers, horror, splatter, Oriental Cinema, Baader Meinhof,/RAF, Manson, right/left winged Italian 70's terrorism, partisan movement sects, Satanism, weird cults, conspiracy, esoteric, animal liberation, death penalty, medical footage, conspiracy, etc... Anything highly controversial is welcome.
Die Liste ist um einige pornographische Topics gekürzt, aber es ist nun klar, dass es sich hier mit höchster Wahrscheinlichkeit um das Werk einer Einzelperson oder von allenfalls zwei, drei Leuten handelt, die sich als Laienkünstler mit stark chaotisch-anarchischer Attitüde darstellen und die sich zum Zeitpunkt der Erstellung der Seiten in ihrer postpubertären Lebensphase befunden haben dürften. Folgerichtig sind die Seiten schon lange tot, also nicht mehr aktualisiert worden, die der Soffitta Macabra seit November 2005, die der Fraternitas Fenrir seit Oktober 2002.
Im Jahr 2006 ist die bis dato aktuelleste Ausgabe der Broschüre Brennpunkt Esoterik: Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus der Hamburger Innenbehörde erschienen, für die Fromm als Autor tätig ist. Da findet sich erneut das Kapitel Fraternitas Fenrir, aber wer nun glaubt, der Fromm hätte das korrigiert, der täuscht sich. Im Gegenteil - Fromm setzt noch eins drauf und so wird aus der umfassenden Linksammlung zu rechtsradikalen Gothic-Bands, Black Metal-Bands und rechtem Okkultismus aus dem Jahr 2003 wundersamerweise nun die bedeutendste Linksammlung rechtsradikaler Gothic-Bands, Black-Metal-Bands und rechtem Okkultismus im Internet. Im ganzen Internet - man stelle sich das Ausmaß der Ermittlungsarbeit vor, die der arme Herr Fromm zwecks Verifizierung dieser "Tatsache" investieren musste! Zur Erinnerung - die Seite ist seit Oktober 2002 tot.
Anmerkung: Um dem Einwand vorzubeugen, das könne ja zur Zeit der ersten Recherchen Fromms so gewesen sein und die Seite könnte sich geändert haben - nein, das hat sie nicht. Mit der Wayback Machine der Seite Internet Archive [19] lässt sich das überprüfen. Ich gebe unten nicht die direkten URLs der Seiten, sondern das Suchergebnis von Google an in der Annahme, dass der geneigte Leser die restlichen Schritte alleine hinbekommt.
Das dritte Beispiel entstammt wieder Fromms Buch und betrifft mich selbst. Fromm meinte, sich auch der FCA widmen zu müssen und zum Zeitpunkt von Fromms Recherche hatte ich eine private Webseite namens thelema93.de, die mit den Seiten der FCA und denen anderer FCA-Mitglieder in einer Art Portalstruktur angesiedelt war, die aus dem ehemaligen occulta.net hervorging - und dorthin hat es Fromm ausweislich dessen, was der für Quellenangaben hält, im Juni 2003 irgendwie verschlagen. Wenn man das Kapitel liest, wird eines nach wenigen Zeilen klar: Er hatte angesichts der Größe und Vielfalt dieses Verbundes von Websites offensichtlich echte Orientierung- und Verständnisprobleme, was ihn aber nicht daran hinderte, dezidierte Wertungen zu treffen. Die fielen dann entsprechend sachkundig aus, so schreibt er beispielsweise:
Der Zirkel kommuniziert nicht primär durch persönliche Treffen, sondern über Telefonate und vor allem über das Internet. [...] Persönliche Besuche der Mitglieder untereinander, so genannte "Konvente", bedürfen der Zustimmung aller Beteiligten.
Keine persönlichen Treffen, aber persönliche Besuche - was den nun? Sei's drum - der größere Teil der Mitglieder und Freunde der FCA wohnte damals in Berlin, teilweise nur einige Minuten Fußweg entfernt, aber entsprechend den Gepflogenheiten zivilisierten Umgangs haben wir uns nicht ohne Zustimmung, also gegen den Willen des jeweils anderen besucht. Herr Fromm scheint das in bezug auf Zustimmung offensichtlich anders zu halten, aber dennoch nannten wir unsere wechselseitigen Besuch keineswegs Konvente. Allerdings war gerade in der Zeit seiner Recherche ein Thelema-Konvent in Berlin in Planung, der dann im November 2003 mit ca. 120 zahlenden Besuchern stattfand. Das ist natürlich nicht so leicht auseinanderzuhalten, wenn man sinistren Verschwörungen auf der Spur ist, und da kann einem promovierten Politologen wie Herrn Fromm eine Sonntagskaffeerunde schonmal zum Konvent geraten. Es sei dem Herrn Fromm nachgesehen angesichts der außerordentlichen Verantwortung für unsere freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die auf seinen Schultern lastet. Richtig lustig wird es, wenn der Fromm sich als Bibliothekar versucht, dabei kommt dann so etwas heraus:
Die F.C.A. verfügt über eine der professionellsten neosatanistischen Homepages, die sehr stark auf Interaktivität setzt, was diverse Foren belegen. Eine übersichtlich sortierte esoterisch-neo-satanistische Bibliothek legt den Schwerpunkt auf die Literatur Aleister Crowleys. In der so genannten "Thelema-Bibliothek" wird er wie ein Guru vergöttert...
Na da schauen wir doch einmal nach, was auf der Domäne thelema93.de in der virtuellen Bibliothek abgelegt war, es handelte sich um Titel, die folgendermaßen sortiert waren:
- 6 Bücher Attische Philosophie
- 4 Bücher Renaissance-Philosophie
- 3 Bücher Philosophie des Rationalismus
- 10 Bücher Philosophie des Deutschen Idealismus
- 7 Bücher Hegelianer/Entwicklungsphilosophie
- 12 Bücher Karl Marx & Friedrich Engels
- 9 Bücher Weltanschauungsphilosophie
- 20 Texte und Bücher Philosophie des 20. Jahrhunderts
- 15 Texte aus der Wissenschaft
- 27 Texte und Bücher zu Politik und Geschichte, u.a. die wohl nicht nur in der Okkultszene engagiertesten Stellungnahmen für Israel und gegen Antisemitismus
- 16 Texte und Bücher aus Literatur/Belletristik
- 5 Bücher und 4 Poeme von und 11, teils sehr kitische, Texte über Crowley
Damit machen von und zu Crowley verfasste Texte exakt 5,7% der virtuellen Bibliothek aus, denen 44,9% Lesestoff aus Werken der klassischen Philosophie gegenüberstehen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in dieser Rechnung ein Gedicht von Crowley dieselbe Wichtung hat wie ein sechshundertseitiger Hegel. Stellt man das Textvolumen in Rechnung, dürfte die Literatur von und über Crowley kein halbes Prozent ausgemacht haben. Was ist daran jetzt "neosatanistisch"? Ist es "neo", dass "Satanisten" 94 % Philosophie, Belletristik und Zeitgeschehen in ihrer virtuellen Bibliothek haben?
Man mag die Auflistungen für Zahlenklimperei halten, aber sie machen eines deutlich - die "argumentative", wenn man die so nennen will, Vorgehensweise dieser selbsternannten Weltanschauungsprüfer wie Fromm. Um das Lüge zu nennen, müsste ich Fromm Vorsatz nachweisen können, und das kann ich natürlich nicht. Die Alternative wäre eine nachgerade groteske Inkompetenz. Der Herr Fromm mag sich meinetwegen aussuchen, was ihm besser gefällt. Ich habe für dieses Kapitel bewusst eher banale Beispiele ausgesucht, um eine Frage zu provozieren: Was tun die eigentlich, wenn sie es mit aus ihrer Sicht ernsten Vorgängen zu tun haben, wenn die sich schon bei so schlichten Sachverhalten genötigt sehen, zu manipulieren, was das Zeug hält?

