Sekten, Szene & Pfaffen
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 4: Ein typologischer Alternativvorschlag
Teil 4: Ein typologischer Alternativvorschlag
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 4: Ein typologischer Alternativvorschlag
| Jedem Sternchen sein Laternchen.
Volksmund - oder anders formuliert: Every man and every woman is a star. Liber Al vel Legis I/3 |
Nun wird sich der Leser nach all der Kritik vielleicht fragen, ob es nicht ein bisschen mehr als Meckerei, nämlich einen Alternativvorschlag gibt. Aber sicher gibt es den. Er ist kurz, prägnant und verzichtet komplett auf manifeste oder unterschwellige Pejorationen, sondern ist ausschließlich deskriptiver Natur. Die grundlegende Prämisse ist die oben schon angeführte Maxime, dass jeder Mensch das unhintergehbare Recht hat, das zu glauben, wonach ihm gerade der Kopf oder auch der Bauch steht, und er hat das Recht, diesen Glauben - und wenn er noch so dämlich ist - auf die ihm genehme Art und Weise zu praktizieren, solange mit beidem geltendes Recht geachtet wird und Dritte weder signifikant beeinträchtigt oder gar geschädigt noch zu irgend etwas genötigt oder gezwungen werden. Darüberhinaus basiert meine Alternative auf der Selbstdarstellung derjenigen, die sich selbst als Satanisten bezeichnen. Sie sieht so aus:
Dependenter Satanismus: Der christoid-dependente Satanismus, das ist die vollständige Bezeichnung, heißt deshalb so, weil er primär aus christlicher Sozialisation und Konditionierung resultiert und in seiner Ausprägung von beidem abhängig (dependent) ist. Er manifestiert sich nicht in einer Negation, sondern in einer Invertierung christlicher Struktur- und Ordnungswerte, die sich weiterhin im christlichen Code bewegt.
Autonomer Satanismus: Der autonome Satanismus entwickelt sich unabhängig von christlicher Konditionierung und Sozialisation, neben ihr oder hebt sie soweit auf, dass Lebens- und Alltagsumstände nicht wesentlich von christlicher Konditionierung und Sozialisation bestimmt werden. Er teilt sich in zwei Untergruppen.
Autonom-exoterischer Satanismus: Der autonom-exoterische Satanismus verzichtet auf esoterische und okkulte Elemente und ihre Praxis, er definiert sich primär als Weltanschauung und versteht sich oft selbst als eine spezielle Form der Ethik auf vorzugsweise individueller Ebene. Glaubenselemente sind vorhanden und auch von Bedeutung, sind aber dem Primäraspekt Weltanschauung neben- oder beigeordnet.
Autonom-okkulter Satanismus: Der autonom-okkulte Satanismus definiert sich über ein esoterisch-okkultes Glaubenssystem in Verbindung mit einer Weltanschauung. Das Glaubenssystem beinhaltet spirituelle Riten sowie die Beschäftigung mit Phänomenen magischer und okkulter Natur und mit ritueller Magie.
Weiterführende Spezifizierungen sind vollkommen irrelevant, in dieser Typologisierung sind alle inhaltlichen und strukturellen Aspekte enthalten, die zu einer sachgerechten Beurteilung erforderlich sind. Straftatbestände und Krankheitsbilder wie Psychosen haben in so einer Übersicht nichts zu suchen, es kommt ja vernünftigerweise auch keiner auf die Idee, aus der Gruppe psychotischer Christen eine Kategorie "psychotischer Lutheranismus" zu konstruieren.
Was mir auffällt - und das haben die allermeisten der an der Okkultismus- resp. Satanismusdebatte Beteiligten auf beiden Seiten gemeinsam - ist der Umstand, dass alle die Dokumente und Texte der jeweils anderen, also der kritisierten Seite nur durch ihre persönlichen Aversionen und Ressentiments überblendet wahrnehmen können und in der Bewertung deren Aussagen in der Regel schlicht invertieren.

