Sekten, Szene & Pfaffen
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 3: Darumb du gwis des teuffels pist - der Satanismusbegriff der Kritiker
Teil 3: Darumb du gwis des teuffels pist - der Satanismusbegriff der Kritiker
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 3: Darumb du gwis des teuffels pist - der Satanismusbegriff der Kritiker
| Der Satan der italienischen und englischen Dichter mag poetischer sein; aber der deutsche Satan ist satanischer; und insofern könnte man sagen, der Satan sei eine deutsche Erfindung. Friedrich Schlegel, Athenäumsfragmente 379 |

Zunächst einmal mehr zur von mir verwendeten Begrifflichkeit: Das Spektrum der sich Sachen Weltanschauungsprüfung betätigenden Menschen ist sehr breit. Es reicht von den amtskirchlich bestallten Weltanschauungsbeauftragten über Verwaltungsangestellte, die von Landesinnenbehörden in entsprechenden Arbeitsgruppen beschäftigt werden, über selbsternannte Sektenforscher in Vereinen und ähnlichen Organisationsstrukturen, über Personen, die Sektenjagd als Profession zum Gelderwerb als hauptsächlichem Grund betreiben bis zu Menschen, die sich diesem Thema aus einer oft grotesken Mischung aus Gelderwerb und nachgerade manischer Obsession widmen. All die immer wieder en bloc oder en detail aufzuzählen ist mir zu mühsam, deshalb fasse ich diesen bunten Reigen unter dem Begriff "Kritiker" zusammen. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass ich ihnen diesen Begriff unverdientermaßen zuweise, denn Kritik ist - zumindest für mich - eigentlich eine positiv konnotierte Methode argumentativer Auseinandersetzung und gerade die findet man in der Betätigung der oben angeführten Personen eher selten.
Alternativ gäbe es den Begriff vom "Sektenjäger", der aber auch nicht wirklich passt. Einerseits assoziiert der Begriff "Jäger" körperliche Aktivität und dass der allergrößte Teil dieser Leute, ohne einen erkennbaren Mehrwert zu generieren, vom hauptsächlich zwangsweise eingezogenen Geld anderer Leute lebt, heißt ja nicht per se, dass sie sich bewegen würden. Wir können vielmehr davon ausgehen, dass sie mit Beginn jedes Werktages, den der liebe Herrgott ihnen schenkt, ihren Hintern im Bürosessel plazieren und ihn erst zum Feierabend wieder erheben, wobei diese ganz spezielle Form spirituell-kontemplativer Versenkung allenfalls vom Gang zur Kantine unterbrochen wird. Andererseits ist der Begriff "Sekte" wenig hilfreich, das ist nämlich ein mehrfach konnotierter Begriff und eine mithin verzwickte Sache. Zunächst sei der Endbericht der Enquete-Kommission zitiert:
Der Einsetzungsauftrag verpflichtet die Enquete-Kommission zu klären, ob die bisherige gesellschaftspolitische Behandlung und die pauschale Bezeichnung bestimmter Organisationen als "Sekte" oder "Jugendsekte" der tatsächlichen Entwicklung und den Notwendigkeiten für eine angemessene gesellschaftspolitische Auseinandersetzung entsprechen. Deshalb war eine Auseinandersetzung mit den Begriffen "Sekte" und "Psychogruppe" erforderlich. [...] Es gibt daneben andere Begriffe, die teilweise andere begriffliche Schwerpunkte setzen: Fr. W. Haack hat die Bezeichnung "Jugendreligion" eingeführt. Aus Amerika kommend haben sich auch die Bezeichnungen "Kult", "destruktive Kulte" eingebürgert. Es finden sich auch Bezeichnungen wie "Neureligion", "neue religiöse Bewegungen" bzw. "neureligiöse Bewegungen" sowie die neutralere Bezeichnung "religiöse Sondergruppen-Gemeinschaften". [...] Die von staatlichen Stellen herausgegebenen Informationen verwenden häufig die Begriffe "neue religiöse und weltanschauliche Bewegungen" oder setzen vor die Worte "Sekten" und "Psychogruppen" ein "sogenannt" oder die Begriffe in Anführungszeichen. [...] Die unterschiedliche Herkunft und der unterschiedliche Gebrauch des Begriffs "Sekte" macht seine Verwendung [...] sehr problematisch. [...] Für die Zwecke der neutralen Beschreibung und Analyse sind deshalb die Bezeichnungen "neue religiöse und ideologische Gemeinschaften" sowie die Bezeichnung "Psychogruppe" für das Feld zutreffender. [...] Darüber hinaus bietet es sich an, der Klarheit wegen bei der Betrachtung einzelner Konfliktfelder spezifischere Bezeichnungen zu benutzen. Vorgeblich religiöse Gemeinschaften mit überwiegend wirtschaftlichen Zielen können in Anlehnung an den angelsächsischen Sprachgebrauch als kommerzielle Kulte charakterisiert werden, ideologische Gemeinschaften als Politgruppen usw. In der wissenschaftlichen Literatur ist die Bezeichnung "Neuere religiöse und weltanschauliche Bewegungen" (NRBs) gebräuchlich. Die Enquete-Kommission verwendet zur angemessenen und neutralen Beschreibung des Sachverhalts die Bezeichnungen "neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen". Damit kann sie auch der notwendigen Differenziertheit gerecht werden.
Das klingt gut, nicht wahr? Ja, das tut es - und es transportiert einen ganzen Anglersatz an Haken. Der erste Haken wird im Kommissionsbericht in dem historischen Exkurs zum Begriff "Sekte" deutlich, und der geht so:
Sprachlich kommt das Wort von lateinisch sequi, folgen, und ist die Übersetzung von griechisch hairesis, Wahl, Gefolgschaft. Mit ihm wurden in der Antike zunächst diejenigen bezeichnet, die einem bestimmten Philosophen in seinen Anschauungen folgten. In der Geschichte des Christentums wurden damit die Gruppen bezeichnet, die außerhalb der Kirche einem bestimmten Glaubensführer und für abweichend erklärten Glaubenslehren oder Praktiken anhingen.
Danach gibt es ein paar Krokodilstränen ob des Umstandes, dass doch tatsächlich dann und wann, im Mittelalter, der frühen Neuzeit oder im 16. Jahrhundert, Andersgläubigen in Berufung auf den Sektenbegriff ihre demokratischen-freiheitlichen Grundrechte beschnitten wurden, weswegen ohne weitere Umstände und ohne gesonderten Zeilenumbruch die Errungenschaften des Grundgesetzes gewürdigt werden. Inquisition? Was war das denn? Hexenverfolgung? Nie gehört! Judenverfolgung? Ich bitte Sie! Alles nicht der Rede wert, jedenfalls nicht für die Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen".
Stattdessen wird - das ist der erste Haken - kurzerhand unterschlagen, dass das Christentum als solches selbst als Sekte entstand, nämlich als eine aus dem Judentum hervorgehende, weswegen Christen von gläubigen und insbesondere orthodoxgläubigen Juden bis heute mit dem Begriff "Minäer" bedacht werden, der für "Andersgläubige" steht und ursprünglich nur für die sogenannten Judenchristen galt. Aus dieser Sekte namens "Christen" entwickelten sich Katholizismus und Orthodoxie und die protestantisch-evangelische Variante ging als größte neben zahllosen anderen als Sekte aus der Sekte Katholizismus hervor. (Das ist natürlich eine sehr verkürzte Darstellung.)
Unterschlagen wird zudem, und damit bin ich beim zweiten Haken, dass eine nähere Betrachtung des sich selbst so nennenden Satanismus, der sich über eine Invertierung christlichen Ordnungs- und Glaubensgrundsätze definiert, ohne damit den christlichen Code zu verlassen, zumindest nahelegt, dass er auch nur eine christliche Sekte und somit das originäre Produkt der Ursprungssekte ist. Das will natürlich keiner hören, und zwar weder Christen noch Satanisten.
Der dritte Haken liegt in der Neudefinition selbst, und zwar in dem Versuch, aus dem mehrfach und vor allem emotional konnotierten Begriff "Sekte" eine behauptetermaßen neutrale und wissenschaftliche Begrifflichkeit zu derivieren, weswegen der Topos unter der Überschrift Phänomenologische, terminologische und begriffliche Klärung des Gegenstandsbereichs umdefiniert wird, was ich angesichts des Resultats fast schon für eine Frechheit halte. Sei's drum - das Problem resp. der Haken liegt darin, dass der pejorative, also abwertende, Grundtenor mitnichten beseitigt, sondern mit einer verquasten Pseudosachlichkeit camoufliert wird, die zugleich als erster Schritt und quasi terminologische Grundlegung der Manipulations- und Verdrängungsstrategie zu verstehen ist. Folgerichtig ist aus allen nachfolgenden Publikationen, welche dieselben Kritiker, die sogar Mitglieder der Kommission waren oder von derselben als Sachverständige gehört wurden, auf den Markt brachten, zu ersehen, dass Pathologisierung und Kriminalisierung als zentrale Grundlinien des Umgangs mit Andersdenkenden und -glaubenden nicht nur fortgesetzt, sondern verstärkt zur Anwendung kommen.
Im Abschnitt Okkultismus/Satanismus versucht der Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen", eine Beschreibung des Phänomens "Satanismus" zu liefern und eine Kategorisierung des Satanismus aus der Sicht der oben verkündeten, neuen Sachlichkeit zustande zu bringen. Das Ergebnis ist in mehrfacher Hinsicht verblüffend: Zunächst zeugt es in den ersten Passagen von partieller Einsichtsfähigkeit und man hat ein klein wenig den Eindruck, die meinten das ernst mit der Sachlichkeit. So kann man da lesen:
Die Ergebnisse von empirischen Untersuchungen zeigen jedoch, dass hier mediale Berichterstattung und Realität besonders weit auseinander klaffen. Die Gefahr, dass in der Medienberichterstattung nicht nur "Trends" aufgenommen und verarbeitet, sondern dass "Trends" produziert werden ist nicht von der Hand zu weisen. Aber nicht nur die Medien können eine "Trendsetterfunktion" ausüben. Auch Experten und Wissenschaftler werden in diesem Zusammenhang ihren Dienst und ihre Arbeitsweise einer sorgsamen (Selbst-)Reflexion und Supervision unterziehen müssen.
Aber das war es auch schon, denn sofort im Anschluss wird unterschieds- und kommentarlos mit buchstäblich jeder esoterischen Praxis vom Horoskop bis zur "schwarzen" Messe alles in einem Töpfchen namens "Okkultismus" verrührt. Nun geht der Bericht nahtlos in wüstes Spekulieren über geistige und sexuelle Verfasstheit der als Satanisten ausgemachten Menschen über. Es wird schnell deutlich, dass der allergößte Teil des Textes, zumindest zum Thema Okkultismus/Satanismus, nichts anderes als ein hundertprozentig redundantes Recyceln schon anderenorts publizierter Texte ist, wobei für den hier erörterten Bereich des Satanismus insbesondere die unvermeidlichen Herren Christiansen und Zinser überdurchschnittlich oft zu Wort kommen, die natürlich - was sonst - auch Mitglieder dieser Kommission waren. So wird Christiansen ausführlich in Sachen "Selbstvergottung", Sexualmagie als "wesentlicher Inhalt des Ritualsystems" zwecks "Vorantreibens" der Erkenntnis der eigenen Göttlichkeit, Minderwertigkeitskomplexe ichschwacher Menschen und Ichaufwertung inklusive der Erlangung von Macht über andere Personen zitiert.
Die Kommission hielt es auch für angezeigt, andere wahrhaft bahnbrechende Erkenntnis kundzutun, zum Beispiel diese: Die Beteiligung an dem, was da als "okkulten Praktiken" verstanden wird, sei umso höher, je leichter zugänglich die Praktiken (Pendeln, Tarot-Karten) sind, die der Herr Professor Zinser der Welt schenkte. Das hat natürlich keiner vor ihm ahnen können und deshalb bin ich sicher, dass der Herr Professor in die Annalen religionswissenschaftlicher Forschung eingehen wird und dort bleibt bis zum Jüngsten Gericht. Danach gibt es für ihn und die Damen Caberta und Lademann-Priemer sowie die Herren Christiansen und Gandow ein Plätzchen zu Füßen des Herrn. Da werden sich der Herrgott und das zu seiner Rechten sitzende liebe Herr Jesulein aber freuen, wenn ihnen dieses formidable Quintett für alle Ewigkeit seine gesammelten Erkenntnisse verklickert.
Nach den eher allgemeinen Betrachtungen kommt der Kommissionsbericht zur Typologisierung des Satanismus, was das nachfolgende Ergebnis zeitigt. Als Typologien werden aufgezählt:
- ritueller ordensgründender Satanismus,
- rationalistischer Satanismus (Satan wird als Symbol oder Chiffre verstanden),
- okkultisch-traditioneller Satanismus (Satan stellt den Gegenspieler Gottes dar),
- Acid-Satanismus (sadistisch, orgiastisch und drogenkonsumierende Gruppen),
- Luziferismus (Satan und Luzifer sind Objekt der Verehrung)
Daneben wird in Gruppen und Kulte, die vom psychosozialen und sozialen Umfeld herzuleiten sind, unterschieden:
- Der psychotische Satanismus.
- Ein vermarkteter Satanismus, d.h. eine Szene, die den Satanismus kommerziell zu nutzen weiß.
- Jugendzentristische Satanismus. Man kann darin viel eher einen jugendkulturellen Bereich sehen, der sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen will.
Vielleicht nicht auf den ersten, aber spätestens auf den zweiten Blick wird für jeden, der über ein kleines Sortiment an Basiswissen in Sachen Mythologie, Mystik und Esoterik verfügt und optimalerweise auch noch das Alte Testament gelesen hat, klar, dass diese sogenannte Typologisierung hart an groben Unfug grenzt. Auf den dritten Blick wird klar, dass dem aber nicht wirklich so ist, sondern dass Methode dahintersteckt. Diese Typologie wirkt zunächst - auf den ersten Blick - in der verwendeten Begrifflichkeit versachlichend. Auf den zweiten Blick fällt die Willkürlichkeit in der Charakterisierung der Begriffe und ihrer Sortierung auf. Es stellen sich Fragen über Fragen:
Sind Opus Dei und die Jesuiten und zahlreichen andere Strukturen im christlichen Bereich rituelles ordensgründendes Christentum?
Ist Calvinismus rationalistischer Protestantismus, ist die Confessio Augustana (dazu unten mehr) ein Resultat desselben?
Zeugen das seinerzeitige Verhältnis einer Katechetin aus dem schönen Thüringen mit einem juvenilen "Satansmörder" oder die Verhaftung des Küsters von Halberstadt wegen Drogenhandels in Kirchenräumen [12] von einem möglicherweise kreuzgefährlichen Acid-Evangelismus?
Hat unter den versammelten Experten in der Kommission wirklich keiner begriffen, dass Satan und Luzifer eigentlich wenig bis nichts miteinander zu tun haben und dass nicht jede prä- oder postpubertäre Marotte einen Typus abgibt, der erklärtermaßen und laut Kapitelüberschrift der makro- und mikrogesellschaftlichen Dimensionen des Phänomens in phänomenologischer Hinsicht dienlich ist? Oder wollte man, so en passant quasi, die Freunde Seths ein bisschen ärgern, indem man sie einfach ignorierte?
Sind - Gott behüte! - Selbstgeißelung, Exorzismus, Zölibat und Würdenträger, die in ihrem Ornat aussehen, als hätte ihre Firma die Travestie erfunden, Zeichen der Existenz eines psychotischen Christentums?
Muss ich die 23.100 Google-Einträge für den Suchstring "christliche Buchhandlung" als Beweis für ein vermarktetes Christentum, mithin für das Treiben von Christen, die das Christentum kommerziell zu nutzen wissen, werten?
Und last but not least - was ist mit jugendzentristischem Gangsterrapfanatismus, Handyfetischismus, Inklamottentragismus, Komasaufismus, die samt und sonders als Phänomene quasi-kultischen Charakter haben? Oder darf sich die Anhängerschar des Leibhaftigen etwa schon darauf freuen, dass sie demnächst per weltanschauungsbeauftragtem Dekret Gangsterrapper und Komasäufer zu den ihren zählen darf?
Natürlich wird man auf diese Frage keine Antworten erhalten, sondern wohl eher wieherndes Gelächter oder aber einen ziemlich verdutzten bis doofen Gesichtsausdruck bei den Befragten ernten, was davon abhängt, wem man diese Fragen zum Vortrag bringt - womit ich beim dritten Blick auf die Typologien der Kommission bin. Sie machen natürlich Sinn, allerdings auf eine Weise, die für die solcherart typologisierten Menschen potentiell unerfreulich ist.
Der Begriff vom rituellen ordensgründenden Satanismus ermöglicht es, alle Strukturen und Gruppen des okkulten und teils auch esoterischen Bereichs zu erfassen, die man unter dem Begriff Satanismus einordnen möchte, wenn es opportun erscheint - und davon wird auch reichlich Gebrauch macht. Was dann aber schon mal dazu führen kann, dass die Kritiker Gruppen anführen, die es entweder seit Jahren nicht mehr gibt oder die in Wirklichkeit Einzelpersonen sind, besonders die Herren Christiansen und Fromm haben es dahingehend zu einer gewissen Meisterschaft gebracht, was ein was ein Viertel bis ein Drittel der Gruppen betrifft, welche die Herren in der aktuellen Broschüre Brennpunkt Esoterik: Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus aus dem Jahr 2006 anführen.
Die Begriffe vom rationalistischen und vom okkultisch-traditionellen Satanismus lassen in ihrer weitgehenden Beliebigkeit die Erfassung aller Strukturen und Einzelphänomene außerhalb von Ordens- und Logenstrukturen zu.
Luziferismus ist eine schöne Schublade für den Rest, der unter 1 und 2 nicht passt und für solche, die sich hartnäckig weigern, als Satanisten eingestuft zu werden, weil sie Luzifer und Seth präferieren, die aber nach Sicht der Kritiker auch nur ganz ordinäre Satanisten sind.
Der Begriff vom Acid-Satanismus ist offensichtlich gedacht für jene Menschen, deren Lebenswandel christlichen Moralvorstellungen als pervers, mithin als Ausbund satanischen Treibens erscheint. Da passt zum Beispiel der komplette Bereich des BDSM hinein, der umgangssprachlich auch als Sado-Maso bekannt ist, und hier können gegebenfalls drogenkonsumierende Esoteriker aller Art zugeordnet werden. Diese Schublade dient offensichtlich dem Zweck der Pathologisierung und Kriminalisierung und sie ist überdies sehr schön mit den Kategorien 1 bis 3 kombinierbar.
Der Topos "psychotischer Satanismus" macht schon vom Namen her unmissverständlich klar, dass es hier um die Pathologisierung der dort einsortierten Menschen geht. Er bietet praktischerweise die Möglichkeit, in den Kausalitäten zu switchen und sowohl die Option "Satanist, weil psychotisch" als auch "psychotisch, weil Satanist" zu bedienen. Dabei sollte man sich vor Augen halten, was der Begriff "Psychose" eigentlich bedeutet. [13] Das bekannteste Beispiel aus dieser Schublade ist der sogenannte "Satansmord von Witten". Das Gericht stellte zwar fest, die Tat "habe nichts Mystisches oder Kultisches gehabt [...] Es ging nicht um Satanismus, sondern um ein Verbrechen von zwei gestörten Menschen [...] Der Satanismus war ein Popanz, den sie vor sich herschoben." Trotzdem wurden die beiden Täter von den Kritikern in diese Schublade einsortiert, aus der sie seitdem wie Springteufel unter Verwendung der Kausalität "psychotisch, weil Satanist" herausgezaubert werden, sobald sich eine halbwegs passende Gelegenheit bietet, auf die vermeintlichen Folgen satanistischer Praxis hinzuweisen, die natürlich ausschließlich nach den hier vorgestellten Punkten, also nach Gusto der Kritiker, definiert ist.
Was mit der Einführung des "vermarktete Satanismus" erreicht werden soll, kann ich nur vermuten. Ich denke, er dient der Einordnung kommerzieller okkulter Angebote, die nicht in die anderen Bereiche kommerzieller Esoterik, die im Bericht dargestellt werden, passen und die gegebenfalls mit den anderen Kategorien der Typologie kombiniert werden kann.
Der Begriff "jugendzentristische Satanismus" schließlich ist geeignet, um unter ihm alles aus dem Bereich der Jugendkultur subsumieren, das den Kritikern als potentiell satanistisch gilt, wobei es - wie in jeder der Kategorien - absolut keine Rolle spielt, was die betroffenen Menschen selbst davon halten. Davon macht z.B. Christiansen geradezu verschwenderisch Gebrauch, er schafft es in der o.a. Broschüre sogar, Bands wie Bauhaus, Siouxsie and the Banshees und Joy Division irgendwie unterzubringen. Unten mehr dazu.

Nachdem die Enquete-Kommissionäre mit der Typologisierung des Satanismus durch sind, probieren sie sofort aus, was geht und lassen es mal ordentlich krachen. Dazu erteilen sie Christiansen das Wort:
Initiierte (eingeweihte) Mitglieder dürfen oft bei martialischer Strafandrohung (z.B. Folter, Vergewaltigung, Tod usw.) keine Informationen über die [...] Gruppe [...] nach außen weitergeben. Auch dürfen sie nicht über Initiationsgrade, über den genauen Ablauf von Ritualen oder sonstigen Praktiken berichten. Das Initiationsritual bindet ferner die Mitglieder zeit ihres Lebens an die Organisation. [...] Aussteiger sind einem permanenten, überwiegend psychischen Druck ausgesetzt. Sie bekommen Pakete mit halbverwesten schwarzen Katzen und Hähnen zugeschickt, oder man legt z. B. tote Ratten in Pentagrammform vor die Wohnungshaustür des Ex-Mitgliedes. [...] Auch haben Satansorganisationen durchaus ein ökonomisch-monetäres Interesse, dass die Involvierung ihrer Anhänger festgeschrieben wird. Das sichert auch zukünftige Einnahmen u. a. durch den Zwang zur Prostitution der weiblichen Mitglieder, Drogen-Deals, Hehlerei und Erpressen "freiwillig gezahlter Geldbeträge".
Soweit die Horrorshow des Herrn Christiansen. Zur Erinnerung - die guten Vorsätze, die drei Seiten vorher postuliert wurden:
Die Ergebnisse von empirischen Untersuchungen zeigen jedoch, dass hier mediale Berichterstattung und Realität besonders weit auseinander klaffen. [..] Auch Experten und Wissenschaftler werden in diesem Zusammenhang ihren Dienst und ihre Arbeitsweise einer sorgsamen (Selbst-)Reflexion und Supervision unterziehen müssen.
So weit, so schlecht - nachdem ich zwischenzeitlich eine Mahlzeit von mir gegeben hatte und im Anschluss zu der Ansicht kam, dass die Herren Christiansen und Fromm ein doch sehr schönes, fast schon poetisches Beispiel abgeben für den Vers "Nomen atque omen quantivis iam est preti" des Titus Maccius Plautus, aus dem das Sprichwort "Nomen est omen" wurde, fiel mein Blick noch einmal auf das Inhaltsverzeichnis der Bundestagsdrucksache mit dem Titel Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" - und was soll ich sagen: Ich wurde entschädigt für das Erdulden aller bisherigen Lesenmühen, denn ganz am Ende findet sich ab Seite 159 ein Sondervotum der Arbeitsgruppe der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen". Das hat zwar keinerlei politische oder praktische Bedeutung, tröstet aber doch über den Rest des Textes ein wenig hinweg. Ich zitiere etwas ausführlicher (Hervorhebungen von mir):
Da die bestehenden Gesetze für Probleme im Zusammenhang mit Okkultismus/Satanismus (u. a. Körperverletzung, Nötigung, Jugendschutz) nach Ansicht der Enquete-Kommission ausreichen, wird im gesetzgeberischen Bereich kein Handlungsbedarf gesehen. [...] Vielfach aufgegriffen ist insbesondere der synkretistische "Jugendsatanismus". Kaum öffentlich wahrnehmbar sind dagegen die Formen des organisierten Satanismus, bei dem es sich in Deutschland um ein nicht quantifizierbares Randphänomen handelt.[...]
Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen hat 1995 eine systematische Auswertung von möglichen Straftaten im Zusammenhang mit Okkultismus und Satanismus vorgenommen, bei der auch Vorkommnisse in anderen Bundesländern berücksichtigt wurden. Der Bericht kommt zu folgender zusammenfassender Bewertung: "Abschließend ist festzustellen, dass nach den hiesigen Erkenntnissen das Thema Satanismus und damit zusammenhängender Straftaten in der Öffentlichkeit, bedingt durch die reißerische und teilweise unsachliche Darstellung in Medien, zur Zeit überbewertet wird. Satanismus stellt sich demnach - berücksichtigt man die Hinweise auf vereinzelte schwerwiegende Straftaten, die bislang nicht verifiziert werden konnten - wenn überhaupt mehr als qualitatives denn als quantitatives Problem dar.
Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg: "[...]Unter kriminologischen Gesichtspunkten kann nach hiesiger Einschätzung davon ausgegangen werden, dass es sich bei den aufgeführten Straftaten oftmals um sogenannte ,Jugendverfehlungen` und somit um zeitlich begrenzte Delinquenz handelt...."
Die kriminalpolizeilichen Erkenntnisse widersprechen teilweise den Erkenntnissen von Sektenberatungsstellen. Auch wenn sich in vielen Fällen ein vermuteter Bezug von Straftaten mit satanistischen [...]
Ein Zusammenhang zwischen den verschiedenen Ausprägungen dieses "Jugendsatanismus" mit "neueren religiösen und weltanschaulichen Bewegungen, sogenannten Sekten und Psychogruppen,"ist nach unserer Auffassung aus den der Kommission vorgelegten Informationen nicht ersichtlich. Es lagen der Kommission keine Erkenntnisse über organisierte Formen des Satanismus in Deutschland und damit verbundene Straftaten vor.
Im Bericht der Kommissionsmehrheit sind die gegen neue religiöse und weltanschauliche Bewegungen erhobenen Vorwürfe unter dem Gesichtspunkt der "Konfliktpotentiale" zusammengestellt [...] (a) Vorwurf der Verfolgung verfassungswidriger Ziele: Es lagen der Kommission keine Informationen vor, die belegen würden, "dass neue religiöse und weltanschauliche Bewegungen gesellschaftliche Veränderungen anstreben, die mit dem demokratischen Rechtsstaat nicht vereinbar sind, [...]
(b) Vorwurf von Gesetzesverstößen: Es lagen Informationen vor, die auf Verstöße gegen das Arbeits- und Sozialversicherungsrecht hindeuten, ohne dass dies im einzelnen geklärt wurde. Grundsätzlich ist es eher unwahrscheinlich, dass nicht auch durch Mitglieder neuer religiöser und weltanschaulicher Bewegungen Gesetzesverstöße begangen werden. Da Gesetze, gegen die verstoßen wird, bereits bestehen, liegt kein staatlicher Handlungsbedarf vor.
(c) Vorwurf totalitärer innerer Machtverhältnisse: Es lagen der Kommission keine Belege dafür vor, dass neue religiöse Bewegungen "die verfassungsmäßigen Rechte der Mitglieder einschränken oder beseitigen". In diesem Fall läge ein klarer Gesetzesverstoß vor, der staatlich geahndet werden müsste. dass in neuen religiösen und weltanschaulichen Gruppen und Gemeinschaften interne Machtstrukturen bestehen, kann als gesichert gelten. Es besteht in dieser Hinsicht kein Unterschied zu anderen Gruppen. Es wurde in der Kommission nicht geklärt, wann Machtverhältnisse als "totalitär" zu bezeichnen sind. Hinweise darauf, dass Machtausübung mit physischen Zwangsmaßnahmen verbunden wäre, lagen nicht vor.
Ich empfehle, das Sondervotum ganz lesen. Es gibt, auch im esoterisch-okkulten Bereich, Stimmen, die den Bericht positiv sehen. Ich kann dem - vom Sondervotum der Grünen abgesehen - nicht folgen und habe keinerlei Verständnis für eine Mentalität, die zwar den Verlust von Augen, Zunge und Händen beklagt, aber das nur ein bisschen und ganz leise und dafür um so dankbarer ist, dass man überhaupt noch lebe.
Wenn Ihnen, lieber Leser, das Ergebnis der, nun ja, Arbeit der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" auch ein wenig dürftig erscheinen sollte, so mag Sie der Hinweis trösten, dass Sie, sofern Sie damals Steuern zahlten, den Damen und Herren der Kommission in der Zeit vom von 9. Mai 1996 bis zum 28. Mai 1998 für teuer Geld aus ihren Steuerabgaben viele unterhaltsame und sicher auch erheiternde Stunden Kommissionsarbeit beschert haben, was unter anderem als Anhörung deklarierte Selbstinszenierungen putziger Eso-Fuzzies und einen Ausflug in die Vereinigten Staaten einschloss, der den Damen und Herren der Kommission allerdings noch lange kein Anlass war, den Namen Kenneth V. Lanning oder das National Center for the Analysis of Violent Crime [14] auch nur zu erwähnen.
Die von der Enquete-Kommission vorgelegte Typisierung hat sich bei den Kritikern weitgehend durchgesetzt, wie auch die Umdefinierung des Sektenbegriffes. Manche fassen sich kürzer, anderen ist die Liste zu kurz - strukturell bleibt es dasselbe, was natürlich auch daran liegt, dass es das Phänomen Satanismus in dieser Weise gar nicht gibt und weil einer vom anderen abschreibt. Fromm beispielsweise kommt bis dato ohne Typenliste aus und orientiert sich esoterisch-okkulten Strömungen, Christiansen hingegenbraucht für seine, nun ja, Erkenntnisse natürlich viel mehr Platz, was im Ergebnis aber keinen Unterschied macht. Deshalb sieht eine Listung ausweislich der Broschüre Brennpunkt Esoterik: Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus bei ihm so aus:
Ordens-Satanismus, rationalistischer Satanismus, okkultistisch-traditioneller Satanismus, psychopathologisch motivierter Satanismus, Privatsatanismus, krimineller Pseudosatanismus, jugendzentristischer Satanismus, Schwarze Szene von Black Metal bis Gothic, Vampirismus, Saturnslogen und Schwarze Lichtbringer, Luziferismus, neognostische und okkulte Organisationen, antichristliche und satanistisch subkulturelle Organisationen
Na ja, wenn es der Wahrheitsfindung dient...

