Sekten, Szene & Pfaffen
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 2: Der Satanismusvorwurf als Manipulations- und Verdrängungsstrategie
Teil 2: Der Satanismusvorwurf als Manipulations- und Verdrängungsstrategie
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 2: Der Satanismusvorwurf als Manipulations- und Verdrängungsstrategie
| Die Schönheit religiösen Fanatismus besteht darin, dass sie die Macht hat, alles zu erklären. Ist erst einmal Gott (oder Satan) als erster Grund für alles akzeptiert, was in der sterblichen Welt passiert, wird nichts mehr dem Zufall überlassen…logisches Denken kann getrost über Bord geworfen werden. Stephen King, The Stand |

Der Begriff vom Satanismus hat heute im deutschen Sprachraum - nur um den geht es in diesem Text - zwei wesentliche Aspekte. Satanismus ist heute Kampfbegriff und zugleich finales Argument gegen Andersglaubende und immer häufiger auch Andersdenkende. Man nennt jemanden, dessen Ansichten, Glaube und Lebensführung vermeintlich oder tatsächlich den eigenen Anschauungen und Dogmen zuwiderlaufen, einen Satanisten und bezichtigt ihn diverser Verbrechen oder unterstellt ihm wenigstens die potenzielle Neigung, solche zu verüben. Dabei ist die Abscheulichkeitsgrenze nach oben offen - nichts ist zu obskur, absurd, obszön, pervers, um nicht angeblich vom Satanisten als solchem begangen zu werden. Damit ist den Anklägern, die in Erinnerung an frühere Zeiten gerne auch noch Richter und Henker in Personalunion wären, erwiesen: Er, der Satanist, ist nicht nur per se böse, sondern er ist quasi Teil des Bösen an sich - und er kann, darf und muss nun mit gutem Gewissen vernichtet werden.
Bemerkenswert ist dabei die historische Kontinuität in der argumentativen Methodik (wenn man das so nennen kann) des institutionalisierten Christentums gegen Andersglaubende und -denkende, denn was wir heute erleben - die perfiden und denunziatorischen Vorwürfe mit dem eindeutigen Ziel der Kriminalisierung, indem man sexuelle Urängste im Menschen bewusst schürt - haben die Amtskirchen seit ihrer Anerkennung praktiziert. Diese hochmanipulativen Trashstories sind so alt wie die Kirche selbst. Die Katharer waren angeblich Sodomiten - also vernichtet sie! Die Templer waren angeblich Kinderschänder und bedienten sich schwarzmagischer Praktiken - also tötet sie! Die Juden entführten und schlachteten angeblich Christenkinder - also verbrennt sie! Die Hexen waren angeblich sexuelle Monster und töteten Christenkinder schon im Mutterleib - also ersäuft sie!
Um ein an dieser Stelle beliebtes Missverständnis auszuschließen - es geht nicht darum, das Christentum mit den Verbrechen seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Das würde den Rahmen dieses Textes sprengen, das haben andere schon in hervorragender Weise getan [6] [7] - und das verfehlte das eigentliche Thema. Natürlich gilt es, den historischen Kontext stets im Auge zu behalten. Man bedenke also, dass das organisatorische Fundament des institutionalisierten Glaubens auf Betrug und Urkundenfälschung basiert, nämlich auf der sogenannten Konstantinischen Schenkung. [8] Kaiser Flavius Valerius Constantinus, genannt Konstantin der Große, unterstützte das Christentum und berief zur Beilegung innerchristliche Streitigkeiten im Jahr 325 das Erste Konzil von Nicäa ein, auf dem auch das bis heute anerkannte Nicänische Glaubensbekenntnis formuliert wurde. Die Konstantinische Schenkung ist eine gefälschte Urkunde, die angeblich von Konstantin ausgestellt wurde. Darin wird Papst Silvester I. und seinen Nachfolgern die geistliche und auch politisch wirksame Oberherrschaft über Rom, Italien und die gesamte Westhälfte des Römischen Reichs "geschenkt". Die Päpste nutzten die Urkunde, um ihre Vormacht in der Christenheit und territoriale Ansprüche zu begründen, unter Berufung auf diese angebliche Urkunde erhoben die Päpste Anspruch auf unabhängige geistliche und weltliche Landesherrschaft und obwohl sie schon 1440 durch Lorenzo Valla als Fälschung erkannt wurde, blieb sie jahrhundertelang Grundlage für den päpstlichen Herrschaftsanspruch, die Fälschung wurde erst im 19. Jahrhundert eingestanden.
Schon im Jahr 385 wurde mit Priscillian von Avila [9] der erste Häretiker als Ketzer hingerichtet - das sind gerade mal fünf Jahre nach dem sogenannten, von den römischen Kaisern Theodosius I., Gratian und Valentinian II. verfassten Dreikaiseredikt Cunctos populos. Mit diesem Edikt wurde die nominelle Religionsfreiheit abgeschafft und das Christentum de facto zur Staatsreligion erklärt wurde und es stellte unmissverständlich klar:
Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen; die übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen. [...] Endlich soll sie vorab die göttliche Vergeltung, dann aber auch unsere Strafgerechtigkeit ereilen, die uns durch himmlisches Urteil übertragen worden ist. [10]
Und was war der Grund für Anklage und Urteil gegen Priscillian? Es waren Vorwürfe wegen angeblicher Anwendung von Magie und Zauberei und wegen "unzüchtiger Orgien". An dieser Stelle können wir folgende Feststellungen treffen:
Schon vor 1627 Jahren, am 27. Februar 380, wurden mit Pathologisierung und Kriminalisierung die Grundlinien des Umgangs mit Andersdenkenden und -glaubenden für das Christentums festgeschrieben, die bis heute gelten. Andersdenkende und -glaubende sind für wahrhaft toll und wahnsinnig und ihre Ansichten damit für krankhaft zu erklären - sie sollen pathologisiert werden. Sie soll göttliche Vergeltung und unsere Strafgerechtigkeit ereilen - ihre Ansichten sollen kriminalisiert werden.
Der Fall des Priscillian als erster bekannter Fall, in welchem das Dreikaiseredikt zu einer Hinrichtung führte, zeigt, dass die Kirchen des Christentums ihre Ketzer, Häretiker - heute Satanisten - selbst generieren, und zwar als Produkt der Sozialisierung und Konditionierung in ihren eigenen Gemeinden.
Der Fall des Priscillian zeigt auch, dass schon damals die Vorwürfe als hoch manipulative Trashstories daherkamen, dass die kirchlichen Ankläger vorzugsweise an Urängste appellierten und tief im limbischen System wühlten, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Schon damals waren die Vorwürfe von nachgerade verblüffender Einfalt, um nicht zu sagen Dämlichkeit. Auch daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die so umrissene Vorgehensweise beschreibt einerseits eine Manipulationsstrategie, das heißt eine planvolle und für den einzelnen Rezipienten zunächst schwer durchschaubare Beeinflussung und Lenkung der öffentlichen Meinung, um sich auf diese Weise einen Vorteil zu verschaffen. Neben der Sicherung der Deutungshoheit für alles Spirituelle liegt der Vorteil im zweiten Aspekt dieses Vorgehens, nämlich der Verdrängungsstrategie. Dabei soll zweierlei verdrängt werden: Einerseits geht es um die Verdrängung der irgendwie als "satanistisch" denunzierten Menschen als Störenfriede aus den Gemeinden und dem sozialen Verbund unserer Gesellschaft, soweit er von den Amtskirchen beansprucht bzw. dominiert wird. Früher hat man sich dieser Menschen in Inquisitions- und Hexenprozessen oder per Inszenierung pogromartige Exzesse entledigt, heute sollen sie in ihrem Lebensumfeld optimalerweise sozial so unter Druck gesetzt werden, dass sie genötigt sind, sich anzupassen oder wenigstens ihre Meinung und ihren Lebensstils in der Öffentlichkeit zu verleugnen.
Andererseits soll aus dem Bewusstsein der Menschen die Tatsache verdrängt werden, dass die tatsächlichen oder als solche denunzierten Satanisten das Produkt der Sozialisation und Konditionierung im direkten Zugriff des institutionalisierten Glaubens und damit der Amtskirchen sind. Ich persönlich kenne keinen einzigen Menschen, der sich selbst als Satanist sieht oder der dem, bis zur Beliebigkeit erweiterten, Satanismusbegriff der Weltanschauungsprüfer zuzurechnen ist, der nicht aus einem christlich geprägten Umfeld käme, der nicht im Dunstkreis des institutionalisierten Glaubens sozialisiert und konditioniert worden wäre. Mit anderen Worten: Mit dem Satanismusvorwurf als Verdrängungsstrategie soll darüber hinweggetäuscht werden, dass die sich selbst als Satanisten sehenden oder als solche denunzierten Menschen in ihrer Weltsicht, ihrem Glauben und ihrem Lebensstil das direkte und ausschließlich selbstgenerierte Resultat des institutionalisierten Glaubens sind. Im Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" [11] wird das in der, dem Bericht über große Teile hinweg eigenen, doch arg bemüht wirkenden und dezent verschwiemelten Weise folgendermaßen beschrieben (Hervorhebungen von mir):
Der "Satanismus" als Kultur der "Überschreitung" christlicher Glaubens- und Lebensformen und christlich-religiöse Orientierung schließen sich nicht unbedingt aus. Im Gegenteil: Okkulte Orientierungen scheinen durchaus mit kirchlichen Haltungen vereinbar. Denn eine entscheidende Quelle satanistischer Überzeugungen und Rituale ist die Negation der christlichen Ordnung, eine Negation, die den christlichen Code nicht verlässt, aber die Codierungsvorzeichen von "gut" und "böse" verkehrt und darin Konflikte, Verletzungen und lebensgeschichtliche Krisen im Sinne einer Identifikation mit dem negativ Kodierten der christlichen Ordnung auslebt. Dabei gibt es Hinweise, dass eine durch Enge, Rigidität, Leibfeindlichkeit und religiösen Zwang geprägte christliche Sozialisation -- sowohl in christlichen Sondergemeinschaften als auch in rigoristischen oder traditionalistischen Milieus der großen Volkskirchen mit einer starren Aufteilung "guter" und "böser" Ordnungen und Mächte -- einen Hintergrund für "satanistische" Rebellion und Absetzung als "Befreiung" von Zwängen bilden kann.
Der extremste, mir bekannte Fall in dieser Hinsicht ist der sogenannte "Satansmord" von Sondershausen, denn in diesem Fall wurde nicht nur der sozialisierende Faktor verdrängt, sondern es sollten mit der Erfindung einer satanistischen Verschwörung die Fakten ganz konkreten Versagens der Gemeinde an ihren drei jungen Mitgliedern verschleiert werden, ich habe diese Vorfälle ausführlicher in meinem Text Denk- und Merkwürdiges über deutsche Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte und die Objekte ihres Interesses, die deutschen Esoteriker und Okkultisten dargestellt.

