Sekten, Szene & Pfaffen
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 1: Satanisten! Ja wo laufen sie denn? Einleitung
Teil 1: Satanisten! Ja wo laufen sie denn? Einleitung
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 1: Einleitung
Versuch einer Analyse der Manifestation und Interpretation eines Phänomens
| Der Teufel hat von jeher die besten Kirchen gebaut. Heinrich Heine |
Dieser Text unternimmt den Versuch, einmal genauer hinzuschauen, was die Damen und Herren "Weltanschauungsbeauftragten" einerseits und die sich selbst als solche bezeichnenden oder irgendwie dazu ernannten Satanisten andererseits eigentlich so treiben - und worin der periodisch wiederkehrende Hype um den Satanismus im allgemeinen und um "satanistische Greueltaten" im besonderen seine Ursachen haben mag. Freilich sollte der Leser nicht erwarten, es wäre zu eruieren gewesen, was die alle den lieben, langen Tag so treiben, den diese vom Leibhaftigen und jene von ihrem Herrgott geschenkt bekamen - und so genau wollte ich das auch gar nicht wissen. Als vorweg genommenes Fazit sei an dieser Stelle angemerkt, dass ich mich für das einführende Zitat statt an Heinrich Heine gut und gerne an den Altkanzler Kohl und sein Motto "Entscheidend ist, was hinten rauskommt" hätte halten können, weil die Recherchen mehr als nur nahelegen, dass die unfreiwillige Doppeldeutigkeit der Kohlschen Äußerung durchaus angebracht ist, und zwar in bezug auf alle Beteiligten.
Solche Texte wie dieser werden seitens der professionellen und selbsternannten Apologeten der Amtskirchen gerne als Generalangriff auf den christlichen Glauben verstanden oder zumindest so hingestellt. Mir geht es nicht darum, eine Attacke gegen den christlichen Glauben zu reiten. Ich bin vielmehr der festen Überzeugung, und die bringe ich hier und in anderen Texten auch zum Ausdruck, dass jeder Mensch das unhintergehbare Recht hat, das zu glauben, wonach ihm gerade der Kopf oder auch der Bauch steht, und er hat das Recht, diesen Glauben - und wenn er noch so dämlich ist - auf die ihm genehme Art und Weise zu praktizieren, solange mit beidem geltendes Recht geachtet wird und Dritte weder signifikant beeinträchtigt oder gar geschädigt noch zu irgend etwas genötigt oder gezwungen werden. Das gilt natürlich auch für jeden Christen und die verschiedenen Ausprägungen christlichen Glaubens.
Zur Verwendung der Begriffe christlicher Glaube bzw. christliche Spiritualität, Amtskirche und Christentum: Ich unterscheide im Text strikt zwischen dem christlichen Glauben und besonders christlicher Spiritualität einerseits und dem institutionalisierten Glauben andererseits. Mit letzterem sind die beiden Amtskirchen mit ihrem Verwaltungspparat und ihrer Ideologie inklusive ihrer Dogmen gemeint, wobei ich mich konkret in diesem Text in aller Regel auf die Evangelische Kirche in Deutschland und wenn überhaupt, dann nur beiläufig oder in historischen Kontexten auf die Römisch-Katholische Kirche in Deutschland beziehe. Wenn ich vom Christentum schreibe, dann ist eine Trennung zwischen dem Aspekt individuellen Glaubens und dem der institutionalisierten Massenorganisation nicht möglich oder nicht erforderlich.
Mit den gelegentlich durchaus zutreffenden Beobachtungen in Sachen okkultes Narrenschiff rennen die sogenannten Kritiker offene Türen ein, und zwar nicht nur bei mir, sondern bei jedem, der des verstehenden Denkens mächtig ist. Allerdings muss man dazu nicht den notorischen oder gar professionellen Eckensteher auf dem esoterisch-okkulten Jahrmarkt geben, dazu reichen - wenn man sich Zeit lässt - ein, zwei Jahre beobachtende Teilnahme. Natürlich darf und sollte man Schwachsinn nennen, was Schwachsinn ist - und auch das gilt ebenfalls in bezug auf Christen und die verschiedenen Ausprägungen ihres Glaubens. Das Grundproblem an der Sicht der Kritiker auf Esoterik und Okkultismus scheint mir zu sein, dass sie von der Grundannahme ausgeht, dass das Glauben und Dafürhalten derjenigen, über die sie reden und schreiben, kein schützenswertes Gut ist und nach Belieben pathologisiert und darüber hinaus dort, wo sie es für opportun halten, kriminalisiert werden darf.
Wenn man sich mit esoterischen und okkulten Themen befasst und dabei nicht in den Tenor der Amtskirchen einstimmt, wird gegen den Autor solcher Texte seitens der professionellen und selbsternannten Apologeten gerne der Vorwurf erhoben, er wollen die Arbeit der Amtskirchen im sozialen und fürsorgenden Bereich herabwürdigen, wobei immer wieder so getan wird, als wäre diese Arbeit ein Werk reiner Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Nein, das ist sie nicht und sie war es nie, es ist ein Geschäft und die Arbeit der Amtskirchen ist genauso bedeutend, wie die der anderen staatlichen, privaten und freien Träger das ist, und kein Deut mehr. Das System der Krankenversorgung und Pflege bräche zusammen, wenn man sich die Arbeit der Amtskirchen wegdächte, heißt es dann. Ja, das täte es - ebenso täte es das, wenn man sich beispielsweise die Arbeit der drei größten privaten Träger wie das Rhön-Klinikum AG mit fast 15.000 Betten und rund 30.000 Mitarbeitern, die Helios Kliniken GmbH mit rund 9.300 Betten und 10.000 Mitarbeitern und die Vivantes GmbH mit 5.000 Betten und 10.000 Mitarbeitern wegdächte. Es ist, wie gesagt, ein Geschäft und die Finanzierung ist für alle Formen der Trägerschaft exakt dieselbe. [1] [2] Der Unterschied ist, dass die privatwirtschaftlichen Träger mit regulären Arbeitsverträgen nach Arbeitsrecht, Betriebsräten, Tarifverträgen und Streikrecht für ihre Angestellten Profit erwirtschaften, während die amtskirchlichen Einrichtungen trotz zusätzlicher direkter und indirekter staatlicher Zuschüsse permanent über mangelnde Kostendeckung lamentieren und dabei, statt reguläre Arbeitsverträge zu gewähren, eine sogenannte "Dienstgemeinschaft" für sich reklamieren und daraus resultierend statt Betriebsräten lediglich sogenannte "Mitarbeitervertretungen" ohne Streikrecht - Streik wird als Rechtsbruch geahndet - dulden. [3] [4] [5] Unter dieser URL kann man nachlesen, wie ein amtskirchlicher Vertreter es schafft, Ausbeutung im Namen des Herrn als Werk tätiger Nächstenliebe darzustellen. Respekt, ein rhetorisches Meisterstück.]
Nicht minder beliebt ist der Vorwurf, Texte wie dieser unterminierten die Werte unserer Gesellschaft, wobei unterstellt wird, diese Werte seien originär und primär christlicher Natur und Herkunft. Doch das sind sie nicht, die Werte unserer Gesellschaft sind weder originär noch primär christliche Werte, nichtsdestoweniger hat das Märchen von den christlichen Werten unserer Gesellschaft hierzulande quasi staatstragenden Charakter. Nein, die Werte unserer Gesellschaft haben ihre Grundlagen in der Philosophie der Pythagoreer und Epikureer, in Sophistik und Stoa, sie basieren auf der Philosophie eines Sokrates, Plato, Aristoteles, um nur die wichtigsten zu nennen. Unsere Werte entwickelten sich aus dem römischen ius civile und ius gentium und Liebe und Nächstenliebe, Verantwortungsbewusstsein und Ehrlichkeit, Solidarität und Fürsorge gab es in der westlichen Kultur lange vor und neben dem Christentum und es wird sie auch nach dem Christentum geben. Die Erziehung zu diesen Eigenschaften war schon bei den Römern ein viel diskutiertes Thema, und zwar lange bevor das Christentum zur Staatsreligion wurde. Die Nächstenliebe ist ein Gebot des jüdischen Glaubens (Lev 19,18) und wurde aus dem Buch Wajikra des Tanach, das die Christen als das Dritte Buch Mose oder als Levitikus kennen, in den neutestamentarischen Teil der Bibel übernommen. Das als "revolutionär" geltende Gebot der Feindesliebe aus der Bergpredigt des Matthäusevangeliums (Mt 5,43-45) wurde runde fünf Jahrhunderte vorher zum Beispiel im Buddhismus im Dhammapada und im Hinduismus im Bhagavad Gita formuliert.
Natürlich hat das Christentum auf die Entwicklung der westlichen Kultur und ihrer Werte einen erheblichen Einfluss ausgeübt, und zwar einen sehr widersprüchlichen. In institutionalisierter Form hat es von Anfang an versucht, alle geistigen und philosophischen Strömungen zu assimilieren, wenn sie geeignet waren, die eigene Macht zu stärken und die Herrschaft über die Köpfe der Menschen zu festigen oder zu obstruieren, wenn sie den christlichen Herrschaftsbestrebungen im Weg standen oder gar hätten schaden können - mit den hinlänglich bekannten Ergebnissen. Andererseits wären ohne christlicher Spiritualität die Werke von Paracelsus, Spinoza, Leibniz, Kant, Herder, Schelling und Hegel nicht das, was sie sind, ohne institutionalisierten Glauben als Gegenpol wären die Werke von Feuerbach, Stirner, Marx, Engels und Nietzsche nicht das, was sie sind, es gäbe sie vielleicht gar nicht.
Möglicherweise fragen Sie sich jetzt, warum ich mich an dieser Stelle so lange mit meinen Erörterungen aufhalte. Das tue ich deshalb, weil die Berufung auf diese beiden Aspekte - auf die soziale Funktion der Amtskirchen und ihre selbstbehauptete Funktion zur Wahrung angeblich christlicher Werte unserer Gesellschaft - die andere Seite der Medaille ist, auf deren Vorderseite "Weltanschauungsprüfung" steht. Diese beiden Ansprüche sind allen, an der Weltanschauungsinvestigation beteiligten Personen Legitimation für ihr Tun. Alle anderen Gründe, die in diesem Kontext gerne legitimierend zitiert werden, sind vorgeschoben und man kann mit Fug und Recht davon ausgehen, dass diesen Leuten völlig schnurz ist, was sich in der Vertikalen außerhalb ihrer Sichtweite befindet, womit ein etwaiges Berufen auf Gott ebenfalls vorgeschoben ist. Die können nämlich nur in der Horizontalen denken, und das allenfalls in banalen Dualismen von gut und böse, wie in den nächsten Abschnitten gezeigt wird.
Um die Tätigkeit der bestallten und selbsternannten Weltanschauungsprüfer in vollem Umfang bewerten zu können, muss man sich also klarmachen, dass ihr Tun mit einem fast 1.700 Jahre alten "Gewohnheitsrecht" von Assimilation und Obstruktion, von Vereinnahmung und Unterdrückung, gerechtfertigt wird. Mit anderen Worten - weil das institutionalisierte Christentum in Gestalt der Amtskirchen schon immer die Lufthoheit über die Köpfe der Menschen beanspruchte und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln durchsetzte, darf und kann es das auch weiterhin tun.

