Der Wille? (Teil 1)
Der Wille? (Teil 1)
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Nihil aliud a voluntate est causa totalis volitionis in voluntate. Nichts als der Wille ist die Gesamtursache des Wollens. Duns Scotus |
Was ist das eigentlich, dieser Wille? Die schlechte Nachricht gleich vorweg – keiner, auch die Wissenschaft kann es nicht, ist imstande, auch nur ansatzweise zu erklären, was in unserem Gehirn vorgeht, wenn wir eine Entscheidung treffen. Es gibt verschiedene Modelle und Erklärungsansätze, die meisten sind ziemlich spekulativ und der pragmatischste und meiner Ansicht nach schlüssigste kommt aus der Philosophie – er wurde von Hannah Arendt [1] in ihrem Buch "Vom Leben des Geistes" geschrieben [2]. Ansonsten ist es hier so, wie es in solchen Fällen immer zu sein pflegt – die Debatte über Existenz oder eben Nichtexistenz eines freien, wahren oder sonstwie attributierten Willens erinnert eher an einen Glaubensstreit und einige Hypothesen haben unübersehbar ideologische Züge. Die gute Nachricht ist, daß es gleichwohl ein klar definiertes Kriterium gibt, das den Willen als solchen vom bloßen Mögen und Belieben unterscheidet und daß es deshalb möglich ist, Willensentscheidungen als solche zu erkennen beziehungsweise zu bewerten.
Wenn das Thema Wille in Diskussionen zur Sprache kommt, fällt sofort die allgemein verbreitete Beliebigkeit bei der Verwendung des Begriffes auf. Wille wird meist bis zur absoluten Indifferenz mit den vermeintlich gleich oder wenigsten sehr ähnlich gelagerten Begriffen des Mögens, Begehrens und Beliebens vermengt und gleichgesetzt. Allenfalls wird dem Willen etwas mehr Ratio und ein bißchen weniger emotionaler Gehalt als dem Mögen, Begehren und Belieben zugedacht, was aber die Funktion im Kontext menschlichen Handelns betrifft, unterscheiden die meisten Menschen ihren Willen gar nicht von den anderen Motivationen ihres Handelns - und sie halten das in aller Regel auch gar nicht für notwendig. Das ist erstaunlich, insbesondere wenn man bedenkt, daß ansonsten gerne jede Befindlichkeit ausgiebig ventiliert und reflektiert wird.
Dabei gibt es im Alltag viele Situationen, die eine Willensentscheidung erfordern und manche, aus bloßem Mögen oder Begehren heraus zur Entscheidung gebrachte Konstellationen, deren Ergebnis man - freundlich formuliert - nur als suboptimal bezeichnen kann, wäre besser anders entschieden worden. Meist wird das im Nachhinein als "unglücklich ausgegangen" oder als "dumm gelaufen" bewertet. Nur hat das mit Glück oder Unglück nichts zu tun, mit Dummheit öfter mal schon eher - nein, das Problem war eine, aus dem Mögen, Begehren oder Belieben heraus getätigte Handlung, wo besser eine Willensentscheidung angebracht gewesen wäre. Ich möchte das mit einem Beispiel illustrieren. Vor einiger Zeit rief ich im Callcenter meines Telefondienstleisters an, und zwar in der festen Absicht, mich über unerbetene Werbeanrufe zu beschweren. Als das Gespräch nach einer Viertelstunde beendet war, hatte ich einen Tarifwechsel vollzogen und einen neuen Vertrag abgeschlossen. War das eine Willensentscheidung? Nein, das war es definitiv nicht, sondern folgendes war passiert: Ich geriet in der Hotline an einen Mitarbeiter, der sein Geschäft, nämlich das Cross Selling gennannte Nutzen von bestehenden Kundenbeziehungen, um andere oder zusätzliche Produkte des eigenen Unternehmens zu verkaufen, wirklich verstand. Er erkannte offensichtlich, was mir im Moment des Gesprächs nicht bewußt war, daß der wirkliche Grund für meine Reklamation nicht diese zwei Werbeanrufe waren, sondern daß ich mit meinem bestehenden Tarif nicht zufrieden war und ich hatte tatsächlich schon einen Tarifwechsel erwogen, weil der bestehende zu teuer und die DSL-Leitung zu schwachbrüstig war. Nur war ich noch nicht über die Phase des bloßen Begehrens hinausgekommen, ich war mir über den Umfang und Anbieter des gewünschten Tarifs noch nicht sicher. An dieser Stelle wird der Unterschied zwischen Mögen beziehungsweise Begehren einerseits und dem Wollen andererseits deutlich. Ich wünschte mir, ich begehrte eine günstigere und bessere Leistung - der Schritt zum Wollen, also eine definitive Entscheidung für ein Angebot als Ergebnis einer kontingenten Entscheidung zwischen mindestens zwei Optionen stand noch aus. An exakt diesem Punkt wirkte die Verkaufstaktik des Callcenter-Agenten und er schaffte es, daß ich aus meinem Wünschen beziehungsweise Begehren heraus unter Umgehung einer Willensentscheidung den neuen Vertrag abschloß. Immerhin war ich noch soweit bei Sinnen, daß ich mir nicht das volle Programm a la "Entertainment bis der Arzt kommt" andrehen ließ, was der Hotlinemitarbeiter natürlich versuchte (wobei ich gestehen muß, daß ich für einige Augenblicke durchaus in Versuchung geriet), so daß ich im Ergebnis nun das tatsächlich gewünschte Pakt mit Kostenreduzierung und besserer Leistung habe. Es hätte aber auch weniger vorteilhaft für mich ausgehen können.
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Nabelschau, Selbstmitleid und Affekte - persifliert von den Berliner Künstlern Shamov und Rummelsnuff |
Diese Unterscheidung zwischen Mögen und Wollen mag auf den ersten Blick nach Erbsenzählerei klingen, aber Tatsache ist doch, daß eine komplette Fernsehsparte, das sogenannte Infotainment, davon lebt, daß in schöner Regelmäßigkeit ganze Rudel von "Opfern" dieser Verkaufstaktik durch Talkshows und andere Fernsehformate tingeln, um sich wort- und gelegentlich auch tränenreich zu beklagen, sie seien belogen und betrogen worden. Tatsächlich aber haben sie sich selbst belogen und betrogen und sie wurden allenfalls Opfer ihres Begehrens - um nicht zu sagen ihrer Gier. Wären sie nicht der konkret beklagten Verkaufsmasche erlegen, wäre es eine andere gewesen und es wird mit Sicherheit die nächste kommen, die wieder ihr Begehren das Handeln bestimmen lassen wird. Das fast schon Kuriose an diesen medialen Inszenierungen ist, daß die dort über Lug und Betrug Klagenden sich wieder nur von ihrem Begehren leiten lassen – von ihrer Gier nach Mitleid und Trost, Zuspruch und Anerkennung. Was dann, wenn die Klagenden gewahr werden, daß sie eine ziemlich alberne und wortwörtlich klägliche Figur abgaben, hin und wieder Anlaß zu erneuter Klage gibt, nämlich der, daß sie ausgenutzt und vorgeführt wurden und daß das Fernsehen – nun natürlich per se und in toto - auch nur lügt und betrügt. Im ungünstigsten Fall geht das so aus, daß das Leben zu einer Aneinanderreihung von Handlungen wird, die aus Mögen, Begehren oder Belieben heraus getätigt wurden, daß das Leben geprägt wird von Begehrlich- und Beliebigkeit, daß der so lebende Mensch von seinen Begierden quasi durch sein Leben getrieben wird. Anders formuliert hat das schlußendlich für Menschen, die ihr Leben so verbringen, zur Folge,
- ...daß die Inkompetenz anderer ihr Leben bestimmt,
- ...daß ihre Meinung allenfalls als Smalltalk erwünscht ist,
- ...daß zwei Zoll unter Mittelmaß der Maßstab für ihr Leben wurde,
- ...daß sich alle Werte in geschwätziger Beliebigkeit auflösten,
- ...daß jedes Vertrauen in Unverbindlichkeit versandete.
Willst du das wirklich?

