- Heiko Lassek gestorben
12.1.2012 20:10 - Grundgütiger!
11.7.2011 4:52 - Hallo Forum
10.7.2011 11:07
Willensethik Teil 4: Vita activa
Willensethik - Teil 4: Vita activa
Was ist die Vita activa und was hat sie mit Verantwortung zu tun? Im Begriff Vita activa manifestiert sich die lange Tradition einer bestimmten Weise menschlichen Handelns, an deren überliefertem Anfangspunkt mit Sokrates und an deren bisherigem Endpunkt mit Hannah Arendt zwei herausragende Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte stehen.
Sokrates, Sohn des Bildhauers Sophroniskos und der Hebamme Phainarete und verheiratet mit Xanthippe, lebte von ungefähr von 469 bis 399 vdZ. in Athen. Er war nicht nur eine vielschichtige und schillernde Persönlichkeit, sondern der Urtyp des aktiven, selbstbestimmt und selbstverantwortlich lebenden Menschen, der Philosophie nicht zum Selbstzweck betrieb, sondern lebte und einer breiten Schülerschaft, der bekannteste ist Platon, lehrte und sich aktiv an der Gestaltung der Polis beteiligte, der aber einerseits auch als Hoplit, das war ein spezieller, schwerbewaffneter Krieger, am Peloponnesischen Krieg teilnahm und andererseits seiner Überzeugung, in Bedürfnislosigkeit und Kargheit zu leben, gemäß im Winter nur einen einfachen Wollmantel trug und barfüßig herumlief.
Nach dem Peloponnesischen Krieg, den Sparta gewann, herrschte in antiken Athen ein Klima der Angst und der weltanschaulichen und wirtschaftlichen Unsicherheit. Schon damals passierte das, was bis heute üblich ist - kritische Geister, und als solcher besonders Sokrates, wurden argwöhnisch beobachtet, denunziert und schließlich angeklagt. Die Folge war der wohl erste, überlieferte Schauprozeß gegen Sokrates wegen Asebie und Religionsfrevel, dessen schriftliche Anklage lautete: "Sokrates handelt erstens gesetzwidrig, da er nicht an die Götter glaubt, die der Staat anerkennt, sondern andere neue Gottheiten einführt; er handelt zweitens gesetzwidrig, da er die Jugend verdirbt." Also kam es zu einem öffentlichen Prozess, in dem 500 Laienrichter - ein Tribunal des Mobs - über das weitere Schicksal des Sokrates urteilten.
Die Konstruktion der Anklage lieferte das Grundmuster für alle anderen Prozeße gegen Andersdenkende in der abendländischen Geschichte - man riss ein Fragment des sokratischen Denkens aus dem Kontext und verdrehte es willkürlich in denunziatorisch-verleumderischer Absicht. Sokrates Ankläger bedienten sich konkret des Daimonion, deklarierten es willkürlich als von Sokrates neu eingeführte, bösartige Gottheit, die er angeblich über die Göttern der Polis gestellt haben sollte.
| Mit was für Reden also verleumdeten mich meine Verleumder? Als wären sie ordentliche Kläger, so muss ich ihre beschworene Klage ablesen: "Sokrates frevelt und treibt Torheit, indem er unterirdische und himmlische Dinge untersucht und Unrecht zu Recht macht und dies auch andere lehrt." Platon (aus "Des Sokrates Verteidigung") |
Tatsächlich jedoch bezeichnete Sokrates - wie wir von Platon und Xenophon wissen - seine innere göttliche Stimme, die ihn davon abhielt, etwas Unrechtes zu tun, als Daimonion. Dabei war das Daimonion für Sokrates streng getrennt vom Logos, es sagte ihm das, was sein Logos nicht erkennen konnte. Es war nicht das sittliche Gewissen, sondern das Daimonion bedeutet ihm die Stimme des Schicksals, die ihn immer rechtzeitig warnt, so dass er imstande war, seinen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Es lohnt sich, die historischen Parallelen bis in die heutige Zeit zu reflektieren und zu überdenken, wie aus dem sokratischen Daimonion das sogenannt "Dämonische" werden konnte, das zur Begründung für Inquisitionsurteile ohne Zahl herhalten musste.
Der Begriff von der Vita activa verdankt seinen Ursprung somit einer ganz spezifischen geschichtlichen Konstellation, aus der er niemals wirklich herausgewachsen ist, nämlich dem Prozess des Sokrates und damit dem Konflikt zwischen dem Philosophen und der Polis. Hier entstanden die politische Philosophie und die bis heute wirkende abendländischen Tradition von Philosophie wie Politik. Das Wort Vita activa findet sich erst in der mittelalterlichen, scholastischen Philosophie ein, wo es dazu diente, den bios politichos des Aristoteles ins Lateinische zu übersetzen und dabei entscheidend umzuinterpretieren. Noch Augustin spricht hingegen von einer vita actuosa in der ursprünglichen griechischen Bedeutung, nämlich von einem Leben, das öffentlich und politischen Dingen gewidmet ist.
| Es wäre viel gewonnen, wenn wir das bösartige Wort »Gehorsam« aus dem Vokabular unseres moralischen und politischen Denkens streichen könnten. Wenn wir diese Fragen durchdenken, könnten wir ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und sogar Stolz zurückgewinnen, das, was frühere Zeiten die Würde oder die Ehre, vielleicht nicht der Menschheit, so doch des Menschen, genannt haben. Hannah Arendt (aus "Was heißt persönliche Verantwortung unter einer Diktatur?") |
Aristoteles hatte mit den bioi drei Lebensweisen unterschieden, die miteinander gemein haben, dass sie sich alle im Bereich des "Schönen" abspielen, das heißt im Bereich von Dingen, die nicht notwendigerweise gebraucht werden, die unter Umständen nicht einmal zu irgend etwas Bestimmtem nützlich sind. Zu diesen bioi zählt Aristoteles das Leben, das im Genuss und Verzehr des körperlich Schönen Erfüllung findet, das Leben, das innerhalb der Polis schöne Taten vollbringt und das Leben des Philosophen, der durch das Erforschen und Erschauen dessen, was nie vergeht, sich in einem Bereich immer währender Schönheit aufhält, das dem Zugriff des Menschen, seinem Herstellen neuer Dinge und seinem Verzehren dessen, was ist, entzogen ist.
Bezüglich des Begriffs vom bios politichos, den Aristoteles in direktem Bezug auf das Leben und den Tod des Sokrates schuf und dessen Äquivalent die Vita activa ist, liegt der Hauptunterschied zwischen dem aristotelischen Begriff und der späteren mittelalterlichen Vita activa darin, dass Aristoteles damit explizit den Bereich des im eigentlichen Sinne Politischen meinte, also das Handeln als die im eigentlichen Sinne politische Tätigkeit. Nach der Vorstellung der Griechen in der Antike konnten weder Arbeiten noch Herstellen überhaupt ein bios, also eine Lebensweise, sein, die eines freien Mannes würdig wäre. Dabei bedeutete den Griechen Freiheit das Freisein von den den Bedürfnissen, Wünschen und Nöten der Menschen, von der Notwendigkeit, das zur Befriedigung dieser Bedürfnisse und Wünsche Notwendige zu produzieren. So galt den antiken Griechen das bloße Organisieren und Organisiertsein noch lange nicht als politisch, gerade weil ihnen für menschliches Zusammenleben Organisation notwendig war. Folgerichtig waren sie sogar der Meinung, dass das Leben eines Herrschers nicht zu den Lebensweisen eines freien Mannes gehörte.
In der mittelalterlichen, namentlich scholastischen Philosophie verlor der Begriff der Vita activa seine eigentlich politische Bedeutung und diente zunehmend dazu, alle Arten einer aktiven Beschäftigung mit den Dingen der quasi profanen Welt zu benennen. Das bedeutete allerdings keineswegs, dass nun die Arbeit und das Herstellen höher bewertet worden wären und dass sie dem Politischen an Bedeutung gleichgestellt worden wären, sondern es verhielt sich genau umgekehrt und auch das politische Handeln wurde auf das Niveau der puren und profanen Notwendigkeit herabgedrückt. So blieb von den drei freien Lebensweisen des Aristoteles nur die dritte, der bios theoretichos, dessen Äquivalent die Vita contemplativa ist, übrig. So ist bis zum Beginn der Neuzeit die Vorstellung der Vita activa immer an ein vermeintliches Negativum gebunden, denn sie stand - vom Standpunkt der absoluten Ruhe in der Kontemplation her verstanden - der griechischen ascholia, der Unruhe, näher als dem bios politichos.
Erst Hannah Arendt greift in ihren Hauptwerk "Vita activa oder Vom tätigen Leben" im Jahre 1958 die Idee von der Vita activa wieder auf und transformiert sie in den ursprünglich positiven Sinn. Erläuternd schreibt sie: Im Sinne der Tradition wird das Wesen der Vita activa vom Standpunkt der Vita contemplativa her bestimmt, und die beschränkte Anerkennung, die ihr immerhin zuteil wird, wird ihr verliehen, sofern sie der Bedürftigkeit eines lebendigen Körpers, an den die Kontemplation gebunden bleibt, dient. Der christliche Glaube an ein Leben nach dem Tode, dessen künftige Wonne sich in den Freuden der Kontemplation ankündigt, besiegelte die Degradierung der Vita activa.
Der Begriff Vita activa fasst mit Arbeiten, Herstellen und Handeln drei menschliche Grundtätigkeiten zusammen, von denen jede einer der Grundbedingungen entspricht, unter denen der Menschen seine Existenz auf der Erde gestaltet. Die Arbeit ist dem gesamten biologischen Prozess des menschlichen Körpers äquivalent, der in Wachstum, Stoffwechsel und Verfall der lebensnotwendigen Dingen bedarf, die durch Arbeit produziert werden. Ihre Grundbedingung ist somit das Leben selbst.
Das Herstellen produziert eine künstliche Welt von Dingen, die sich von Naturdingen dadurch unterscheiden, dass sie dem natürliche Verfallsprozess bis zu einem gewissen Grade widerstehen und von den lebendigen Prozessen nicht einfach zerrieben werden. Die Grundbedingung des Herstellens ist damit die Weltlichkeit im heideggerschen Sinne: das Angewiesensein der weltlich-menschlichen Existenz auf Gegenständlichkeit.
Das Handeln ist die einzige Tätigkeit der Vita activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt. Die ihr solcherart entprechende Grundbe-dingung ist die Pluralität in Gestalt der Tatsache, dass nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben, womit Leben inter homines esse - unter Menschen weilen - bedeutet. Zugleich ist dies eine Pluralität, in der zwar alle Menschen das gleiche, nämlich Menschen, sind, aber nie dasselbe, weil keiner dieser Menschen mit einem anderen identisch ist, der einmal gelebt hat, gerade lebt oder leben wird. Damit ist die solitäre Eigenschaft menschlicher Existenz beschrieben, welche Grundlage und zugleich Konsequenz der Vita activa ist.
| Die Tatsache, dass der Mensch zum Handeln im Sinne des Neuanfangens begabt ist, kann weiter nur heißen, dass in diesem einen Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, und dass das, was »rational«, d.h. im Sinne des Berechenbaren, schlechterdings nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf. Hannah Arendt (aus "Vita activa oder Vom tätigen Leben") |
Diese Pluralität als grundsätzliche Bedingung unseres Handelns und Sprechens, manifestiert sich einerseits als Gleichheit und andererseits als Verschiedenheit. Ohne Gleichartigkeit gäbe es keine Verständigung unter Lebenden, kein Verstehen der Toten und kein Planen für eine Welt, die nicht mehr von uns, aber doch immer noch von unseresgleichen bevölkert sein wird. Ohne Verschiedenheit, das absolute Unterschiedensein jeder Person von jeder anderen, die ist, war oder sein wird, bedürfte es weder der Sprache noch des Handelns für eine Verständigung; eine Zeichen und Lautsprache wäre hinreichend, um einander im Notfall die allen gleichen, immer identisch bleibenden Bedürfnisse und Notdürfte anzuzeigen. ( Die Vita activa und die ihr zugehörenden Bedingungen sind in den allgemeinsten Bedingtheiten menschlicher Existenz verankert - in Natalität und Mortalität, dass der Mensch durch die Geburt physisch zur Welt kommt und durch den Tod physisch aus ihr wieder verschwindet. Das Handeln ist dabei an die Natalität als Grundbedingung menschlicher Existenz sehr viel enger gebunden als Arbeiten und Herstellen. Hannah Arendt formuliert das so: Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt. selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln. Im Sinne von Initiative - ein initium setzen - steckt ein Element von Handeln in allen menschlichen Tätigkeiten, was nichts anderes besagt, als dass diese Tätigkeiten eben von Wesen geübt werden, die durch Geburt zur Welt gekommen sind und unter der Bedingung der Natalität stehen. (Hannah Arendt) [Anmerkung: An dieser Stelle sei auf ein Missverständnisse hingewiesen, das es zu vermeiden gilt. Einerseits stellt selbst eine angenommene "Gesamtsumme" menschlicher Tätigkeiten und Fähigkeiten keineswegs eine Beschreibung der Natur des Menschen dar, andererseits können Natalität und Mortalität, Weltlichkeit und Pluralität als Bedingungen menschlicher Existenz niemals "den" als solchen und an sich Menschen erklären, geschweige denn eine Antwort auf die Frage geben, was und wer wir sind. Der Grund liegt darin, weil keine von ihnen die menschliche Existenz absolut bedingt, auch wenn Wissenschaften wie Anthropologie, Psychologie, Biologie und andere, die sich auch mit dem Menschen befassen, das hin und wieder glauben beweisen zu können.] Diese Einzigartigkeit stellt sich in Sprechen und Handeln darstellt, denn sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, statt nur lediglich verschieden zu sein. Sprechen und Handeln die Tätigkeiten, in denen sich das Menschsein selbst offenbart. Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen. (Hannah Arendt)

