- Heiko Lassek gestorben
12.1.2012 20:10 - Grundgütiger!
11.7.2011 4:52 - Hallo Forum
10.7.2011 11:07
Willensethik Teil 1: Einleitung
Willensethik - Teil 1: Einleitung
Thelema – fragt man Menschen, die sich mit Thelema befassen oder sich als Thelemiten verstehen, nach der Bedeutung des Begriffes und des dahinter stehenden Konzepts sowie der Bedeutung für die individuelle Lebensgestaltung, dann erhält man genauso viele verschiedene Antworten wie man Menschen befragt hat. Das ist natürlich bei Fragen nach anderen Weltbildern ähnlich, allerdings gibt es nach meiner Erfahrung zumindest im deutschsprachigen Raum in Sachen Thelema nur eine minimale Konsensfähigkeit, die sich in aller Regel auf Gruppenmitgliedschaften beschränkt und selbst innerhalb der Gruppen hat das, was wie ein Konsens wirken mag, in Wirklichkeit eher den Charakter einer Sprachregelung gegenüber Außenstehenden. Der Streit entzündet sich einerseits an Banalitäten wie der Frage nach Crowley's charakterlicher und moralischer Verfasstheit – als ob das für irgendetwas außer für persönliche Befindlichkeiten von Bedeutung wäre - oder an der Frage, ob Löcher in den Socken der Ritualteilnehmer der Zelebration eines thelemitischen Rituals angemessen sind (sind sie nicht). Andererseits sind es eine Reihe ziemlich komplexer Fragen, deren Erörterung nie richtig zu glücken scheint, weil sie immer wieder in endlosem Ventilieren des Meinens, Glaubens und Dafürhaltens der Diskutanten versandet, statt zu einem Konsens zu führen. Das Ergebnis ist, sofern er überhaupt existiert, ein Diskurs auf Niveau einer Parteiortsgruppe, wobei einige Gruppen es zu wahrer Meisterschaft in der Kunst gebracht haben, in Berufung auf tatsächlich oder vermeintlich übelwollende Außenstehende und per Beschwörung der Gruppenloyalität auch den noch abzuwürgen.
Fairerweise sei zugestanden, dass die Erörterung thelemitischer Konzepte und ihrer praktischen Umsetzung in der Tat nicht einfach ist, denn das Konzept Thelema hat vier Aspekte, die in vier Instanzen wirken. Die Aspekte sind der okkult-esoterische, der Glaubensaspekt, der ethische Aspekt und der soziale Aspekt, die Instanzen sind die individuelle Ebene, die soziale im direkten und näheren Umfeld, die globale und gesamtgesellschaftliche Ebene und schließlich die universelle Ebene, in der Thelema sich als Stream in Gestalt eines morphischen Phänomens manifestiert. Auch das ist für Weltbilder und Glaubenssysteme an sich nicht ungewöhnlich, das besondere an Thelema ist die Wirkrichtung in den Aspekten und Ebenen. Während andere Systeme primär aus der sozialen Ebene des direkten und näheren Umfeldes einerseits in die individuelle und andererseits in die globale Ebene wirken, zielt bei Thelema die Wirkrichtung aus der individuellen Ebene primär über die soziale Ebene im direkten und näheren Umfeld in die globale und letztlich die gesamtgesellschaftliche Ebene. Oder anders – das konstituierende Element ist bei Thelema nicht, wie z.B. beim Christentum, das direkte und nähere Umfeld in Gestalt der Gemeinde, sondern nur und einzig das Individuum. Aus diesem Umstand erklärt sich ein anderes Phänomen, nämlich die potentielle Entscheidungsfreiheit in Bezug auf die individuelle Relevanz der Aspekte thelemitischer Weltsicht und Praxis. Um ein Thelemit zu sein und als solcher zu leben, ist es nicht zwingend erforderlich, an Gott- und Wesenheiten zu glauben, auch nicht an die Götter des Liber L. vel Legis, der apokalyptischen Schrift von Thelema. Für alle anderen, religiös geprägten oder intendierten Weltbilder gilt das nicht, da ist der Glaube an bzw. die Unterwerfung unter den jeweiligen Gott zwingend Voraussetzung. Dasselbe gilt für den okkult-esoterischen Aspekt – auch der ist für den Thelemiten optional und eine Frage der individuellen Willensentscheidung. Auch das ist beispielsweise im Christentum – oder noch stärker im Islam – nicht möglich, es ist in diesen und anderen religiös geprägten Weltbildern verbindlich notwendig, den okkult-esoterischen Aspekt zu praktizieren, mitunter mehrmals täglich. (dass der besonders am Christentum als solcher nicht wahrgenommen wird, sondern sich in Gottesdiensten und Festen wie das Oster- und Weihnachtsfest als kultureller Alltag darstellt, ist dem Umstand geschuldet, dass wir in einer christianisierten Gesellschaft leben und in unserer Alltagswahrnehmung auf ihre Riten konditioniert sind.)
Aus der Tatsache, dass die Praxis thelemitischer Weltsicht – darin ihrer zentralen Forderung folgend – eine individuelle Willensentscheidung ist, resultiert die Tatsache, dass Thelema nicht dogmatisierbar, also nicht in Lehrsätze zu fassen und deshalb nicht als Lehre zu gestalten ist. Thelema entzieht sich jedem Versuch in diese Richtung, weil sein Kern damit ad absurdum geführt würde und das Resultat irgend etwas in Worte gefasstes, aber eben nicht mehr Thelema wäre - There is no law beyond Do what thou wilt. Ich habe zwei Versuche dieser Art beobachten können, einen aus eigener Anschauung in einer der größten und wahrscheinlich der bekanntesten thelemitischen Gruppen im deutschsprachigen Raum, der scheiterte grandios und hinterließ einige bemerkenswerte Texte. Den anderen Versuch verfolgte ich als Beobachter der wahrscheinlich kleinsten, aber mit Sicherheit kuriosesten thelemitischen Gruppe im deutschsprachigen Raum, der endete ziemlich jämmerlich und von ihm blieb nur der Spitzname "Thelema-Taliban" für das Grüppchen übrig. Natürlich wird nicht nur von Kritikern, sondern gerne auch von Menschen, die sich selbst als Thelemiten sehen oder an Thelema interessiert sind, auch weiterhin versucht, in Thelema Dogmen auszumachen oder eine Lehre zu erkennen, doch ich denke, dass von letzteren eigentlich etwas anderes in Thelema gesucht oder vermutet wird, nämlich nicht Erkenntnis und der Weg freier Willensfindung, sondern ein ihr Leben irgendwie strukturierendes Glaubenssystem als innerer Halt, eine Art aus ihrer Sicht "besseren" Christentums, weil das verfügbare aus den verschiedensten Gründen nicht als Halt für sie funktioniert. Die Möglichkeit des - einer Forderung Hannah Arendts folgend - Denkens ohne Geländer, die Thelema nicht nur bietet, sondern nachgerade einfordert, das Denken nicht durch uns selbst, sondern für uns selbst (Hannah Arendt), wird gar nicht erst erwogen, geschweige denn versucht, stattdessen versuchen diese Menschen, dem Konzept freier Willensentscheidung hierarchisch strukturierende Korsettstangen einzuziehen.
Um dieses Missverständnis von vornherein auszuschließen - dieser Text will keine Lehre konstituieren und es wäre durchaus möglich, das Thema auf anderen Wegen als dem hier gezeigten zu bearbeiten. Dieser Text ist nicht mehr und nicht weniger als ein Konzept, das eine bestimmte Richtung der Interpretation aufzeigen, Denkanstöße vermitteln und eine Möglichkeit zum Anschluss an die westliche Philosophie darlegen soll. Es soll gezeigt werden, dass sich der Anschluss als Erweiterung der Kantschen Übersetzung Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! des von Horaz in den Episteln geprägten Sapere aude in Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen und deinen Willen zu erkennen und zu leben! darstellt. Es soll darüber hinaus deutlich werden, dass im Rahmen der potentiellen Entscheidungsfreiheit in Bezug auf die individuelle Relevanz der Aspekte thelemitischer Weltsicht und Praxis die Ethik individueller Selbstverantwortung das verbindende und sozial konstituierende Element ist.

