Mittwoch, 23. Oktober 2019
 
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Anmerkungen zum Eurovision Song Contest 2019

Ich liebe den ESC! Darf man das sagen? Ich meine, ohne sich der grenzenlosen Verachtung wahrer Musikliebhaber preiszugeben? Ich weiß es nicht, aber ich tue es trotzdem, deshalb noch einmal: Ich liebe den ESC, seit 1998 Guildo Horn mit den Orthopädischen Strümpfen für Deutschland mit "Guildo hat euch lieb!" antrat. Schlimmer noch - seit dem Auftritt von Serebro im Jahr 2007 televote ich auch und - noch viel schlimmer - natürlich, sofern sie teilnehmen, für die Russen!

Die Russen sind - in aller Regel - aber auch verdammt gut, hier sind die Beiträge, für die ich gestimmt habe. Auffällig ist, dass Russland stets deutlich mehr Zuschauer- als Jurystimmen bekommt - so auch beim ESC 2019 (244 gegen 126) - ein Schelm, wer Arges dabei vermutet!

Schande lud die Europäische Rundfunkunion im Vorfeld zum ESC 2017 auf sich. Kurze Zeit nach der Bekanntgabe des Auftritts von Julija Samoilowa für Russland wurde bekannt, dass Samoilowa sich 2015 auf der Krim aufgehalten hatte. Nach ukrainischem Recht - oder was man dort halt darunter versteht - ist es verboten, anders als über ukrainischen Boden auf die Krim zu reisen, ein Betreten der Krim aus Russland ist illegal, was mit einem dreijährigen Einreiseverbot bestraft wird. Dieses wurde über Julija Samoilowa am 22. März 2017, also kurz Beginn der Halbfinale verhängt. Die EBU versuchte zu schlichten, aber das sonst so auf Diversität und Inklusion bedachte Europa, damit sind insbesondere die "Big Five" des ESC Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien gemeint, schaffte es nicht, der Ukraine die rote Karte zu zeigen und den Auftritt der unglaublich starken und beeindruckend tapferen jungen Frau den Auftritt zu ermöglichen. Russland sagte schließlich seine Teilnahme am ESC 2017 ab, um eine Eskalation des Streits zu vermeiden.

Nachfolgend einige unerlässliche Anmerkungen zum ESC 2019 beziehungsweise zur öffentlichen Wahrnehmung und Kommentierung des unsäglichen Auftritts von Madonna - wer sich das antun möchte, kann das hier tun, die Verlinkung führt direkt zum Auftritt (2:56:20):

Man kann diese schier unfassbare Darbietung natürlich auch positiv sehen, denn mit selbiger hat sich Madonna in gewisser, wenn auch so nicht beabsichtigter Weise um den ESC verdient gemacht. Immerhin ist nun die Verschwörungstheorie, beim ESC würde nur Playback und nicht live gesungen, endgültig widerlegt: "Sie haben es gehört, hier wird live gesungen." (ARD-Moderator Peter Urban)

Aber nun zu einer anderen Nummer vollendeter Impertinenz. Da hat eine Frau Carola Padtberg auf SPON einen Text hinterlassen, dass nicht etwa Madonna entsetzlich gewesen wäre, sondern dass nur die alten, weißen Cis-Männer - also solche wie ich - es sind, die Madonnas Auftritt entsetzlich fanden. Nun, ich habe hinreichend Kommentare von Frauen in diversen Livestream-Berichten gelesen, die Madonnas "Show" ebenso furchterregend fanden wie ich. Padtberg schreibt: "Im Showbiz müssen Frauen ihren Körper als Werkzeug verstehen. Um erfolgreich zu sein, unterwerfen sie sich dem ästhetischen Diktat." Dazu ist einerseits anzumerken, dass Madonna quasi die Erfinderin dieses "Diktats" ist und dass es andererseits jede Menge Frauen im internationalen Showgeschäft gibt, die selbigem eben nicht folgen und trotzdem - oder vielleicht auch gerade deshalb - bis ins Alter erfolgreich sind. Hat Patti Smith sich je das Diktat der ultraspitzen BHs und des Strumpfhaltertragens auf der Bühne gebeugt? Kann sich jemand Maria Archipowa - die derzeit vielleicht beste Rocksängerin - in Madonnas "Kleidern" auf der Bühne vorstellen? Hat Tarja Turunen je dieses "Diktat" befolgt? Nein, diese Frauen können - jede auf ihre ganz besondere Weise, deshalb diese drei Beispiele - exzellent singen und komponieren (Patti Smith und Maria Archipowa). Sie hätten nie so etwas wie Autotunes gebraucht und brauchen es bis heute nicht. Madonna kann nichts davon - trotz Autotunes, ihr defintiv einziger Beitrag zur Popmusik besteht in ihrer Funktion als einer der umtriebigsten Initialzünder und Betreiber der Kommerzialisierung der Branche bis zur Perversion. Die Padtberg entblödet sich tatsächlich nicht zu fragen "Na und? Schon mal Rihanna live gehört?", was wohl als Hinweis dienen sollte, dass andere Pop-Größen auch nicht singen können. Jep, haben wir - der Unterschied ist gewaltig, und das seit Jahren.

Rihanna - 6. Konzert der 777-Tour
Das ist das Londoner und mithin vorletzte Konzert der 777-Tour (7 Konzerte in 7 Städten in 7 aufeinanderfolgenden Tagen vom 14.11. bis 20.11.2012 in Mexiko-Stadt, Toronto, Stockholm, Paris, Berlin, London und New York), bei dem sie von dem hervorragenden Gitarristen Nuno Bettencourt begleitet wurde, ebenso wie hier bei Rock in Rio Brasil 2015:
Rihanna - Rock in Rio Brasil 2015

Das Problem ist ein ganz anderes, es resultiert aus der Tatsache, dass es viele Künster gibt, die ihre Karriere nicht in Würde beenden können - egal, ob Frau oder Mann. Es ist nicht minder furchterregend, wenn ehemalige Großmeister der Rockmusik - allesamt Männer - sich heute auf der Bühne blamieren nach dem Motto "Wir sind alt und brauchen das Geld". Ich denke da insbesondere an die letzten Auftritte von Yes, Led Zeppelin, Uriah Heep bzw. Ken Hensley, ganz schlimm auch Deep Purple und nur noch zum Fremdschämen die Rolling Stones. (Das Phänomen des Nichtabtretenkönnens findet sich auch in Industrie und Geschäftswelt, allerdings hat es da meistens gravierendere Folgen als eine peinlich Show.) Die einzigen Männer, die ihre Altersauftritte mit Bravour meistern, sind Ozzy Osbourne (weil ihm selbst praktisch nichts je peinlich war), Peter Hammill (weil er der Beste ist) und John Lydon (weil er eine lebende Legende mit uneinholbarem Status ist und alle, die ihn hätten überholen können, vor ihm gestorben sind).

Eine andere, hierzulande eher verhalten kommentierte Angelegenheit ist Madonnas Auftritt als "politische" Statement, womit das Zeigen der palästinensischen Flagge auf dem Rücken einer Tänzerin gemeint. Dass diese Arm in Arm mit einem Tänzer mit israelischer Flagge die Treppe hinaufschritt, gilt vielen als Signal des Friedens und der Völkerverständigung. War es das? Natürlich nicht, der Auftritt wäre es vielleicht gewesen, wenn Madonna ihn auch in Gaza-Stadt oder Ramallah gezeigt hätte. Was aber möglicherweise in einem plötzlichen Ableben der "singenden" Dame geendet hätte. In dieser Form und nur an die Adresse Israels gerichtet war er einfältig, plakativ und platt. Vermutlich beabsichtigt unkommentiert blieb der Auftritt einiger Tänzer in Gasmasken. Ich halte es für eine mehr als fragwürdige Idee, ausgerechnet in Tel Aviv Tänzer mit Gasmasken auftreten zu lassen, die Assoziation muss ich sicher nicht erläutern. Das Ganze war wie der geistige Zustand der USA insgesamt - dumm, ignorant und anmaßend.

Der ESC ist eine bewusst und absichtsvoll unpolitische Veranstaltung und das gilt für alle Teilnehmer und die Gäste. Wenn er es nicht wäre, fände er längst nicht mehr statt. Das Schöne am ESC ist, dass die - zumeist unerfreulichen - Realitäten der Welt für vier, fünf Stunden keine Rolle spielen und man stattdessen gemeinsam singt - was immer man von den Darbietungen der Wettbewerber auch halten mag. Dafür ist der ESC da - insbesondere in dieser Zeit der hysterischen Erregungsgesellschaft -, dass für vier, fünf Stunden auf dieses permanente "ich weiß alles viel besser als du" verzichtet wird. Die Regularien des ESC sind eindeutig und Madonna hat im Vertrag, der ihr eine nicht genau bekannte Summe im einstelligen Millionenbereich für diese sechs hingerotzten Minuten bescherte, die entsprechende Klausel unterschrieben. Die Europäische Rundfunkunion kommentierte Madonnas Flaggen-"Statement" so: "Dieses Element der Show war nicht Teil der Proben, die von der EBU und dem israelischen Ausrichter genehmigt worden waren. Der ESC ist unpolitisch, und das hatte man Madonna auch im Vorfeld klargemacht." Mit dem Lied mit politischen Inhalten waren "Like a Prayer" und die - reichlich infantile - Kirchenkritik und "Future" gemeint, das man, so man will, auch als politisch interpretieren kann. Die Flaggen und womöglich auch die Gasmasken waren der Versuch eines Spagats, nämlich zu ihren BDS-Freunden, um einerseits die Millionengage zu kassieren, für die sie schlicht nichts geliefert hat, und ihren Schrott in Europa zu promoten und dabei Erfahrungen zu entgehen, die zum Beispiel Radiohead und Nick Cave nach ihren Auftritten in Israel mit konzertiertem Hass seitens der BDSler gemacht haben. Für Madonnas Verhalten gibt es einen Begriff und der heißt Opportunismus.

Was das Thema selbst angeht - ich als Deutscher halte mich da bedeckt, ganz einfach deshalb, weil es ohne das Zutun meiner Eltern- und Großelterngeneration keinen Staat Israel gäbe. Sollte ich gefragt werden und doch geneigt sein zu antworten, halte ich es mit John Lydon: "Solange kein arabisches, kein muslimisches Land mit einer Demokratie in Sicht ist, verstehe ich nicht, wie jemand ein Problem damit hat, wie die Palästinenser behandelt werden."

Also, Frau Padtberg, beschäftigen Sie sich bitte mit der Historie der Popmusik, bevor Sie sich mal wieder gehalten fühlen, Ihren Senf zum Thema entäußern zu müssen oder schrieben Sie künftig über Themen, von denen Sie etwas verstehen, so es solche gibt.