Freitag, 28. Juli 2017
 

Netzkultur - Anmerkungen zur Kultur des Internet

Dieser Text entstand im Frühjahr 2004 und er ist dem Aufräumen nicht zum Opfer gefallen, weil er eine Zeit illustriert, als mit dem Netz noch die Vorstellung verbunden war, es sei ein Ort des öffentlichen Diskurses auf Augenhöhe und ein Raum des Informationsaustauschs und der geistigen Auseinandersetzung, der die Welt eine bessere werden lassen könnte. Entsprechend enthusiatisch waren die Erwartungen und der Umgang mit dem Netz. Das ist passé, die Leaks des Edward Snowden haben klar gemacht, dass wir seinerzeit einer Illusion nachhingen. Die hemmungslose Machtgier der Eliten wollten es anders, und das vermutlich von Anfang an. Auch wenn manche Autoren wie Sascha Lobo dagegen anschreiben - die Zeiten der Hoffnung sind vorbei. Das macht auch ein anderer Aspekt deutlich, nämlich dieser: Damals, in der Zeit vor Facebook und WhatsApp, umfasste ein durchschnittliches Posting 400 bis 500 Worte und nicht nur 5, wie das heute die Regel ist. Damals nannte man vehement geführte Auseinandersetzungen Flamewar und am Ende waren nicht selten kleine, literarische Meisterwerke zu bestaunen. Heute heißt das Shitstorm und am Ende ist exakt das übrig - ein großer Haufen Scheiße. Lesen Sie also den Text als Zeugnis der Illusionen einer vergangenen Zeit.

Netzkultur? Ja, die gibt es - auch, wenn dieser Umstand diversen Netzbewohnern gar nicht oder nur bedingt bewußt ist. Deshalb sei hier auf einige Aspekte dieser Kultur eingegangen. Der Mensch ist ein kulturelles Wesen, das sich unter anderem mittels sprachlicher Symbole eine eigene Welt erschafft, die Kultur genannt wird.

Diese Kultur manifestiert sich in verschiedenen Techniken und Institutionen, insbesondere aber zeigt sie sich in der Kommunikation in Medien und Kunst. Mit der Kultur erschaffen wir die eigentlich menschliche Sphäre und etablieren Orte der privaten und öffentlichen Begegnung.

Im Internet trifft die menschliche, kulturelle Vorstellungskraft auf materielle und soziale Konstitutionen unterschiedlichster Natur. Die mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft etablierte Differenz zwischen öffentlichem und privaten Raum wird aufgehoben, denn das Internet ist ein universaler Ort der Begegnung. Wenn auch noch unsicher ist, wohin er uns führen wird, kann der kulturelle Wandel durch das Internet doch kaum überschätzt werden. Zwar erschafft die Netzkultur keine primär neuen, also noch nicht auf andere Weise in anderer Form existierende, Inhalte und Produkte, aber sie konstituiert über die Möglichkeit des jederzeitigen Zugriffs auf diese Inhalte und Produkte eine neue Qualität im Rezipieren und Konsumieren derselben, was ganz neue Perspektiven kreativer Selbstbetätigung eröffnet. Dabei vermischen sich im Netz populäre und Hochkultur zu einer Medienkultur, die allein dem indiviuellen Gestaltungswillen zu folgen scheint. Besonders zu betonen ist an dieser Stelle, daß eine aktiver Aneignung der Netzkultur und ein solcher Umgamg mit ihr sowohl den Eigensinn als auch den Gemeinsinn zu stärken in der Lage ist. Wer statt kreativer Aktivität einen passiven Umgang mit dem Internet bevorzugt, verschenkt ohne Not zum guten Teil ein schöpferisches Potential, das die Netzkultur bieten und und dessen Umsetzung sie ermöglichen kann.

Das vielleicht wichtigste Ergebnis der Netzkultur ist die Intensivierung des sozialen Lebens auf breitestmöglicher, nämlich weltweiter Basis und das Internet hat eine Art von Gemeinschaft wiederbelebt, die formal am besten als Freundeskreis beschrieben werden kann. In die virtuelle Gemeinschaft wird man nicht über den Weg der klassischen Sozialisation aufgenommen, sondern der Netizien sucht oder schafft sich seinen eigenen Kreis. Um an der virtuellen Gesellschaft teilzuhaben, ist es nicht erforderlich, von seiner Individualität Abstriche zu machen oder sie gar aufzugeben - das Gegenteil ist der Fall. Die Wertschätzung der eigenen Individualität ist die unerläßliche Voraussetzung dafür, in die virtuelle Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Die Netzkultur ermöglicht einen sozialen Umgang, der bisher Bildungseliten vorbehalten war - sie überläßt jedem einzelnen Netzuser die Auswahl der Personen, mit denen er kommunizieren will. Elitär ist das im Unterschied zu den Bildungseliten deshalb nicht, weil jeder, der sich die heute leicht erlern- und handhabbaren Basistechniken des Netzes angeeignet hat, Communities, Diskussionsforen und Groups, Chats und Mailinglisten seiner Provinienz finden und selber eröffnen kann. Der offenen Vernetzung und den durchlässigen und transparenten Strukturen der Netzwelt entspricht optimalerweise eine Kommunikation, die den jeweils anderen wahrnimmt und in seiner ihm eigenen Individualität respektiert, ohne ihn vereinnahmen zu wollen resp. sich vereinnahmen zu lassen.

Die Netzkultur intendiert eine Lebensweise, die am treffendsten als nomadisch zu beschreiben ist. Diese ist allerdings von grundlegend neuer Qualität - es sind Nomaden der Weltläufigkeit und des Weltwissens, die unter Wahrung ihrer Indentität überall zu Hause sind und deshalb umsichtig mit ihrer Umwelt umgehen, in die sie sich selbst einbringen, sei es mit der eigenen Webseite, sei es in Forendiskussionen. Die Nomaden alten Stils, die nirgendwo zu Hause waren, und umstandslos weiterzogen, wenn sie ihre Umgebung und deren Ressourcen verbraucht hatten, sind ein parasitärer Anachronismus in der Netzkultur und dementsprechend unerwünscht. Nichtsdestoweniger gibt es sie, und das nicht zu knapp - da verhält es sich wie mit all den selbsternannten Erziehern, Wahrheitsverkündern, Erleuchteten - kurz Heils- oder Sonstwasbringern aller Couleur. Sie sind vollständig überflüssig, tummeln sich aber gerade in den geistes- und grenzwissenschaftlichen Bereichen in ganzen Rudeln.

Möglicherweise hören wir hier im Gedröhne der selbsternannten Weltenretter oder -zerstörer und im Geplapper ihrer Zöglinge und Claqueure ein Echo des Trampelns der Herdenmenschen, denen Friedrich Nietzsche in "Jenseits von Gut und Böse" einige Anmerkungen widmete, möglicherweise vernehmen wir darin den Widerhall des randalierenden Mobs, wie ihn Hannah Arendt in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" unter anderem mit den Worten "Der Mob kann nicht wählen, er kann nur akklamieren oder steinigen..." beschrieb. Ob diese Beschreibungen menschlicher Denk- und Merkwürdigkeiten generell für die Netzkultur ihre Gültigkeit haben, sei - gleichwohl ich persönlich davon ausgehe - hier dahingestellt. Auf jeden Fall haben wir uns wir nun der Kehrseite der Medaille zugewandt und zeitgemäßer als Nietzsche und Arendt und in der Sache härter als die allermeisten ihrer Kollegen gehen die niederländischen Netzkritiker Geert Lovink und Pit Schultz mit der Netzkultur ins Gericht. Sie konstatieren einen "multikulturellen Massenkonformismus, voller Mikropraxis und Ich-Management" und stellen fest:

Fuer Aussenseiter, Einsteiger und sogar fuer Fortgeschrittene bleibt das Netz ein Synonym fuer die sintflutartigen anschwellenden Netzgesaenge. Als achte Plage kurz vor dem Exodus setzt die Idee, dass alle 18 Monate die Information auf diesem Planeten sich verdoppelt den Bildungsbuerger in Angst und Schrecken. Der humanistische Wunsch der Mensch sei Herr ueber seine Daten macht aus der Verselbstaendigung technischer Medien ein endzeitliches Schreckgespenst. Das Problem ist vor allem das Heimtueckische der sich selbst vermehrenden Information, denen der glaeserne Buerger am elektronischen Halsband hilflos gegenuebersteht, betoert von den Kontrollmaschinen und dem unkrautartigen Wildwuchs unkontrollierter Datenproduktion, die ihre Spaesschen treiben mit dem Willen zum Wissen. Der gutgemeinte Trieb zum Grunde der Wahrheit hinabzutauchen, welcher je nach Vorliebe als Rettungsaktion oder als Faehigkeit zum Entscheiden deutlich werden soll, geht im anonymen Gemurmel profaner Freude am Rauschen unter. Die Baendigung des Netzes als zweite oder dritte Natur wird zum zentralen Vorhaben fuer die Entscheidungstraeger des 21. Jahrhunderts.
Geert Lovink, Pit Schultz: "Academia Cybernetica - Über die Sintflut als Internet" http://www.thing.desk.nl/bilwet/TXT/angst.txt

Peter Sloterdijk meint, einen "unaufhaltsame(n) Abstieg des Menschen von den alten manischen Höhen zur universell selbstzufriedenen, semidepressiven Mittelmässigkeit" ausmachen zu können und sieht im Medienzeitalter "einen Triumph der entgeisterten Vitalität... - orientiert am Leitbild sportlich-musikalischer Grenzdebilität". Auch der französische Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard sieht Veranlassung zu größter Skepsis:

Unsere gesamte Geschichte zeugt von dieser Anlage der Vernunft, die selbst auf dem Weg ist, sich zu zerlegen. Unsere Kultur des Sinns bricht zusammen unter dem Übermass an Sinn, die Kultur der Realitaet bricht zusammen under dem Uebermass an Realitaet, die Kultur der Information bricht zusammen unter dem Uebermass an Information. [...] Waehrend wir der Irrealitaet der Welt als Schauspiel die Stirn bieten konnten, sind wir vor der extremen Realitaet dieser Welt, vor dieser virtuellen Perfektion schutzlos.
ebd.

Angesichts der rasanten Entwicklung hatte der französische Architekt und Schriftsteller Paul Virilio vor einiger Zeit die Besinnung auf die Langsamkeit postuliert, was seinerzeit für eine arg provozierende Haltung gegenüber einer, wie man meinte, ausschließlich auf Geschwindigkeit fixierten Kultur gehalten wurde. Ich fand Virilios Aufruf schon damals eher anrührend in seiner Hilflosigkeit und er hatte mit selbigem genauso viel Erfolg, wie ihn sein Schriftstellerkollege Sten Nadolny vor 20 Jahren, als sich noch keiner wirklich die kommende Entwicklung vorstellen konnte, mit seiner Entdeckung der Langsamkeit hatte - nämlich keinen. (Wobei ich hier nicht den literarischen und feuilletonistischen Erfolg meine.) Die zentrale Frage hinter all den Skeptizismen und Untergangsbefürchtungen ist die, ob und - falls ja - wie es in Anbetracht des permanenten Datenstromes überhaupt möglich ist, einen eigenen Standpunkt als unerläßliche Voraussetzung für kritische Argumente finden zu können. Eine weitere Frage ist, ob und wie es dem Netizien möglich ist, diesen Datenstrom nicht per se mit Informationen als solchen zu verwechseln, sich also im Sog des Datenstromes die Fähigkeit zum Validieren, Verifizieren und Rezipieren der Daten zu bewahren und sinnvoll zu nutzen.

Die Netzkultur setzt de facto weltweit und in hohem Tempo das fort, was die Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, in Gang setzten: Sie erschafft eine Kultur ohne Referenz, der die libidinösen Verwicklungen eines US-Präsidenten ebenso willkommenen, weil verwertbaren, weil konsumierbaren Stoff bietet wie die Enthauptung einer Geisel durch Terroristen. Dabei ist es in der Regel keineswegs so, daß der Netzbürger betrogen würde, denn buchstäblich alles ist verfügbar und verlangt ohne jeden Verweis auf etwaige Relevanz oder Irrelevanz danach, konsumiert und zur Information verwertet zu werden. Das sich mit der Netzkultur manifestierende Problem ist daher nicht das Verschweigen von Informationen, sondern die schon von Neil Postman für das Fernsehen beklagte Beliebigkeit der Überfülle: "Niemals hört das Rauschen auf und, kaum wahrgenommen, verschwindet das Bild, der Text, die Nachricht, ohne je zur Einsicht geworden zu sein."

Also was tun? Nun, zunächst ist festzustellen, daß die oben zitierten Kritiker ohne Ausnahme den Willen des Menschen als sein offensichtliches, geistiges Organ für die Zukunft und sein Potential zur Selbstbestimmung dramatisch zu unterschätzen oder gar zu ignorieren scheinen. Besonders Lovink und Schultz verheddern sich in ihrer eigenen Argumentation und wechseln nach Belieben zwischen den Begriffen Datum und Information, ohne hinreichend den Umstand zu berücksichtigen, daß das Netz zunächst nichts als binär in Einsen und Nullen codierte Daten liefert und erst der Mensch als Netzgestalter und -nutzer selbige rezipierend zu Informationen werden läßt. Hier hilft Luhmanns systemtheoretische Gelassenheit weiter, der befand, daß wir nicht zwangsläufig lediglich passive Konsumenten der Medien wären, sondern befähigt seien, eine, unserer autopoietische Verfaßtheit entsprechende, Auswahl der Informationen für uns selbst organisieren. So eröffnet sich die Chance, mit der vielerseits beklagten Unbestimmtheit souverän umzugehen, ohne der Beliebigkeit anheim zu fallen und diese Unbestimmtheit selbst als Chance zu kreativer Selbsterschaffung zu begreifen. Das impliziert, daß jeder in der Netzkultur agierende Mensch sich selbst in seiner Individualität positioniert, und zwar authentisch, und in seinem gestalterisch-kreativen Willen definiert. Wer allerdings meint, das Netz für sich als Tummelplatz seiner Eitelkeiten funktionalisieren zu können, wer meint, im Netz Dinge bewegen oder gar "reißen" zu können, die er im real life nicht im Ansatz vom Fleck bekommt, hat das Prinzip der Netzkultur nicht annähernd verstanden und wird sich irgendwo im Netz als Nomade archaischen Zuschnitts, im überflüssigsten Fall als Troll, wiederfinden.

[geschrieben 03/2004, Update 20.07.2014]