Freitag, 18. August 2017
 

Der "Fall Sieferle" oder: Die seltsame Karriere eines Bestsellers
Eine wirklich lustige Geschichte in Bildern

In der ersten Juniwoche des Jahres 2017 wurde Sieferles "Finis Germania" auf Platz 9 in die Sachbuchempfehlungsliste aufgenommen, welche der NDR zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" betrieb - mittlerweile wurde die Liste eingestellt. Es dauerte nur zwei Tage, bis ein gewisser Andreas Speit, Lohnschreiber bei der TAZ und selbsternannter Rechtsextremismusexperte, befand, das "Sag- und Wählbare hat sich in der Bundesrepublik nach weit rechts verschobenen" und es wäre "Zeit, über die Entgrenzung nach rechts im Feuilleton zu reden". Also denunziert er das Buch am 07.06.2017 in der TAZ als rechtsextrem und antisemitisch.

http://www.taz.de/!5416892/

Prompt schlug der "Fall Sieferle" ziemlich hohe Wellen in den sogenannten Leitmedien von ZEIT bis FAZ und die Reaktion des NDR auf diese seltsame Inszenierung um ein schmales Bändchen von 92 Textseiten im A6-Format mit knapp 20.000 Wörtern liest sich so:

Der Fall Sieferle - Die NDR-Sachbuchempfehlung mit Distanzierung

Der Fall Sieferle - Die NDR-Sachbuchempfehlung mit Distanzierung

Dessen nicht genug - der NDR beerdigte die Sachbuchliste, wozu am 13.06.2017 folgende Erklärung zu lesen war:
"In den vergangenen Tagen haben Presseartikel den Gedanken nahezulegen versucht, die Aufnahme dieses Buchs in die Sachbuchliste sei ein Indiz dafür, wie sich Feuilletons und Kulturredaktionen rechtsextremen Ideen annäherten. Dem widerspricht Barbara Mirow, Leiterin von NDR Kultur: ‚Die Empfehlung der Jury ist für uns nicht tragbar. Wir distanzieren uns entschieden. Bis zur vollständigen Aufklärung der Frage, wie es zu dieser gravierenden Fehleinschätzung der Jury kommen konnte, werden wir die Zusammenarbeit mit den Sachbüchern des Monats aussetzen. Und wir werden die Liste vorerst nicht mehr veröffentlichen."
https://www.ndr.de/kultur/NDR-Kultur-setzt-Zusammenarbeit[...].html

Soweit, so dämlich. Allerdings hatte keiner der "Anständigen" (Schröder) aus "Helldeutschland" (Gauck), "die schon länger hier leben" (Merkel) damit gerechnet, was in den folgenden Tages passierte: Das Buch schoss innerhalb weniger Tage bei Amazon auf Verkaufsrang 1 in der Kategorie "Bücher".

Der Fall Sieferle - die Überraschung, das Amazonranking am 20.06.2017

Götz Kubitschek kommentiert das Phänomen am 12.06.2017 folgendermaßen:
"Finis Germania, das bei Antaios erschienene Bändchen aus dem Nachlaß des Kulturphilosophen Rolf Peter Sieferle, steht seit Stunden auf Verkaufsrang Nr. 1 bei amazon [...] Selbst der 1. Rang in dieser Liste [gemeint ist die NDR-Liste] hätte die Absatzzahlen nicht wesentlich gesteigert - zu erwartbar, zu langweilig, mit zuviel Konsenswärme erfüllt ist diese Liste, und das Prozedere ihres Zustandekommens selbst verweist schon auf eine langweilige Institution."
https://sezession.de/57290/

Am 14.06.2017 ergänzte Kubitschek
"Der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel plazierte Finis Germania auf der Sachbücher-Empfehlungsliste Juni, die parallel von der Süddeutschen Zeitung und vom NDR veröffentlicht wird. Er kumulierte dabei seine Punkte. [...] Finis Germania erreichte Platz 9. Dies allein hätte noch kein Erdbeben ausgelöst, denn die Liste ist nicht populär. Uns persönlich bekannte Autoren, die sich dort wiederfanden, berichteten von winzigen Verkaufswölbungen, die eine Plazierung nach sich zog."
https://sezession.de/57295/

Dann kam, was - bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls - kommen musste: Finis Germania landete in der SPIEGEL-Bestsellerliste, die sich angeblich an reinen Verkaufszahlen orientiert.

Der Fall Sieferle - Finis Germania in der Spiegel-Bestsellerliste

Das Echo in den sogenannten "Leitmedien" war gewaltig und schon zwei Tage später nahm das selbsternannte "Sturmgeschütz der Demokratie" (Rudolf Augstein) das Buch wieder von der Liste - Verkaufszahlen hin oder her. Susanne Beyer, stellvertretende Chefredakteurin des SPIEGEL, erklärte das am 25.07.2017 so: "Das Buch ‚Finis Germania‘ hat in der SPIEGEL-Bestsellerliste von Heft 29 Platz 6 erreicht. Ohne die Empfehlung unseres Kollegen hätte das Werk des im vergangenen Jahr verstorbenen Autors es unserer Einschätzung nach nicht in die Liste geschafft; das Buch ist in einem kleinen und durch rechtsextreme Publikationen geprägten Verlag erschienen. Insofern haben wir in diesem Fall eine besondere Verantwortung. Deswegen haben wir das Buch in Heft 30 von der Liste heruntergenommen."
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/finis-germania[...].html

Da speit der TAZ-Andy vor Begeisterung und weiß in seinem Blättchen am 26.07.2017 anzumerken: "Spiegel streicht 'Finis Germania' Die Zeitschrift hat das Buch von ihrer Bestsellerliste genommen. Die Empfehlung eines Spiegel-Redakteurs hat es erst so bekannt gemacht."
http://www.taz.de/!5429639/

Das ist natürlich völliger Blödsinn, der Mann ist entweder ein Lügner oder er weiß nicht, was er tut, möglicherweise trifft auch beides zu. Er hat das Buch bekanntgemacht, bis zur Inszenierung des Skandals wussten viele Bücherfreunde nichts von der Existenz dieser Liste, Kubitscheks oben zitierte Anmerkungen treffen den Sachverhalt exakt.

In diesem Kontext wurde ein anderes Phänomen deutlich. Als der Sieferle noch auf der Spiegelliste stand, versuchte ich, das Buch zu kaufen. Es blieb beim Versuch, denn weder in den Berliner Hugendubel- und Thalia-Filialen noch bei Dussmann war das Buch zu haben, es war in den üblichen Spiegel-Bestsellerregalen nicht vorhanden. Die Fächer - ich habe alle Berliner Filialen der genannten Händler abgeklappert - waren entweder leer oder es stand irgendetwas darin. Die originellste Idee hatte die Hugendubel-Filiale am Hermannplatz, dort wurde die Zählung einfach geändert, die dann so aussah: 1, 2, 3, 4, 5, 7... Immerhin ließ sich eine Mitarbeiterin dieser Filiale - in allen anderen Buchhandlungen taten die Angestellten so, als wüssten sie von nichts - auf eine kleine Diskussion ein, in deren Verlauf deutlich wurde, dass "Finis Germania" - Spiegel-Bestseller hin oder her - gar nicht erst bestellt wurde.

Was lernen wir daraus?

1.) Hin und wieder produzieren ideolgische Verblendung, Eiferei und blinder Hass durchaus unterhaltsame Eigentore und Knieschüsse. Die sich solchermaßen selbst Lädierenden lernen aber nichts daraus, möglicherweise merken sie es nicht einmal. Das verdient eine Merkbefreiung:

Der Fall Sieferle - eine Merkbefreiung

2.) Rolf Peter Sieferle erhält post mortem eine Aufmerksamkeit, die er zu Lebzeiten nie hatte und nie hätte erreichen können. Es sei ihm gegönnt.

3.) Es gibt offensichtlich und wider Erwarten eine signifikante Anzahl von Menschen in diesem Land, die sich der Reglementierung des Denkens verweigern und die sich ihre Meinung mittels selbständigen Lesens lieber selbst bilden statt sie sich von den leitmedialen Propagandisten diktieren zu lassen.

4.) Das Bedürfnis nach einer offenen Auseinandersetzung mit den von Sieferle angerissenen Themen ist offensichtlich größer als vermutet resp. behauptet.

5.) Diese Auseinandersetzung wird es so nicht geben, denn der Diskurs in diesem Land ist tot. Das war mal anders, ich erinnere an den Historikerstreit 1986/87 als Reaktion auf Ernst Noltes Text.
https://de.wikipedia.org/wiki/Historikerstreit

"Finis Germania" hält seinen Platz im Amazon-Verkaufsrankung seit fast einem Monat. Bemerkenswert ist auch die Zahl der positiven Kundenrezensionen, von denen darüberhinaus zahlreiche fundiert und kenntnisreich argumentieren. Bemerkenswert ist der Mitnahme-Effekt. Sieferles letztes großes Werk "Das Migrationsproblem: Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung." (Manuscriptum, Waltrop 2017) steht seit drei Wochen im Amazonranking auf Platz 1 in der Kategorie "Sozialpolitik", zeitweise belegte es Platz 3 in der Kategorie "Bücher". Auch Akif Pirinçcis "Der Übergang: Bericht aus einem verlorenem Land" (Antaios, Steigra 2017) profitiert vom Sieferle-Hype, das Buch rangiert derzeit auf Platz 2 in "Politikwissenschaft" und Platz 10 in "Sozialwissenschaft". (Stand vom 05.08.2017.)

Der Fall Sieferle - das Amazonranking am 04.08.2017

"Finis Germania" landet auf Platz 1 der Bild-Bestsellerliste. Wie lange das Büchlein dort bleiben darf, wird sich zeigen. Eines steht aber jetzt schon fest: Viel dümmer hätte es für die leitmedialen Damen und Herren nicht laufen können.

Der Fall Sieferle - und nun Finis Germania in der Bild-Bestsellerliste

Anhang (Netztexte und -videos)

Seibt, Gustav: Nachruf: Der Unerschrockene. SZ.de, 09.10.2016
(Man beachte die spätere Ergänzung ohne Datumsangabe, die dem Text vorangestellt wurde.)
http://www.sueddeutsche.de/kultur/nachruf-der-unerschrockene-1.3196935

Klonowsky, Michael: Ein Brief von Professor Sieferle (Dokumentation). Oktober 2016
https://www.michael-klonovsky.de/[...]der-ganz-europa-destabilisierende-wahnsinn[...]

Lengsfeld, Vera: Das Migrationsproblem. vera-lengsfeld.de, 02.03.2017
http://vera-lengsfeld.de/2017/03/02/das-migrationsproblem.../

Schröder, Christian: Skandal um die "Sachbücher des Monats". Tagesspiegel, 12.06.2017
http://www.tagesspiegel.de/kultur/skandal-um-die-sachbuecher-des-monats[...].html

Hintermeier, Hannes: Radikales Votum. FAZ.net, 12.06.2017
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kommentar-zu-sieferle[...].html

Kubitschek, Götz: Panikreaktionen - Sieferle auf Platz 1. Sezession.de, 12.06.2017
https://sezession.de/57290/

Kühn, Ulrich: NDR Kultur setzt Zusammenarbeit aus. NDR.de, 13.06.2017
https://www.ndr.de/kultur/NDR-Kultur-setzt-Zusammenarbeit...aus.html

Lichtmesz, Martin: Die Denunzianten und der Streisand-Effekt. Sezession.de, 13.06. 2017
https://sezession.de/57289/

Kubitschek, Götz: Der Skandal Sieferle - die wichtigsten FAQ. Sezession.de, 14.06.2017
https://sezession.de/57295/

Bartels, Gerrit: "Finis Germania" wird Bestseller: Von rechts nach oben. Tagesspiegel, 16.07.2017
http://www.tagesspiegel.de/kultur/finis-germania-wird-bestseller[...].html

Klonowsky, Michael über Sieferle, 17.06.2017
https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna/item/579-17-juni-2017

Caldwell, Christopher: Germany’s Newest Intellectual Antihero. NYT, 08.07.2017
https://www.nytimes.com/2017/07/08/.../germanys-newest-intellectual-antihero.html

Beyer, Susanne: "Finis Germania" und die SPIEGEL-Bestsellerliste. SPON, 25.07.2017
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/finis-germania-und-die-spiegel-bestsellerliste[...].html

Kissler, Alexander: Das verschwundene Buch. Cicero, 27. Juli 2017
http://cicero.de/kultur/Spiegel-Bestsellerliste-Das-verschwundene-Buch

Götz Kubitschek zu seinem unerwünschten Bestseller "Finis Germania"
https://www.youtube.com/watch?v=KdKC72rS6ng

Klonowsky, Michael über Sieferle. 28.07.2017
https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna/item/614-28-juli-2017

Sichtdatum aller URLs: 28.07.2017