Johannes Agnoli und die deutsche Linke - Analyse einer Groteske

Anlässlich der Ereignisse in Leipzig-Connewitz zum Jahreswechsel 2019/2020 fragte ich mich ziemlich erstaunt, woher dieser Furor kommt, der sich da entlädt. Zorn und Renitenz sind natürlich ein Spezifikum jugendlicher Revolte gegen die Alten und deren Verständnis von der Welt, das ging mir in meiner Jugend nicht anders und ich habe mir beides bis heute erhalten, wie meine Leitmotive Etiam si omnes, ego non (Auch wenn alle mitmachen, ich nicht - Philipp Freiherr von Boeselager) und Я всегда буду против (Ich werde immer dagegen sein - Jegor Letow) verdeutlichen. Absolut unverständlich sind mir der blinde Hass, der sich da entlädt, und die leit- und qualitätsmediale Ignoranz bezüglich desselben.

Freilich ist ein nicht unerheblicher Teil der Connewitzer längst dem Alter entwachsen, das ihre Revolte als jugendlich einstufen ließe. Was mich erstaunte, waren die blinde Wut und der blanke Hass, der sich in der Randale der Connewitzer Linksautonomen und Antifa manifestierte. Neben der Tatsache, dass die quasi ihr eigenes Wohnzimmer verwüsten, erstaunte mich die abgrundtiefe Verachtung und der nicht minder tiefe Hass auf ein System, das die allermeisten der juvenilen oder schon ergrauten Randalierer in materieller Hinsicht (für das Immaterielle ist jeder für sich selbst zuständig) zeitlebens vergleichsweise komfortabel versorgte und weiterhin versorgen wird, den größeren Teil von ihnen durch Bezug von ALG II.
Auf der Suche nach einer Erklärung beziehungsweise der Motivation sah ich mich einerseits auf der Netzseite von Conne Island, das neben seiner eigentlichen Funktion als Jugend-Kulturzentrum in den letzten Jahren zu einer Art Hauptquartier der Connewitzer Linksautonomen und Antifa wurde, und andererseits auf Indymedia um, das Connewitz eine eigene Rubrik gewidmet hat. Hier wurde ich erneut überrascht, denn ich stellte fest, dass eine Figur, von der ich annahm, sie verstaubte längst in der Abteilung "Grober Unfug und Schwachsinn" der marxistischen Rumpelkammer, eine ebenso seltsame wie verblüffende Renaissance erlebt - der in den 1960er Jahren zum "Marxisten" mutierte, vormalige "nationalsozialistische Antifaschist" (Selbstbeschreibung), SS-Freiwillige (wurde zur Wehrmacht weitergeleitet) und Wehrmachts-Partisanenjäger in Jugoslawien Johannes Agnoli. So wurden und werden im Conne Island recht regelmäßig Filmabende und seminarähnliche Veranstaltungen zu Agnoli abgehalten. [1 Quellen] Auf Indymedia sind die Aktionen der Connewitzer Antifa ausführlich erläutert, zum Beispiel unter Titeln wie "Wir hielten unser Wort - Warum wir Bullen angreifen" oder "Wir suchen die direkte Konfrontation - Bullen angreifen!". [2 Quellen] Am Rande angemerkt - was die Zahl linksextremer Straftaten angeht - da haben Linksautonome und Antifa ganz offensichtlich andere Quellen als die sogenannten Leit- und Qualitätsmedien, nämlich ihre eigenen, wie die mit Stolz präsentierte Statistik der Berliner Linksautonomen und Antifa zeigt, die unter dem Titel "Berlin Militant 2019 - Jahreschronik" zumindest all das auflistet, was eh in der polizeilichen Rundablage landet: "Das sind 142 Aktionen an der Zahl in relativ gleichbleibender Frequenz über die Monate (bis auf Januar mit nur vieren)". [3 Quelle]

Doch zurück zu Agnoli - mir war der Mann schon immer zuwider, das heißt, seitdem ich mich in ebenso endlosen wie zähen Debatten in linken Zirkeln Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre mit ihm beziehungsweise seinen Elaboraten auseinandersetzen musste. Ich hielt und halte Agnoli für einen selbstgerechten Heuchler und Blender und überdies für einen eitlen Schwätzer, der sich nicht entblödete, sein Theoriekonstrukt als "Marxismus-Agnolismus" zu verkaufen. Seine "Theorie" ist nichts als synkretischer Unfug, eine Mischung trivialisierter Marx-Engels-Exegese mit einem faschistoiden Kern, garniert mit einigen Versatzstücken aus dem ideologischen Fundus von Anarchismus und Libertarismus. Schon damals erstaunte mich, wie blind man seitens der Linken dem Agnoli die Wandlung vom faschistischen Saulus zum marxistischen Paulus abnahm - und wie selten wahrgenommen, geschweige denn verstanden wurde, dass der Kern der Agnolischen Ideologie faschistoid oder gar faschistisch geblieben ist. Allerdings nahm ich bis vor Kurzem an, Agnoli und sein in Lettern gesetzter Stuss wären Geschichte beziehungsweise von der Geschichte überholt, aber das war ein Irrtum. Auch in der Linken - gemeint ist die Partei - hat Agnoli offensichtlich Fans, und zwar genug, um die Rosa-Luxemburg-Stiftung Ende November 2014 eine Tagung unter dem Titel "Transformation der Demokratie - demokratische Transformation" abhalten zu lassen, die "absichtsvoll an das von Johannes Agnoli und Peter Brückner erstmals 1967 veröffentlichte Buch über die Transformation der Demokratie" erinnern soll. [4 Quelle]

Wer war dieser Agnoli? Giovanni Agnoli entstammte einer vormals wohlhabenden Familie in Valle di Cadore in den östlichen Dolomiten, die in der Weltwirtschaftskrise ihr Vermögen verlor. Als Mitglied der Opera Nazionale Balilla, der Jugendorganistation der Partito Nazionale Fascista (der italienischen HJ quasi) wurde er Provinzialführer der Oberschuljugend. Der Zweite Weltkrieg war für den jungen Agnoli ein "Total-Kampf zweier Welten: der Macht des Goldes und des Stahlpaktes Italien-Deutschland" mit ihren beiden Führern, "die in der zeitgenössischen Geschichte keinen Vergleich haben, die sich nicht um Opfer und Verluste sorgen, um den vollständigen Sieg zu erringen." Er verfasste enthusiastische Schriften auf den Krieg, den Duce und den Faschismus, was dann so klang:

»Der gegenwärtige Krieg ist der Krieg zwischen dem Prinzip Arbeit und dem Prinzip Kapital. [...] An unsere richtige Sache zu glauben, an die Idee, für die heute viele junge Männer sterben, weil nur wir das Recht haben, uns Verteidiger der Kultur zu nennen: weil unser Glaube nicht nur den Namen Faschismus trägt, vielmehr den Namen Europa«.
[5 Quelle der Zitate]

Nach dem Abitur im Mai 1943 und der deutschen Besetzung Italiens meldete Agnoli sich bei der Waffen-SS, die für die Rekrutierung ausländischer Kriegsfreiwilliger zuständig war. Sie überstellte ihn zu den Gebirgsjägern der deutschen Wehrmacht, wo er bei der Bekämpfung der jugoslawischen Partisanen eingesetzt wurde. Die gelegentlich zu lesende Behauptung, Agnoli wäre Mitglied der SS gewesen, ist falsch, ebenso falsch ist sicher auch die nicht minder oft zu lesende Behauptung, er sei lediglich Kompaniemelder gewesen und habe "auf den Feind nicht schießen dürfen". Die Behauptung, Agnoli habe "auf den Feind nicht schießen dürfen", geht posthum auf seine Frau Barbara Görres Agnoli (vgl. Quelle 5) zurück und ist von erlesener Verlogenheit, insbesondere im Kontext der extrem brutalen Bekämpfung der Tito-Partisanen seitens der Wehrmacht. Geglaubt haben es Agnolis "linke" Fans gerne, und zwar bis heute.
Im Mai 1945 geriet Agnoli in britische Gefangenschaft und wurde im Kriegsgefangenenlager im ägyptischen Moascar in der Sueskanalzone interniert und wurde im Sommer 1948 durch Vermittlung eines deutschen Mitgefangenen nach Deutschland entlassen. In Urach, dem heutigen Bad Urach, arbeitete er zunächst in einem Sägewerk, bis er im Dezember 1949 mit einem Kriegsteilnehmer-Stipendium Philosophie, im Nebenfach hatte er Politikwissenschaft belegt,an der Universität Tübingen studieren konnte. Im Mai 1955 wurde er in Deutschland eingebürgert. 1957 trat er in die SPD ein, aus der er 1961 als Mitglied der Sozialistischen Förderergesellschaft wegen des Unvereinbarkeitsbeschlusses mit dem SDS ausgeschlossen wurde.
Nach einer Assistenzzeit an der Universität Köln kam er 1962 an die Freie Universität Berlin. Auf Empfehlung von Wolfgang Abendroth wurde Agnoli 1970 Assistent von Ossip K. Flechtheim am Otto-Suhr-Institut, er habilitierte sich dort 1972. Er war von 1972 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1990 zunächst Assistenzprofessor und später ordentlicher Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der FU Berlin. Agnoli gilt als einer der Vordenker der 68er-Studentenbewegung.
"Das Buch "Die Transformation der Demokratie", das er 1967 zusammen mit dem Sozialpsychologen Peter Brückner verfasste, enthält seinen Aufsatz gleichen Titels zur radikaldemokratischen Wahl- und Pluralismuskritik in Deutschland. Anhänger des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und der Außerparlamentarischen Opposition (APO) betrachteten dieses Werk in den späten 1960er Jahren als einen zentralen programmatischen Text. Kennzeichnend für Agnoli ist eine eindeutige Ablehnung des Repräsentativsystems, des Parlamentarismus und des vom deutschen Grundgesetz konzipierten Leitbildes der Demokratie. Agnoli war 1967 maßgeblich an der Gründung des Republikanischen Clubs in West-Berlin beteiligt und auch an den Debatten und Aktionen der (APO). Agnoli starb am 4. Mai 2003 in der Toskana. Seine Witwe übergab Anfang 2006 seinen Nachlass an die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Die knapp 1.500 Bücher und Broschüren werden dort in der Johannes-Agnoli-Bibliothek präsentiert." [nach Wikipedia zitiert, [6 Hinweis]

Soweit die biografischen Daten zu Agnolis Leben, die Quellen sind hier zu finden. Nun kann man - sicherlich mit einigem Recht - Agnolis juveniler Begeisterung für den Faschismus und sogar, wenn auch deutlich weniger berechtigt, seiner Freiwilligenmeldung zur Wehrmacht jugendliche Naivität und seine Sozialisation in einem faschistischen Staat entschuldigend zugute halten. Nicht zu rechtfertigen oder zu entschuldigen ist die Tatsache, dass sich Agnoli nie von seinem Spiritus Rector Vilfredo Pareto distanzierte und nie den von Pareto übernommenen Kern seiner Ideologie - die abgrundtiefe Verachtung der repräsentativen parlamentarischen Demokratie - revidierte, dazu später mehr. Nicht zu rechtfertigen oder zu entschuldigen ist sein, zwischen Verleugnung und Prahlerei changierendes Spiel mit seiner faschistischen Vergangenheit. Bei Kraushaar finden sich bemerkenswerte Hinweise dazu.

»Viele seiner politischen Mitstreiter ließ Agnoli über seine faschistische Vergangenheit und seine Zeit als Soldat der Wehrmacht lange Zeit in Unkenntnis. Auch sind seinem Werk keine Hinweise darüber zu entnehmen, wie er sich vom Faschisten zum Sozialdemokraten und später zum Marxisten und radikalen Sozialisten gewandelt hat. [...] Eine mehr als nur taktische Befürwortung von Wahlen kam für ihn nicht in Frage. [...] Ein Bielefelder Soziologe berichtet inzwischen, was er 1958 auf einer Tagung in Vlotho mir dem dort als Referenten auftretenden Agnoli erlebt hat: "Beim abendlichen Rotwein hat er mit uns Achtzehnjährigen [...] sehr freimütig über die Ambivalenzen seiner Südtiroler Herkunft, seine Aktivitäten in faschistischen Organisationen und seine immer noch nicht ganz erloschenen Sympathien für Mussolinis radikal faschistische Repubblica Sociale Italiana erzählt."«
Kraushaar, Wolfgang: Agnoli, S. 177 (vgl. Fußnote 7) Kraushaar zitiert in Fußnote 62 auf derselben Seite nach Frese, Jürgen: Agnolis Botschaft. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Dezember 2006.

Agnoli schaffte es bis zu seinem Tod nicht, seine juvenile Begeisterung für den Faschismus und den Nationalsozialismus sinnvoll einzuordnen und intellektuell zu verarbeiten, emotional vermutlich auch nicht. Statt einer selbstkritischen Auseinandersetzung bastelte er sich ein infantiles Erklärungsmuster, eine Art faschistoides Wolkenkuckucksheim - und er behielt das zentrale Element seiner damaligen Weltanschauung, nämlich die Verachtung für die parlamentarische Demokratie, bei und spann es in sein "linkes" Weltbild ein. Konsequenterweise äußerte sich Agnoli nie öffentlich zum Holocaust, zu den Kriegsverbrechen an der Ostfront oder zu anderen Themen in Bezug auf den Nationalsozialismus. Die wenigen Male, in denen er sich in Texten zum italienischen Faschismus äußerte, waren für ihn nie Menschen und ihr Handeln - sei es als Opfer, sei es als Täter - relevant, sondern nur Strukturen als Ausdruck von Klasseninteressen - oder was er darunter verstand. In einem Interview aus dem Jahr 2000, das erst im Juni 2003 veröffentlicht wurde, macht er diese bemerkenswerten Aussagen:

»Bertsch: Du bist in Italien aufgewachsen, genauer gesagt in den Dolomiten, und hast dich als junger Mann den Nationalsozialisten angeschlossen hast. Wie kam das?
Agnoli: Ich war Provinzialführer der Oberschuljugend innerhalb des faschistischen Jugendverbandes und schon damals wegen meiner Orientierung an Deutschland bekannt. Ich hatte Kant, Fichte, Hegel, Goethe, Hölderlin gelesen - alles auf Italienisch wohlgemerkt. Das war für mich Deutschland. Und dann habe ich einen eigentümlichen Fehler begangen, ich habe etwas gemacht, was die Nazis auch machten: die volle Identifikation zwischen dem Deutschland, das ich kannte - die erwähnten Namen - und Nazideutschland. Deswegen habe ich mich 1943 freiwillig zur deutschen Wehrmacht gemeldet.«
Bertsch, Matthias: Marxist-Agnolist. Interview mit Johannes Agnoli. [8 Quelle]

Nüchtern formuliert sagte Agnoli hier, dass eigentlich Kant, Fichte, Hegel, Goethe, Hölderlin für seine Meldung zur Wehrmacht als wohlgemerkt Nichtdeutscher und seine Tätigkeit als Partisanenkiller verantwortlich waren und dass der Nationalsozialismus im Grunde ein Irrtum infolge einer Überidentifikation der Deutschen mit ihren Geistesgrößen war. Darauf muss man erst einmal kommen! Spätestens hier stellt sich die Frage, wie sich ein Schwätzer, Blender und Dünnbrettbohrer wie Agnoli im akademischen Betrieb der Bundesrepublik etablieren und - seinerzeit und offensichtlich in Teilen der Linken bis heute glaubhaft - den Sturz des Systems predigen konnte, das ihn mit üppigem Gehalt und Pensionsanspruch ausstattete. Dazu weiß Götz Aly Erhellendes zu berichten, der seinerzeit am OSI studierte und das - in der Rückschau eher zweifelhafte - Vergnügen hatte auch Agnolis Student zu sein. Die damalige Situation beschreibt Aly so:

»Planstellen gab es plötzlich im Überfluss. An vielen neu gegründeten Universitäten erlangte man Assistenzprofessuren ohne Promotion, Leute wurden zu Lehrstuhlinhabern, die noch nie ein Buch oder einen bedeutenden Aufsatz verfasst hatten. Man sprach von Discount-Professuren.«
Aly, Götz: Unser Kampf 1968. S. 130 [9 Quelle]

Natürlich blieben bei dem solcherart einsetzenden Rattenrennen etliche Professoren alter Schule - sowohl liberale als auch konservative - auf der Strecke, auch davon weiß Aly zu berichten:

»Zum Beispiel ergatterte eine relativ spät zum Marxismus bekehrte junge Wissenschaftlerin, Jahrgang 1944, im Jahr 1970 auf der Basis ihrer Diplomarbeit eine gut dotierte Stelle an der neu gegründeten Universität Bremen. In den Neunzigerjahren äußerte sie sich über ihre kollektiv gestützten Kampf-Auftritte: "In den Formen der Hochschulpolitik waren wir unheimlich brutal. Diese Selbstgerechtigkeit und Selbstgewissheit, das war schon hart. [... ] Da gab es zum Beispiel einen Kollegen, ein lieber, weicher Mensch, der ist übrigens vor zwei Jahren aus dem Fenster gesprungen, den haben wir so alle gemacht, der hat immer eine integre, liberale Position, linksliberale Position versucht zu retten, und wir haben ihn immer entlarvt, weil er nicht Marxist ist."«
ebd., S. 130f., Zitat lt. Fußnote 210 nach: Bude, Heinz: Das Altern einer Generation. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1995, S.268.

Ein besonders tragischer, heute weitgehend vergessener Fall war der von Ernst Fraenkel. Der Anwalt jüdischer Herkunft und Widerstandskämpfer im Kreis des Internationalen Sozialistischer Kampfbundes konnte sich in letzter Minute der Verhaftung durch die Gestapo entziehen und emigrierte in die USA. Fraenkel gilt als einer der "Väter" der modernen Politikwissenschaft in der Bundesrepublik. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Ende April 1951 berief ihn die FU Berlin im Februar 1953 auf den neu eingerichteten Lehrstuhl Wissenschaft von der Politik, Theorie und vergleichende Geschichte der politischen Herrschaftssysteme. Dort prägte er in den 1950er und 1960er Jahren die Entwicklung der Politikwissenschaft mit und wurde einer ihrer Leitfiguren. Ab Mitte der 1960er Jahre beschäftigte sich Fraenkel kritisch mit der Studentenbewegung und warf ihr demokratiefeindlichen Dogmatismus vor und fühlte sich durch das Verhalten rebellierender Studenten an die 1930er Jahre erinnert, als Rollkommandos der SA Versammlungen politischer Gegner gesprengt und nationalsozialistische Studenten jüdische und demokratische Professoren attackiert hatten. Er bezeichnete bestimmte Aktionsformen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) als "SA-Methoden". Wie einige andere jüdische Wissenschaftler, zum Beispiel Helmut Kuhn, zog Fraenkel eine erneute Emigration in Erwägung und das Ehepaar Fraenkel überlegte, zurück in die Vereinigten Staaten zu gehen. Es waren - am Rande bemerkt - dieselben Erfahrungen, die Hannah Arendt anlässlich ihrer wenigen Besuche an deutschen Universitäten in jenen Jahren machte und die sie darin bestärkten, besser gar nicht erst dauerhaft nach Deutschland zurückzukehren.
Zwar wurden Fraenkel nach seiner Emeritierung im April 1967 mit allerlei Ehrungen bedacht, doch die heftigen Konflikte der vergangenen Jahre setzten ihm gesundheitlich schwer zu. Heute sieht man in Fraenkel einen störrischen, alten Mann, der irgendwie aus der Zeit gefallen war, was auch in den Würdigungen mehr oder weniger direkt so formuliert wird. [10 Quellen und Hinweise] Götz Aly berichtet folgendes:

»Fraenkel wurde 1967 emeritiert, wollte aber ursprünglich an seiner seit 16 Jahren vertrauten und geliebten Arbeitsstätte weiterarbeiten: dem Otto-Suhr-Institut. Schon 1966 betrachtete er das beginnende linksradikale Treiben am OSI mit Misstrauen. Eine der linken Leitfiguren am Institut, den kurzweiligen, dabei merkwürdig statisch denkenden Johannes Agnoli, kennzeichnete er 1967 als "demagogischen Clown", dessen Vorlesung eine "rein parteipolitische Propagandarede" darstelle. Von 1968 an betrat er das Institut nicht mehr, abgesehen von Stippvisiten in der Bibliothek, die, wie er feststellte, kaum noch benutzt wurde. Er war, das muss mit Respekt gesagt werden, ein glänzend informierter Beobachter mit einem ausprägten Hang zum klaren Urteil. "Innerhalb des Tollhauses FU", so teilte er 1969 Gerhard A. Ritter mit, bilde das OSI "eine Sonderabteilung für die unheilbaren Fälle". Wenig später schrieb er die FU als "illusion perdue" ab.«
ebd., 131f.

Soweit zur akademischen Situation, in der sich einer wie Agnoli etablieren konnte, nun zur Theorie des fabulösen "Marxismus-Agnolismus" - ein Kapitel, dessen Darstellung beziehungsweise Erörterung sich als recht schwierig erwies, weil da jenseits demagogischer Clownerie und politischer Propaganda, um es mit Fraenkel zu sagen, schlicht nichts ist. Die erneute Lektüre der Agnolischen Schriften ließ mich ebenso ratlos zurück wie jene vor über 30 Jahren und ebenso wenig wie damals verstehe ich heute die Begeisterung seiner "linken" Fans für diesen groben Unfug, der in Kenntnis um Agnolis Vita und die Quelle und die Quintessenz des Kerns seiner Ideologie doch eher widerlich erscheinen muss. Sei's drum - lassen wir Agnoli selbst zu Wort kommen.

»Die Zuständigkeit des Staats für die Lebensmöglichkeit der Arbeiterklasse ließe sich nun aus der bekannten Funktion: "Herstellung der allgemeinen Produktionsbedingungen", ebenso überzeugend wie nichtssagend ableiten. [...] Vielmehr zeigt sich in der Wirklichkeit, daß die Unzuständigkeit des Kapitals und seine Unfähigkeit durch die Form der eigenen Reproduktion bedingt ist. Das heißt: Es ist in der kapitalistischen Produktion selbst angelegt, daß der Arbeiter unter den Bedingungen des Kapitalismus ebenso wenig ohne Staat auskommt wie das Kapital selbst. Mit einem wesentlichen Unterschied freilich: Dem Kapital ist der Staat das Instrument der Durchsetzung seiner Interessen und gleichzeitig der notwendige Organisator des äußeren Rahmens für die Verwirklichung solcher Interessen; dem Arbeiter erweist sich der Staat tagtäglich als Instrument seiner Unterdrückung, zugleich aber auch als Mittel seiner Existenz - die politische Seite der Entfremdung.«
Agnoli. Johannes: Der Staat des Kapitals. S. 22 [11 Quelle]

»In den am meisten fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften hat die Anzahl der erworbenen Sitze innerhalb der Repräsentationsorgane einen derart sekundären Wert, daß eine rein auf die Wahlen ausgerichtete Strategie lediglich Zeit-und Energieverschwendung bedeutet. [...] Ihr vordergründig rationaler und von jedem klassenspezifischen Inhalt unabhängiger Charakter ist ein um so tauglicheres Mittel, den Klassencharakter der politischen Kämpfe zu verdecken. Und hier zeigt sich gerade die dialektische Vernunft der außerparlamentarischen und antiparlamentarischen Position der "Kinderkrankheit" des Linksradikalismus. Erst dieser deckt entgegen der aufklärerischen Legende von der Vernünftigkeit des parlamentarischen Systems die antagonistische und klassenbedingte, gewalttätige Struktur unserer Gesellschaft wieder auf.«
Agnoli. Johannes: Revolutionäre Strategie und Parlamentarismus. S. 63. Hervorhebung nicht im Original.
Agnolis Anspielung auf die "Kinderkrankheit" des Linksradikalismus bezieht sich auf ablehnende Weise, wie in weiteren Ausführungen Agnolis deutlich wird, auf Lenins Schrift "Der 'Linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus" aus dem Jahr 1920.
[12 Quelle]

»Es genügt indessen nicht, vom geringen strategischen Wert der Wahlen zu sprechen und vor einem parlamentarischen System zu warnen, das sich in einen Appendix der realen Macht verwandelt oder in die Vertretung und die politische Organisation der realen Macht umfunktioniert hat. Nicht weniger wichtig ist die konkrete Analyse der gesellschaftlichen, ökonomischen und ideologischen Funktionen des bürgerlichen Staats in seiner Gesamtheit. Dieser wird oft selbst von proletarischen Parteien als ein Volks- und - wohlverstanden - Rechtsstaat dargestellt und propagiert. [...] Es gilt, die doppelte Funktion eines politischen Apparats zu verstehen, der - wie schon erwähnt wurde - Aufgaben und damit auch pluralistisch gefaßte Strukturen in der Distributionssphäre übernimmt; während er in bezug auf die Basis der Gesellschaft, auf den Produktionsbereich die gesamtgesellschaftliche Reproduktion des Kapitals betreibt und daher Klassenstaat bleibt.«
ebd., S. 68

»Jede Parlamentsreform, die in involutiv gerichteten Staaten verwirklicht wird, dient nicht dazu, die Möglichkeit der Beteiligung der Massen an den Entscheidungsprozessen auszuweiten, sondern dazu, sie durch Steigerung der Herrschaftsfunktionalität des Parlaments einzudämmen. Wo eine politisch artikulierte freie Öffentlichkeit besteht, findet sie im Parlament kein Werkzeug, praktisch zu werden. Das trifft nicht nur für die antagonistische Öffentlichkeit zu, sondern zuweilen selbst für die kritische. Beide müssen ihre politische Vermittlung in außer-, im weiteren Verlauf der Umfunktionalisierung des Parlaments in antiparlamentarischen Organisationen und Organisationsformen suchen. Es kann diskutiert werden darüber, ob die Transformation der Demokratie rückgängig zu machen ist. [...] Zweierlei muß jedoch dabei beachtet werden:
1. eine eingehende Analyse des Grundgesetzes müßte zunächst klären, ob und in welchem Ausmaß die Entdemokratisierung der Bundesrepublik schon grundgesetzlich intendiert wurde;
2. Weder der Machtwille der Politiker und deren Korrumpierbarkeit noch die Entpolitisierung der Massen sind die Ursachen der Transformation. Diese ist vielmehr notwendig für einen Kapitalismus, der sich zum Versuch eigener Rettung staatlich organisiert. Die Rückkehr zur Reinheit des Grundgesetzes wäre Rückkehr zu den Anfangsbedingungen der Transformation selbst. Es mag sein, daß die Wiederherstellung oder die Verteidigung der Grundrechte eine wesentliche Voraussetzung für den Kampf gegen Herrschaft und Ausbeutung bildet. Grundrechte emanzipieren aber die Massen nicht, solange wir eine bürgerliche Gesellschaft und eine kapitalistische Produktionsweise haben, deren Staat genau für den nicht emanzipatorischen Gebrauch der Grundrechte sorgt.
In den staatlich befriedeten und integrierten Zustand des organisierten Kapitalismus ist vielmehr die politische Wiederherstellung des Antagonismus, und das ist die Aktualisierung des Klassenkampfes und die Desintegration der Gesellschaft, der erste Schritt für die Verwirklichung von Demokratie.«
Agnoli. Johannes: Thesen zur Transformation der Demokratie. S. 139. Hervorhebung nicht im Original. [13 Quelle]

Das soll an Originalton genügen, wer meint, es unbedingt tun zu müssen, kann sich den Quark in Gänze unter den in den Fußnoten angegebenen Links durchlesen. Das letzte Zitat ist in zweierlei Hinsicht besonders interessant. Einerseits ist bemerkenswert, dass die hier zitierte Formulierung antiparlamentarische Organisationen in den Originaltexten aus dem Jahr 1968 zu antikapitalistische Organisationen in den gesammelten Schriften aus dem Jahr 1992 wird. Andererseits gibt es komprimiert den kompletten und später tödlichen Unsinn des Agnolischen Konstrukts wieder. Götz Aly schreibt dazu:

»Um es mit einem der Vordenker der Revolte, meinem späteren Lehrer Johannes Agnoli zu sagen: "In dem staatlich befriedeten und integrierten Zustand des organisierten Kapitalismus" sind "die Aktualisierung des Klassenkampfs und die Desintegration der Gesellschaft der erste Schritt zur Verwirklichung der Demokratie. Die politische Wiederherstellung des Antagonismus ist die aktuelle Aufgabe der außerparlamentarischen Opposition." Das erforderte den Angriff. Sobald sich die Angegriffenen zur Wehr setzten, etwa die Polizei holten oder Strafverfahren einleiteten, "decouvrierten" sie sich "endgültig" und bestätigten die "Theorie". Solche Zirkelschlüsse, die gegen jedes Argument standhielten, beherrschten das Denken der Neuen Linken noch lange. Den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback (1977) lehnten die meisten ab. Aber zu dieser Feststellung musste sofort hinzugefügt werden: Der Mann habe sich nicht um die Demokratie verdient gemacht, sondern gehöre zum System der Repression. Und warum? Weil er die mordenden Angehörigen der RAF, seine späteren Mörder, von Amts wegen verfolgte.«
Aly, Götz: Unser Kampf 1968. S. 43

An dieser Stelle ist eine Aussage von Horst Mahler interessant, die exakt das - diese irrsinnige Argumentationslinie - aus der eigenen "revolutionären" Praxis bestätigt. In einem Interview mit Michel Friedman für die, im Februar 2009 eingestellte, deutschsprachige Ausgabe des Magazins Vanity Fair sagte Mahler, als Friedman ihn nach dem Mord an Buback fragte:

»Mahler: [...] Was immer unsere Eltern gesagt, getan, gemacht haben und nicht Widerstand geleistet haben – wir jedenfalls wollen jetzt hier und heute Widerstand leisten. Wir haben Vietnam vor Augen gehabt, wir haben vorher Algerien gesehen und haben überall die gleiche Macht erkannt.
Friedman: Deswegen muss man doch nicht Buback in die Luft sprengen. Der hat mit Vietnam so viel zu tun wie eine Kuh mit der Mondlandung.
Mahler: Also sehen Sie, Buback war ein Teil des Apparates, der zur Unterdrückung aller Freiheitsbestrebungen in Deutschland tätig war. Ein Instrument der Fremdherrschaft. Und wenn die Gruppe damals das eingeschätzt hat, dass Buback ein Feind ist, an dem wir diesen Widerstand markieren, dann ist es diese Entscheidung. Aber ich habe schon mal gesagt: im Rahmen einer falschen Strategie.
[...]
Friedman: Nein, ich meine inhaltlich. Wofür haben Sie damals gekämpft? Ich meine das jetzt inhaltlich.
Mahler: Immer für dasselbe, immer für dasselbe.«
Horst Mahler. So spricht man mit Nazis. Ungekürztes Interview mit Michel Friedman. [14 Quelle, Hinweise]

Ebenso interessant ist ein zeithistorisches Dokument - das Kommuniqué des Kommandos "Mara Cagol" der RAF vom 9. Juli 1986 zum Attentat auf Karl Heinz Beckurts. Dies ist ein kleiner, aber für den Duktus und die Ideologie der zweiten Generation der RAF charakteristischer Auszug, das Pamphlet ist zwei Seiten lang und der hier zitierte Auszug sieht im Original so aus.

hier in der brd kalkulieren sie, daß sie die restrukturierung für die imperial. aggression durchpeitschen können, weil die politik der gewerkschaften sozialdemokratisch, ihre führung gekauft ist, der breite widerstand oft noch diffus, kleinbürgerlich, unorganisiert und die revol. kräfte noch schwach sind. wenn cdu/fdp/spd hier von '2/3-gesellschaft' oder 'versöhnungsgesellschaft' reden, die sie im europ. maßstab den wachsenden antagonismen entgegenstellen wollen, ist das ihr schwacher versuch, die tatsache zu entpolitisieren, daß sich der riß zwischen gesellschaft und staat in der ganzen phase imperial. rekonstruktion und ihrer aggression auf allen pol.-ökon.-milit. ebenen so vertieft hat, daß sie ihn nicht mehr zuschütten können. es ist ausdruck der polit. brüchigkeit des kapitalsystems, das in der krise die fähigkeit verloren hat, der warenstruktur universelle gültigkeit zu verschaffen. ihre faschistische konzeption dagegen ist die spaltung der gesellschaft - in einem teil, der die maschinen bedient, von kriegsökonomie und faschismus profitiert, andere, die sich stumpf gemacht und aus dem druck der existenzunsicherheit der macht unterwerfen; und eine teil, gegen den sie ihren staatsschutzapparat perfektioniert und in alle lebensbereiche gestaffelt ausbauen und einsetzen - das sind die, die für die profitproduktion überflüssig geworden, aus allem rausgekippt sind, und die, die für den Staat nicht mehr erreichbar sind, weil sie kämpfen.
[15 Quelle]

Die natürlich nicht erst von Agnoli begründete Kontinuität der radikalen Ablehnung der parlamentarischen Demokratie hält bis heute an - freilich mit Unterschieden im Duktus. Während Agnoli seine "revolutionären" Fantasien trotz der erheblichen Redundanz seiner Aussagen recht eloquent in Worte zu setzen wusste, während Horst Mahler sein "Schrifttum" als gelernter Anwalt mit juristischer Effizienz formulieren konnte und es mit Zitaten von Hegel, Schopenhauer und Spengler ausschmückte und während die die zweite Generation der RAF bei der Abfassung ihrer Mord-Pamphlete immerhin den Anschluss an die erste Generation, also insbesondere an Ulrike Meinhof und Andreas Baader, versuchte und sich um eine halbwegs strukturierte Stringenz in der Rechtfertigung ihrer Taten bemühte, ist bei der jüngsten Generation der radikalen und extremistischen Linken, also der Zielgruppe der in Fußnote 1 erwähnten Agnoli-Veranstaltungen, nur noch der blanke Hass - gelegentlich mit Sozialkitsch garniert - übrig geblieben, was sich im Ergebnis beispielsweise so liest:

Wie tief der Agnolis Verachtung der repräsentativen parlamentarischen Demokratie in der Linken, gemeint ist die Partei, steckt, bewies ein gewisser Tim Fürup anlässlich der Strategiekonferenz der Partei in Kassel 29.02./01.03.2020 auf einer Veranstaltung unter dem Motto "Das Land verändern: für einen sozial-ökologischen Systemwechsel".

»Ja, Tim Fürup mein Name. Ich bin auch Mitglied der AKL und kann jetzt da an Lucy (?) genau anschließen. Man gewinnt ja hier den Eindruck, als würd's jetzt nur noch um die Frage, wie wir in eine Regierung eintreten, gehen und dann würde das Land schon 'n bisschen besser werden. Ich halte dieses Märchen für tatsächlich 'n Märchen, die Linke vergisst dabei festzustellen, dass, wenn man in einen Regierungszug einsteigen möchte, dann muss man ein Ticket lösen und auf dieses Ticket gibt's allgemeine Geschäftsbedingungen und die muss die Linke akzeptieren. Zu diesen Geschäftsbedingungen gehört die Akzeptanz zur Schuldenbremse, die Akzeptanz zu NATO, zu EU, zu Stacheldraht. Dazu gehört die Akzeptanz zu Abschiebungen und und dazu gehört auch die Akzeptanz zum Bestehenden und daran sollte sich die Linke meiner Meinung nach nicht beteiligen. Gleichzeitig will ich euch sagen, wie's besser gehen könnte. Wir müssen diesen parlamentsfixierten Abgeordnetenbetrieb schwächen und das machen wir damit, dass wir feststellen, was die Aufgaben einer Linken sind. Staatsknete im Parlament abgreifen, Informationen aus dem Staatsapparat abgreifen, der Bewegung zuspielen, den außerparlamentarischen Bewegungen das zuspielen. Und dann braucht man natürlich noch das Parlament als Bühne, weil die Medien sind so geil auf dieses Parlament, das sollten wir doch nutzen. Aber alles, was darüber hinausgeht, brauchen wir nicht unbedingt.«
[16 Quelle]

Eines ist sicher - die Gevattern Marx und Engels hätten dem Agnoli diesen eklektischen Unsinn, der sehr viel näher an einer Verschwörungstheorie als an einer politischen Analyse ist, mit Schmackes um die Ohren gehauen und bei aller Kritik an den beiden Alten - das haben sie nicht verdient. Man kann es natürlich auch mit Humor nehmen, wie Niklas Luhmann es tat, als er spottete, die 68er Neuradikalen hätten "den halben Marx und die ganze, psychodramatisch erweiterte Frankfurter Schule" miteinander verrührt. Luhmann meinte hier die erste Generation der Frankfurter Schule, der Leute wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Erich Fromm, Friedrich Pollock und Walter Benjamin zugerechnet werden, also Vertreter aus den Geburtsjahrgängen von 1890 bis 1905. Die zweite Generation, deren bekanntester Vertreter der notorische Dampfplauderer Jürgen Habermas ist und die aus den Geburtsjahrgängen von 1920 bis 1935 hervorging, ist in diesem Kontext nicht relevant, sofern sie das in überhaupt irgendeinem Kontext ist. Die alten Frankfurter hielten zwar immer Distanz zu den sogenannten 68ern und der Neuen Linken, was diese aber nicht davon abhielt, einige der Frankfurter als Säulenheilige zu verehren. Das betrifft insbesondere Herbert Marcuse, dessen Schriften - im Gegensatz zu denen Horkheimers, Adornos und Benjamins - auch für nicht ganz so helle Lampen in der Revolutionslaterne einigermaßen verständlich und eingängig formuliert sind. Nicht nur das - ebenfalls im Gegensatz zu Horkheimer und Adorno bedachte Marcuse die Studenten mit der gesellschaftlichen und revolutionären Führungsrolle, und das mit exorbitantem Spaßfaktor, womit ich bei den Quellen des fabulösen "Marxismus-Agnolismus" bin.

Marcuses analytische Bemühungen brachten ihn zu dem Schluss, dass es mit dem revolutionären Potenzial der Arbeiterschaft in den entwickelten Industriestaaten nicht mehr allzu weit her wäre, was daran läge, dass - zumindest prinzipiell - die Frau des Arbeiters mittlerweile die gleiche modische Kleidung trägen könnte wie die Gattin des Expropriateurs ihres an der Maschine schuftenden Mannes, der - ebenfalls zumindest prinzipiell - das gleiche Auto fahren konnte wie sein Ausbeuter. Marcuse nannte das "repressiver Toleranz" und sprach von der "sublimen Gewalt" tagtäglicher Manipulation. Die Arbeiterschaft hinge an den "goldenen Fäden der Bewusstseinsindustrie", die einzig und allein die Aufgabe hätte, den arbeitenden Menschen von seinen "wirklichen Bedürfnissen" zu entfernen, womit auch sein revolutionäres Potenzial perdu wäre. Ein Sieg des Kapitals auf ganzer Linie also - wenn nicht andere das Banner der Revolution aufnähmen und vorantrügen, und zwar jene, welche in der Lage wären, diese komplexen Manipulationsmechanismen zu durchschauen und zu durchbrechen. Marcuses analytische Anstrengungen ließen ihn nämlich auch schlussfolgern, dass die mäßig gebildeten Menschen nicht in der Lage sind, diese Zusammenhänge zu erkennen und dass dies allenfalls Intelligenzler in den hochentwickelten Ländern könnten. Agnoli hat mit Sicherheit Versatzstücke aus Marcuses Gedankengebäude übernommen, in welchem Umfang lässt sich schwer sagen. Auf jeden Fall finden sich die Ideen von der "repressiver Toleranz" und und der "sublimen Gewalt" bei Agnoli wieder. Ergänzt wurde das mit der Vulgärinterpretation einiger Marxscher Thesen und Theoriefragmente. Das entstandene Gebilde des "Marxismus-Agnolismus" argumentiert ungefähr so:

Das Volk als solches und in Gänze wäre nicht wahrhaft demokratie-, geschweige denn regierungsfähig, also würden durch das Konstrukt der repräsentativen Demokratie einige Wenige zum Entscheiden und Handeln für resp. über alle anderen legitimiert. Das wiederum hätte einen Wandel der politischen Strukturen zur Folge, indem sich die politischen Akteure, also die Wenigen und ihre organisatorischen Strukturen in Gestalt der Parteien sowie Legislative, Judikative und Exekutive sich in autoritäre, vor- oder gar antiparlamentarische Formen zurückentwickelten. Initiator und Motor dieser Entwicklung wäre das Kapital, das auf diesem Wege die Durchsetzung seiner Interessen realisieren und perfektionieren und das erreichen wollte, was es mit dem ersten Faschismus-Durchlauf nicht schaffte - was immer das auch sein mochte, darauf ging Agnoli nicht ein. Hinter dieser Re-Faschisierungsthese steht Georgi Dimitroffs Faschismusmodell, das diesen als terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals" definierte, womit gemeint war, dass die bürgerliche Demokratie und der Faschismus lediglich zwei verschiedene Ausprägungen des Kapitalismus wären. [17 Hinweise] Diese, aus Dimitroffs Zeit heraus zwar verständliche, aber deutlich zu unterkomplexe Erklärung erfreute sich zu Agnolis Zeit in der APO und bei der radikalen Linken großer Beliebtheit. Sie war die argumentative Basis der Behauptung, die Bundesrepublik wäre im Kern faschistisch, weswegen die außerparlamentarischen Opposition keine andere Wahl hätte, als den antiparlamentarischen Kampf zu führen, da jede innerparlamentarischer Opposition nutzlos oder gar kontraproduktiv wäre. Denn wenn das Parlament in diesem Prozess der Re-Faschisierung selbst antidemokratisch würde, müsste der Kampf für Demokratie antiparlamentarisch geführt werden. Im Kontext dieses Prozesses wären die bürgerlichen Freiheiten wie Parteienpluralismus, Pressefreiheit, stetig steigender Wohlstand der arbeitenden Klassen nebst Konsumangebot und auch die Freiheiten der Marxisten in den akademischen Elfenbeintürmen nichts als alles eine perfide Täuschung als Herrschaftstechnik aus dem Kalkül der herrschenden Klasse heraus, den faschistisch Kern der Bundesrepublik als System zu etablieren.

Soweit ein kurzer Abriss der Agnolischen Ideologie - und viel mehr gibt es dazu aus inhaltlicher Sicht auch nicht zu sagen resp. zu schreiben. Eine Analyse der sozialpolitischen Geschichte der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die diesen Namen verdient, findet sich bei Agnoli genauso wenig wie eine gesellschaftspolitische Alternative zu dem, ihm so verhassten bestehenden System. Stattdessen ergeht er sich in Worthülsen und Floskeln wie die von der "Befreiung der Arbeit" oder von der "konkreten Emanzipation" und der "konkret verstandenen Demokratie", an denen schlicht nichts konkret ist. Kraushaar schreibt dazu: »Seine Kritik bleibt in der bloßen Negation stecken. Er vermag keine handlungspolitische Option zu formulieren. Ebenso wenig wie er eine Vermittlung seiner Resultate in eine konstruktive Kritik der repräsentativen Demokratie erkennen lässt, findet sich bei ihm eine Übersetzung seiner verfassungsrechtlichen Analysen in praxisorientierte Alternativkonstruktionen.« (vgl. Fußnote 7, S. 171) Die repräsentative Demokratie und die bürgerlichen Freiheiten sind Agnoli nichts anderes als Herrschaftsinstrumente, um den Faschismus diesmal mit Verblendung, Bewusstseinsmanipulation und Kulturindustrie statt mit Gewalt und Terror durchzusetzen - quasi eine kommode Variante des Faschismus.
Dass um das Jahr 1968 herum die zweite industrielle Revolution in vollem Gange war - der Zeitpunkt ihres Beginns wird je nach wirtschaftsgeschichtliche Schule verschieden angesetzt - und dass sich die dritte industrielle Revolution mit der Entwicklung der Mikroelektronik und der Digitaltechnik langsam am Horizont sichtbar wurde, zumindest für jene, welche die Zeichen der Zeit zu lesen verstanden, ignorierten Agnoli und praktisch die gesamte linke Intelligenzija in Westeuropa. (In den USA war es anders, wo sich zu jener Zeit erhebliche Teile der im weiteren Sinne linken Intelligenz in Silicon Valley sammelten und eine Revolution der ganz anderen Art in Gang setzten, welche die Welt tatsächlich umkrempelte.) Dass der klassische "doppelt freie Lohnarbeiter" gerade dabei war, sich in den "dreifach freien Konsumenten", wie ich ihn nenne, zu verwandeln und somit aus der Wirtschaftsgeschichte der entwickelten Industrieländer zu verschwinden, bemerkten Agnoli und seine Genossen offenkundig nicht. In den zwanzig Jahren von 1960 bis 1980 sank der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Nettowertschöpfung in Deutschland von 61 auf 43,5 Prozent, während der von Handel und Dienstleistungen von 27,5 auf 38,7 Prozent anstieg. Auch diese Tatsache blieb Agnoli und Genossen offensichtlich verborgen. [18 Quelle, Hinweise]

Den Prozess der "Transformation der Demokratie" in ein autoritäres Herrschaftssystem als eine Abfolge historischer Rückschritte bezeichnet Agnoli als "Involution". Agnoli schrieb 1986 in seinem Text "Zwanzig Jahre danach. Kommemorativabhandlung zur 'Transformation der Demokratie'" (TdD): »Das könnte bedeuten, daß in der Tat der Involutionsprozeß sich umgekehrt und sich umtransformiert hat in einen Evolutionsprozeß, der uns zu neuen Ufern der Emanzipation führt. [...] Die Involution ist weder eine Erfindung der TdD noch eine westdeutsche Erscheinung.« [19 Quelle]
Wohl wahr, sicher nicht der "TdD", aber woher stammt der Begriff? Es ist unwahrscheinlich, dass Agnoli ihn aus der Mathematik, wo er eine eine selbstinverse Abbildung meint, oder aus der Biologie adaptierte, wo er die Wandern einer Zellschicht beschreibt. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass Agnoli den Begriff der Involution der Medizin entlehnte, wo er eine spontane Rückbildung von Organen bezeichnet, denn in solchen Fällen war seit Menschengedanken noch nie eine anschließende Evolution zu beobachten. So aber wollte Agnoli den Begriff der Involution verstanden wissen - als Rückbildungsprozess, der eine Neubildung auf höherer Stufe, eine Evolution also, ermöglicht. Weil Agnoli und seine Adepten und Epigonen die einzigen sind, die den Begriff Involution deskriptiv und definierend in einem politikwissenschaftlichen Kontext verwenden, bleiben als mögliche Quellen nur die christliche Mystik, konkret die Philosophia perennis, die "ewige Philosophie", und der westliche Okkultismus sowie die westliche Esoterik, namentlich die Theosophie nach Helena Blavatsky et al., wo der Begriff exakt das beschreibt, was Agnoli - angewandt auf die politische Praxis - darunter verstand. Ich bezweifle allerdings, dass Agnoli Blavatskys "The Secret Doctrine" ("Die Geheimlehre") aus dem Jahr 1888 gelesen hatte, es ist sicher wahrscheinlicher, dass er einen anderen, allerdings auf Distanz gebliebenen, Freund des Faschismus studierte - den Kulturphilosophen und Esoteriker Julius Evola, mit dem Agnoli sein Faible für Deutschland, das nationalsozialistische insbesondere, gemeinsam hatte. [20 Hinweise] Von ihm könnte Agnoli den Begriff der Involution übernommen haben, was seiner Ideologie eine kuriose Note gibt.
Das Verhältnis Involution - Evolution ist ein recht komplexes, mystisches Konstrukt, das nicht so leicht zu erklären ist, zumindest nicht für Leser, die weder mit Mystik noch mit Esoterik vertraut sind. Die ohne Vorkenntnisse einleuchtendste Erklärung habe ich bei Ken Wilber gefunden, dem vielleicht bekanntesten Vertreter der modernen integralen Theorie. (Abfall ist hier nicht als Synonym für Müll gemeint, sondern als Lossagung oder als Auflösung einer bestehenden Bindung.)

»Es gibt natürlich einen Abfall von der Gottheit, vom GEIST, vom Urgrund, und dies ist die Wahrheit, der sich die Romantiker nähern wollten und wollen, bis sie in ihre Prä/trans-Verwechslung schlittern. Diesen Abfall nennt man Involution, die Bewegung, durch die alles aus dem Bewusstsein seiner Einheit mit dem Göttlichen herausfällt und die Vorstellung einer getrennten und isolierten, entfremdeten und entfremdenden Monade entsteht. Wenn eine solche Involution geschehen ist und der GEIST unbewusst in die niedrigeren und niedrigsten Formen seiner eigenen Manifestation verstrickt wird, kann Evolution eintreten. [...] Üblicherweise betrachtet man den Gedanken der Involution und Evolution als eine der Kernlehren der Philosophia perennis, einer der bekannteren Formen radikaler Wahrheit. Nach dieser Lehre entstand die Erscheinungswelt als "Abfall" vom Absoluten (Involution), während jetzt alles durch die Evolution wieder zum Absoluten zurückkehrt.«
Wilber, Ken: Das Wahre, Schöne, Gute. S. 64, 71. Hervorhebung im Original. [21 Quelle, Hinweise]

Diese Korrelation zweier, auf den ersten Blick völlig verschiedenen Zusammenhänge in einem Begriff ist kurios, weil auf den zweiten Blick sehr wohl eine Gemeinsamkeit deutlich wird. Außer in den sehr konkreten, oben angeführten wissenschaftlichen Bereichen wird der Begriff Involution lediglich (und hauptsächlich) im mystisch-esoterischen Bereich verwendet, also in einem Kontext, der in Bereichen und Gruppierungen relevant ist, die landläufig "Sekten" genannt werden. Agnolis Ideologie ist aus marxistischer Sicht "sektiererisch", das heißt, seine, nun ja, Interpretation des Marxismus ist eine individualistische, eklektische Abweichung von der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus - kurz: Sektierertum.

Bleibt noch die Quelle der Verachtung Agnolis für die repräsentative parlamentarische Demokratie zu klären und die ist im Bezug auf seinen Spiritus Rector Vilfredo Pareto zu finden. [22 Hinweis] Pareto war zwar - so die Bedeutungen eines Spiritus Rector - kein führender, aber ein lenkender Geist für Agnoli. Lenkend war Pareto für Agnoli dergestalt, dass Agnoli Paretos zentrale These zur parlamentarischen Demokratie übernahm und sozusagen auf links wendete. Er nahm Paretos Rat an Mussolini für die absolute und endgültige Wahrheit in Sachen parlamentarische Demokratie und verallgemeinerte ihn auf alle demokratischen Systeme in den entwickelten westlichen Industrieländern. Agoli schreibt dazu:

»Pareto hatte 1922 Mussolini den Rat erteilt, um der Stabilisierung der Macht willen das Parlament in gewandelter Form weiter am Leben zu lassen: Massen, die demokratischen Gefühlen zuneigen, seien am besten durch ein Organ neutralisierbar, das ihnen die Illusion einer Beteiligung an der staatlichen Macht vermittelt. Nicht die gänzliche Abschaffung des Parlaments mache den Neuen Staat stark, sondern die Verlegung der Entscheidungsbefugnisse vom Parlament in den engeren Kreis nicht öffentlich tagender "Eliten".«
Agnoli, Johannes: Thesen zur Transformation der Demokratie - ad usum des RC. [23 Quelle]

Mussolini hielt offenbar große Stücke auf Pareto und hat sich mehrfach geradezu enthusiastisch über dessen Einfluss auf sein Weltbild und seine politischen Vorstellungen geäußert, so zum Beispiel auf einer Großkundgebung im Teatro Constanzi am 23. März 1924 in Rom als "uno dei miei maestri, il pi illustre" ("einer meiner Lehrer, der berühmteste") bezeichnet, im Herbst des gleichen Jahres berief sich Mussolini erneut und ausdrücklich auf einer Tagung der italienischen Volkswirtschaftslehrer bei der Erläuterung seiner politischen Ziele auf Pareto. Gleichwohl eine persönliche Begegnung Mussolinis mit Pareto nicht überliefert ist, wird in der Politik- und Geschichtswissenschaft als gesichert angesehen, dass Mussolini einiges in die politische Praxis umsetzte, was Pareto dachte und niederschrieb. Überliefert ist Agnolis Schwärmerei für Repubblica Sociale Italiana, "ein faschistischer Satellitenstaat in Norditalien unter der militärischen Protektion des Deutschen Reichs, dessen Territorium sich auf das deutsche Besatzungsgebiet beschränkte" [Wikipedia, 24 Quelle])

Natürlich hat niemand besser das aus der Geisteshaltung eines Agnoli resultierende Dilemma der Linken beschrieben, als Hannah Arendt das tat. Sie brachte das Problem exakt auf den Punkt und beschrieb auch Paretos Rolle sehr deutlich.

»Es gibt nicht viele Autoren von Rang, welche die Gewalt um ihrer selbst willen verherrlicht haben; aber diese wenigen - Sorel, Pareto, Fanon - hegten einen erheblich tieferen Haß auf die Gesellschaft und vollzogen einen erheblich radikaleren Bruch mit ihrem Sittenkodex als die konventionelle Linke, deren Hauptmotive das Mitleiden und die Leidenschaft für Gerechtigkeit waren. Dem Feind die Maske vom Gesicht zu reißen, die Machenschaften und Manipulationen zu entlarven, die es ihm erlauben, ohne Gewaltmittel zu herrschen, also auch auf die Gefahr der eigenen Vernichtung hin Aktionen zu provozieren, nur um ihn zu zwingen, Farbe zu bekennen, damit die Wahrheit ans Licht komme - diese Ziele geben heute noch den Gewalttätigkeiten an den Universitäten und auf den Straßen ihre stärksten Impulse.«
Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. S. 66 [25 Quelle]

»Das was man damals und bis in die dreißiger Jahre das "System" nannte, nennen wir heute "Establishment", und wir sollten nicht vergessen, daß eine der ersten Reaktionen auf dieses Phänomen die Verherrlichung der Gewalt und, was Pareto anlangte, die Verzweiflung an der Arbeiterklasse war. (Pareto sah schon damals, daß die Arbeiter voll in dies System integriert werden würden, und sprach von einem "Bündnis zwischen Bourgeoisie und Arbeiterschaft", das ein neues System entstehen lassen würde: auf die Plutokratie würde die Pluto-Demokratie folgen.) [...] Sorel hielt an seinem marxistischen Glauben an die Arbeiterklasse fest, [...] das Ärgerliche war nur, daß die Arbeiter, kaum daß sie befriedigende Lebens- und Arbeitsbedingungen erreicht hatten, sich hartnäckig weigerten, die ihnen von den Theoretikern zugeschriebene Rolle weiter- und zu Ende zu spielen.«
ebd. S. 72

Hannah Arendt schrieb der Linken auch einige Worte zum Grundproblem ihrer ideologischen Scheuklappen ins Stammbuch. Arendts Anmerkung, die Linke versuche das zwanzigste Jahrhundert in den Kategorien des neunzehnten zu verstehen, kann man getrost auf das einundzwanzigste Jahrhundert übertragen.

»Es scheint mir außer Frage, daß die zahlreichen theoretischen Unstimmigkeiten seitens der Neuen Linken, die samt und sonders daher rühren, daß man die Wirklichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts mit Kategorien des neunzehnten zu verstehen sucht, nicht einfach der Unfähigkeit dieser Generation geschuldet sind, anders als in abstrakten, vorgeprägten Schemata zu denken. Ich vermute vielmehr, daß der eigentliche Grund für diesen verblüffenden Konservativismus einiges mit dem Fortschrittsbegriff zu tun hat, bzw. mit dem Widerstand gegen die Zumutung, den Grundbegriff aufzugeben, der seit mehr als hundert Jahren der gesamten Linken von den Liberalen über die Sozialisten zu den Kommunisten gewissermaßen heilig gewesen ist und den wir zweifellos nirgends auf einem so hohen geistigen Niveau finden wie in den Schriften von Karl Marx.«
ebd. S. 27f.

Schließlich sei noch Arendts Anmerkung zur politischen Praxis der Linken zitiert, die sich in Teile derselben noch heute in Theorie und Praxis - siehe Connewitz - findet. Das Buch brachte - mehr noch als "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" - Hannah Arendt den vermutlich unsterblichen, zumindest bis heute virulenten Hass der Linken ein, wobei ich feststellte, dass nur ein Bruchteil derselben Arendt gelesen hatte. Heute tut es wahrscheinlich gar keiner von denen mehr.

»Um zu glauben: "Erst dann, wenn der Staat die Gewalt offen praktiziert, können wir diese Scheiß-Gesellschaft mit angemessenen Mitteln bekämpfen und vernichten", muß man offenbar den Verstand verloren haben (zitiert aus "Der Spiegel", 10. Februar 1969, S. 30). Dieser Verlust ist kein Novum in der linken Politik der letzten Jahrzehnte. Was die Rebellen hier erklären, liest sich wie eine sprachlich, so kaum intellektuell, vulgarisierte Variante der kommunistischen Politik in den dreißiger Jahren: Der Sieg Hitlers, so lautete die offizielle Linie der Partei, konnte denen, die Hitler verfolgte, nur zum Sieg verhelfen; die Niederlage war ein Sieg, weil nun der Kapitalismus sein wahres Gesicht offenbarte. Dies Gerede war damals wie heute entweder reine Schauspielerei, die revolutionäre Version der Heuchelei, oder ein schlagendes Zeugnis für den politischen Schwachsinn von "Gläubigen". Immerhin stand vor fünfunddreißig Jahren hinter dem Unsinn mehr als dummes Gerede, nämlich die von Stalin diktierte, pro-Hitlersche Parteilinie.«
ebd. S. 99, Exkurs 12 zu S. 66f.

Als eine Art Nachwort noch dies: Ich debattierte seinerzeit, als ich in Westberlin ab Herbst 1987 bis etwa Sommer 1994 in einer kommunistischen Kaderpartei trotzkistischer Prägung mehr oder weniger aktiv war - nach dem Hinscheiden der DDR wechselten viele Mitglieder in die PDS, wodurch die Partei so nach und nach entschlief - mit einigen Genossinnen und Genossen über Agnolis Aktualität und Relevanz. Die Haltung war gespalten, jeweils zur Hälfte wurde Agnoli entweder für Blender ohne Relevanz oder aber, so die andere Hälfte, für höchst wichtig im revolutionären Kampf gehalten, weil er ja quasi, so die Begründung für letztere Meinung, eine Art permanenter Revolution nach Trotzkis Verständnis propagierte. Ich war schon damals auf der Seite derer, die Agnoli rundweg ablehnten. Nach einer erneuten Lektüre dreißig Jahre später, mitten in der dritten industriellen Revolution und die vierte am Horizont heraufdämmern sehend, ist meine seinerzeitige Haltung bestätigt. Mehr noch - während ich damals Agnoli beste Absichten (seine Vergangenheit war uns unbekannt) bei unterdurchschnittlicher analytischer Begabung zugute hielt, halte ich ihn heute - seit geraumer Zeit um seine Vergangenheit wissend - für einen eitlen Schwätzer mit fataler Wirkung auf und für die Linke. Im Grunde - das ist allerdings Spekulation - versuchte er vermutlich nur, hinreichend viel Text zu hinterlassen, um in einer Reihe mit seinen Idolen Kant, Hegel und Marx in den Bibliotheken und Bücherregalen der Genossen zu stehen, was er mit einem rundum versorgten Posten im ihm so verhassten System, ausgestattet mit bestem Salär und Pensionsanspruch bei minimaler Verantwortung, schaffen wollte. Letzteres immerhin gelang ihm, weil er zur richtigen Zeit die richtigen Leute kannte.
Was die heute sich als "links" Verstehenden und Ausgebenden angeht - die lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Die eine Gruppe bilden die, welche erkannten, dass man im System der repräsentativen parlamentarischen Demokratie nebst Marktwirtschaft in den globalistisch-liberalistischen Zeiten seine hedonistischen Partialinteressen erfolgreich durchsetzen kann, wenn man nur hartnäckig genug darauf besteht, es darüber hinaus versteht, sich eine Lobby für selbige zu organisieren und diese Interessen als per definitionem oder axiomatisch progressiv, sozialpolitisch unerlässlich und deshalb gesamtgesellschaftlich nützlich im medialen und gesellschaftlichen Mainstream zu etablieren. Wenn das geschafft ist, fließt heutzutage die von Tim Fürup eingeforderte "Staatsknete" ganz von alleine. In dieser Gruppe finden sich erhebliche Teile der Grünen und größere Teile der Linken, gemeint ist die Partei, nämlich ihre Funktionsträger. In dieser Gruppe sind ebenso Gender- und LGBT-Aktivisten und Vereine wie jener der feinen Frau Kahane oder das "Zentrum für Politische Schönheit" bis hin zu Fücks' "Zentrum Liberale Moderne" präsent. Der Nachwuchs wird sich aus "Fridays for Future" und YouTube-Influencern rekrutieren. Dieser Gruppe gehen Politprediger wie Agnoli gepflegt am Allerwertesten vorbei, so etwas brauchen die nicht, denn der wollte das abschaffen, was die Grundlage ihrer Existenz ist.
Die andere, deutlich kleinere Gruppe schaffte - aus welchen Gründen auch immer - den Anschluss an das parlamentarisch-demokratische Interessenbefriedigungs- und Geldverteilungssystem (von ALG II abgesehen) nicht und ist quasi beidseitig, nämlich vom bürgerlich etablierten Teil der Gesellschaft als auch von der liberalistisch-hedonistischen "Linken", abgehängt, so dass sie unter Anleitung und Führung einiger Berufsrevoluzzer - ich bitte um Entschuldigung, ich meine natürlich Berufsrevoluzzer*innen - immer mal wieder den Aufstand nach den, schon in den 1970er Jahren als absolut untauglich erwiesenen Rezepten und Methoden, proben will. Aus diesem Kreis, den Marx vermutlich dem "Lumpenproletariat" zugerechnet hätte, rekrutieren sich Agnolis heutige Adepten, Eleven und Epigonen. Das Ergebnis ist - beide Teile in Summe betrachtet - ein Trauerspiel - nein, eine Groteske, denn zu trauern gibt es da nichts. Leider auch nichts zu lachen - wenn man sich den beiden alten, weißen CIS-Männern Marx und Engels verbunden fühlt.

Fußnoten und Quellen

[1] Filmvorführung: Das negative Potential - Agnoli im Gespräch https://www.conne-island.de/termin/nr5292.html
Zur Aktualität von Agnolis "Transformation der Demokratie" https://www.conne-island.de/termin/nr5284.html
Referat "Staat des Kapitals von Agnoli" https://www.conne-island.de/termin/nr5667.html
[2] Wir hielten unser Wort - Warum wir Bullen angreifen https://de.indymedia.org/node/65409
Wir suchen die direkte Konfrontation - Bullen angreifen https://de.indymedia.org/node/58746
Indymedia Leipzig https://de.indymedia.org/taxonomy/term/102
Indymedia Berlin https://de.indymedia.org/taxonomy/term/56
[3] Berlin Militant 2019 - Jahreschronik https://de.indymedia.org/node/57746
[4] Reader zur "Demokrtietagung" "Transformation der Demokratie - demokratische Transformation" https://akg-online.org/veroeffentlichungen/transformation
Der Reader als PDF https://www.rosalux.de/.../Demirovic_Transformation.pdf
[5] Görres Agnoli, Barbara : Johannes Agnoli. Eine biografische Skizze. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2004.
[6] Johannes-Agnoli-Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Stiftung https://www.rosalux.de/.../johannes-agnoli-bibliothek/
[7] Agnoli bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Agnoli
Kraushaar, Wolfgang: Agnoli, die APO und der konstitutive Illiberalismus seiner Parlamentarismuskritik. In: Zeitschrift für Parlamentsfragen ZParl, 38. Jahrgang 2007, Heft 1, S. 160-179.
PDF-Version des Textes https://www.zparl.nomos.de/.../ZParl_07_01.pdf
[8] Bertsch, Matthias: Marxist-Agnolist. Ein bislang unveröffentlichtes Interview mit Johannes Agnoli. Freitag. Die Ost-West-Wochenzeitung. Nr. 26, 20.06.2003. S. 17. Das Interview wurde Anfang des Jahres 2000 anlässlich Agnolis 75. Geburtstag geführt.
[9] Aly, Götz: Unser Kampf 1968 - ein irritierter Blick zurück. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2009.
[10] Ernst Fraenkel bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Fraenkel
Internationaler Sozialistischer Kampfbund bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Sozialistischer_Kampfbund
Eine, wenn es denn so nennen will, Würdigung Fraenkels auf der Netzseite der FU Berlin https://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/...
[11] Agnoli, Johannes: Der Staat des Kapitals.
Zitiert nach: Agnoli, Johannes: Gesammelte Schriften. Band 2. ça ira-Verlag, Freiburg, 1992
PDF des Textes http://www.kommunismus.narod.ru/.../Johannes_Agnoli...
[12] Agnoli, Johannes: Revolutionäre Strategie und Parlamentarismus. In: Gesammelte Schriften. Band 2. ça ira-Verlag, Freiburg, 1992
Zitiert nach: Agnoli, Johannes: Gesammelte Schriften. Band 2. ça ira-Verlag, Freiburg, 1992
PDF des Textes http://www.kommunismus.narod.ru/.../Johannes_Agnoli...
Lenin: Der "Linke Radikalismus", die Kinderkrankheit im Kommunismus. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/
[13] Agnoli, Johannes: Thesen zur Transformation der Demokratie und zur außerparlamentarischen Opposition. In: neue kritik Nr. 47, April 1968, 9. Jg., S. 24-33. [Hrsg.: Bundesvorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS]. Gekürzte Version in: KONTUREN Zeitschrift für Berliner Studenten, Nr. 31, 1968.
Zitiert nach: Agnoli, Johannes: Gesammelte Schriften. Band 2. ça ira-Verlag, Freiburg, 1992
PDF des Textes http://www.kommunismus.narod.ru/.../Johannes_Agnoli...
[14] Horst Mahler. So spricht man mit Nazis. Ungekürztes Interview von Vanity Fair-Autor Michel Friedman mit Deutschlands Chef-Nazi. Vanity Fair Online 01.11.2007. Teilnehmer: Sylvia Stolz, Horst Mahler, Michel Friedman, VF-Redakteur Daniel-Dylan Böhmer.
Horst Mahler bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Mahler
Sylvia Stolz bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Sylvia_Stolz
Michel Friedman bei Wikipedia ttps://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Friedman
Vanity Fair bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Vanity_Fair_(Magazin)
Kommentar Süddeutsche Zeitung 17.05.2010 https://www.sueddeutsche.de/politik/interview-mit-michel-friedman...
Kommentar Spiegel online 04.11.2007 https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/tabubruch-bei-vanity-fair...
Es gibt im Netz ein Memento des Interviews, ich verlinke es hier mit Absicht nicht.
[15] Kommunique des Kommandos "Mara Cagol" der RAF vom 9. Juli 1986 zum Attentat auf Karl Heinz Beckurts am selben Tag (Auszug)
Karl Heinz Beckurts bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Heinz_Beckurts
Margherita Cagol bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Margherita_Cagol
[16] Die Linke - Strategiekonferenz Kassel 29.02./01.03.2020: Das Land verändern: für einen sozial-ökologischen Systemwechsel https://www.youtube.com/watch?v=jBo7bwe15qY
[17] Georgi Dimitroff bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Georgi_Dimitroff
Georgi Dimitroff lieferte diese Definition für einen Beschluss des XIII. Plenums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (Komintern) im Dezember 1933, sie wurde auf dem VII. Weltkongress der Komintern 1935 bestätigt.
Kommunistische_Internationale bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Internationale
[18] Zweite industrielle Revolution bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_industrielle_Revolution
Dritte industrielle Revolution bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Revolution
Lohnarbeit (marxistische Theorie) bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Lohnarbeit...
Ich weiß nicht genau, ob andere Autoren den Begriff vom "dreifach freien Konsumenten" ebenfalls benutzen, ich habe im deutschsprachigen Raum jedenfalls kein Beispiel gefunden. Der Begriff bedeutet ergänzt die Faktoren des doppelt freien Lohnarbeiters, nämlich das Recht, seine Arbeitskraft auf dem Markt anbieten und den Lohn je nach Marktkonditionen frei aushandeln zu können und zugleich vom Eigentum an Produktionsmitteln "befreit" zu sein, um den Faktor der sukzessiven Befreiung von allen Bindungen und Werten (wenn man das als Befreiung sehen will) und verschiebt das Gewicht von seiner Funktion in der Produktion auf seine wirtschaftspolitisch immer bedeutender werdende Rolle als Konsument. Das
Statista: Anteil Wirtschaftssektoren an der Nettowertschöpfung in Deutschland 1850 bis 1989
https://de.statista.com/.../anteil-der-wirtschaftssektoren...
[19] Agnoli, Johannes: Zwanzig Jahre danach. Kommemorativabhandlung zur "Transformation der Demokratie". PROKLA Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Bd. 16 Nr. 62, 01.03.1986. https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1381
[20] Philosophia perennis bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophia_perennis
Theosophie bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Theosophie
Helena_Petrovna_Blavatsky bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Helena_Petrovna_Blavatsky
Julius Evola bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Evola
[21] Wilber, Ken: Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend. Fischer Krüger, Frankfurt am Main 1999.
Ken Wilber bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Wilber
[22] Vilfredo Pareto bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Vilfredo_Pareto
[23] Agnoli, Johannes: Thesen zur Transformation der Demokratie - ad usum des RC. KONTUREN Nr. 31, Zeitschrift für Berliner Studenten. 1967. http://www.glasnost.de/autoren/agnoli/agnolthes.html
[24] Repubblica Sociale Italiana bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Italienische_Sozialrepublik
[25] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. R. Piper GmbH & Co. Verlag, München 1987
Originalausgabe: On Violence. Harcourt Brace & World Inc., New York 1970, erste deutsche Auflage Piper TB, München, Zürich 1970. Arendts "Macht und Gewalt" bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Macht_und_Gewalt