Wie starb Sergej Jesenin?

Ich begegnete der Lyrik Sergej Jesenins erstmals vor einiger Zeit im Russischunterricht - und ich war sofort von der lyrischen Tiefe und der Kraft der Sprachbilder seiner Poesie begeistert. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich schon längere Zeit mit der Musik und Lyrik Jegor Letows - ich hatte begonnen, die Texte einiger, ausgewählter Lieder zu übersetzen.

Ich stellte fest, dass Letow mit Jesenin einen wesentlichen, seine Persönlichkeit und sein Werk bestimmenden Charakterzug gemeinsam hatte, den der Schriftsteller und Dramatiker Leonid Leonow [Wikipedia (de)] für Jesenin so beschrieb: »Er ist ein ewiger Rebell und Aufrührer, ein Wunder der Natur, eine einzigartige Figur in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.«. Andererseits gilt Jesenin als bedeutendster Vertreter des russischen Imaginismus [Wikipedia (de)] und besonders in Letows Spätwerk, aber auch schon in seinen frühen Werken der späten 1980er Jahre, finden sich zahlreiche Beispiele imaginistisch inspirierter Dichtkunst. In der Zeit der drei letzten Alben dichtete Letow ganze Texte dieser Art. Die Imaginisten stellten das Bild anstelle des Wortes in den Mittelpunkt ihrer Dichtung. Das Bild sollte in der Dichtung vollständig von Form und Inhalt befreit werden; im Ergebnis entstanden Gedichte voller Metaphern, Vergleiche und Analogien. (zitiert nach Wikipedia). Es hat durchaus berechtigte Gründe, dass Letows Texte als Стихи, als Gedichtbände verlegt werden, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Doch nun zum Thema - dass der Slawist, Literarhistoriker und Übersetzer Fritz Mierau [Wikipedia (de)] in seinem Buch "Sergej Jessenin. Eine Biographie" (Reclam Verlag, Leipzig 1992, Booklooker.de) die Behauptung von Jesenins Selbstmord unbesehen übernahm, ist so gesehen verständlich, als dass einerseits die Ergebnisse der sogenannten "Есенинская комиссия" (Jesenin-Kommission, Wikipedia (ру)) zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht vorlagen und weil andererseits die weiterführenden und tiefgehenden Recherchen, auf deren Ergebnisse sich meine Darstellung bezieht, erst ab Mitte 1990er Jahre möglich waren und ab etwa 2010 im Internet verfügbar sind. Vorher erschienen sie allenfalls in kleinen, russischsprachigen Fachjournalen mit oftmals nur regionaler Verbreitung. Bis dahin waren Vermutungen über einen möglicherweise gewaltsamen Tod Jesenins durch fremde Gewalteinwirkung eben nur nichts als Vermutungen und hatten somit in der Tat lediglich den Status von Gerüchten. Das machte es der Kommission natürlich leicht, zu ihrem Ergebnis zu kommen, zumal sie nicht die Öffnung der KGB-Archive durchsetzte. [1]

Gänzlich unverständlich ist hingegen, dass sich die GPU-Version {Wikipedia (de)] von Jesenins angeblichem Freitod in den deutschen Leit- und Qualitätsmedien bis heute großer Beliebtheit erfreut, als Beispiel mag dieser, ohne den geringsten Zweifel an der GPU-Version zum Vortrag gebrachte knalldoofe bis strunzdumme Text auf der Webseite des Deutschlandradios dienen. Bemerkenswert ist das deshalb, weil Deutschlandradio und die deutschen Leit- und Qualitätsmedien ansonsten immer für eine Mords-Story von Tscheka bis FSB zu haben sind. Dieses Ignorieren aller Zweifel an der Freitod-Hypothese ist um so erstaunlicher, als dass hinlänglich bekannt sein sollte, dass die ideologische Konfrontation mit den Bolschewiki bei Weitem nicht für alle Betroffenen so glimpflich ausging wie für die zwangsexilierten Passagiere der fünf "Philosophendampfer" [Wikipedia (de)], die Ende des Jahres 1922 in Petrograd, Odessa und Sewastopol ablegten und in Stettin und Konstantinopel anlandeten.

Da nützt es auch wenig, dass die russischen Zweifler an der Behauptung von Jesenins Selbstmord in der Regel aus oppositionellen oder dissidentischen Kreisen kommen (zumindest die hier von mir zitierten). Gleichwohl man in den hiesigen Leit- und Qualitätsmedien, sofern es um Russland geht, jederzeit bereit ist, jeden irgendwie oppositionell klingenden Furz zum Widerstandssturm aufzublasen, zeigt man in diesem Fall ein erstaunliches Desinteresse an einer weiterführenden Recherche. Ich habe nicht herausfinden können, warum das so ist, ob diese Gleichgültigkeit im Fall Jesenins Ignoranz oder eine Form wirklich erlesener Dämlichkeit ist, also ob die einfach nur doof sind. Tatsache ist, dass sowohl die gutdotierten, akademisch bestuhlten Damen und Herren als auch die deutlich weniger gutdotierten Zeilenschinder der Leit- und Qualitätsmedien eine sowjetrussische Geheimdienst-Story nachplappern anstatt in Rechnung zu stellen, was man in Russland in den oppositionellen oder dissidentischen Kreisen zu dem Thema zu sagen hat. Deshalb tue ich es hier.

Nach dieser, in einem solchen Kontext sicher unüblichen, aber mir notwendig erscheinenden Polemik nun zum Thema - zu den Umständen von Jesenins Tod. Um es vorweg zu sagen - die nachfolgende Darstellung bietet keine Beweise, aber etliche Indizien und Zeugenaussagen, welche Zweifel an der Freitod-Hypothese, die nicht nur in Russland bis heute als "Verschwörungstheorie" abgetan werden, berechtigt erscheinen lassen und in der Zusammenschau im historischen Kontext eine plausible Theorie ergeben.

Autograf Abschiedsbrief Jesenin

Abschiedsgedicht von Segej Jesenin [2], [3]

До свиданья, друг мой, до свиданья.
Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen.

Милый мой, ты у меня в груди.
Mein Lieber, du bist in meiner Brust.

Предназначенное расставанье
Die vorherbestimmte Trennung

Обещает встречу впереди.
Verspricht eine künftige Begegnung.


До свиданья, друг мой, без руки, без слова,
Auf Wiedersehen, mein Freund, ohne Handschlag, ohne Worte,

Не грусти и не печаль бровей, —
Keine Wehmut und keine Trauermiene, —

В этой жизни умирать не ново,
In diesem Leben ist sterben nicht neu,

Но и жить, конечно, не новей.
Aber auch zu leben ist natürlich nicht neu.

Übersetzung: Neidthard Kupfer

Es gibt gute Gründe, die offizielle, also die sowjet-behördliche Darstellung von Jesenins Ableben als Freitod in Frage zu stellen, die schon kurz nach seinem Tod bekannt waren. So berichtete beispielsweise Nikolai Braun-Mladschij die Aussage seines Vaters Nikolai Leopoldowitsch Braun [Wikipedia (ру)], der zusammen mit anderen Schriftstellern am 28. Dezember 1925 Jesenins Leichnam aus dem "Angleterre" trug, sein Vater hätte sich geweigert, das Protokoll zu unterzeichnen, das besagte, dass Jesenin Selbstmord begangen hatte. Nikolai Leopoldowitsch Braun sagte, der Dichter hätte zwei tiefe Wunden gehabt - ein Loch wie von einem Pistolengriff über dem Nasenrücken und ein weiteres unter der Augenbraue. Außerdem gab es keinerlei Strangulierungsmale am Hals. Braun war sich sicher, dass der schon tote Jesenin von einem Verhör ins Hotelzimmer gebracht wurde. Der Schriftsteller Pawel Luknitskij [Wikipedia (ру)], einer der Organisatoren von Jesenins Beerdigung bestätigte, dass Jesenin offensichtlich während eines Verhörs starb, nachdem er gefoltert worden war - sein linkes Auge wäre ausgeschlagen gewesen. Die Schriftstellerin Galina Serebrjakowa [Wikipedia (de)] berichtete, dass Jesenins Leichnam quasi "restauriert" worden wäre, so dass er be der Trauerfeier im Moskauer Pressehaus wie eine "geschminkte Puppe" (Bild) im Sarg lag. Auf der Totenmaske ist die Vertiefung über dem Nasenrücken als offensichtliches Resultat eines oder mehrerer, massiver Schläge deutlich zu erkennen. Für seine Familie, eine Landarbeiterfamilie, hingegen war das eine ganz einfache Logik - wäre der Priester, der das Beerdigungsritual vornahm - es war derselbe Priester, der Jesenin als Säugling getauft hatte - von seinem Freitod überzeugt gewesen, wäre Jesenin nicht beerdigt worden, zumindest nicht nach orthodoxem Ritus und nicht auf einem orthodoxen Friedhof. Zur Erklärung - den orthodoxen kanonischen Dogmen zufolge ist es nicht einmal erlaubt, einen Selbstmörder in den orthodoxen Kirchen auch nur zu erwähnen. Die Orthodoxie betrachtet das Leben des Menschen als Gottesgeschenk und mit dem Selbstmord versündigt sich der Mensch gegen Gott gleich zweimal, und zwar gegen Gott als Schöpfer und gegen ihn als Erlöser [mehr dazu hier (de)].

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde in den nun nicht mehr ganz so geschlossenen Archiven versucht, Jesenins Todesumstände zu rekonstruieren. Dabei kam heraus, dass Jesenin weder in der fraglichen Nacht noch in den Tagen davor im "Angleterre" wohnte, noch dass er dort gesehen worden wäre - genauso wenig wie die Zeugen, die ihn dort in dieser Zeit gesehen und gesprochen haben wollen. Das ist so gesehen seltsam, als dass die Stadthotels in jenen Jahren von der Wirtschaftsabteilung der GPU kontrolliert wurden. Das "Angleterre" war damals eine besonders sensible Einrichtung, in der Sicherheitsbeamte sowie Partei- und Sowjetfunktionäre auf Bezirks- und Provinzebene lebten. Es ist also kein Zufall, dass es auf jeder Etage des Hotels sogenannte "Dienstzimmer" mit GPU-Mitarbeitern gab, welche die Dokumente aller Gäste überprüften. Das war allseits bekannt und allein deshalb erscheint es wenig wahrscheinlich, dass Jesenin ausgerechnet in einer GPU-Niederlassung Unterschlupf gesucht hätte - und ebenso unwahrscheinlich ist, dass der ihm dort gewährt worden wäre. Eine entsprechende Anfrage beim FSB des Journalisten und Schriftstellers Nikolai Astafjew [siehe Fußnote [4a]], der seine ersten Rechercheergebnisse zu diesem Thema 1995 veröffentlichte, ob in dessen Archiven die eigentlich archiviert sein müssenden Bewohnerlisten und Arbeitsprotokolle des Hotels zu finden wären, wurde mit der Antwort bedacht, dass das Archiv der damaligen Wirtschaftsabteilung auf mysteriöse Weise verschwunden wäre.

Allerdings war 1925 die Zeit der NEP-Ära [Wikipedia (de)] mit ihrer relativen unternehmerischen Freiheit. Das bedeutete, dass es einige Dokumente geben musste, die das Einkommen und die Besteuerung der Bürger erfassten. Dazu war seinerzeit zweimal jährlich die Erstellung von Kontroll- und Finanzprüfungslisten von Hotelgästen mit ziemlich umfangreichen Informationen über Personen verpflichtend. Nikolai Astafjew fand nach mühseliger und komplexer Suche diese Listen von "Angleterre"-Gästen aus der Mitte der 1920er Jahre und konnte gute einhundertfünfzig Personen als Gäste und etwa fünfzig "Angleterre"-Angestellte auflisten, die Ende Dezember 1925 im Hotel lebten. Jesenins Name steht auf keiner dieser Listen, die der angeblichen Zeugen, die Jesenin am Abend vor seinem Tod angeblich extrem betrunken und in offenkundiger, geistiger Verwirrung durchs Hotel irren sahen, waren dort ebenso wenig zu finden.

Das ist nicht einzige Denk- und Merkwürdigkeit am Fall Jesenin. Juri Schnitnikow berichtet aus seinen Recherchen dies: »Jeder an meiner Stelle hätte sich zum Beispiel nach dem Autopsiebericht über Jsenins Leiche erkundigt. Es stellte sich jedoch heraus, dass jemand alle Autopsieakten des Leichnams, die von Dr. G. Giljarewski vor 1926 erstellt worden waren, mutwillig vernichtet hatte. Die Akten desselben Giljarewski aus den folgenden Jahren waren jedoch erhalten geblieben. Ich hielt sie in meinen Händen. Ich verglich sie mit der Akte über den Tod des Dichters, die angeblich von demselben Giljarewski beglaubigt worden war. Eine völlig andere Unterschrift! Außerdem entsprechen der Stil, die Norm und die Nummerierung dieses Dokuments absolut nicht den damals üblichen Normen. Man hat den Eindruck, dass die Person einfach keine Ahnung hatte, wie es gemacht wurde.«

Bemerkenswert ist auch, dass Jesenins Leichnam offensichtlich umgebettet wurde - wahrscheinlich am 1. Januar 1926, wobei es nur Vermutungen über das Wohin gibt. Das entdeckte Jesenins Schwester Schura im Jahr 1955, als das Grab geöffnet wurde, um seine Mutter Tatjana Fedorowna neben dem Dichter zu beizusetzen. [4]

Warum hat man sich mit Jesenin solche "Mühe" gemacht? Schließlich wurden schon damals im Zuge des Roten Terrors [Beschluss des Rates der Volkskommissare über den Roten Terror vom 05.09.1918] viele Gegner der Bolschewiki, »Kulaken, Popen und Weißgardisten; [...] zwielichtige Elemente, [...] die Verschwörer und Schwankenden« dem »gnadenlosen Massenterror« (Lenin) unterworfen. Zwei Gründe dürften sein, das einerseits der Rote Terror noch nicht die immanente Systematik hatte, die der ihm folgende Große Terror schnell entwickelte und dass andererseits das Gulag-System Ende 1925 gerade im Entstehen war. Es erschien den Parteiführern und den Sowjetbehörden sowie der GPU wohl noch als problematisch, zumindest aber nicht opportun, einen wie Jesenin einfach verschwinden zu lassen. Jesenin war, um es nochmals zu betonen, im russischen Volk - und zwar nicht nur in den akademisch-intellektuell geprägten Lesezirkeln, sondern beim sogenannten "einfachen" Volk und bei den Bauern - äußerst populär. Er war quasi der erste russische Pop-Star inklusive diverser, damals einigermaßen aufsehenerregender Skandale (die heute - wenn überhaupt - allenfalls unter der Rubrik "Was sonst noch passierte" zur Kenntnis genommen und mit einem gelangweilten Lächeln quittiert würden).

Der dritte, wahrscheinlich aus Erwägungen der GPU resultierende Grund dürfte das unbedingte Vermeiden eines potentiellen Opfer-Mythos um Jesenins Tod sein. Der Hintergrund ist die Tatsache, dass weite Teile des "einfachen" und bäuerlichen Volkes, aber auch der städtisch-bürgerlichen Bevölkerung, die in der Zaren-Zeit sozialisiert wurden - das waren quasi alle, die 1925 älter als acht Jahre waren -, trotz aller antiklerikalen Maßnahmen der Bolschewiki noch stark der russischen Orthodoxie verbunden waren. Deshalb war die Logik hinter der Inszenierung eines Selbstmordes dieselbe, derzufolge Jesenins Familie nicht an einen Freitod glaubte - nur im Umkehrschluss - der Selbstmörder versündigt sich gegen Gott und es verbietet sich, seiner zu gedenken, geschweige denn, ihn als Opfer zu würdigen. Diese Kalkulation, so sie den eine Rolle spielte, ist freilich nicht aufgegangen, wofür aber die Bolschewiki mittelfristig mit der Durchsetzung des Atheismus als tragende Säule ihrer Ideologie selbst sorgten.

Im Jahr 1989 wurde eine Jesenin-Kommission unter Beteiligung namhafter Wissenschaftler gegründet, die unter dem Dach des ИМЛИ [Wikipedia (ру)] bis 1994 bestand. Das Resultat ist in folgendem Fazit zusammengefasst: »Die veröffentlichten „Versionen“ der Ermordung des Dichters mit der anschließenden Inszenierung der Erhängung sind trotz einiger Unstimmigkeiten eine vulgäre, inkompetente Interpretation spezieller Informationen.« [Wikipedia (ру)] Ohne allzu sehr spekulieren zu wollen - in jenen Jahren des Zerfalls der Sowjetunion galt es für alle Institutionen des Staates und ihrer Vertreter und Mitarbeiter sowohl im KGB als auch im akademischen Betrieb zu retten, was zu retten ist. Ein Eingeständnis, dass einer der beliebtesten Dichter der Russen Opfer einer Partei- und GPU-Intrige und letztlich Opfer eines Mordes geworden war, wäre in diesem Sinne nicht opportun zu gewesen, um es freundlich zu formulieren. Die von mir hier zitierten Autoren Nikolai Astafjew und Juri Schnitnikow begannen erst nach der Veröffentlichung des "Untersuchungsergebnisse" der Jesenin-Kommission mit ihren Recherchen.

Sergej Jesenin
Sergej Jesenin
Sergej Jesenin
Sergej Jesenin
Sergej Jesenin

Das zweite Bild zeigt Jesenin 1919 im Kreis der Imaginisten (sitzend vlnr.: Wadim Scherschenewitsch, Sergej Jesenin. stehend: Fanny Scherischewskaja, Anatolij Marienhof, Iwan Grusinow), das dritte Bild Jesenin mit seiner dritten Frau Isodora Duncan im Jahr 1922, das vierte Bild entstand während eines Aufenthaltes in Baku nach seiner Rückkehr nach Russland und das vierte Bild zeigt Jesenins Leichnam, wie er im Hotelzimmer aufgefunden wurde.

Bleibt die Frage, wer ein Interesse an Jesenins Tod gehabt haben könnte und weshalb. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, Leo Trotzki [Wikipedia (de)] habe für Jesenins Tod gesorgt, weil dieser ein Verhältnis mit Trotzkis Geliebter gehabt hätte. Ich halte das für Unsinn, zwar war Jesenin den Frauen aufs Innigste zugetan (und sie ihm), um es so zu formulieren, aber er war kein Idiot und hätte angesichts der seinerzeitigen Position Trotzkis einen solchen Kontakt tunlichst vermieden. Das Gerücht ist wohl eher das Resultat der Tatsache, dass Crime schon damals für das Publikum noch interessanter wurde, wenn Sex dabei zu vermuten war. Nichtsdestoweniger spielte Trotzki durchaus eine Rolle, aber ganz anders, als dieses Gerücht das behauptet. Neben seiner Tätigkeit als Volkskommissar für Militärangelegenheiten fühlte Trotzki sich immer berufen, die Kulturpolitik der Bolschewiki aktiv mitzugestalten, was er oft in richtungsweisenden Aufsätzen in den großen Printmedien der Partei tat. Trotzki, der Jesenins Dichtkunst schätzte, war ihm durchaus gewogen. Zwar beschwerte er sich über Jesenin als "Possenreißer der Revolution", sprach sich zugleich dafür aus, Jesenin als "Weggefährten" der Revolution zu akzeptieren. Trotzkis innerparteilicher Gegner Nikolai Bucharin [Wikipedia (de)] war es nicht und der "benutzte" Jesenin mit einem Aufsatz mit dem Titel "Злые заметки" (Böse Notizen) in der Prawda, um Trotzki und den mit Trotzki verbündeten Grigori Sinowjew [Wikipedia (ру)] anzugreifen. Damit trat Bucharin eine Kampagne gegen die "Есенинщина" (Jesseninschtschina), den "klassenfremden Jeseninismus", los, der angeblich "die negativsten Merkmale des russischen Dorfes" repräsentierte und der die Jugend damit in einer "wesentlich schädlichen Form" berührte - hier Bucharins Text als PDF (ру) in einer 1927 veröffentlichten Version.

Jesenin und sein Werk gerieten Mitte der 1920er Jahre unversehens unter die Räder der Politik. Unter Stalins Führung beschloss im Dezember 1925 der XIV. Kongress der Allunionskommunistischen Partei (Bolschewiki) - zu dieser wurde die Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki) auf diesem Parteitag umbenannt, der als "Parteitag der Industrialisierung" in die Parteigeschichte einging - den radikalen Bruch mit der Bäuerlichkeit Russlands, die Umwandlung des Landes von einem Agrar- in ein Industrieland durch die Industrialisierung der Landwirtschaft und die Einbeziehung der Bauernhöfe in den sozialistischen Aufbau als Generallinie der Partei. [Wikipedia (ru)] Diese Linie wurde auf dem XV. Kongress der Partei im Dezember 1927 bestätigt und verschärft: »In der gegenwärtigen Periode muss die Aufgabe der Umwandlung und Vereinigung kleiner Einzelbauernhöfe in große Kollektivwirtschaften zur Hauptaufgabe der Partei auf dem Lande gemacht werden.« [Wikipedia (ru)] Kurz - die Periode der Zwangs­kollek­tivierung wurde eingeläutet. Damit standen Jesenin, sein Werk und das Andenken an ihn nach Sicht der Bolschewiki in explizitem Gegensatz zur eigenen Ideologie und der Perteilinie. Was Jessenin mit seiner nachdenklichen Naturpoesie und seiner bäuerlichen Sozialromantik zum Ausdruck brachte, war so ziemlich das Gegenteil dessen, was Agitprop, Proletkult und Sozialistischer Realismus leisten sollten - und was die Kollektivierung für die Bauern mit sich bringen sollte. [5]

Es ist wohl ein Treppenwitz der Geschichte, vielleicht aber auch eine Art grausamer Gerechtigkeit, dass alle drei Beteiligten - gemeinsam mit vielen Bauerndichtern - selbst den Stalinschen "Säuberungen" beziehungsweise dem Großen Terror zum Opfer fielen.

Jesenin bot sich als Zielscheibe für eine solche innerparteiliche Intrige geradezu an. Er fiel den Bolschewiki schon mit seiner wütenden Kritik an der Niederschlagung des Bauernaufstandes von Tambow [Wikipedia (de)] auf, in deren Verlauf mindestens 15.000 Bauern teilweise mit Giftgas getötet wurden. Literarisch lag Jesenin mit seiner "ländlich-bäuerlichen Sozialromantik" mit christlicher Prägung ziemlich weit neben der gewünschten beziehungsweise geforderten "proletarisch-revolutionären" Dichtung - Jesenin gehörte überdies als bekanntester Vertreter zu dem kleinen Kreis der "Neuen Bauerndichter" [Wikipedia (en)]. Erwähnt werden muss an dieser Stelle, dass viele der Neuen Bauerndichter dem Großen Terror [Wikipedia (de)] zum Opfer fielen, so zum Beispiel Sergei Klytschkow (Wikipedia (de)] und Nikolai Kljujew [Wikipedia (de)].

Gleichwohl war Jesenins Poesie im russischen Volk sehr beliebt, er war (und ist es bis heute) einer der populärsten Dichter russischer Sprache, viele seiner Gedichte wurden auch vertont. Dann fand man heraus, dass er 1915 als junger Mann seine erste Gedichtsammlung der Kaiserin Alexandra Fjodorowna [Alix von Hessen-Darmstadt, Wikipedia (de)] und den Großfürstinnen, also den Prinzessinnen des Hauses Romanow, in tiefer Verehrung, wie er schrieb, gewidmet und danach auch Zugang zum kaiserlichen Hof hatte. Vor Repressalien bewahrte ihn zunächst der Umstand, dass er im Mai 1922 Isadora Duncan [Wikipedia (de)] geheiratet hatte und sie bis zu ihrer Scheidung im August 1923 auf ihren Tourneen durch Europa und die USA begleitete. Dort war er nicht glücklich - "das Große erkennt man erst aus der Ferne", wie er schrieb und das Große war für ihn Russland. Allerdings verschob sich die Lage und die Haltung der Bolschewiki immer mehr zu seinen Ungunsten, es wurden mehrere Strafverfahren gegen ihn eröffnet und so erwog er wohl, Russland wieder zu verlassen, und zwar diesmal endgültig. Angeblich begab er sich nach Leningrad, wo er schließlich am 28. Dezember 1925 den Tod fand, um Russland über die baltischen Staaten in Richtung Großbritannien oder Frankreich zu verlassen.

Allerdings hatte der als "Selbstmord" deklarierte Tod Jesenins einen fatalen Nebeneffekt - es gab in der Folgezeit unter - insbesondere jugendlichen - Fans des Dichters zahlreiche Selbstmorde - der sogenannte "Werther-Effekt" [Wikipedia (de)]. Jesenins Poesie landete in der Kategorie "kleinbürgerliche Dekadenz" und es wurden extreme Maßnahmen ergriffen - alles beschlagnahmen, verbieten, vergessen. Sämtliche Bücher des Dichters wurden aus sowjetischen Bibliotheken beschlagnahmt und von 1928 bis zu Stalins Tod wurden die Gedichte des Volkslieblings nie für ein breites Publikum wiederveröffentlicht, sondern allenfalls als stark zensierte Auflagen in geringer Auflage zu Studienzwecken für berechtigte, akademische Kreise.

Nach Jesenins Tod wurden seine Werke in der Sowjetunion erst ab 1955 wieder veröffentlicht.


Sichtdatum für alle Quellen im Text und in den Fußnoten: 13./14. KW 2024
Hinweis: Lesen Sie hier über verschieden Möglichkeiten beziehungsweise Tools zur Übersetzung russischsprachiger Webseiten.



[1] Seltsamerweise hat sich im deutschen Sprachraum die Transkription des Namens Jesenins mit einem Doppel-S - also Jessenin - eingebürgert, obwohl sie falsch ist und in zahlreichen anderen Sprachen - so zum Beispiel im Englischen, Spanischen, Niederländischen, Dänischen und Türkischen - mit einem einfachen S korrekt erfolgt. Der Mann hieß Есенин. Dass ich für Vladimir Nabokov nicht die deutsche, sondern die englische Transkription verwende, liegt daran, dass er sie im Exil selbst für sich so wählte.
[2] Erstveröffentlichung in Красная газета № 314, Abendausgabe 29.12.1925, im Artikel "Сергей Есенин и его смерть" (Sergej Jesenin und sein Tod) von Georgij Feofanowitsch Ustinow (1882 - 1932), Journalist, Schriftsteller und Freund Jesenins. Der offiziellen Darstellung zufolge fand er gemeinsam mit seiner Frau Jelisawjeta Aleksejewa Jesenins Leichnam in einem Hotelzimmer des "Angleterre". Ustinow wählte 1932 den Freitod.
[3] Die hierzulande bekannteste Übersetzung des Abschiedsgedichts »До свиданья, друг мой, до свиданья...« von von Sergej Jesenin, das der Dichter - mit seinem Blut geschrieben - angeblich mit seinem, von sowjet-behördlicher Seite als Freitod deklarierten Ableben am 27. Dezember 1925 hinterließ, stammt von Paul Celan. [Wikipedia (de)] Grundsätzlich - der Übersetzer muss sich als entscheiden, was er mit seiner Arbeit priorisiert - entweder den Ton und Klang, die Stimmung des Werkes insgesamt oder die wortgetreue Präzision, was auf die Entscheidung hinausläuft, ob er sich als reiner Übersetzer oder als Nachdichter beziehungsweise Nacherzähler des Originals annehmen will. Zwar hat der Nachdichter mehr sprachliche und interpretatorische Freiheiten, er geht aber auch ein größeres Risiko ein, die Aussage des übersetzten Textes zu verfremden und die Intention des ursprünglichen Autors zu verfehlen, insbesondere vor allem dann, wenn das literarisch-poetische Gefälle in qualitativer Hinsicht vom Autor zu ihm allzu groß ist. Das zeigt sich beispielhaft an Paul Celans Übertragung des Abschiedsgedichts . Celan war ganz ohne Frage ein begnadeter Dichter, Jesenin aber war ein Genie. Genau das wird im konkreten Fall - ein allgemeines Urteil kann ich mir nicht erlauben - in Celans Wirken als Übersetzer zum Problem und seine Übersetzung des Abschiedsgedichtes Jesenins veranschaulicht exemplarisch, wie sehr eine Übersetzung als Nachdichtung danebenliegen kann.

Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen.
Unverlorner, ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen.
Da’s so war: ein Wiedersehn versprichts.

Hand und Wort? Nein, laß - wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben -, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.

Übersetzung: Paul Celan

Ungeachtet der offenen Frage, ob der oben abgebildete Autograph echt und damit das Gedicht tatsächlich von Jesenin ist oder ob er das Resultat aus der Feder eines GPU-Agenten zur Vertuschung des Mordes an Jesenin und damit ein "Fake" ist, wie man das heute nennen würde - Celan hat mit seiner Nachdichtung als Übersetzung und dem Versuch, dabei die Reime regelrecht zu erzwingen, das Original sozusagen lyrisch "aufgeblasen". Im Ergebnis hat er einen fast schon weinerlichen und überdies völlig unnötigen Pathos in das mit Sicherheit absichtsvoll eher nüchtern formulierte Gedicht gebracht, der - sei das Gedicht tatsächlich von ihm geschrieben worden oder eben auch nicht - Jesenin als Mensch und als Dichter völlig fremd war. Ich finde das erstaunlich, schließlich sprach Celan neben anderen Sprachen fließend russisch, was auch daran liegt, dass er in Czernowitz als Kind einer deutschsprachigen Familie geboren wurde und dort aufwuchs. Czernowitz lag als Hauptstadt der Bukowina mit einer sehr wechselhaften Geschichte zwischen Moldau, Galizien, der Habsburgischen Doppelmonarchie, Rumänien und der Sowjetunion als Teil der Ukraine im Zentrum der mittel- und osteuropäischen Geschichte mit all ihren Wirren, aber auch multiethnisch-kulturellen Verbindungen.
[4] Quellen zum Abschnitt Recherchen zu Jesenins Tod:
  • Sergej Jesenin - Gedichte (ру): https://rustih.ru/sergej-esenin/
  • Seltene Fimaufnahmen: Sergej Jesenin in Wochenschauen 1918, 1921 (YouTube): https://www.youtube.com/watch?v=9i8XQYPcwyc
  • Lena Petscherskaja: Sergej Jesenin starb während des Verhörs (ру): https://67viktor.livejournal.com/103458.html
  • Wladimir Scheltow: Jesenin starb an den Folgen der Folter (ру): https://dzen.ru/a/XbV9PngSXgCsUm_v
  • Nikolai Braun-Mladschij: Sergej Jesenin ist während des Verhörs gestorben! (ру): https://stihi.ru/2014/04/14/2767
  • Larisa Kislinskaja: Gespräch mit Juri Schnitnikow: Die Geschichte von Angleterre. 01.09.1998 (ру): https://www.sovsekretno.ru/articles/politika/skazka-ob-angletere/
  • Nikolai Astafjew: Die Tragödie im Angleterre - Charaktere und Darsteller. Невский Альманах № 3 (82), 2015 (ру): http://esenin.ru/.../astafev-n-tragediia-v-angletere...
  • Über das Verhältnis Jesenins zur Sowjetmacht (de): https://ik-ptz.ru/...sergei-esenin-o-vzaimootnosheniyah-s.html
  • Wo ist Yesenin begraben? (de): https://ik-ptz.ru/...gde-pohoronen-esenin---na-kakom.html
  • Das Hotel "Angleterre" heute (ру/en): https://www.angleterrehotel.ru/
  • [5] Quellen zum Abschnitt Jesenin als Zielscheibe bolschewistischer Politik:
  • Literaturredaktion: Есенинщина. Große russische Enzyklopädie, 21.06.2022 (ру): https://bigenc.ru/c/eseninshchina-f9faff
  • Bericht von A. W. Lunatscharski: Über die Dekadenz der Jugend. Abschrift des Berichts und der Debatte in der Kommunistischen Akademie (Abteilung für Literatur und Kunst) am 13.02 und 05.05.1927 (ру): http://lunacharsky.newgod.su/lib/eseninshchina/doklad-a-v-lunacharskogo/
  • Sergej Sinin: Volkskommissar A. W. Lunatscharski und Dichter S. A. Jesenin. 2012 (ру): http://lunacharsky.newgod.su/...poet-s-a-esenin/
  • Anatoli Lunatscharski (Wikipedia de): https://de.wikipedia.org/wiki/Anatoli_Wassiljewitsch_Lunatscharski
  • Sergej Sinin (Wikipedia ру): https://ru.wikipedia.org/wiki/Зинин,_Сергей_Иванович