"Westmusik" in der DDR - Spaziergang über einen Schwarzmarkt

Es gab in der DDR einen sehr vitalen Schwarzmarkt für Schallplatten aus dem Westen. Das Prinzip funktionierte auf dem Gefälle des - natürlich illegalen - Wechselkurses von Ost- in D-Mark, das zwischen Berlin und zur Messezeit auch in Leipzig und dem Rest der Republik herrschte.

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Dieses Gefälle entstand daraus, dass wegen der Westtouristen, die offiziell zum Kurs 1 zu 1 tauschen mussten und was viele begreiflicherweise nicht wollten, in beiden Städten ein größeres Angebot an D-Mark zum illegalen Tausch existierte. In Aue kostete eine Westmark sechs bis sieben DDR-Mark, in Ostberlin hingegen nur vier. Die lokalen Schallplattenhändler hatten gute Kontakte nach Ost-Berlin, die dortigen Händler zu Diplomaten und Botschaftsmitarbeitern aus der Dritten Welt, vorzugsweise aus Afrika, die nach Westberlin fahren konnten und deren Gepäck nicht kontrolliert wurde. Wenn ich dem lokalen Händler 220 DDR-Mark zahlte, waren das 55 D-Mark in Ostberlin. Die Scheibe wird im Westberlin 20 bis 25 D-Mark gekostet haben, der Rest war der Profit für die Händler und Einkäufer. Innerhalb des Plattenangebots gab es ein starkes Preisgefälle, in Aue reichte das von 80 Mark für Boney M bis zu 300 Mark für Zappas "Fillmore East" (1971, Live-Album), Deep Purples "Made in Japan" (1972, Live-Doppelalbum) kostete mich 270 Ostmark. Dieser teils exorbitante Unterschied zwischen Scheiben verschiedener Genres und Bands erklärte sich aus Angebot und Nachfrage in Ost und auch West. Sowohl hier als auch dort gab es natürlich sehr viel mehr Kunden für Boney M und ABBA als für Zappa oder - ähnlich teuer - Genesis, Yes und Van der Graaf Generator, wobei Scheiben der Letztgenannten überdies nicht bei Hertie oder Bilka zu finden waren, sondern im Fachhandel. Erst mit der Gründung von WOM (World of Music, 1982) wurde das Besorgen der Scheiben für die Einkäufer einfacher, was die Platten im Osten aber nicht billiger machte. Wir in der ostzonalen Provinz wussten ja nichts von der Existenz der Ladenkette und ebenso wenig von den "Wühltischen" bei Hertie und Bilka - erinnert sich noch jemand an die Kaufhäuser? Ich war sehr erstaunt, als ich - 1984 gerade in West-Berlin angekommen - Genesis' geniales Album "The Lamb Lies Down on Broadway" (1974) erneut erstehen wollte - ich war ja nur mit einem kleinen Koffer aus der DDR "rübergemacht" -, für das ich 1980 in Aue 230 Ostmark zahlte, also nach Ostberliner Kurs 55 D-Mark, für fünf D-Mark auf einem Hertie-Wühltisch in der Berliner Turmstraße fand.

Falls jemand tatsächlich das oben erwähnte Album nicht kennen sollte - hier ist es: Genesis - The Lamb Lies Down on Broadway (November. 1974, 2020 illustriert von Nathaniel Barlam, New York)

Natürlich wussten die Genossen im Ministerium für Staatssicherheit um das bunte Treiben. Sie ließen ab und zu einen Großhändler in ihren geschlossenen Häusern verschwinden, konkret wegen Devisenvergehen, denn die Devisenverkehrsbeschränkung schrieb das staatliche Hoheitsrecht im Devisenhandel und -erwerb fest. Ansonsten duldete das MfS diesen Teil des DDR-Schwarzmarktes, einerseits als Ventil, andererseits jedoch nicht zuletzt deshalb, weil die Kunden oft zugleich in der oppositionellen Szene, oder was sich halt so nannte, zugange waren. Schließlich war jede und jeder, der exzessiv Westmusik hörte, ein potentieller Klassenfeind und die Genossen des MfS mussten nur nachweisen, dass sie resp. er tatsächlich ein solcher war. Man konnte dort, im illegalen Schallplattenhandel, sehr gut Inoffizielle Mitarbeiter platzieren, was den Nachweis staatsfeindlicher Betätigung erleichterte. Legendär war ein Dresdner namens "Kiste" und sowohl seine Parties als auch sein Fundus an Westplatten. Sein Domizil war ein damals völlig heruntergekommenes Haus in Dresden-Rochwitz und fast ehrfurchtsvoll geflüstert gingen bei uns in regelmäßigen Abständen die Nachricht um "Kiste macht 'ne Party, fahren wir hin?"
Kistes "Visitenkarte" https://www.jugendopposition.de/node/150218?guid=3748
Das Kuriose war, dass das MfS seinen IM "Kiste" zwecks Ausrichtung dieser Parties paletten-, mitunter auch fassweise mit Radeberger Pilsner und ganzen Schweinehälften versorgte - und wir, ich war drei Mal dort, fühlten uns sowas von abseits und weit über "dem dämlichen Rest" und den "Ostbroten", das waren meine Standardbezeichnungen des putzigen kleinen Landes und seiner Bewohner in jener Zeit. Nun ja - lang ist's her.

Genesis - Live at Shepperton Studios (Vorstellung des Albums "Foxtrott", 30. und 31.10.1973)

Ich weiß nicht, ob sich ein Historiker je dieses speziellen Phänomens der DDR-Geschichte angenommen hat, ich habe nur ein paar Zeitungsartikel gefunden, die sich daran versuchen, in aller Regel oberflächlich und weitgehend kenntnisfrei. Meist verweisen diesen Texte auf den Ungarn-Tourismus, der Westplatten ins Land brachte. Richtig ist, dass viele den Urlaub in Ungarn auch dazu nutzten, um ganz legal im dortigen Schallplattenhandel Beatles, Rolling Stones, ABBA, Bruce Springsteen, Michael Jackson und son Zeuchs zu kaufen, schließlich war Ungarn, wie János Kóbor, Frontmann und Mastermind der legendären ungarischen Rockband Omega, es formulierte, die lustigste Baracke im Ostblock. Nur interessierte mich das überhaupt nicht, denn das, was ich präferierte, fand man auch in Ungarn nicht so ohne Weiteres. Um 1980 kamen zu den genannten Bands noch diverse Punkbands wie Stiff Little Fingers, Dead Kennedys, Black Flag und andere sowie Postpunk wie Joy Division, Bauhaus und Fischer-Z (eher New Wave) dazu.

Dieses besondere, möglicherweise von der einen oder dem anderen als obsessiv wahrgenommene Verhältnis zur Musik inklusive der Sammelleidenschaft mit einem breit aufgestellten Musikgeschmack ist mir bis heute erhalten geblieben, ebenso wie die Tatsache, dass ich der Qualität und der Aussage der Texte große Bedeutung zumesse. Ich lernte Englisch nicht in der Schule, sondern beim Übersetzen der Texte, die auf die Plattenhüllen gedruckt waren oder als Booklets den Scheiben beilagen. Das konnte seinerzeit in stundenlange Arbeit mit Wörterbüchern in der kleinen Stadtbibliothek ausarten, heute ist das bei meiner recht neu entdeckten Liebe zur russischen Musik mit Google- und Yandex-Translator und mit zahlreichen, auf Songlyrics spezialisierten Webseiten sehr viel einfacher.

Man mag sich als in Westdeutschland aufgewachsener Mensch nun fragen, wie wir in diesem ziemlich geschlossenen Soziotop DDR überhaupt von der Existenz solcher Bands wie Yes oder Genesis oder solcher, auch im Westen nur bedingt populärer Bands wie Van der Graaf Generator oder Vanilla Fudge erfuhren. Das lag daran, dass die DDR gar keine so ge- oder verschlossene Gesellschaft war, wie es heute in der Geschichtsschreibung dargestellt wird.
Die Wahrnehmung dieser Musik lief über verschiedene Wege, einer war der über DDR-Bands. Es gab dort etliche handwerklich exzellente Bands, von denen einige auch kompositorisch sehr gut waren. Mit dem Zusammenbruch der DDR brach auch deren Musikbranche zusammen und lediglich einige wenige Bands wie Silly und Karat schafften einigermaßen erfolgreich den Übergang. Nur Till Lindemann, vormals Erste Autonome Randalierer Schwerins (kurz First Arsch), Christian "Flake" Lorenz und Paul Landers, beide vormals Feeling B., brachten es später mit Rammstein zu weltweiter Bekanntheit. Die meisten Bands verschwanden jedoch in der Versenkung, was nicht zuletzt daran lag, dass die Nunnichtmehrossis "den Arsch für die Sonne nahmen", wie Sergej Schnurow (Gruppirowka Leningrad) das für seine russischen Landsleute in derselben Zeit formulierte, und lieber jeden Westschrott weghörten als ihre vormaligen Favoriten.

Van Der Graaf Generator - A Plague Of Lighthouse Keepers (Belgisches Fernsehen, 21.03.1972)

Fast alle in der DDR populären Bands coverten in ihrem jeweiligen Genre westliche Bands im Rahmen der ihnen staatlicherseits in ihrem Repertoire zugestandenen (und meistens ignorierten) Quote an Coverversionen von Westmusik. In diesem Kontext hatten Bands wie Electra, Lift, Stern Combo Meißen und Generator Titel von King Crimson, Emerson, Lake and Palmer, Genesis und Van der Graaf Generator im Programm. Ich erinnere mich an ein FDJ-Jugendfestival im Sommer 1973 (es kann auch 1974 gewesen sein, ich weiß es nicht mehr so genau) im Stadion der BSG Chemie Glauchau (heute Sportpark Meeraner Straße und VfB Empor Glauchau), auf dem die Stern Combo Meißen ELP's "Pictures at an Exhibition" aufführte, eine freie Adaption von Modest Mussorgskis Klavierzyklus "Картинки с выставки". Es war eine der ersten Großveranstaltungen dieser Art und mangels Erfahrung und zur Vermeidung etwaiger Risiken ließen die Veranstalter das Festival gegen 18:00 Uhr enden. So saßen wir in der prallen Mittagssonne auf dem Rasen des Stadions und lauschten andächtig diesem ziemlich anstrengenden, mehr als halbstündigen Stück Musikgeschichte.

Emerson, Lake and Palmer - Pictures at an Exhibition (Live im Lyceum Theatre, London, 12.09.1970)

Ein anderer Weg war der über westliche Medien. Einerseits gab es die per Paketpost als "Verpackungsmaterial" oder via Westbesuch ins Land gekommenen Musikmagazine, das am weitesten verbreitete war die "Bravo". Aber auch der "Rolling Stone" und der "Melody Maker", der ausführlich über Art Rock, Progressive Rock und Psychodelic Rock berichtete, was andere Magazine wie der New Musical Express nicht taten, waren zu finden. Ich selbst habe bei meinem ersten und einzigen Ungarn-Besuch im Jahr 1973 bei einem Händler die Jahrgänge 1971/72 des damals wöchentlich erschienenen "Melody Maker" gefunden und mit nach Aue geschleppt - bei der Grenzkontrolle in Bad Schandau saßen meine Freundin und ich einfach auf den Paketen. Vielleicht ließen uns die DDR-Grenzer auch deshalb in Ruhe, weil ich zur Linderung meiner rückreisebedingten, depressiven Verstimmtheit schon einen anderthalben Liter ungarischen "Unicum"-Kräuterschnaps (ziemlich bitter und 40 % Vol.) intus hatte, der eigentlich als Mitbringsel für unsere beiden Väter gedacht war - er bewirkte natürlich genau das Gegenteil.

Eine weitere Quelle dieses Weges war das Fernsehen, was aber nicht ganz einfach war. Der historische Stadtkern von Aue liegt im Tal (in der Aue) der Flüsse Mulde und Schwarzwasser, um geben von drei Bergen. Im Tal konnte man Westfernsehen komplett vergessen. Anders war das auf den drei Bergen, meine Familie wohnte auf dem Zeller Berg (370 Meter), allerdings nur auf halber Höhe, womit der Westempfang extrem wetterabhängig war. Die Oma meines Schulfreundes wohnte ganz oben auf dem Eichert (564 Meter), dort hatte man Westfernsehen wie in Bayern selbst. Also besuchten wir jeden letzten Samstag des Monats die Oma auf dem Eichert, um ab 16:45 Uhr Beat-Cub zu sehen. Für alle, welche die Sendung nie gesehen haben - der Name Beat-Club ist etwas irreführend. Zwar traten dort auch die klassischen Beat Bands auf, aber zunehmend - etwa ab 1970 - Bands und Musiker wie Emerson, Lake and Palmer, Atomic Rooster, Black Sabbath, Jethro Tull, Jimi Hendrix, Grateful Dead, Deep Purple, Soft Machine, Yes, Curved Air und andere dieser Liga - und zwar live. Das bedeutete allerdings auch das Ende der Show im Dezember 1972, weil das westdeutsche TV-Publikum solche Musik an einem Samstagnachmittag nicht goutierte. Für mich aber war der Beat-Club die Primärquelle zum ersten Kennenlernen dieser musikalischen "Exoten". (Der privat organisierte Bau von gemeinschaftlichen Großantennenanlagen begann erst Mitte der 1980er Jahre nach meiner Zeit in der DDR.)
Natürlich war auch das Radio eine sehr wichtige Quelle, auch zum Mitschneiden von Musik via Spulentonband und Mikrofon. Der wichtigste Sender (und der mit der besten Empfangsqualität) war RIAS 2 mit seinen legendären Nächten "Rock over RIAS" und den Prog-Rock-Sendungen von Barry Graves, aber auch Bayern 3 hatte sehr gute Musiksendungen im Programm.

Der schließlich dritte Weg war die Mundpropaganda - man kannte jemanden, der jemand kannte, der die neueste Scheibe von Black Sabbath hatte. Natürlich wurden die Platten niemals und unter gar keinen Umständen in dritte Hände gegeben - nur gucken, nicht anfassen - geschweige denn verliehen. Stattdessen gab es gemeinsame Musikabende, an denen der Besitzer des wertvollen Stückes die Scheibe vorsichtig aus der Hülle nahm, sorgsam mit einem speziellen, antistatischen Tuch säuberte und den Plattenspieler bediente. Wahre Fans erörterten im Anschluss an den Hörgenuss ausgiebig die Bedeutung der Cover Arts und der Texte, sofern sie von ihnen schon übersetzt waren.

Czesław Niemen - Bema pamięci rapsod żałobny (Begräbnis-Rhapsodie in Erinnerung an Bem, Januar 1970)
Gemeint ist Józef Bem, nach einem Text von Cyprian Kamil Norwid, Originaltext und englische Übersetzung des vielleicht schönsten Liedes der Rockgeschichte

Mein Interesse ging schon seinerzeit nicht ausschließlich Richtung Westen, sondern auch in Richtung Osten. Ich war damals - und bin es bis heute - großer Fan von Czesław Niemen, SBB (beide Polen) und Omega (Ungarn). Nur waren deren Alben leichter und sehr viel billiger zu haben, es genügte ein regelmäßiger Ausflug nach Ostberlin ins polnische und ungarische Kulturzentrum am Alexanderplatz, um alles wegzukaufen, was vorrätig und bei den nachfolgenden Besuchen neu war. Allerdings stieß ich mit meinem Faible für den Ost-Rock bei meinen seinerzeitigen Bekannten auf wenig Verständnis.

Czesław Niemen - YouTube-Suche "live" und "full album" sowie Wikipedia
https://www.youtube.com/results?search_query=czeslaw+niemen+live
https://www.youtube.com/results?search_query=czeslaw+niemen+full+album
https://de.wikipedia.org/wiki/Czes%C5%82aw_Niemen
SBB - YouTube-Suche "live" und "full album" sowie Wikipedia
https://www.youtube.com/results?search_query=sbb+live
https://www.youtube.com/results?search_query=sbb+full+album
https://de.wikipedia.org/wiki/SBB_(Rockband)
Omega - YouTube-Suche "live" und "full album" sowie Wikipedia
https://www.youtube.com/results?search_query=omega+live
https://www.youtube.com/results?search_query=omega+full+album
https://de.wikipedia.org/wiki/Omega_(Band)

Omega 50 (Teil 1 und 2, live im Puskás Ferenc Stadion, Budapest, 06.10.2012)

Die rockmusikalische Entwicklung in der Sowjetunion mit Bands wie ДДТ (1980), Кино (1982), Алиса (1983), Гражданская оборона (1984), Ария (1985), Сектор Газа (1987), Би-2 (1988) und anderen ging damals an mir komplett vorbei. Das lag nicht an einer etwaigen Abneigung gegen alles Sowjetische oder gar Russische, sondern an der Tatsache, dass die Bands am Anfang ihrer Karriere nicht in den staatlichen sowjetischen Labels erschienen, sondern zunächst bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre als магнитоальбо́м (Magnetalbum) - als in Heimarbeit von Hand kopierte Magnetbandkassetten, die zum Selbstkostenpreis verteilt wurden. Die Situation der sowjetischen Bands war so:

»Zu diesem Zeitpunkt war die russische Pop-Musik eingeteilt in offizielle Künstler, denen die Mitgliedschaft in der offiziellen Musikunion erlaubt war und die staatliche Unterstützung bekamen, und in inoffizielle Künstler. Inoffizielle Künstler waren meist gut ausgebildete Musiker, aber sie standen in anderen Berufen - die sprichwörtliche "Generation der Hausmeister und Wächter".« (Anmerkung Kupfer: Wiktor Zoi war Heizer in einem Leningrader Wohnblock.) »In den 1980er Jahren entstanden komplexe Vertriebsnetze für Tonbänder und inoffizielle Künstler konnten auf diese Weise weite Rezeption (ohne finanzielles Entgelt) erreichen. Solche Untergrund-Künstler wurden häufig weitbekannt und ihre inoffiziellen Alben wurden sogar manchmal in der offiziellen Presse erwähnt.«
Wikipedia zu ДДТ

In den 1980er Jahren befanden sich die meisten der heute in Russland berühmten Bands stets am Rande zwischen Untergrund und erlaubtem Status. Veröffentlichen konnten die Bands und Musikerinnen und Musiker aber nur im Untergrund, was sich erst mit der Perestroika ab Ende 1986 änderte. Davon kam in der DDR natürlich nichts an, im Westen übrigens auch nicht. Aber wie es so treffend heißt - besser spät als nie - mittlerweile habe ich sie ja entdeckt.

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